mini|Deckblatt einer isländischen Abschrift der Snorra-Edda aus dem Jahr 1666 Als Edda werden zwei verschiedene, in altisländischer Sprache verfasste literarische Werke bezeichnet. Beide wurden im 13. Jahrhundert im christianisierten Island niedergeschrieben und behandeln skandinavische Götter- und Heldensagen. Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sie sich ihrem Ursprung nach und im literarischen Charakter.Rudolf Simek: Die Edda. C. H. Beck, 2007, ISBN 978-3-406-56084-2, S. 7.

Ursprünglich kam dieser Name nur einem Werk zu – der Snorra-Edda des Snorri Sturluson († 1241) –, das dieser um 1220 für den norwegischen König Hákon Hákonarson und den Jarl Skúli verfasste. Es ist ein Lehrbuch für Skalden (die altnordische Bezeichnung für „Dichter“) und gliedert sich in drei Teile, deren ersten beiden die mythologischen und sagenmäßigen stofflichen Grundlagen der Skaldendichtung unter Benutzung alter mythologischer Lieder und Heldenlieder in Prosa nacherzählen. Der dritte Teil, das „Strophenverzeichnis“, bringt für jede Strophenform eine Beispielstrophe. In dieses Werk schiebt er oftmals als Beispiele einzelne Strophen oder kurze Strophenfolgen aus alten Liedern ein. So werden hier ganz nebenbei Lieder von ungewissem Alter überliefert.

Das zweite Werk, das als Lieder-Edda bezeichnet wird, wurde erst im späten Mittelalter so benannt, doch der Name hat sich eingebürgertRudolf Simek: Die Edda. C. H. Beck, 2007, S. 8. und gilt als die bekanntere Edda: Um 1270 wurde auf Island eine Sammlung von Liedern unterschiedlichen Alters niedergeschrieben. Einige der von Snorri zitierten Strophen stimmen fast wörtlich damit überein. Diese Sammlung überliefert aber ganze Lieder, nicht nur Ausschnitte, und verbindet nur ganz wenige Texte durch Inhaltsangaben in Prosa.

Als Abgrenzung der beiden Werke voneinander werden die Werke in der Literatur als Snorra-Edda und Lieder-Edda bezeichnet. Auf Grund der Annahme, dass die Texte der Lieder-Edda zum Großteil Snorri schon bekannt waren, wird die Lieder-Edda oft auch als „Ältere Edda“ und die Snorra-Edda als „Jüngere Edda“ bezeichnet. Da aber die Liedersammlung wahrscheinlich erst nach dem Erscheinen der Snorra-Edda zusammengestellt wurde, sind diese Namen verwirrend und werden heute vermieden.Rudolf Simek: Die Edda. C. H. Beck, 2007, S. 45. Es wird auch bezweifelt, dass die Sammlung der Lieder-Edda so alt ist, dass sie schon auf Saemund den Weisen zurückgehen könnte; der Name Sæmundar-Edda, mit dem sie bis zum 19. Jahrhundert oft bezeichnet wurde, ist daher wohl falsch. Da die Snorra-Edda, obwohl ihr fortlaufender Text in Prosa geschrieben ist, sehr viele Strophen als Beispiele enthält, und die Lieder-Edda zwar wenige, aber doch einige Prosatexte zwischen den Strophen enthält, ist es auch ungünstig, die Snorra-Edda als „Prosa-Edda“ und die Lieder-Edda als „Poetische Edda“ zu bezeichnen.

Der Schriftsteller W. Hansen hat in jahrelanger Arbeit den Versuch unternommen, aus Hinweisen der Texte die Orte der Handlung auf Island zu ermitteln, die jeweils durch geologische Besonderheiten ausgezeichnet sind.Walter Hansen: Asgard – Entdeckungsfahrt in die germanische Götterwelt Islands, 1994, Weltbild Verlag Augsburg.

Bedeutung des Namens Die Etymologie des Wortes Edda ist unsicher. Wahrscheinlich handelt es sich einfach um die nordische Übersetzung des lateinischen Worts editio, zu deutsch Herausgabe, Edition. In der Orkneyinga saga finden wir das isländische Wort Kredda für das lateinische Wort Credo für Glaube, auch christliches Glaubensbekenntnis.

Lieder-Edda Die Lieder-Edda, früher auch Sämund-Edda genannt, ist eine Sammlung von Dichtungen unbekannter Autoren. Stofflich werden mythische Motive, sogenannte Götterlieder aus der Nordischen Mythologie, behandelt, und die sogenannten Heldenlieder. In den Heldenliedern werden Stoffe aus der germanischen Heldensage, beziehungsweise der Heldendichtung wiedergegeben. Die Spanne reicht von dem historischen Kontext enthobenen Personen der Völkerwanderungszeit, dem sogenannten Heldenalter, bis hin zu nordischen Bearbeitungen der Nibelungensage.

