mini|Der Chef des RSHA Reinhard Heydrich (1940)
Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war eines von zwölf SS-Hauptämtern in der Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkrieges die zentrale Behörde im Repressionsapparat der NS-Diktatur. Es wurde am 27. September 1939 von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS, durch die Zusammenlegung von Sicherheitspolizei (Sipo) und Sicherheitsdienst (SD) gegründet und hatte ca. 3000 Mitarbeiter. Leiter des RSHA war bis zu seinem Tod Reinhard Heydrich, anschließend Ernst Kaltenbrunner.
Ein Großteil seiner Ämter und Amtsgruppen war über ganz Berlin verstreut untergebracht. Hauptsitz des RSHA mit den Büros von Heydrich und Kaltenbrunner war das Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße 102. In der Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute: Niederkirchnerstraße in Berlin-Kreuzberg) befand sich die Zentrale der Gestapo. Das Gelände gehört zur 2004 entstandenen Gedenkstätte Topographie des Terrors.
Das RSHA koordinierte 1941 und 1942 die mobilen Tötungseinheiten – Einsatzgruppen, Ordnungspolizei und Höhere SS- und Polizeiführer – und war damit für die Ermordung von mehr als einer Million Juden verantwortlich.
Geschichte mini|Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes gegen Maria Fischer, unterschrieben mit „gez.: Dr. Kaltenbrunner“ (13. Mai 1943)
Mit der Gründung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) erreichte die von Heinrich Himmler seit der Machtübernahme 1933 vorangetriebene und von Reinhard Heydrich gewollte Verselbstständigung des nationalsozialistischen Gewaltapparates eine neue Hochphase. Unmittelbar gebunden an die Vorbereitung des deutschen Überfalls auf Polen war Walter Schellenberg beauftragt worden, ein Konzept für eine im Kriegszustand die innere Staatssicherung gewährleistende Institution auszuarbeiten. Deren Zielstellung sollte darin bestehen, den einheitlichen Einsatz aller Kräfte gegen jegliche Störung und Zerstörung sicherzustellen. Dabei bestand die von Heydrich verfolgte Grundposition darin, keine Vermischung zwischen den Strukturen der Sicherheitspolizei, die die Kriminalpolizei und die Politische Polizei in sich vereinte, und dem Sicherheitsdienst der NSDAP zuzulassen.
Im Frühjahr 1939 lagen erste Eckpunkte der zukünftigen Institution vor. An den von Heydrich/Schellenberg ausgearbeiteten Eckpunkten und an der Besetzung der Führungspositionen entzündete sich jedoch Streit. Werner Best, der Stellvertreter von Heydrich, dem eine solche Ausarbeitung am ehesten zugestanden hätte, kritisierte zwei wesentliche Punkte der Ausarbeitung von Schellenberg scharf. Best stellte sich gegen die Eigenständigkeit der drei Grundformationen und forderte, dass der Sicherheitsdienst in der Sicherheitspolizei aufgehen müsse. Außerdem wandte er sich gegen die Position, die Ausbildung des Personals ausschließlich an der weltanschaulichen Haltung zum Nationalsozialismus festzumachen. Seine Forderung bestand in der Sicherstellung einer juristischen Grundqualifikation des Personals des RSHA.
Dieser Streit wurde auch öffentlich geführt und führte letztendlich zum Bruch zwischen Best und Heydrich, als am 27. September 1939 das Reichssicherheitshauptamt formal nach den Auffassungen Heydrichs installiert wurde. Chef des RSHA im Range eines SS-Obergruppenführers wurde Reinhard Heydrich. Nach dessen Tod am 4. Juni 1942 in Prag an den Folgen eines Attentats führte Heinrich Himmler als „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“ zunächst kommissarisch das RSHA, bis am 30. Januar 1943 Ernst Kaltenbrunner neuer RSHA-Chef wurde. Schellenberg, ein enger Mitarbeiter Heydrichs, hatte vergeblich versucht, dessen Nachfolger zu werden. Nach dem Kriegsende wurde Kaltenbrunner im ersten Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wegen seiner Kriegsverbrechen in dieser Funktion zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Aufgaben Zielsetzung, Struktur und Aufgabenverteilung im Reichssicherheitshauptamt waren von Beginn an auf eine Organisation des Krieges ausgerichtet. In ihr wurden die bereits 1936 begonnenen Schwerpunkte neu zusammengefasst, Leitinstanzen des inneren Terrors konsequenter miteinander vernetzt und erstmals staatliche Institutionen wie die Kriminalpolizei und die Geheime Staatspolizei mit Parteiinstanzen der NSDAP zusammengefügt. Damit verbanden sich die polizeiliche und nachrichtendienstliche Aufklärung, ausgestattet mit der Exekutivgewalt, mit den Instrumentarien von Schutzhaft und Konzentrationslagern. Die Aufgabenbereiche des RSHA umfassten alle „sicherheitspolitischen und nachrichtendienstlichen Belange“, eigneten sich in zunehmender Weise die Kompetenzen der anderen nachrichtendienstlich arbeitenden Institutionen an. In der Endphase des „Dritten Reiches“ unternahmen sie Schritte, sich der Aufgaben der Außenpolitik zu bemächtigen. Katrin Paehler, Ideologie und Illusion, in: Michael Wildt (Hrsg.), Das Reichssicherheitshauptamt, Hentrich & Hentrich Verlag Leipzig 2019, S. 111ff.
