Als Individualpsychologie wird eine von Alfred Adler 1907 begründete Schule der Tiefenpsychologie bezeichnet. Anhänger dieser Richtung werden Adlerianer genannt. Umgangssprachlich bedeutet der Terminus auch eine Abgrenzung zur Sozialpsychologie oder Massenpsychologie.

Konzept Das Konzept der Individualpsychologie stellt das Individuum im Kontext seiner sozialen menschlichen Beziehungen und dessen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und den Folgen für das Individuum in den Mittelpunkt.

Begriff Das Wort Individualpsychologie kann die Assoziation nahelegen, dass sich diese auf die Untersuchung der einzelnen, isoliert genommenen Person beschränkt.Reinhard Brunner (Hrsg.) u. a.: Wörterbuch der Individualpsychologie. Ernst Reinhard München 1985, ISBN 3-497-01100-2; Wb.-Lemma Individualpsychologie: S. 216Paul Rom: Alfred Adler und die wissenschaftliche Menschenkenntnis. Waldemar Kramer Verlag, Frankfurt am Main 1966; S. 63

Insofern wird der Begriff im weiteren Sinne – und z. T. in umgangssprachlicher Bedeutung – manchmal im Sinne von Einzelpsychologie, d. h. im Gegensatz zu den Begriffen Sozialpsychologie und Massenpsychologie verwendet. Der österreichische Arzt Alfred Adler (1870–1937), der den Begriff der Individualpsychologie prägte, hat diese Unterscheidung allerdings nicht beabsichtigt. Er gilt nach seinem Bruch mit Sigmund Freud im Jahre 1911 als Begründer einer eigenen tiefenpsychologischen Schule, die neben anfänglich genutzten Bezeichnungen wie „freie Psychoanalyse“ und „vergleichende Individualpsychologie“ schließlich unter der verkürzten Bezeichnung „Individualpsychologie“ bekannt wurde. Adler wollte die personenbezogene und individuell typisierende Menschenkenntnis zu einer ganzheitlichen Wissenschaft von der psychologischen Struktur des menschlichen Lebens erweitern. Sein Schüler Rudolf Dreikurs hielt deshalb den Ausdruck „holistische Psychologie“ für geeigneter und war überzeugt, Adler hätte seine Schule so genannt, wenn der Begriff „Holismus“ zu seiner Zeit schon populär gewesen wäre.Rudolf Dreikurs: Grundbegriffe der Individualpsychologie. 14. Aufl., Stuttgart 2014, S. 12: Hätte Adler zehn Jahre später seiner Schule den Namen gegeben, hätte er sie wahrscheinlich – und besser – »Holistische Psychologie« genannt. Die Bezeichnung „vergleichende Individualpsychologie“ bringt den von Adler gewünschten umfassenden Ansatz allerdings ebenfalls gut zum Ausdruck.

Adler und Freud Adler war neben Carl Gustav Jung ein geschätzter Schüler Freuds und Schriftleiter des „Zentralblatts für Psychoanalyse“. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Tiefenpsychologie. Die von Adler ab 1911 neu begründete Individualpsychologie ist neben der Freudschen Psychoanalyse eine namhafte Richtung der Psychologie und gilt als Wegbereiterin der Neopsychoanalyse. Während bei Freud die Frage nach dem Grund (Kausalität) im Vordergrund steht, betont Adler die Notwendigkeit, nach dem Zweck von Symptomen wie Lebensäußerungen insgesamt (Finalität) zu fragen.

Theoretische Grundlagen Adler nannte seine Lehre Individualpsychologie und meint damit das unteilbare Ganze eines jeden Menschen. Jeder Mensch ist ein „Unteilbares“, ein „Individuum“, Körper und Psyche sind ganzheitlich zu sehen. Die Individualpsychologie interpretiert den Einzelnen, wie die Sozialpsychologie, in einer wechselseitigen Abhängigkeit von der Gesellschaft und als Teil sozialer Prozesse.

