Als Münchhausen-Trilemma wird ein von Hans Albert formuliertes philosophisches Problem bezeichnet. Es geht um die Frage, ob es möglich sei, einen „letzten Grund“ (im Sinne einer letzten Ursache bzw. eines unhintergehbaren ersten Anfangs) zu finden bzw. wissenschaftlich zu beweisen.

Hans Albert behauptet, dass jegliche Versuche für eine Letztbegründung scheitern müssen bzw. ins Münchhausen-Trilemma führen. Das Münchhausen-Trilemma bedeutet, dass jeder Versuch des Beweises eines letzten Grundes zu einem von drei möglichen Ergebnissen führt: zu einem Zirkelschluss (die Conclusio soll die Prämisse beweisen, benötigt diese aber, um die Conclusio zu formulieren) zu einem infiniten Regress (es wird immer wieder eine neue Hypothese über die Begründbarkeit eines letzten Grundes formuliert, die sich jedoch wiederum als unzureichend erweist oder wieder in einen Zirkel führt) zum Abbruch des Verfahrens an einer Stelle und der Dogmatisierung der dortigen Begründung.

Abgesehen davon, dass diese Behauptung in vielerlei Hinsicht falsch verstanden wurde, löst sie bis auf den heutigen Tag philosophische Diskussionen aus, denn die Vertreter der biblischen bzw. theologischen Schulen benötigen einen letzten Grund, eine letzte bzw. erste Ursache, in welcher sie letztlich Gott bzw. eine Offenbarung Gottes sehen.

Die Bezeichnung Münchhausen-Trilemma ist eine ironische Anlehnung an die legendäre literarische Figur Baron Münchhausen, der behauptete, sich an den eigenen Haaren aus einem Sumpf gezogen zu haben. Eine philosophische Verwendung des Bildes findet sich in Schopenhauers Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde:

In Jenseits von Gut und Böse bezeichnet es Friedrich Nietzsche als „eine Art logischer Nothzucht und Unnatur“, wenn jemand versucht, „mit einer mehr als Münchhausenschen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren ins Dasein zu ziehn.“Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Kritische Studienausgabe, Band 5, Nr. 21, S. 35 (online). Das Münchhausen-Trilemma enthält drei der fünf Tropen des Agrippa und wird deshalb auch mit dem Agrippa-Trilemma verglichen.

Die Trilemma-Situation mini|Münchhausen zieht sich aus dem Sumpf, Zeichnung von Theodor Hosemann

Angenommen, Satz p soll begründet werden. Drei Wege scheinen hierfür möglich:

Infiniter Regress Jede Aussage, die p begründet, muss wiederum begründet werden. Dies führt in einen „unendlichen Regress“. Zirkel Die Begründung verläuft im Kreis. Eine Aussage, die p begründen soll, ist identisch mit p oder kommt in der Begründungskette, die p begründen soll, bereits vor. (Beispiel nach einer Komödie Molières: „Warum ist das Mädchen stumm?“ – „Das Mädchen ist stumm, weil es sein Sprachvermögen verloren hat!“ – „Warum hat es sein Sprachvermögen verloren?“ – „Auf Grund des Unvermögens, die Sprache zu beherrschen!“). Abbruch des Verfahrens Infiniter Regress und Zirkelschluss können sich durchaus verbinden oder endlos wiederholen, welches letztlich zum Abbruch des Begründungsverfahrens führt.

Zusätzlich, und gleichzeitig zu verstehen als Motivation für die Formulierung dieses Münchhausen-Trilemmas, fügt Albert (sinngemäß) hinzu: „Wenn es eine Letztbegründung gäbe (was glücklicherweise schlecht möglich ist), würde diese unweigerlich zu einem Dogma führen.“

Da es keine unfehlbaren Quellen der Erkenntnis gebe, sondern allenfalls Quellen, deren dogmatisch behauptet wird, gibt es gemäß dem Münchhausen-Trilemma keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit. Albert schreibt:

Veranschaulichung anhand religiöser Aussagen

Franz Graf-Stuhlhofer bringt dazu konkrete Beispiele:Franz Graf-Stuhlhofer: Der Weg vom Bibellesen zu dogmatischen und ethischen Einsichten. In: Paul R. Tarmann (Hrsg.): Wort und Schrift. Christliche Perspektiven. Perchtoldsdorf 2020, S. 97–128, dort 103 f.

Ein unendliches Zurückschreiten kann folgendermaßen ablaufen: Ausgangspunkt wäre folgende Behauptung: „Die Bibel ist Gottes Botschaft an uns Menschen“. Dagegen wird ein Einwand vorgebracht: „Woher weißt du das?“ Antwort: „Ich habe oft erlebt, dass Aussagen der Bibel für mein Leben hilfreich waren.“ Einwand: „Ähnliches habe ich auch mit einem Psychologie-Lehrbuch erlebt.“ Antwort: „Mit Hilfe der Bibel habe ich auch schon – die normale menschliche Erfahrung überschreitende – Wunder erlebt, z. B. eine medizinisch nicht erklärbare Heilung.“ Einwand: „Ja, es gibt manchmal Spontanheilungen – das erleben unterschiedliche Menschen, nicht nur Bibelgläubige.“ … So könnte der Dialog noch lange weitergehen … Jede Begründung kann hinterfragt werden und erfordert das Liefern weiterer Argumente.

Ein kurzer Zirkelschluss könnte folgendermaßen aussehen: „Die Bibel ist Gottes Botschaft an uns Menschen, das steht in .“ Einwand: „Vielleicht ist das, was in 2. Tim steht, falsch?“ Antwort: „Nein, was dort steht, das stimmt, denn 2. Tim ist ein Teil der Bibel, und diese ist Gottes Botschaft an uns.“ … Das zu Beweisende wird also letztlich schon vorausgesetzt.

