Taqī ad-Dīn Abū l-ʿAbbās Ahmad ibn ʿAbd al-Halīm Ibn Taimīya (; geboren am 22. Januar 1263 in Harran; gestorben am 26. September 1328 in Damaskus) war ein islamischer Aktivist, Theologe und Rechtsgelehrter, der überwiegend im mamlukischen Damaskus wirkte. Er ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten muslimischen Denker überhaupt.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 1. Mit seinen radikalen Ansichten, die der herrschenden Meinung der zeitgenössischen muslimischen Gelehrten zuwiderliefen, rief er schon zu Lebzeiten Empörung hervor; sieben Mal wurde er ihretwegen inhaftiert. Ibn Taimīya gilt zwar als Hanbalit, doch nahm er sich die Freiheit, Fatwas zu erteilen, die inhaltlich mit keiner der von den vier sunnitischen Schulen vertretenen Positionen im Einklang standen.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 37. Er selbst rechnete sich den Ahl al-hadīth zu.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 60. In seinen Schriften wandte er sich vor allem gegen das islamische Denken rationalistisch-spekulativer und philosophischer Prägung und bediente sich dabei oft eines polemischen Schreibstils.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 2. Seine eigene Vision von dem, was der Islam wirklich lehrt, versuchte er unter Rückgriff auf den Koran zu begründen. Seine einflussreiche Abhandlung über die Koranhermeneutik spiegelt sein reformistisches Anliegen wider, die islamische Lehre und Praxis auf den Koran, die Sunna und die überlieferten Aussagen der frühen Muslime zu gründen, im Gegensatz zu späteren religiösen Entwicklungen, die er ablehnte.Hoover: „Ibn Taymiyya“. 2024, S. 134.
Leben Kindheit und Ausbildung Ibn Taimīya wurde am 10. Rabīʿ I 661 (= 22. Januar 1263) in der obermesopotamischen Stadt Harrān, die damals zum Mamlukenreich gehörte, in eine hanbalitische Gelehrtenfamilie geboren. Schon sein Großvater Madschd ad-Dīn (gest. 1254) hatte ein Werk über den Propheten mit dem Titel al-Muntaqā min aḫbār al-Muṣṭafā verfasst. Und der Großvater und Ibn Taimīyas Vater hatten ein Werk über die Usūl al-fiqh mit dem Titel al-Musauwada angelegt, das Ibn Taimīya später vervollständigte.
Syrien wurde damals von den Bahrī-Mamluken beherrscht, die sich heftige Kämpfe mit den Kreuzfahrern und den Mongolen lieferten. Nur fünf Jahre vor Ibn Taimīyas Geburt hatten die Mongolen Bagdad eingenommen, große Teile der dortigen Bevölkerung getötet und das dort seit knapp 500 Jahren bestehende abbasidische Kalifat gewaltsam beendet. Wegen des weiteren Vordringens der Mongolen siedelte seine Familie 1269 von der Stadt Harrān tiefer in das mamlukische Kerngebiet nach Damaskus um, das schon damals eines der bedeutendsten Zentren muslimischer Gelehrsamkeit war. Sein Vater wurde dort Leiter der Schule Dār al-Hadīth as-Sukkarīya.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 26f. Ibn Taimīya studierte bei seinem Vater sowie bei den Gelehrten Schams ad-Dīn ibn Abī ʿUmar und Zain ad-Dīn Ibn Mandschā Fiqh und Usūl al-fiqh.Ibn Raǧab: aḏ-Ḏail ʿalā Ṭabaqāt al-Ḥanābila. 1953, Bd. II, S. 388. Noch bevor er 19 Jahre alt war, etwas um das Jahr 1282, erteilte Ibn Taimīya eigenständig Fatwas.Ibn ʿAbd al-Hādī: al-ʿUqūd ad-durrīya fī ḏikr baʿḍ manāqib šaiḫ al-islām Ibn Taimīya. 2019, S. 9. Die Erlaubnis dazu erteilte ihm der schafiitische Gelehrte Scharaf ad-Dīn al-Maqdisī (gest. 1295).Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 27.
