Die Rote und Blaue Mauritius sind die ersten beiden Briefmarken aus der britischen Kronkolonie Mauritius. Sie wurden am 21. September 1847 ausgegeben. Dadurch war Mauritius das siebte Postgebiet, das Briefmarken herausbrachte.David R. Beech: Die Druckplatte der Mauritius Post Office-Ausgabe von 1847. In: Lieselotte Kugler, Andreas Hahn (Hrsg.): Die Blaue Mauritius. Das Treffen der Königinnen in Berlin. S. 12. Von den je 500 hergestellten Marken gibt es weltweit von der Blauen Mauritius noch 12 und von der Roten Mauritius noch 15 Exemplare.Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 126 f. Die Blaue Mauritius ist gleichzeitig ein Inbegriff einer besonderen Briefmarke, und ihre Bekanntheit übersteigt jene der Roten bei Weitem. Sie sind zwar nicht die teuersten (siehe British Guiana 1¢ magenta) und auch nicht die seltensten Briefmarken, aber der sogenannte „Bordeaux-Brief“ mit beiden dieser Marken zählt zu den wertvollsten philatelistischen Sammlerstücken überhaupt. Ein Exemplar der Blauen Mauritius ist im Museum für Kommunikation Berlin ausgestellt.
In engerer Definition ist nur die erste Briefmarkenserie von Mauritius aus dem Jahre 1847 („POST OFFICE“) damit gemeint, wobei ihr die zweite Serie von 1848 („POST PAID“), mit wesentlich mehr erhaltenen Marken und zwölf verschiedenen im Design leicht abweichenden Varianten pro Wert ziemlich ähnlich ist. Bei praktisch fast unverändertem Aussehen – ebenfalls aus der Hand von Joseph Osmond Barnard – hatte die zweite Serie die Aufschrift „POST PAID“ (Porto bezahlt) anstatt „POST OFFICE“ (Postamt). Bald nach dem Auffinden von Stücken der ersten Serie gab es Spekulationen, dass sie eine Art Fehldruck oder Irrtum wären, und hieraus entstanden Legenden. Mittlerweile ist mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass es sich um keinen Fehler handelte.
Merkmale Die Briefmarken aus Mauritius der ersten und zweiten Serie zeigten den Kopf und Hals der britischen Königin Victoria im Profil. Der Blick der Regentin ist bei beiden Serien nach links gerichtet und sie trägt ein Diadem. Bei den Marken der ersten Serie sind die Initialen J. B. des Graveurs am rechten unteren Rand am Hals sehr klein zu sehen.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59, S. 24. Oben auf den Marken steht POSTAGE (deutsch: Porto) und unten ist die Wertstufe mit entweder ONE PENNY oder TWO PENCE angegeben. Rechts sind sie mit dem Wort MAURITIUS bedruckt und links mit den je nach Serie charakterisierenden beiden Wörtern. Die Ein-Penny-Marke ist in einem orangefarbenen Ton bedruckt und die 2-Pence-Marke in einem dunkleren Blauton.
Vorbild für den Entwurf waren die ähnlichen Briefmarken aus Großbritannien mit Königin Victoria von 1841, die es sowohl in roter als auch in blauer Ausführung gab. Diese Marken hatten ihrerseits die One Penny Black zum Vorbild, also die erste Briefmarke der Welt von 1840.
Geschichte Vorgeschichte, Auftrag, Druck und Folgeserie
Den ersten offiziellen Postdienst auf Mauritius gab es bereits 1772.First Official Postal Service, 1772. In: Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 5.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59, S. 7. Seit 1810 war die Insel eine britische Kolonie, zuvor war sie französisches Gebiet. Davor war die Insel schon einmal niederländische Kolonie, die aber aufgelassen wurde.
Nachdem 1840 in Großbritannien und Irland die allerersten Briefmarken im Umlauf waren, wollte die Verwaltung von Mauritius diesem Beispiel folgen.David R. Beech: Die Druckplatte der Mauritius Post Office-Ausgabe von 1847. In: Lieselotte Kugler, Andreas Hahn (Hrsg.): Die Blaue Mauritius. Das Treffen der Königinnen in Berlin. S. 12. Gouverneur Sir William Maynard Gomm (1784–1875) war Ende 1842 aus Großbritannien angekommen und hatte 1840 die Reform des britischen Postwesens erlebt. Das Postwesen der Kolonie befand sich bei seinem Amtsantritt in schlechtem Zustand, zu seiner Verbesserung erließ er am 17. Dezember 1846 eine Verordnung (Ordinance No. 13), die am 26. Dezember 1846 im Regierungsblatt (Government Gazette) veröffentlicht wurde.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59 S. 16. Dadurch ordnete er die Ausgabe zweier Briefmarken an:Michael Harrison: „Post Office“ Mauritius, 1847: The Tale of Two Stamps. Stamp Collecting, (Philatelic Publishers), London 1947, S. 23.
