mini|hochkant|Georges Braque, 1908 Georges Braque (* 13. Mai 1882 in Argenteuil, Département Val-d’Oise; † 31. August 1963 in Paris) war ein französischer Maler, Grafiker und Bildhauer. Nach einer frühen fauvistischen Schaffensphase war Braque zusammen mit Pablo Picasso der Mitbegründer des Kubismus.
Leben und Werk Georges Braque wurde als Sohn von Charles Braque (1855–1911) und Augustine Johanet (1859–1942) in einem Vorort von Paris geboren. Sein Vater war Dekorationsmaler. 1890 siedelte die Familie nach Le Havre über, wo der junge Braque 1899 eine Lehre als Dekorationsmaler machte und gleichzeitig in der Abendklasse der École des Beaux-Arts Malunterricht nahm. Von 1902 bis 1904 setzte er seine Studien in Paris an der Académie Humbert fort, wo er Marie Laurencin und Francis Picabia traf. Seine ersten Werke waren impressionistisch beeinflusst.
Werke Braques galten den deutschen Nazis als „entartet“, und 1937 wurden nachweislich acht davon in der Aktion „Entartete Kunst“ aus deutschen öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin Weitere Werke wurden u. a. jüdischen Sammlern entzogen, so Johanna „Hansi“ Ploschitzki (Hansi Share), Max Silberberg, Heinrich Stahl und dem Wiener Unternehmer Friedrich Wolf-Knize (1890–1949).
1906 bis 1907 Braque machte im Jahr März/April 1906 durch eine Ausstellung im XXII. Salon des Indépendants, auf der er sieben Bilder zeigte (die alle später zerstört wurden), die Bekanntschaft von Henri Matisse, Albert Marquet und André Derain, die fauvistische Werke ausstellten. Braque wurde vom Stil dieser „Fauves“ ( für Wilde) genannten Künstler beeinflusst und widmete sich verstärkt dieser Richtung. Er arbeitete eng mit Raoul Dufy und Othon Friesz zusammen, die ebenfalls in Le Havre wohnten.
mini|Paul Cézanne, Die Bucht von Marseille, von L’Estaque aus gesehen, um 1885, Art Institute of Chicago
Der Salon d’Automne zeigte im Herbst 1906 eine Ausstellung mit zehn Bildern von Paul Cézanne, der während des Verlaufs der Ausstellung am 23. Oktober starb. Braque, tief beeindruckt von Cézanne, reiste noch im Oktober nach L’Estaque, wo er sich bis Februar 1907 aufhielt. Cézanne hatte das Fischerdorf in der Nähe von Marseille in den 1880er Jahren besucht und dort eine große Anzahl Landschaftsbilder gemalt, deren bekannteste Das Meer bei l’Estaque (Musée d’Orsay, Paris) und Die Bucht von Marseille, von L’Estaque aus gesehen (Art Institute of Chicago) sind; letztere hatten großen Einfluss auf Braque. Nach L’Estaque kehrte Braque im Herbst 1907 und in den Jahren 1908 und 1910 zurück.
Im März/April 1907 gab es im XXIII. Salon des Indépendants erneut eine Ausstellung fauvistischer Arbeiten, an der er mit sechs Gemälden beteiligt war. Der deutsche Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler kaufte das Bild Das Tal, die anderen fünf Bilder erwarb der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde zum Gesamtpreis von 505 Francs. Im Juni und Oktober 1907 wurde Cézanne in Paris mit zwei umfangreichen retrospektiven Ausstellungen geehrt. Die sollten die Richtung der Avantgarde beeinflussen und den Weg zum Kubismus bahnen. Ganz entscheidend für Braque wurde sein zweiter Aufenthalt in L’Estaque im Herbst. Mit Gemälden wie Terrasse des Hotel Mistral (Privatsammlung, New York) und Viadukt bei L’Estaque (Minneapolis Institute of Arts) entfernte sich Braque vom Fauvismus und näherte sich Cézannes strukturiertem Stil an.Edward F. Fry, Cubism 1907–1908: An Early Eyewitness Account. In: The Art Bulletin. Vol. 48, No. 1, März 1966, S. 70.