Aufnahme der Lehrtätigkeit und erste Konflikte mini|Die Umayyaden-Moschee, in der Ibn Taimīya Koranexegese unterrichtete, im Jahre 1895 Als im Jahre 1284 sein Vater verstarb, übernahm Ibn Taimīya im Alter von 22 Jahren dessen Leitungs- und Lehrfunktionen an der Sukkarīya-Schule. Hier konnte er auch wohnen.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 27. Am 17. April 1285 begann er in der Umayyaden-Moschee von Damaskus Koranexegese zu unterrichten. Dort kam es im Jahre 1291 auch zu dem ersten dokumentierten Zwischenfall, nachdem Ibn Taimīya über die Attribute Gottes referiert hatte. Zuhörer empörten sich über seine Ansichten und versuchten ihn mit einem Lehrverbot belegen zu lassen, was aber nicht gelang.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 27f. Ende November 1292 vollzog er die Wallfahrt nach Mekka, im Februar 1293 kehrte er nach Damaskus zurück.Laoust: “Ibn Taimiyya” 1969, S. 951b.
Größeres Aufsehen erregte Ibn Taimīya zum ersten Mal 1293 bei der Affäre um den Christen ʿAssāf an-Nasrānī aus as-Suwaida, dem vorgeworfen wurde, den Propheten beleidigt zu haben. Seine Unnachgiebigkeit in dieser Affäre brachte ihm einen ersten Gefängnisaufenthalt ein. Während seiner Haft verfasste er sein erstes umfassendes Buch, aṣ-Ṣārim al-maslūl ʿalā šātim ar-rasūl („Das scharfe Schwert gegenüber demjenigen, der den Gottesgesandten lästert“). Am 20. Juni 1296 nahm Ibn Taimīya die Lehre am Dār al-Hadīth al-Hanbalīya auf, der ältesten hanbalitischen Lehranstalt von Damaskus, wo er die Nachfolge eines seiner Lehrer, Zain ad-Dīn Ibn al-Munaddschā, antrat, der kurz zuvor verstorben war.
Während der Herrschaft von al-Malik al-Mansūr Lādschīn (1297–1299) wurde Ibn Taimīya die Aufgabe übertragen, den Dschihad gegen das Königreich Kleinarmenien zu predigen. Um 1299 verfasste er auf Bitten der Bewohner von Hamah seine wichtigste Bekenntnisschrift mit dem Titel al-Ḥamawīya al-kubrā, die stark gegen die Aschʿarīya und den Kalām ausgerichtet war. Mehrere Gelehrte störten sich an diesem Werk und beschimpften ihn öffentlich als Korporealisten (muǧassim). Der stellvertretende Statthalter von Damaskus, der mit Ibn Taimīya sympathisierte, trat diesen Gelehrten jedoch entgegen und unterband weitere Aktionen dieser Art. Ibn Taimīya selbst stellte sich freiwillig einer Befragung durch den schafiitischen Oberqādī, die damit endete, dass er von allen Anschuldigungen freigesprochen wurde.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 28.
Aktivitäten während und nach der mongolischen Besetzung von Damaskus Während der mehrmonatigen Besetzung von Damaskus durch die Mongolen unter Führung von Ghazan im Jahre 1300 gehörte Ibn Taimīya zu der Gruppe von Gelehrten, die den Widerstand organisierten. Während seiner Besuche im Heerlager der Mongolen gelangte er zu der Auffassung, dass viele von ihnen, darunter auch Ghāzān, nur nach außen hin Muslime seien. In einem in selbstbewusstem Ton verfassten Brief an den mamlukischen Sultan in Kairo forderte er militärischen Beistand für Damaskus an. Aus dieser Zeit stammen auch drei anti-mongolische Fatwas Ibn Taimīyas.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 29. Im Juni 1300 nahm er außerdem an einer Expedition der Mamluken gegen die Schiiten von Kasrawān im Libanon teil, denen vorgeworfen wurde, die Franken (Kreuzfahrer) und Mongolen zu unterstützen. Im Januar 1301 reiste er nach Kairo, um den Mamluken-Sultan al-Malik an-Nasir Muhammad um eine Intervention in Syrien zu bitten.
Seine Auseinandersetzungen mit Sufis und das Glaubenstribunal Die nachfolgenden Jahre waren von polemischen Auseinandersetzungen geprägt. Ibn Taimīya begann in dieser Zeit auch, gegen volkstümliche Frömmigkeitsformen vorzugehen. So ließ er im Februar 1305 in der Nārandsch-Moschee von Damaskus einen Steinblock beseitigen, den die Leute zu küssen pflegten, weil sie glaubten, er zeige einen Fußabdruck des Propheten.al-Maqrīzī: Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk. Ed. Muḥammad Muṣṭafā Ziyāda, Cairo, 1941. Bd. II, S. 8f Digitalisat Im November desselben Jahres bezichtigte er Sufis der Ahmadīya der Scharlatanerie, die sich Feuer aussetzten, um ihre Anhängerschaft zu beeindrucken. Ibn Taimīya, der möglicherweise annahm, dass sie sich mit hitzeisolierendem Fett eingerieben hatten, forderte sie öffentlich auf, sich gründlich zu waschen, mit Essig abzureiben und erst danach das Feuer zu berühren.Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa-n-nihāya. 2019, S. 531f.
