Der abstrakte Expressionismus ist eine nordamerikanische Kunstrichtung der modernen Malerei, die vornehmlich durch die New York School in den späten 1940er bis frühen 1960er Jahren bekannt wurde. Ihre Hauptströmungen manifestierten sich im Action Painting und der Farbfeldmalerei.

Charakteristik mini|Maltechniken des Action Painting: Farbauftrag links gespritzt, rechts getröpfelt Allen Ausprägungen des abstrakten Expressionismus war gemeinsam, dass das Gefühl, die Emotion und die Spontanität wichtiger waren als Perfektion, Vernunft und Reglementierung. Die Darstellungsweise war abstrakt, teilweise auch abstrakt-figurativ. Er übernahm die surrealistische Technik des Automatismus und die kubistische Idee der flächigen Räumlichkeit.Edward Lucie-Smith: DuMont’s Lexikon der Bildenden Kunst. DuMont, Köln 1990, S. 7 f.

Die Maltechniken wurden variiert und der Farbauftrag auf den Malgrund wurde mit Pinseln, Spachteln, mit der Handfläche, mit Hilfe von durchlöcherten Behältern (dripping) oder Eimern vollzogen.

Der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, Alfred Barr, charakterisierte die – nach Fauvismus und Kandinsky – zweite Strömung abstrakter Malerei „eher intuitiv und emotional als intellektuell, ihre Formen sind eher organisch und biomorph als geometrisch, eher kurvig als rechteckig, eher dekorativ als strukturell, und in ihrer Begeisterung für das Mystische, Spontane und Irrationale ist sie eher romantisch als klassisch“.Zitiert nach Barbara Hess, Uta Grosenick (Hrsg.): Abstrakter Expressionismus. Taschen, Köln 2005, S. 7.

Namensgebung Die Bezeichnung abstract expressionism für diese Kunstrichtung geht auf den langjährigen Kunstkritiker des New Yorker, Robert Coates, zurück. Er verwendete ihn anlässlich der Besprechung der ersten umfassenden Ausstellung von Hans Hofmann 1946 in der Mortimer Brandt Gallery.

Der jüdisch-deutsche Emigrant Hans Sahl war nach eigenen Angaben dabei, als der Begriff „Abstrakter Expressionismus“ erfunden wurde: „Ich hatte ihre Anfänge in der Cedar Bar und im White Horse Inn kennengelernt, als mein Freund, der Bildhauer Peter Grippe, mich mit einigen jungen Leuten bekannt machte, die behaupteten, man müsse etwas Neues erfinden, etwas, das weder abstrakt noch expressionistisch wäre und doch beides zugleich. ‚Warum nicht abstrakter Expressionismus?‘ sagte ein stämmiger, etwas bedrohlich aussehender Mann, der Jackson Pollock hieß. Man prostete einander mit Bierflaschen zu. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann griffen die Kunsthändler die Idee auf, und der abstrakte Expressionismus eroberte die Welt“.Hans Sahl: Das Exil im Exil. Sammlung Luchterhand, 1994, S. 161.

Varianten und Strömungen mini|Karl Otto Götz: KO 54 mini|Josef Trattner, abstrakt-expressionistisches Weinbild, 2010 In den Vereinigten Staaten entwickelte sich, unabhängig von der europäischen Entwicklung, das Action Painting, mit Jackson Pollock als seinem Hauptvertreter, der Farbe auf die am Boden ausgebreitete Leinwand tropfte, rinnen ließ oder schleuderte (eine Technik, die auch schon Max Ernst verwendet hatte). Auch Sam Francis, Helen Frankenthaler und der frühe Robert Rauschenberg praktizierten eine schnelle spontane Malerei. Hauptvertreter der meditativen Farbfeldmalerei (Colorfield Painting) sind Barnett Newman und Mark Rothko. Rothko malte große, oft monochrom modulierte Farbflächen mit meditativem Charakter, die mit dem Begriff „expressionistisch“ nicht zu fassen sind, und der immer abgestritten hat, seine Bilder seien „abstrakt“.