Eine Ein-Penny-Marke für Frankierungen im lokalen und innerörtlichen Postverkehr der Mauritius-Hauptstadt Port Louis in der Farbe Rot. Eine Zwei-Pence-Marke für den Postverkehr mit der benachbarten Insel Rodrigues sowie mit Übersee in der Farbe Blau.
Der aus Irland stammende James Stuart Brownrigg war seit 1843 Leiter des Postwesens der Kolonie Mauritius und vergab 1847 den Auftrag für die Herstellung der Marken.Helen Morgan: Blue Mauritius – The Hunt for the world’s most valuable stamps. S. 18.
Graviert wurden die Marken von Joseph Osmond Barnard. Am 12. November 1846 erstellte er seinen Kostenvoranschlag, dessen Original sich heute in der philatelischen Sammlung der British Library befindet.Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 126. Barnard kalkulierte für den Auftrag Kosten von 59 Pfund und 10 Shilling. Als Entlohnung erhielt er später nur 53 Pfund und 80 Shilling für die ersten 700 Druckstücke.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59, S. 17. Er gravierte beide Werte zusammen auf einer Kupferplatte für Visitenkarten und konnte damit nur eine Marke jedes Wertes pro Arbeitsgang drucken. Die Druckplatte war 8,2 cm mal 6,1 cm groß ( Zoll mal Zoll), hierauf waren beide Marken eingraviert. Oben links auf der Platte gravierte Barnard die 1-Penny-Marke und oben rechts die 2-Pence-Marke.Michael Harrison: „Post Office“ Mauritius, 1847: The Tale of Two Stamps. Stamp Collecting (Philatelic Publishers), London 1947, S. 28. Die Druckplatte hatte ein Gewicht von umgerechnet 45,9 Gramm (1 oz dwt).Michael Harrison: „Post Office“ Mauritius, 1847: The Tale of Two Stamps. Stamp Collecting (Philatelic Publishers), London 1947, S. 28, mit Quellenverweis auf: N. L. Stocken.
Insgesamt wurden je 500 rote (1 Penny) und blaue (2 Pence) Briefmarken hergestellt, davon jeweils 350 Stück bis zum 20. September 1847.David R. Beech: Die Druckplatte der Mauritius Post Office-Ausgabe von 1847. In: Lieselotte Kugler, Andreas Hahn (Hrsg.): Die Blaue Mauritius. Das Treffen der Königinnen in Berlin. S. 15. Am 21. September verschickte Lady Gomm, die Ehefrau des Gouverneurs, ihre Einladungsbriefe, die sogenannten „Mauritius Ball Covers“, für den Kostümball vom 30. September. Am 22. September war der Verkaufsstart für die Öffentlichkeit.
miniatur|hochkant|Marke der zweiten Serie Schon ein Jahr später bestand Bedarf für weitere Briefmarken. Die zweite Serie der Mauritius-Marken wies bei sonst nahezu unverändertem Motiv nunmehr die Worte „POST PAID“ statt „POST OFFICE“ auf der linken Seite auf. Von dieser Serie gab es ebenfalls Ein-Penny- und Zwei-Pence-Marken, in nahezu identischer Farbgebung wie bei der Erstserie. Innerhalb des zweiten Satzes gibt es verschiedene leichte Farbvarianten und außerdem Papiertonvarianten.Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 131. Die Katalogpreise reichen von 3.500 Euro bis zu 70.000 Euro für einen selteneren Plattenfehler.Michel Übersee Katalog Band 4 Nord- und Ostafrika 2009, ISBN 978-3-87858-792-7, S. 962 f. Die Druckplatten hierfür stellte ebenfalls Barnard her; sie hatten zwölf einzeln gestochene Exemplare auf jeweils einer Platte für einen Wert, in je vier Reihen und drei Spalten.Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 130. Gegen Druckende waren die Platten, die aus weichem Kupfer bestanden, stark abgenutzt.Peter Ibbotson: Mauritius Postal History and Stamps, S. 130 f.