Unter die Zuständigkeit des Amtes fielen die Durchsetzung der „Judenpolitik“, rassenbiologischer Ziele des NS-Systems genauso wie die Verhaftung und Isolierung von „politisch unzuverlässigen“ Personen. Ein Novum waren die dem RSHA unterstellten und vom Personal des Amtes geführten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, die in den besetzten Gebieten unter dem Deckmantel der Bekämpfung „aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente“ Führungsschichten zu eliminieren hatten und dabei Massenmorde und Kriegsverbrechen begingen. Dies bedeutete vor allem in Polen und später in der Sowjetunion planmäßige Massaker an staatlichen und kulturellen Repräsentanten dieser Länder, auch an katholischen Priestern und kommunistischen Politoffizieren, sowie an Roma und vor allem an Juden. Gegen die jüdische Bevölkerung erfolgten nach Hasspropaganda bereits im Vorfeld gezielt Pogrome, Massenerschießungen und Massendeportationen. In der Sowjetunion leitete das RSHA die sogenannten „Säuberungsaktionen“ gegen sowjetische Kommunisten und Juden. Über 500.000 Menschen fielen diesen Aktionen zum Opfer. Auch innenpolitisch verfügte das RSHA über umfassende Vollmachten. Es nutzte vor allem die willkürlich verordnete „Schutzhaft“ und die von ihr eingeführte sogenannte „kriminalistische Vorbeugungsarbeit“ zur Bekämpfung politischer wie „rassischer“ Gegner (Juden, „Zigeuner“). Die „Meldungen aus dem Reich“ lieferten detaillierte Berichte über die Stimmung der intensiv bespitzelten Bevölkerung. 1944 wurden große Teile des Amts Ausland/Abwehr im OKW dem RSHA eingegliedert und auf das neue Militärische Amt (Amt Mil), das Amt IV (Gestapo) und VI (Ausland) aufgeteilt.
Das RSHA als „Institution neuen Typs“ Während in der wissenschaftlichen Diskussion das RSHA lange Zeit als eher locker zusammengeführtes Verwaltungsbüro faktisch getrennter Behörden (Sipo und SD) gesehen wurde, sehen neuere Untersuchungen in ihm ein die nationalsozialistische Herrschafts- und Vernichtungspraxis stark radikalisierendes Element.Vgl. insgesamt: Michael Wildt: Generation des Unbedingten Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition der HIS Verlagsgesellschaft. Hamburg 2003. Als „Institution neuen Typs“ verkörperte es die Verbindung von SS und Polizei zu einem die völkische Gesellschaftsauffassung des NS bewusst pflegenden und ausformenden Organ, das nicht in erster Linie Befehle nur ausführte, sondern diese eigenständig vorbereitete, formulierte und – vor allem in den Einsatzgruppen – auch selbst durchführte. Dabei konnte es diese Befehle und Zielvorgaben nach eigenen Vorstellungen in der Praxis noch erweitern und im Sinne des Nationalsozialismus radikalisieren.Michael Wildt: Generation des Unbedingten Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition der HIS Verlagsgesellschaft, Hamburg 2003, S. 855 ff. und S. 203 ff.