Mit seiner frühen Studie über die Minderwertigkeit von Organen (1907) zeigte Adler den Zusammenhang zwischen Organminderwertigkeit und Lebensschicksal auf und legte damit die Grundlage für das Verständnis von körperlicher und psychischer Kompensation, Überkompensation und für die spätere Psychosomatik. Das beim menschlichen Säugling aufgrund seiner Hilflosigkeit vorhandene Minderwertigkeitsgefühl sah Adler als positiven Antrieb für Wachstum und Entwicklung und führte die Erziehbarkeit des Menschen darauf zurück. Erst negative Faktoren in seiner Entwicklung verändern das positive Minderwertigkeitsgefühl zu einem entwicklungshemmenden Minderwertigkeitskomplex. Das überhöhte Geltungsstreben oder der Wille zur Macht stellt nach Adler bereits eine seelische Überkompensation eines verstärkt erlebten Minderwertigkeitsgefühls dar und gilt für ihn als seelische Krankheitserscheinung.

Die individualpsychologische Lehre ist von demokratischen Idealen und einem humanistischen Sozialismus inspiriert und begreift den Menschen stets als soziales Lebewesen. Für Adler war der Mensch eingebettet in die Gemeinschaft der Mitmenschen, aus der sowohl die Fragen seines Lebens als auch die heilenden Antworten erwachsen. Die Höhe der Beitragsleistung eines Menschen zur allgemeinen Wohlfahrt, die Art wie er seine Lebensfragen löst, war für Adler der Gradmesser für seine psychische Gesundheit. Lebensangst und Minderwertigkeitsgefühl könnten nur durch eine tragfähige zwischenmenschliche Beziehung überwunden werden.

Adler sah die menschliche Persönlichkeit als unteilbares Ganzes, die als souveräne und selbstbestimmende Macht, mit einem relativen Maß an Freiheit die Lebensumstände stilvoll verwertet ohne dabei biologisch oder durch ihr Milieu determiniert zu sein. Alle Lebensäußerungen haben nicht kausalen, sondern finalen Charakter und sind auf die Zukunft gerichtet. Adler nannte diese unbewusste Ausrichtung (unbewusste Fiktion) auf ein Ziel auch Lebensstil, Lebensplan, Persönlichkeitsideal oder personale Finalität. Kultur, Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Menschenwürde sah er als Produkt des evolutionären Vollkommenheitsstrebens des Menschen.

Das Gemeinschaftsgefühl bildet den Grundpfeiler der Individualpsychologie, alle übrigen individualpsychologischen Begriffe können nur im Zusammenhang mit ihm verstanden werden. Das Gemeinschaftsgefühl hat seinen Ursprung in der frühen Beziehung zwischen Mutter und Kind. Es wird in den ersten Lebensjahren geprägt und wird zum unbewussten, relativ konstanten Persönlichkeitsanteil. Das Gemeinschaftsgefühl ist zur Lösung der drei von Adler genannten Lebensaufgaben Arbeit – Liebe – Gemeinschaft von zentraler Bedeutung. Im wachsenden Gemeinschaftsgefühl und mitmenschlicher Verbundenheit sah Adler die Wurzel zur Förderung der Gesamtheit und zur Verhinderung von vom Menschen gemachten Katastrophen.

Adlers positives Menschenbild kommt im folgenden Zitat zum Ausdruck:

Erforschung der Persönlichkeit Die Aufgabe der psychologischen Wissenschaft ist, dem Menschen den wahren Sinn des Lebens aufzuzeigen, der nach Adler darin liegt, dass der Mensch einen möglichst großen Einklang mit den Mitmenschen und der Umwelt anstrebt. Adlers Bestreben war, die Menschenkenntnis lehrbar und zum Allgemeingut zu machen. Er wollte dem Einzelnen aufzeigen, wo er in seiner Beurteilung des Mitmenschen gefehlt hat, weil Irrtümer in der Menschenkenntnis oft Ursache für unsägliche Not und Verstrickungen sind. Menschenkenntnis sollte nicht nur Theorie, sondern als Instrument der gegenseitigen Hilfe Lebenspraxis werden.

Adler ging wie Freud von einer Deutbarkeit der ersten Kindheitserinnerungen aus, aber nicht im Sinne der Freudschen Verdrängungstheorie (Deckerinnerungen), sondern abgeleitet aus seinem Begriff der Funktion von Gedächtnis. Nach Adler nimmt das Gedächtnis Eindrücke und Empfindungen subjektiv wahr und verarbeitet sie als Bestätigung des früher gewählten Lebensstils. Aus den frühen Kindheitserinnerungen soll deshalb der Individualpsychologe Rückschlüsse auf den Lebensplan ziehen.