Weitere wichtige Künstler des abstrakten Expressionismus waren Mark Tobey, Adolph Gottlieb, Arshile Gorky, Clyfford Still, Willem de Kooning, Franz Kline und Robert Motherwell. Ad Reinhardt wird dieser Richtung ebenfalls zugerechnet, obwohl er sich davon distanzierte. Neben der Ostküsten-Variante der New York School entstanden zwei pazifische Varianten, die California School mit Richard Diebenkorn und die Northwest School des abstrakten Expressionismus mit Mark Tobey und Morris Graves als bedeutendsten Vertretern.

Verwandt ist dem amerikanischen abstrakten Expressionismus die europäische abstrakte Kunst der Nachkriegszeit, die als Informel oder Tachismus bekannt wurde, wobei la tache, d. h. ‚der Fleck‘, als Ausgangspunkt für den Malprozeß diente. Sie stammte aus Frankreich und fand in Deutschland (vornehmlich Düsseldorf) große Resonanz. Wichtige Künstler sind Wols, Jean Fautrier, Hans Hartung, Georges Mathieu aus Frankreich und Peter Brüning, Karl Otto Götz, Emil Schumacher aus Deutschland. In Österreich manifestiert sich die Strömung des abstrakten Expressionismus bis zum 21. Jahrhundert im Werk von Hermann Nitsch und Josef Trattner.

Entwicklung in den USA Zweiter Weltkrieg, Judenverfolgung und die Verdammung der modernen Kunst durch die Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ führten zu einer Immigrationswelle europäischer Künstler in die USA, vor allem nach New York. Hans Hofmann eröffnete 1933 in New York die Hofmann School of Fine Arts, Josef Albers lehrte ab 1933 am Black Mountain College. Sie übten dadurch starken Einfluss auf zeitgenössische amerikanische Künstler aus.

Dabei handelt es sich weniger um eine Stilrichtung als ein Konzept, Kunst in spontaner Weise und ohne die Beschränkung durch herkömmliche Formen auszuführen. Zu den führenden Kräften der Bewegung zählten Jackson Pollock, Willem de Kooning und Mark Rothko. Die surrealistische Haltung zur freien Schaffung hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Anfänge des abstrakten Expressionismus, vor allem durch den abtrünnigen Surrealisten Wolfgang Paalen, der in seiner Zeitschrift DYN aus Mexiko einen von der Quantenphysik, dem Totemismus und Kubismus neu bestimmten Raumbegriff propagierte.In seiner Theorie des beobachterabhängigen Möglichkeitsraumes, die der abstrakten Malerei in den vierziger Jahren neue Schwungkraft und ein einheitliches, neues Weltbild vermittelte, verarbeitete Paalen ebenso Erkenntnisse der Quantenphysik, wie eigenwillige Interpretationen der totemistische Weltauffassung und der räumliche Strukturen indianischer Malerei der Nord-West-Küste.

Peggy Guggenheims Museum und Galerie Art of This Century in New York, die von 1942 bis 1947 moderne Kunst ausstellte, war ein Treffpunkt europäischer surrealistischer und junger amerikanischer Künstler und bot den wichtigsten Ausstellungsraum in der Entwicklungszeit des abstrakten Expressionismus. enotes.com, abgerufen am 10. Mai 2015. Zu dieser Zeit stellte Barnett Newman eine Liste der gewünschten Vertreter für das zu gründende New Art Movement auf. Er nannte neben Gottlieb, Rothko, Pollock, Hofmann, Baziotes und Gorky auch Wolfgang Paalen. Motherwell dagegen versah er darin noch mit einem Fragezeichen.s. Barnett Newmans Notizen, in denen er seine organisierenden Gedanken zu America’s new art movement ausführt, enthält eine handgeschriebene Liste der men in the new movement. [Barnett Newman Foundation archive 18/103]

Als abstrakt expressionistisch wurden in den USA zuerst Werke des russischen Malers Wassily Kandinsky bezeichnet und zwar von Alfred H. Barr, dem ersten Direktor des New Yorker Museum of Modern Art. Maler der europäischen Avantgarde, die während des Zweiten Weltkriegs nach New York emigriert waren, darunter Max Ernst, Marcel Duchamp, Marc Chagall, Yves Tanguy, Piet Mondrian sowie 1947 in einem mehrmonatigen Aufenthalt Joan Miró, belebten bei amerikanischen Künstlern das Interesse für abstrakte Malerei neu und bereiteten den Boden für den Triumph der abstrakten Malerei in den 1940er und 1950er Jahren vor.

