Wilhelm Hennis (* 18. Februar 1923 in Hildesheim; † 10. November 2012 in Freiburg im BreisgauPolitikwissenschaftler Wilhelm Hennis gestorben. In: Badische Zeitung, 10. November 2012, abgerufen am 9. Januar 2015.) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Von 1967 bis 1988 lehrte er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Leben und Wirken Wilhelm Hennis, Sohn des Handelsvertreters und Botanikers Wilhelm Hennis und dessen Frau Gertrud Hennis, geb. Hellberg, und Enkel des gleichnamigen Gründers einer Orchideengärtnerei, verbrachte die ersten zehn Lebensjahre in seiner Geburtsstadt Hildesheim. Im Jahr 1933 wanderte die Familie nach Venezuela aus, wo der Vater im Auftrag des Präsidenten Juan Vicente Gómez in San Juan de los Morros, einem kleinen Ort am Rande der Llanos eine Maulbeerplantage anlegen sollte, um Venezuela in der Seidenproduktion autark zu machen. Das Projekt scheiterte aus klimatischen Gründen schnell, weshalb die Familie in die Hauptstadt Caracas zog, wo Hennis die deutsche Humboldt-Schule besuchte. Ende 1937 kehrte er der besseren Schulbildung wegen nach Deutschland zurück und besuchte die Freiherr-von-Fletcher-Schule in Dresden, wo er im Internat lebte. Nach dem Abitur 1942 wurde er umgehend zur Marine eingezogen und diente als Offizier bis zu seiner Entlassung im August 1945. Er überlebte den Untergang des U-Boots U 2.Hennis’ Lebenslauf vom 12. Januar 1951 aus den Promotionsakten, gedruckt bei: Reinhard Mehring: Laudatio. Verleihung des Theodor-Eschenburg-Preises an Prof. Dr. Dr. h. c. Wilhelm Hennis am 24. September 2009 auf dem Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft in Kiel. In: PVS 50 (2009), S. 816–823, hier: S. 817 f. Da er gegen Ende des Jahres 1944 die Übernahme des ihm angetragenen Amt des Nationalsozialistischen Führungsoffiziers ablehnte, wurde er vom Dienst entbunden und an die Front nach Stavanger verlegt. Kurz darauf wurde er wegen Wehrkraftzersetzung angezeigt. Zu einem Verfahren kam es vor Kriegsende nicht mehr. In Norwegen geriet Hennis kurzzeitig in britische Kriegsgefangenschaft. Am 4. August 1945 kehrte er bereits in seine Heimatstadt zurück.Stephan Schlak: Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik, C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56936-4, S. 27 f.
Zum Wintersemester 1945/46 immatrikulierte sich Hennis an der Universität Göttingen für das Studium der Rechtswissenschaft, das er nach sieben Semestern im Oktober 1949 mit dem ersten Staatsexamen vor dem Oberlandesgericht Celle abschloss. Anschließend verfasste er seine Doktorarbeit Das Problem der Souveränität, mit der er 1951 bei Rudolf Smend promoviert wurde. Noch 1945 gehörte Hennis zu den Gründern der Göttinger Universitätszeitung, bei der er erste publizistische Erfahrungen sammelte. Zudem engagierte er sich mit befreundeten Kommilitonen, darunter Horst Ehmke und Peter von Oertzen, im SDS.Wilhelm Hennis: Politikwissenschaft als Beruf. In: Wilhelm Hennis: Regieren im modernen Staat. Politikwissenschaftliche Abhandlungen I, Tübingen 1999, S. 381–415, hier: S. 399 f. Wie diese fühlte sich Hennis dem Lehrer Rudolf Smend immer verbunden, dessen Staatsrechtliche Abhandlungen er 1954 erstmals herausgab.Zuletzt in 3. Auflage: Rudolf Smend: Staatsrechtliche Abhandlungen und andere Aufsätze. Duncker & Humblot, Berlin 1994. Insofern ist Hennis im Schulstreit der deutschen Staatsrechtslehre in der frühen Bundesrepublik der Smend-Schule zuzurechnen, obwohl er sich von deren Verfassungs- und Grundrechtsverständnis immer wieder distanzierte.Dazu die Rezension von Ernst-Wolfgang Böckenförde: Hennis, Wilhelm, Verfassung und Verfassungswirklichkeit. Ein deutsches Problem. Tübingen 1968, J. C. B. Mohr. In: Der Staat 9 (1970), S. 533–536.