Ende November/Anfang Dezember 1907 begleitete Guillaume Apollinaire Braque in Picassos Atelier im Bateau-Lavoir, Rue Ravignan 13. Vermutlich war dies Braques erster Besuch, vielleicht hatten aber auch schon im Frühjahr, während der Indépendants, erste Kontakte stattgefunden. Hier sah Braque erstmals das im Sommer 1907 beendete Gemälde Les Demoiselles d’Avignon (Museum of Modern Art, New York) und das begonnene Gemälde Drei Frauen (Eremitage Sankt Petersburg). Beeindruckt von diesem Besuch, arbeitete auch Braque im Dezember an Figurenkompositionen und begann ein großes Gemälde mit dem Titel Frau (Verbleib unbekannt; vermutlich verloren oder zerstört). Picassos Atelier bildete nun den Ort, in dem nicht nur über Picassos Arbeiten – etwa Akt mit Kleidungsstück –, sondern auch über die Braques diskutiert wurde.Judith Cousins: Vergleichende biographische Chronologie Picasso und Braque. In: William Rubin: Picasso und Braque. Die Geburt des Kubismus, 1990, S. 340–342. So wurde auch Braque in seinem Dachatelier in der Rue d’Orsel von Picasso besucht, zumal das Bateau-Lavoir nur wenige hundert Meter entfernt lag.Alex Danchev: Georges Braque: A Life. Arcade, 2005, ISBN 1-55970-743-7, S. 50.William Stanley Rubin, Judith Cousins: Picasso and Braque: Pioneering Cubism. Museum of Modern Art, 1989, ISBN 0-87070-676-4, S. 348.
1908 bis 1911 Anfang 1908 arbeitete Braque an einem weiteren figurativen Motiv, dem Großen Akt (Öl auf Leinwand, 140 × 100 cm, Sammlung Ales Maguy, Paris). Im XXIV. Salon des Indépendants – Picasso zeigte seine Arbeiten niemals im Salon – stellte Braque neben dem Gemälde Frau (das im Katalog nicht erwähnt wird), vier weitere Arbeiten aus. Picasso äußerte gegenüber seiner Freundin Fernande Olivier, Braque hätte „ein großes Bild mit kubistischer Konstruktion heimlich gemalt“ ohne irgendjemanden die „Quelle seiner Inspiration“ zu verraten.Judith Cousins: Vergleichende biografische Chronologie. In: Picasso und Braque - Die Geburt des Kubismus. Prestel, München, 1990, S. 342. So hatte Picasso seine Vorbehalte gegenüber Braque erst im Herbst 1908 aufgegeben, den er zuvor verdächtigte, seine Arbeiten und Ideen verwerten zu wollen, ohne deren Urheber anzugeben.Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso. 1991, Band 1, S. 182–183.Judith Cousins: Vergleichende biographische Chronologie Picasso und Braque. In: William Rubin: Picasso und Braque. Die Geburt des Kubismus. 1990, S. 343–345
Im Sommer 1908 hielt sich Braque wieder in L’Estaque auf und malte eine Serie kubistischer Landschaften, von denen Straße bei L’Estaque (Museum of Modern Art, New York), das bekannteste ist. Picasso, der den Sommer im Val-d’Oise verbrachte und ebenfalls Landschaften malte, kam, völlig unabhängig, zu ganz ähnlichen malerischen Ergebnissen: „[…] einer verknappenden Bildsprache aus facettierten Formen, Mehransichtigkeit der Gegenstände und Zurücknahme der Farbe um der Form willen.“Uwe M. Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert: Von den Avantgarden bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München, 2001, ISBN 3-406-48197-3, S. 47.
mini|Grand Palais, Paris, Ausstellungsort des Salon d’Automne (Postkarte um 1900)
Anfang September reichte Braque neun Bilder, darunter Häuser in L’Estaque, beim Salon d’Automne ein, die aber von der Jury, auch mit der Stimme von Matisse, abgelehnt wurden. Der Kunstkritiker Louis Vauxcelles berichtete über ein Gespräch mit Matisse: „Braque hat ein Bild eingereicht, das aus kleinen Kuben besteht […] Um sich besser verständlich zu machen, nahm er [Matisse] ein Stück Papier und zeichnete in drei Sekunden zwei aufsteigende, sich schneidende Linien, zwischen die kleine Würfel gesetzt werden, die das L’Estaque von Georges Braque darstellen sollten.“ Apollinaire kolportierte mehrfach diese Geschichte und die verwendeten Begriffe „Kubus“ und „Kubismus“. Im Jahr 1912 sollte dies die offizielle Erklärung für den Ursprung des Begriffs „Kubismus“ gewesen sein,Edward F. Fry: Cubism 1907–1908: An Early Eyewitness Account. In: The Art Bulletin. Vol. 48, No. 1, März 1966, S. 71. wohl auch durch eine im gleichen Jahr erschienene Abhandlung mit dem Titel „Du Cubisme“ von Albert Gleizes und Jean Metzinger. Allerdings taucht der Begriff bereits im Frühjahr 1909 in einem Artikel von Charles Morice im Mercure de France auf, einige Monate später nennt Vauxcelles diesen Stil „kubistisch“ und Ende 1909 ist der Ausdruck bei allen Malern und Kritikern in Gebrauch.Jane Fluegel, William Rubin (Hrsg.): Pablo Picasso. Retrospektive im Museum of Modern Art, New York. Prestel Verlag, München 1980, S. 89.