Ein dogmatischer Abbruch des Verfahrens kann so aussehen, dass als zu glaubendes Axiom oder Dogma die Bibel festgelegt wird: „Die Bibel ist Gottes Botschaft an uns; wenn ich das glaube, kann ich mich bei allen Fragen auf die Bibel stützen.“ Wenn die allererste Grundlage geklärt ist, kann davon für alle weiteren Themen ausgegangen werden.

Zur Problemgeschichte Dass diese drei Alternativen bei Begründungssituationen vorliegen, findet sich bereits in der antiken griechischen Philosophie, zuerst in den Analytica posteriora des Aristoteles (72b5 ff. nach der Bekker-Zählung). In der pyrrhonischen Skepsis spielen sie eine wichtige Rolle.Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis I, S. 164 ff. Angeblich wurden diese Argumentationsfiguren von den Skeptikern um Agrippa (erstes Jahrhundert n. Chr.) verwendet.Diogenes Laertios IX, S. 88.

Eine Philosophie, die sich als praktisch versteht, setzt die Begründung hier bisweilen aus und stellt stattdessen einen Entschluss an den Anfang des Systems. So betont beispielsweise Fichte in § 1 seines Systems der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, dass der Anfang nicht begründet, sondern gegründet werden müsse: „nicht zufolge einer theoretischen Einsicht, sondern zufolge eines praktischen Interesses; ich will selbständig sein, darum halte ich mich dafür“.

In der modernen Philosophie hat dann Jakob Friedrich Fries 1807 die Forderung, alles zu beweisen, als widerspruchsvoll abgewiesen, weil sie zu einem infiniten Regress führe, und infolgedessen Immanuel Kants Methode (womit die Kant’sche Behauptung der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori gemeint ist) ablehne.Jakob Friedrich Fries: Neue oder anthropologische Kritik der Vernunft. 1807, 2. Auflage, 3 Bde. 1828–31, Nachdruck Berlin 1955, Band 1, §§ 70–73. Der Lösungsversuch der Fries’schen Lehre, dass Wahrnehmungserlebnisse Sätze begründen könnten, weil deren Evidenz unmittelbar klar sei, wurde insbesondere von Karl Popper, der diese Position als „Psychologismus“ bezeichnete, in der Logik der Forschung detailliert kritisiert. Gleichzeitig hat Popper damit gezeigt, dass empirische Naturwissenschaft nie einen letzten Grund wird liefern können.

Eine weitere Ausarbeitung des Themas findet sich in der Erkenntnistheorie, die Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes (1900) ausgeführt hat.Georg Simmel: Philosophie des Geldes , zweite Auflage 1907, Nachdruck in der Georg-Simmel-Gesamtausgabe Band 6, Suhrkamp, Frankfurt 1989, Kapitel 1, Abschnitt III, S. 93–121. Simmel ging von der ontologischen Kategorie der Wechselwirkung aus und verband diese mit einer Theorie der Relativität alles Seienden; siehe auch Relativismus.

Entsprechend hat Erkenntnis für Simmel keinen absoluten Ausgangspunkt, sondern muss sich ihren Bezug in Axiomen und Festlegungen suchen.

Eine weitere Darstellung findet sich bei Paul Natorp.Paul Natorp: Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften. Leipzig/Berlin 1910, S. 31–32. Im Anschluss an diese Darstellungen suchte Leonard Nelson zu beweisen, dass Erkenntnistheorie überhaupt unmöglich sei.Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Zweite, verbesserte Auflage, Tübingen 1994, S. 106 ff. Allerdings gehört die ständige Erweiterung des Begründungsraumes zum Wesen der Wissenschaft: Infinite Regresse sind durchaus mit erkenntnistheoretischen wie auch naturwissenschaftlichen Wissenserweiterungen verbunden, insbesondere wenn sie in die Zukunft gerichtet sind. Jedes Aufstellen einer neuen Hypothese erweitert den infiniten Regress und führt damit gewissermaßen auch zu Erkenntnisgewinn; denn auch eine sich letztlich als falsch, unwahr oder vorerst nicht überprüfbar erweisende Hypothese stellt eine mögliche Erkenntnis dar.

Der von Popper begründete Kritische Rationalismus argumentiert mit dem Trilemma gegen das herkömmliche bzw. „klassische“ Vernunftverständnis, die Rechtfertigungsstrategie, die darauf abzielt, dass jeder Versuch einer unanzweifelbar gültigen Begründung einer Aussage, sei dieser deduktiv, induktiv, kausal, transzendental oder auf jedwede andere Weise geführt, daran scheitert, dass eine sichere Begründung wiederum sicher begründet werden muss. Der Kritische Rationalismus wählt dabei einen Weg außerhalb des von Begründungsdenken geprägten Dogmatismus und Relativismus, indem er an der Existenz einer absoluten Wahrheit festhält (Absolutismus), aber von der Fehlbarkeit des Menschen und daher dem Vermutungscharakter des Wissens ausgeht (Fallibilismus), Argumenten stets nur eine negative Wirkung zuspricht (Negativismus) und die Unmöglichkeit der begründenden Erkenntnistheorie behauptet (Erkenntnisskeptizismus).

Nicht zuletzt steckt hinter der Debatte folgende wesentliche Motivation: Kann und darf es ein irgendwie geartetes Dogma geben? Damit verbunden ist natürlich die Frage nach einer letzten, unaufhörlich sich im Recht befindlichen Autorität oder Instanz, oder, abgeschwächt, einer Instanz, die zwar manchmal falschliegt, der man sich aber dennoch aus anderen Erwägungen heraus grundsätzlich immer anschließen sollte.

Kritik