Nach der Promotion ging Hennis nach Bonn, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der SPD-Fraktion im Bundestag tätig war. Er arbeitete für Adolf Arndt, den Rechtsexperten der Fraktion, der in dieser Zeit mehrere Klagen vor dem eben eingerichteten Bundesverfassungsgericht vorbereitete, mittels derer die SPD Einfluss auf die Außenpolitik gewinnen wollte. So war Hennis an der Vorbereitung der Schriftsätze beteiligt, die den Klagen gegen Schuman-Plan und EVG-Vertrag zugrunde lagen. 1951 übernahm Arndt zudem die Vertretung der Verfassungsbeschwerde des Hamburger Senatsdirektors Erich Lüth und überließ seinem jungen Mitarbeiter Hennis die Ausarbeitung der Beschwerde, die im Dezember 1951 beim Bundesverfassungsgericht einging.Thomas Darnstädt: Verschlusssache Karlsruhe. Die internen Akten des Bundesverfassungsgerichts. München 2018, S. 201 und S. 204–207 (die Verfassungsbeschwerde datiert vom 18. Dezember 1951). Zum Verfahrensverlauf: . Das Lüth-Urteil, das für die Grundrechtsdogmatik epochal war, erging erst 1958. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hennis die Rechtswissenschaft längst zugunsten der Politikwissenschaft aufgegeben. Mit seiner Rolle als „nicht wegzudenkendes Glied (...) in der Kausalkette“, die zu dem folgenreichen Urteil führte, kokettierte er in späteren Jahren aber gern.Wilhelm Hennis: Politikwissenschaft als Beruf. In: Wilhelm Hennis: Regieren im modernen Staat. Politikwissenschaftliche Abhandlungen I, Tübingen 1999, S. 381–415, hier: S. 403 ff., Zitat S. 405.
Auf Einladung Henry Kissingers reiste Hennis 1952 in die Vereinigten Staaten und verbrachte den Sommer in Harvard. Er konnte den Aufenthalt in Amerika um einige Monate verlängern und kam in persönlichen Kontakt mit Otto Kirchheimer, Eric Voegelin und Leo Strauss.Stephan Schlak: Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik, C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56936-4, S. 54 f. Im März 1953 wurde Hennis Assistent von Carlo Schmid am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Frankfurt am Main. Hier reichte er im Herbst 1959 seine Habilitationsschrift Zum Begriff der politischen Wissenschaft – Ein Beitrag zu ihrer Rekonstruktion ein, mit der er sich im Juni 1960 habilitierte und die 1963 unter dem Titel Politik und Praktische Philosophie. Eine Studie zur Rekonstruktion der politischen Wissenschaft erstmals veröffentlicht wurde. Die Arbeit war in der Fakultät nicht auf einhellige Zustimmung gestoßen, worin sich ein Richtungsstreit zwischen empirisch-sozialwissenschaftlicher und philosophischer Orientierung innerhalb der im Aufbau befindlichen Politikwissenschaft abzeichnete.Zum Habilitationsverfahren: Reinhard Mehring: Teleologie und Topik. Von der praktischen Philosophie zur politischen Wissenschaft. In: Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis’ politische Wissenschaft. Fragestellungen und Diagnosen, Tübingen 2013, S. 47–72, hier: S. 49–51. Noch im Sommer 1960 erhielt Hennis einen Ruf an die Pädagogische Hochschule Hannover, schon 1962 wurde er als ordentlicher Professor für Politische Wissenschaft neben Siegfried Landshut an die Universität Hamburg berufen. Von dort ging er 1967 an die Universität Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1988 den Lehrstuhl für Politische Theorie innehatte. Zu Hennis’ akademischen Schülerinnen und Schülern gehören Heinrich Meier, Hella Mandt, Reinhard Mehring und Petra Weber, auch der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel war an seinem Lehrstuhl tätig.