Die psychotherapeutische Menschenkenntnis der Individualpsychologie soll einerseits auf Intuition beruhen, zum anderen aber durch einen wissenschaftlichen Leitfaden auf der Grundlage einer tiefgründigen Kenntnis über die menschliche Natur abgestützt sein.

Erziehungslehre Für Adler war die erzieherische Praxis der wertvollste Prüfstein für jede psychologische Theorie. Aufgrund seiner Neurosenlehre waren die Bedingungen bekannt, die in der Kindheit seelische Fehlentwicklungen bewirkten und folgerichtig ergaben sich die Grundsätze für die psychische Prophylaxe in der Erziehungsarbeit. Die individualpsychologische Erziehung zur Freiheit beinhaltet die planmäßige Förderung von Selbständigkeit, Mut, Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühl. Als Ergebnis seines Studiums des nervösen Charakters führte Adler Charakterzüge und Intelligenz des Menschen auf seine Kindheits- und Jugendsituation zurück und lehnte deshalb die Annahme einer Vererbung seelischer Eigenart grundsätzlich ab. Dieser erzieherische Optimismus eröffnet dem Erzieher einerseits unbegrenzte Chancen für sein pädagogisches Wirken und andrerseits größere Verantwortung.

Die Aufgabe der Erziehung fällt nach Adler in erster Linie der Familie zu. Sie bietet das beste Milieu, in dem sich ein werdender Mensch entfalten kann. Eine wichtige Entdeckung Adlers ist der Einfluss der Stellung in der Geschwisterreihe auf die spätere seelische Entwicklung. Adler erkennt in der traditionellen Erziehung vor allem zwei Fehlhaltungen – die Verwöhnende Erziehung und die Härte und Strenge –, die zur Quelle psychischer Fehlentwicklungen werden. Der Erwachsene sollte Freund und Förderer des Heranwachsenden sein. Fehlhaltungen müssen als Irrtümer, nicht als böser Wille aufgefasst werden.

Charakterkunde Die Adlersche Charakterlehre ist bemüht, den Charakter als Grundlage aller seelischen Reaktionen zu verstehen. Die Charakterzüge sind für den Menschen Leitlinien, auf denen er sich im Leben mit einem Gemisch von Geltungsstreben und Gemeinschaftsgefühl vorwärts bewegt. Adler hat das Phänomen des nervösen Charakters erstmals grundsätzlich beleuchtet und ihm ein ganzes Buch (Der nervöse Charakter 1912) gewidmet. Das Minderwertigkeitsgefühl findet sich im nervösen Charakter in verschärfter Weise, als Minderwertigkeitskomplex, und führt zu Charakterausprägungen wie Ehrgeiz und Überempfindlichkeit. Bei dieser Entwicklung wird das Gemeinschaftsgefühl zu wenig ausgebildet, was sich in einer Vorsicht, einer zögernden Attitüde gegenüber den Mitmenschen äußert. Adler beschreibt den nervösen Charakter als Übergang zwischen Normal- und Neurosenpsychologie.

Psychopathologie In seiner Neurosenlehre beschreibt Adler die Neurose als eine Weiterführung des nervösen Charakters unter verschlechterten psychischen Bedingungen, wobei die neurotischen Symptome immer im Rahmen der Gesamtpersönlichkeit verstanden werden. Für Adler manifestiert sich in der Neurose eine durch missliche Kindheitseinflüsse (Verzärtelung usw.) entstandene Lebensangst und Pessimismus. Adler vertrat den Gesichtspunkt von der Einheit von Neurose und Psychose, welche beide eine irrtümliche Antwort auf die Anforderungen des Lebens darstellen. So wie Adler in der Neurose eine übersteigerte Form der Normalpsyche sah, war für ihn die Psychose eine verschärfte Neurose. Deshalb war aus seiner Sicht die Psychose auch für die psychologische Analyse zugänglich und er konnte von Fällen berichten, deren Heilung ihm gelang.

Psychotherapie mini|300px|Gedenktafel für die erste Individualpsychologische Versuchsschule in Wien-Brigittenau