Ende des Jahres 1908 begannen Picasso und Braque einen regen Dialog.Patrick O’Brian: Pablo Picasso. Eine Biographie. Ullstein, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1982, S. 201. Braque bemerkte hierzu später: „Es dauerte nicht lange, und ich tauschte mich täglich mit Picasso aus; wir diskutierten und prüften die Ideen des anderen, […] und verglichen unsere jeweiligen Arbeiten.“Judith Cousins: Vergleichende biographische Chronologie Picasso und Braque. In: William Rubin: Picasso und Braque. Die Geburt des Kubismus. 1990, S. 346–347. Der gemeinsame Treffpunkt jener Tage war das Restaurant Azon.
Im November 1909 stellte Daniel-Henry Kahnweiler schließlich die Landschaften aus L’Estaque sowie die ersten kubistischen Stillleben Braques mit Musikinstrumenten in seiner Galerie aus. Im Winter widmete sich Braque mit Motiven wie Teller und Obstschale und Obstschale einem weiteren Cézanne’schen Grundthema. Picasso malte zur gleichen Zeit ebenfalls Früchtestillleben, was die wachsende Nähe der beiden Künstler dokumentiert.
Den Sommer 1909 verbrachte Braque in La Roche-Guyon im Seinetal, wo Cézanne sich 1885 aufhielt. Eine verfallene Burg und die Wälder der Umgebung animierten ihn zu fünf in Grün- und Grautönen gehaltenen Bildern. Nach einem Militärdienst in Le Havre entstand im Winter eine Reihe großformatiger Gemälde mit Musikinstrumenten, wobei er einen Nagel als Trompe-l’œil-Motiv in die kubistische Malerei einführte. In dem Motiv Feuerzeug und Zeitung (Privatsammlung) tauchten erstmals mit „GILB“ Buchstaben in einem Gemälde auf. Im Winter malten beide Künstler jeweils die Kirche Sacré-Cœur, die, vor allem bei Braque, bereits abstrakter werdende Formen annahm.
Im Frühjahr 1910 entstand mit Frau mit Mandoline das erste ovale kubistische Gemälde, worauf Picasso ebenfalls ein ovales Bild mit gleichem Sujet malte. Die folgenden zwölf Monate malte er, sowohl in L’Estaque als auch in Paris, weitere Stillleben, zum Teil in ovaler Form. Anfang September 1910 schickte Kahnweiler vier Gemälde Braques und drei Gemälde Picassos als Leihgabe zu einer Ausstellung beider Künstler in der Galerie Thannhauser nach München.
Seit etwa 1911 lebte Braque mit Marcelle Laprè zusammen, mit der er im Januar 1912 eine gemeinsame Wohnung in der Impasse de Guelma 5 bezog. In der Literatur wird sie seit 1912 als „Marcelle Braque“ bezeichnet; tatsächlich heiratete das Paar erst 1925.Current Biography, H.W. Wilson Company, 1949. Marcelle Laprè (1879–1965) sollte seine lebenslange Begleiterin werden. Den Sommer 1911 verbrachten Braque und Picasso einige Wochen in der südfranzösische Kleinstadt Céret. Sie setzten hier ihren intensiven, in Paris begonnene Austausch fort, die Zeit der produktivsten Zusammenarbeit beider Künstler begann. Während Braque den Mann mit Gitarre malte, antwortete Picasso mit der kongenialen Akkordeonspielerin. In den Stillleben Kerzenleuchter (Braque) und Stillleben mit Fächer (Picasso) bezogen beide Künstler den in Fraktur geschriebenen Titel der Tageszeitung L’Indépendant in ihre Motive ein. Picasso kehrte Anfang September nach Paris zurück, Braque blieb bis Januar 1912 in Céret, korrespondierte aber häufig mit Picasso. In dieser Zeit werden auch die ersten Papierplastiken von Braque datiert, die ihm bei Picasso den Spitznamen Wilbur Wright (nach dem Konstrukteur von Doppeldecker-Flugzeugen) einbrachte.William Rubin: Picasso und Braque - Die Geburt des Kubismus. Prestel 1990, S. 24 ff.
1912 bis 1914