Auch ging er gegen die Anhänger von Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī vor und sandte einem ihrer prominentesten Vertreter, dem Scheich Nasr ad-Dīn al-Manbidschī, der dem Mamluken-Emir Baibars II. als spiritueller Führer diente, einen Brief, in dem er freundlich, aber deutlich die monistische Lehre von Ibn ʿArabī verdammte. Ibn Taimīya dachte ursprünglich sehr positiv über Ibn ʿArabī. Im Jahre 1303/04 studierte er jedoch seine Schrift Fuṣūṣ al-ḥikam, wodurch er sich zu einem seiner heftigsten Kritiker wandelte.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 131. Al-Manbidschī war über Ibn Taimīyas Kritik sehr verärgert und verbündete sich mit anderen Gelehrten, allen voran dem mālikitischen Oberqādī Kairos Zain ad-Dīn Ibn Machlūf (gest. 1318), der sich zu einem der erbittertsten und hartnäckigsten Gegner Ibn Taimīyas entwickeln sollte.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 30. Die beiden beschuldigten Ibn Taimīya bei den mamlukischen Autoritäten in Ägypten häretischer Lehren, wobei sie sich auf seine Bekenntnisschrift, die unter dem Namen al-Wāsitīya bekannt war, bezogen.Laoust: “Ibn Taimiyya” 1969, S. 952a.
Der mamlukische Sultan schickte schließlich ein Schreiben an seinen Statthalter in Syrien und beauftragte ihn, ein Tribunal in Anwesenheit der Qādīs der vier sunnitischen Rechtsschulen abzuhalten, bei dem Ibn Taimīya zu seiner Bekenntnisschrift befragt werden sollte.Ibn Taimīya: Maǧmūʿ al-fatāwā. Hrsg. von ʿAmmār al-Ǧazzār und Anwar al-Bāz. 3. Auflage. Dār al-Wafāʾ, al-Mansura 2005, Band 3, S. 106. Digitalisat. Die ersten beiden Anhörungen fanden am 24. und 28. Januar 1306 im al-Afram-Palast des Statthalters in Damaskus statt. Bei einer dritten Anhörung wurde festgestellt, dass die Wāsitīya mit Koran und Sunna übereinstimme. Allerdings war die Angelegenheit damit noch nicht beendet, weil der schafiitische Qādī Ibn as-Sarsarī (gest. 1323) das Verfahren wiedereröffnete, wobei er einige der Schüler Ibn Taimīyas schlagen und einen von ihnen, den Hadīth-Gelehrten al-Mizzī (gest. 1341), einsperren ließ. Auf Befehl des Sultans fand am 22. Februar 1306 ein drittes weiteres in der Residenz des Gouverneurs statt. Wiederum wurde die Wāsitīya nicht verurteilt, Ibn as-Sarsarī aber zum Rücktritt gezwungen. Die beiden Gegner wurden schließlich nach Kairo geschickt, wo sie am 7. April 1306 eintrafen.
Zwangsaufenthalt in Ägypten mini|Die Zitadelle von Kairo, in der Ibn Taimīya für 18 Monate inhaftiert war. Bereits am Tag nach seiner Ankunft in Kairo musste Ibn Taimīya vor einem neuen Tribunal erscheinen, das in der Zitadelle von Kairo tagte und aus einer Reihe hoher Staatsbeamter und den vier Ober-Qādīs Ägyptens bestand. Als er erfuhr, dass Ibn Machlūf in dieser Sitzung sowohl Ankläger als auch Richter sein würde, kritisierte er dies als Ungerechtigkeit und weigerte sich, auf die Fragen zu seinen theologischen Positionen zu antworten. Dies führte zu Tumulten, an deren Ende Ibn Machlūf ihn zu einer Haftstrafe verurteilte.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 31. Er verbrachte fast anderthalb Jahre in der Zitadelle von Kairo. Sein Richter soll sich bei den Behörden dafür eingesetzt haben, dass er die Haft in dem untersten Kerker des Kairoer Gefängnisturms, in dem die Bedingungen besonders schlecht waren, ableisten musste. Außerdem wurde ein Dekret nach Damaskus gesandt, das dort in den Freitagspredigten verlesen werden musste. Darin wurde erklärt, dass Ibn Taimīyas theologische Ansichten anthropomorphistisch seien und dem Konsens der Gelehrten widersprächen und jeder, der sich diesen anschließe, mit dem Tod bestraft werden könne.