Seine Führungsschicht – in der Eugen Kogon noch eine überdurchschnittliche Anzahl zweitklassiger oder gescheiterter Akademiker sahVgl. die Kritik an Eugen Kogons Einschätzung in seinem Werk Der SS-Staat bei Michael Wildt: Generation des Unbedingten Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition der HIS Verlagsgesellschaft. Hamburg 2003, S. 15. – bestand tatsächlich überproportional aus hochgebildeten Akademikern und Aufstiegsbeamten mit polizeilicher Fachausbildung, die sich aus eigenem Antrieb heraus in den Dienst der Sache stellten. Die Führungsschicht des RSHA entspricht insofern nicht der Vorstellung von blinden Befehlsempfängern, sondern rekrutierte sich aus Überzeugungstätern,Michael Wildt: Generation des Unbedingten Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition der HIS Verlagsgesellschaft. Hamburg 2003, S. 855. die den Holocaust und die polizeiliche Herrschaftspraxis bewusst bejahten. Anders als es die Formulierung „Schreibtischtäter“ unterstellt, waren die verantwortlichen Mitarbeiter des RSHA nicht nur verwaltend tätig, sondern durch häufige Abkommandierungen, Versetzungen und freiwillige Meldungen direkt am Holocaust beteiligt. Ihre am Schreibtisch entwickelten Arbeitsvorgaben wurden nicht allein von fernen Befehlsempfängern ausgeführt, sondern auch von ihnen selbst. Als Beispiel kann hier Otto Ohlendorf gelten, der einerseits das Amt III des RSHA in Berlin leitete, aber auch die Einsatzgruppe D in der Sowjetunion führte.
Organisatorischer Aufbau
Zur Zeit seiner Gründung im September 1939 umfasste des Reichssicherheitshauptamt sechs Ämter die mit römischen Zahlen bezeichnet wurden. Während das Amt I (Organisation) alle zentrale Bereiche der Verwaltung, Organisation, des Personals, des Rechts sowie der Finanzierung beinhaltete, waren die Ämter II bis VI fachlicher Natur. Vor allem ihrer Herkunft nach deckten sie die sicherheitsrelevanten Bereiche nationalsozialistischer Herrschaft, der Gestapo, der Kriminalpolizei, des inneren und äußeren Nachrichtendienstes ab. Eine Ausnahme bildete lediglich das ursprüngliche Amt II (Gegnerforschung) und Auswertung. Es besaß anfangs keinen eigenen Unterbau in Form landesweit verteilter Einzelinstitutionen. Michael Wild (Hrsg.): Das Reichssicherheitshauptamt. NS-Terror-Zentrale im Zweiten Weltkrieg. Hentrich & Hentrich Verlag, Leipzig 2019.
Infolge des Ausscheidens von Werner Best Anfang 1940 aus der Institution erfolgte eine nochmalige Strukturveränderung. Das bisherige Amt II rückte im Verwaltungsaufbau an das Ende und wurde nun mit Amt VII (Weltanschauliche Forschung und Auswertung) bezeichnet. Das bisherige Amt I wurde nochmals aufgeteilt. Während das Amt I die Bereiche Personal, Erziehung und Ausbildung sowie Disziplinar in sich vereinte, nahm das neue Amt II die Bereiche Verwaltung, Recht, Organisation und Haushalt auf. Ein erster Schritt zur Verbreiterung der Basis für die eigene Grundlagenforschung des Amt VII war, sich der „Verbindungsstelle Deutsche Bücherei – Leipzig“, die systematisch als Auskunftsinstrument ausgebaut wurde, zu versichern.Monika Gibas: Arisierung in Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2007, S. 133ff.
Mit Erlass Himmlers vom 27. September 1939 setzte sich das RSHA ab dem 1. Oktober 1939 wie folgt aus den bisherigen Hauptämtern Sipo und SD zusammen:
Amt I (Organisation, Verwaltung, Recht): Werner Best Amt Verwaltung und Recht des Hauptamtes Sipo Amt I des Hauptamtes SD (ohne Referat I/3) Abteilung I und IV der Gestapo
Amt II (Gegnererforschung): Franz Six Abteilung II/1 (Gegnererforschung) und I/3 des Hauptamtes SD
Amt III (Deutsche Lebensgebiete – SD-Inland): Otto Ohlendorf Abteilung II/3 (Deutsche Lebensgebiete) des Hauptamtes SD
Amt IV (Gegnerbekämpfung – Gestapo): Heinrich Müller Amt Politische Polizei des Hauptamtes Sipo Abteilung II und III der Gestapo
Amt V (Kriminalpolizei): Arthur Nebe Reichskriminalpolizeiamt
Amt VI (SD-Ausland): Heinz Jost Amt III (Auslandsnachrichtendienst) Hauptamt SD