Von 1960 bis 1975 war Hennis Mitherausgeber der Reihe Politica. Abhandlungen und Texte zur politischen Wissenschaft im Luchterhand-Verlag. Dieses Projekt ist für die Geistesgeschichte der Bundesrepublik insofern bemerkenswert, als der zweite Herausgeber zunächst Roman Schnur, ein bekennender Schmittianer, war, der eben zu dieser Zeit gemeinsam mit Ernst-Wolfgang Böckenförde die Zeitschrift Der Staat gründete. Erklärtes Ziel der Herausgeber von Politica war, die alten Fronten zwischen Schmitt- und Smend-Schule in der jüngeren Generation zu überwinden. Die Reihe eröffnete mit Iring Fetschers Arbeit Rousseaus politische Philosophie und brachte schon als vierten Band 1962 die einflussreiche Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas. Über einen zweiten Band von Habermas, die Aufsatzsammlung Theorie und Praxis, kam es aber schon 1963 zur Auseinandersetzung zwischen den Herausgebern: Schnur lehnte einen weiteren Titel des Frankfurters ab, Hennis, der nach 1968 zu Habermas’ Antipoden werden sollte, befürwortete das Buch. Schnur stieg im Streit aus dem Projekt aus, das fortan von Hennis und Hans Maier verantwortet wurde.Stephan Schlak: Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik, C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56936-4, S. 75–78.
Hennis trat 1946 in die SPD ein, verließ die Partei aber im Jahr 1958 aus Protest gegen deren Unterstützung der Aktion Kampf dem Atomtod. 1962 kehrte er in die Partei zurück.Rüdiger Voigt: Wilhelm Hennis und die Sozialdemokratie. In: Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis’ politische Wissenschaft, Tübingen 2013, S. 153–166, hier: S. 153 f. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Hennis bereits als wichtiger akademischer Befürworter einer Wahlrechtsreform profiliert, die den Übergang von der Verhältniswahl zur relativen Mehrheitswahl anstrebte. So hatte er in Amtsgedanke und Demokratiebegriff, seiner Frankfurter Antrittsvorlesung im Februar 1961 für das Mehrheitswahlrecht in Ein-Mann-Wahlkreisen nach britischem Vorbild geworben, das dem Parlamentarischen Regierungssystem angemessener sei als das Verhältniswahlrecht.Wilhelm Hennis: Amtsgedanke und Demokratiebegriff. In: Wilhelm Hennis: Politikwissenschaft und politisches Denken. Politikwissenschaftliche Abhandlungen II, Tübingen 2000, S. 127–147, speziell: S. 135 ff. Er versuchte seine Partei für diese dort wenig populäre Forderung zu gewinnen und unterstützte 1966 die Bildung der Großen Koalition „einzig mit der Rechtfertigung, auf Dauer die verfassungs- und wahlrechtlichen Grundlagen einer parlamentarischen Kanzlerdemokratie zu legen“.Wilhelm Hennis: Der Deutsche Bundestag 1949–1965. Leistungen und Reformaufgaben. 1966 in der Zeitschrift Der Monat erschienen, wiederabgedruckt in: Wilhelm Hennis: Auf dem Weg in den Parteienstaat, Stuttgart 1998, S. 21–48, Zitat S. 29. Im Februar 1967 wurde Hennis von Innenminister Paul Lücke neben Günter Dürig, Thomas Ellwein, Ferdinand Hermens, Erwin Scheuch und Ulrich Scheuner in den Beirat zu Fragen der Wahlrechtsreform berufen, der unter dem Vorsitz Theodor Eschenburgs tagte.Stephan Schlak: Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik, C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56936-4, S. 124 f. mit S. 252, Anm. 23. Als sich abzeichnete, dass die Reform von der SPD verschleppt wurde, um die FDP als möglichen Koalitionspartner zu erhalten, trat Hennis 1969 abermals aus der Partei aus, diesmal endgültig.