Diese Generation der Künstler war von einer tiefen Fortschrittskritik geprägt, vor allem durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Wolfgang Paalens Theaterstück The Beam of the Balance, eine Tragikomödie, ist eine Reflexion auf die ungebrochene Macht des Stalinschen Staatsterrorismus, die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 und die Gefahr einer aus dem Gleichgewicht geratenen Wissenschaft im Allgemeinen. Es wurde erstmals bekannt durch eine halböffentliche Lesung im Hause Robert Motherwells in East Hampton im Sommer 1946.Amy Winter: Interview of Luchita Mullican, Santa Monica, 1 May 1994. (Archives of American Art, New York) Bei Vertretern des abstrakten Expressionismus wie Barnett Newman und Mark Rothko wird eine ähnliche Haltung deutlich.

US-amerikanische Künstler

Semantische Verallgemeinerung Wenn die Bezeichnung Expressionismus für diese Form abstrakter Malerei einen semantischen Sinn haben soll, dann muss sie auf einen inhaltlichen Anspruch verweisen, der diese Malerei von einer bloß bildhaften Konstruktion oder Formensprache abhebt. Tatsächlich will sie darüber hinaus eine geistig-seelische Regung oder Befindlichkeit des Künstlers ausdrücken und über die bildnerische Darstellung dem Betrachter vermitteln. So heißt es bei Barbara Hess: „Alle abstrakten Expressionisten wollten Emotionen und Ideen .... transportieren.“Barbara Hess: Abstrakter Expressionismus. Verlag Taschen, Berlin 2017, ISBN 978-3-8365-0500-0. Dieser künstlerische Anspruch steht als geistig-religiöse Botschaft am Beginn der neuzeitlichen Malerei, und er tritt, je mehr die moderne Malerei sich vom Gegenständlichen löst, nicht etwa zurück, sondern vermag sich im Gegenteil mit zunehmender Abstraktion potentiell um so stärker zu entfalten, wie es bei van Gogh und dann im deutschen Expressionismus nachzuweisen ist.Alexander Eiling: in Making van Gogh (Alexander Eiling und Felix Krämer, Hrsg.). Hirmer Verlag, München 2019, ISBN 978-3-941399-96-9. Das mag die Vermittlung von Stimmungen und Empfindungen sein, etwa menschlicher Grundgefühle, die Mark Rothko für sich beansprucht und die, wie er berichtet, die Betrachter seiner Bilder nicht selten in Tränen ausbrechen ließ,David Anfam: Abstract Expressionism. Royal Academy of Arts, London 2016, ISBN 978-1-910350-31-7, S. 22. oder den Betrachter seinen eigenen Seelenzustand ergründen lassen, wie es Clyfford Still postuliert hat, der aber seinerseits in seinem Werk Leben und Tod „in erschreckender Weise“ zu verbinden glaubt.David Anfam: Abstract Expressionism. S. 25, 44. Der Betrachter mag die Heiterkeit, Leichtigkeit, oder auch Erhabenheit, Bedrohung nachempfinden, die sich in einem abstrakten Bild ausdrücken lässt. Selbst ein Werk des Informel soll noch Strömungen aus dem Unterbewusstsein des Künstlers auszustrahlen vermögen – oder zumindest seine überschäumende Energie, wie im Falle von Jackson Pollock.David Anfam: Abstract Expressionism. S. 25, 37. Freilich: Weder der Kunstkritiker noch der Künstler selbst sollte in ein Werk zu viel an tiefsinnigem Gehalt hineininterpretieren; vielleicht ist es auch nur, aber immerhin, der Wunsch nach einer harmonischen oder dynamischen Komposition, die schon Alexej von Jawlensky als das Ziel jedes Expressionisten bezeichnet hatAlexander Eiling: in Making van Gogh. S. 123. – in der ungegenständlichen Malerei nicht anders als in der von Natur aus ungegenständlichen Musik.

Mit diesem Bedeutungsgehalt andererseits ist der Begriff des abstrakten Expressionismus über seine spezifisch nordamerikanische Ausprägung hinaus als Kennzeichnung einer bestimmten Kunstrichtung, einer Malerei der ausdrucksstarken (expressiven) Abstraktion, verallgemeinerungsfähig.

Abstrahierender Expressionismus