Überlieferung Der älteste und wichtigste Textzeuge der Lieder-Edda ist der vermutlich um 1270 niedergeschriebene Codex Regius der Lieder-Edda. Der Name Codex Regius (lat.: königliche Handschrift) bedeutet, dass der Codex in der königlichen Sammlung in Kopenhagen lag; viele andere Handschriften führen ihn daher ebenfalls, und auch von der Snorra-Edda gibt es einen Codex Regius, dem mit jenem der Lieder-Edda nur der Aufenthaltsort gemein ist. Aufgrund legendarischer Angaben wurde lange angenommen, dass die im Codex Regius der Lieder-Edda gesammelten Texte bereits von Saemundur Sigfusson (1056–1133) erstmals aufgezeichnet wurden, wofür es jedoch keine Anhaltspunkte gibt. Unregelmäßigkeiten der Orthografie zeigen, dass der Codex auf einer Vorlage in der Schreibweise der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts basiert (um 1250 wechselten die Schreibergewohnheiten stark; wer um 1270 einen Text der Zeit vor 1250 abschrieb, mischte unwillkürlich die ihm gewohnte moderne Schreibweise mit der Schreibung der Vorlage). Ältere Spuren schriftlicher Tradition finden sich nicht. Die ältesten darin enthaltenen Lieder gehen vielleicht schon auf Vorstufen aus dem 10. Jahrhundert zurück. Ein noch höheres Alter ist aus sprachgeschichtlichen Gründen (Synkope) nicht anzunehmen. Belege wie Schnitzereien in norwegischen Stabkirchen oder eine Darstellung auf dem schwedischen Ramsundstein (ca. 1030) zeigen, dass der schriftlichen Aufzeichnung zum Teil Jahrhunderte mündlicher Überlieferung vorangingen. Welche Veränderung die älteren Lieder in dieser Zeit erfahren haben, ist unbekannt; die Ansichten über die Datierung der alten Passagen gehen stark auseinander. Die jüngsten Lieder stammen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Außerhalb des Codex Regius sind noch weitere Lieder und Gedichte überliefert, die aufgrund ihrer Ähnlichkeiten in Stil, Versmaß und Inhalt auch zu den eddischen Liedern gezählt werden.

Die Lieder und Gedichte sind überwiegend in gebundener Form gehalten. Dazwischen finden sich jedoch auch kürzere Prosa-Abschnitte, etwa als Einleitung. Für diesen Wechsel gibt es mehrere Erklärungen. So könnten die Prosastücke verlorengegangene oder bruchstückhafte Verse ersetzt oder vorhandene gekürzt, präzisiert oder modifiziert haben. Sie könnten aber auch von Anfang an vorhanden gewesen sein.

Das Alter Die Datierung der Lieder-Edda steht im Zusammenhang mit der religionshistorischen Frage, inwieweit die Lieder-Edda als Dokument und Überlieferung vorchristlicher Zustände herangezogen werden kann. Um eine Datierung vorzunehmen, muss man zwischen literarischer Form und Inhalt unterscheiden. Der späteste Zeitpunkt für beides ist die Zeit der Verschriftlichung im 13. Jahrhundert in Island. Man dachte früher, dass die literarische Form aus dieser Zeit stamme. Bei Ausgrabungen in Bergen wurde dann ein Runenversfragment gefunden, das auf die Zeit um 1200 datiert wird. Seither herrscht die Meinung vor, dass auch die Form bereits zu dieser Zeit vorlag. Der Vers lautet (in Umschrift): Heil sér þú ok í hugum góðum. Þórr þik þiggi. Oðinn þik eigi.Zitiert aus Preben Meulengracht Sørensen: Om eddadigtenes alder (Über das Alter der Edda-Dichtung). In: Nordisk hedendom. Et symposium. Hrsg. von Gro Steinsland, Nordiska samarbetsnämnden för humanistisk forskning. Odense Universitetsforlag, Odense 1991, ISBN 87-7492-773-6, S. 219.Gesund seist du und guten Sinnes. Möge Thor dich annehmen. Möge Odin dich zu eigen machen. Liestøl hält diesen Vers für ein eddisches Zitat. Bei der Frage nach dem Alter kann man anhand der Völuspá die Schwierigkeit zeigen: Wenn die Forschung sich auch darüber einig ist, dass dieses Gedicht auf die Zeit um 1000 zurückgeht, so kann daraus doch nicht geschlossen werden, dass um diese Zeit ein Gedicht, das in Form und Inhalt der Völuspá entspricht, bereits vorlag. Wenn man also bestimmte Mytheninhalte archäologisch in wesentlich früherer Zeit nachweisen kann, bedeutet das nicht, dass die überlieferte Dichtung bereits als Element mündlicher Überlieferung bestanden hat.