Weiterer Verlauf Als man die ersten Post-Office-Marken vorfand, wurde aufgrund der Seltenheit spekuliert, ob die Marken vielleicht nur Fehldrucke seien, weil im Gegensatz zur zweiten Serie nicht POST PAID, sondern POST OFFICE aufgedruckt ist. Lange Zeit hielt sich die Legende, es wäre ein Fehler des Graveurs gewesen, der nicht mehr korrigiert werden konnte, weil Lady Gomm die Briefmarken dringend für ihre Einladungen zum Kostümball brauchte.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59, S. 19 f. Des Weiteren soll Barnard sich noch einmal den richtigen Text haben sagen lassen, weil er vergesslich und schwerhörig gewesen sein soll. Dem Mythos nach ging er also ein weiteres Mal zum Postamt, wo ihn dessen „POST OFFICE“-Schild dazu verleitete, den falschen Text zu gravieren.Berliner Briefmarken-Zeitung IV. Jahrgang, Ausgabe von März 1908, S. 96.Die Blaue Mauritius. In: 100 Jahre Deutsche Briefmarken Jubiläums-Ausstellung in München 1949, S. 22.Mauritius: 1847 – oder: Dichtung und Wahrheit. In: Frank Arnau: Lexikon der Philatelie. Lingen, Köln, S. 211–221. Ebenfalls gibt es Gerüchte, wonach Barnard halbblind gewesen sein soll und er deswegen einen falschen Text gravierte.L. N. Williams: Encyclopaedia of Rare and Famous Stamps. Band 1 The Stories, S. 185. Im Nachhinein erwies sich praktisch alles davon als nicht nachweisbare „Legenden“.
Nach einem aufgefundenen Brief Stuart Brownriggs sollte die erste Serie mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich den Schriftzug „Post Office“ tragen.Peter M. Ibbotson: The Barnard Myth. In: Stamp Collecting vom 7. November 1974, S. 527, 529. Jedenfalls gab es auf Mauritius seit den 1826 eingeführten Stempeln einige mit den Worten „Mauritius Post Office“.David R. Beech: Die Druckplatte der Mauritius Post Office-Ausgabe von 1847. In: Lieselotte Kugler, Andreas Hahn (Hrsg.): Die Blaue Mauritius. Das Treffen der Königinnen in Berlin. S. 14. Außerdem ist die Anzahl der Buchstaben bei der Post-Paid-Serie ausgeglichener. Die Post-Office-Serie hat die folgenden Anzahlen von Buchstaben, inklusive Leerzeichen, oben beginnend und dann im Uhrzeigersinn: 7, 9, 9, 11, wohingegen die zweite Serie 7, 9, 9, 9 Stellen aufweist.Christian le Comte: The stamps of Mauritius, S. 37.
Erstmals erstellte 1898 Jean-Baptiste Moens eine Biografie aller damals bekannten 19 Mauritius-Post-Office-Marken. Die von ihm eingeführte römische Nummerierung (Moens Nr. I–XIX) wurde auf später entdeckte Exemplare ausgedehnt und gilt bis heute.Jan Billion, David Feldman, Andreas Hahn: Die Biografien aller Mauritius Post Office-Briefmarken. In: Lieselotte Kugler, Andreas Hahn (Hrsg.): Die Blaue Mauritius – Das Treffen der Königinnen in Berlin. S. 194. Weitere Auflistungen der Marken erstellten in der Folgezeit Hugo Krötzsch, G. Brunel und C. J. Phillips bis 1939 mit jeweils einigen Abweichungen.Hiroyuki Kanai: Classic Mauritius. The Locally Printed Postage Stamps 1847–59, S. 21.L. N. Williams: Encyclopaedia of Rare and Famous Stamps. Band 2: The Biographies. S. 135. Eine gründliche Arbeit hierzu erstellten L. Norman Williams (1905–1976) und Maurice Williams (1914–1999) in ihrem Buch Stamps of Fame, das 1949 erschien. Die Brüder führten die Aufzeichnungen bis 1997 fort und sie erschienen in aktualisierter Form in dem Werk Encyclopaedia of Rare and Famous Stamps.Helen Morgan: Blue Mauritius – The Hunt for the world’s most valuable stamps., S. 201.