Nach Sørensen haben die Edda-Gedichte in der überlieferten Form kein wesentlich höheres Alter als ihre Verschriftlichung. Mit Hinweis auf den Fund in Bergen meint er, eine gewisse Variabilität der Dichtung feststellen zu können. Außerdem spreche die Anonymität im Gegensatz zu der Skaldendichtung dagegen. Es sei nie als das Werk eines einzelnen Verfassers betrachtet worden, sondern als ein Material zur freien Verfügung eines jeglichen Dichters, der sich mit dem Stoff befasst habe. Bei Skírnismál kommt man heute dazu, dass es sich um einen vorchristlichen Inhalt handelt, der literarisch neu verarbeitet wurde.Gro Steinsland: Det hellige bryllup og norrøn kongeideologie. En undersögelse af hierogami-myten i Skírnísmál, Ynglingatal, Háleygjatal og Hyndluljoð. Solum, Oslo 1991, ISBN 82-560-0764-8. Der Dichtung Lokasenna müssen die Mythen, auf die dort Bezug genommen wird und die als bekannt vorausgesetzt werden, bereits vorher in irgendeiner Form in Umlauf gewesen sein. Die Strophen 104 bis 110 der Hávamál handeln davon, wie Odin bei den Riesen durch Gunnlöd den heiligen Met gewann. Die Verse sind aus sich heraus unverständlich und finden ihren mythologischen Zusammenhang erst in Snorris Skáldsskapamál. Auch hier wird die Kenntnis des Zusammenhangs als bekannt vorausgesetzt.

Das Gleiche gilt in besonderem Maße für die Kenningar der Skalden-Gedichte, die den mythologischen Hintergrund ihrer Beschreibungen als bekannt voraussetzen.Sørensen, 1991, S. 224. Sørensen meint, dass die Lieder-Edda genuin (ursprünglich) heidnische Tradition wiedergibt: Zum einen enthalte die Darstellung der Götter keinen Bezug zum Christentum, auch nicht zu christlicher Moral. Zum anderen betont Snorri selbst den scharfen Unterschied zwischen dem, was er niederschreibt, und dem Christentum:

Snorri verstand also seine Überlieferung als echt heidnisch und für Christen nicht ungefährlich. Allerdings hat eine einigermaßen geschlossene Kosmologie eines mythischen Universums mit zeitlicher Abfolge der Ereignisse, wie sie in der Völuspá und in Gylfaginning vorliegt, eine Schriftkultur zur Voraussetzung, und es ist durchaus naheliegend, dass diese zusammenhängende Darstellung erst mit dem Codex Regius vollendet wurde. Für die schriftliche Vorläufertradition gibt es zwei Theorien:Zitiert nach Gustav Stange im Nachwort zu Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Nach der Handschrift des Brynjolfur Sveinsson. Vollst. Textausgabe in der Übers. von Karl Simrock. Überarb. Neuausgabe mit Nachw. und Register von Manfred Stange. Bechtermünz, Augsburg 1995, ISBN 3-86047-107-4. Andreas Heusler vertrat die Liederheft-Theorie: Es habe ein Odin-Heft mit drei Liedern, ein Spruchheft mit sechs Einzelliedern, die später zur Havamál zusammengefasst worden seien, ein Helgi-Heft mit drei Liedern und ein Sigurd-Heft gegeben, die jeweils getrennt ausgebaut worden seien, bevor sie zur überlieferten Form zusammengefasst worden seien.Andreas Heusler: Die altgermanische Dichtung (= Handbuch der Literaturwissenschaft). Akad. Verlag-Ges. Athenaion, Berlin-Neubabelsberg 1923, . Gustav Lindblad meint, dass es zwei getrennte Sammlungen gegeben habe, nämlich den Götterliederzyklus und den Heldenliederzyklus.Gustav Lindblad: Studier i Codex Regius av äldre eddan (= Lundastudier i nordisk språkvetenskap / Utg. av Ivar Lindquist och Karl Gustav Ljunggren. Band 10). I.-III. Lund 1954, (schwedisch; mit einer englischen Zusammenfassung).