mini|Ein Schanigarten – hier vom Café Prückel
Schanigarten bezeichnet vor allem im östlichen und südlichen Österreich (besonders Wien) sowie mittlerweile auch in Südbayern (besonders München) einen direkt vor einem Gastronomiebetrieb auf öffentlichem Grund liegenden Bereich, in dem Tische zum Essen und Trinken aufgestellt sind. In der Regel sind Schanigärten auf Gehwegen, in Fußgängerzonen oder auf Parkstreifen angelegt und mit Blickschutzwänden oder Zäunen eingegrenzt, auf einem Podium errichtet oder mit Topfpflanzen geschmückt. Es handelt sich also nicht um einen „Garten“ oder Grünbereich, sondern eher um eine Terrasse. Aus rechtlicher Sicht ist es eine Sondernutzungserlaubnis.
In Deutschland nutzt man für entsprechende Flächen vielerorts stattdessen die juristische Bezeichnung „Außengastronomie“ oder „Freischankfläche“, in Sachsen auch „Freisitz“, wobei diese sich – genauso wie die besondere Untergattung der Biergärten – meist nicht auf öffentlichem Grund befinden. Der Wiener Tourismusverband benutzt zur Information internationaler Besucher verschiedene Bezeichnungen, u. a. englisch „“, französisch „“ und spanisch „“.
Begriff
mini|Schanigarten des Zwillings-GewölbDer Begriff „Schani“ bezeichnet in der Wiener Mundart allgemein einen Kellner. Darüber, woher dieser Begriff stammt, gibt es verschiedene Theorien (siehe unten Etymologie).
Allgemeines An sonnigen Tagen sind Tische und Sitzgelegenheiten vor einem Kaffeehaus, Beisl, Gasthaus oder -hof oder anderem Lokal beliebt. Die Schanigärten sind Orte der Entspannung und dienen auch dem „Sehen und Gesehen-Werden“. Aufgestellt sind die Sessel, Stühle oder auch Bänke auf einem breiteren Gehsteig, in einem Parkstreifen oder in einer Fußgängerzone. Der Schanigarten befindet sich immer in direkter Nähe zum eigentlichen Lokal und ist üblicherweise auf dessen Breite beschränkt. Teilweise sind die Schanigärten durch Blumenkästen und mittelhohe Trennwände von der Umgebung etwas abgegrenzt, viele haben Sonnenschirme, manche Markisen. Besonders bei schiefen Ebenen und wenn der Parkstreifen benützt wird, dient öfters ein eigenes Podest als Grundlage. Alle Teile sind aber üblicherweise nicht fix mit dem Untergrund verbunden und werden bis auf Ausnahmefälle spätestens am Ende der Sommersaison wieder abgebaut.
Der prinzipielle Unterschied zum normalen Gastgarten ist der, dass die Besucher auf einem öffentlichen Grundstück sitzen. Aber nicht jeder unterscheidet dies. In weiterer Folge ist die Bezeichnung Schanigarten für kleine Gastgärten in Durchhäusern oder belebteren Höfen zu finden. Genauer differenziert handelt es sich bei einem Schanigarten im eigentlichen Sinn um ein Ensemble von Tischen, Stühlen und Sonnenschirmen, das jeden Tag auf- und wieder abgebaut wird, im Gegensatz zum fix installierten Gastgarten. Gastgärten entsprechen in Deutschland Biergärten.
So beliebt die Schanigärten bei den Gästen sind, so gibt es immer wieder Probleme zwischen den Anrainern (Anwohnern) und den Lokalbesitzern wegen Lärmbelästigung am späteren Abend. Die Gastronomie möchte die Gäste so spät wie möglich ins Lokal bitten oder nach Hause schicken, manche Anrainer wollen eine möglichst frühe Sperrstunde. Problembereiche gibt es auch wegen der teilweise verwendeten Parkplätze, Zigarettenrauch oder Essensgerüchen. Dies führt immer wieder zu langandauernden juristischen Auseinandersetzungen.
In Wien gab es 2019 insgesamt etwa 3500 Gast- und Schanigärten. Ein Pressetermin mit Vertretern der Stadt und der Wirtschaftskammer als offizieller Auftakt der Sommersaison (1. März–30. November) findet jedes Jahr in einem anderen Lokal üblicherweise im Laufe des März statt. Im Jahre 2019 wurde das Wiener Donauinselfest, welches von mehreren Betrieben bewirtschaftet wird, als „der größte Schanigarten“ bezeichnet.
Winterschanigärten Seit 2017 gibt es in Wien auch eine stark eingeschränkte Wintersaison, 2018 auf 2019 betrug die Zahl der Winter-Schanigärten 230. Tendenziell kommen durch die Klimaerwärmung mehr wärmere Wintertage vor, Städtetourismus nimmt zu und Gastronomen wollten die angeschaffte Möblierung (Podest, Sitzgarnituren, Schirme) länger nutzen pro Jahr. Mit der Einführung des allgemeinen Rauchverbots in geschlossenen Gastlokalen in Österreich – hier wirksam ab 1. November 2019 – drängen zudem Raucher verstärkt ins Freie. Winterschanigärten und Raucher-Stehzonen im Freien werden teilweise seitlich mit Wänden versehen, um Wind abzumildern, und weiters gegen Niederschlag beschirmt, was eine gewisse Geborgenheit vermittelt. Häufig werden Sitzpolster und Decken als individuelle Wärmeisolierung angeboten. Zumeist wird mit elektrischen Heizschwammerln oder schräg von oben strahlungsbeheizt, wobei die rechtliche Situation von Stadt zu Stadt abweicht. Für jeden Heizstrahler müssen in Wien 58,90 Euro Gebrauchsabgabe pro Jahr bezahlt werden. Das Umweltbundesamt sowie die Wiener Magistratsabteilung für Umweltschutz sehen die Entwicklung jedoch kritisch und auch Greenpeace steht Heizstrahlern skeptisch gegenüber, da diese zu einem großen zusätzlichen Energiebedarf führen würden.
Geschichte
Johann Jakob Tarone, vulgo Taroni († 22. Jänner 1777 im Alter von 71 Jahren, auch Tarroni geschrieben, spätestens seit 1993 auch mit der italienischen Version des Vornamens: Gianni), der dem durch allgemeine Änderungen der Ausschankgenehmigungen verarmten Stand der „Wasserbrenner“ (Branntweiner) angehörte, eröffnete 1748 am belebten Graben (damalige Konskriptionsnummer 1134 b, heute Ordnungsnr. 14–15, Ecke Habsburgergasse) ein Kaffeehaus. Am 6. Mai 1754 wurde ihm außerdem bewilligt, ein Zelt zum Ausschank der „Erfrischungswasser“ aufzuschlagen, wie sie schon von Vinzenz Zandonati seit 1728 Am Hof und in der Brandstätte betrieben wurden. Um 1750 erhielt er die Erlaubnis, Tische und Stühle vor dem Kaffeehaus aufstellen zu dürfen. Dies wird als Geburtsstunde des Wiener Schanigartens angesehen. Da es sich für Frauen nicht schickte, ins Kaffeehaus zu gehen, sondern nur in die Konditorei, konnten sie durch den Gastgarten erstmals am Kaffeehausleben teilnehmen.
Im Jahre 1825 übernahm Simon Corra das 1794 von Georg Pöhlein im Bürgerspitalzinshaus eröffnete Kaffeehaus und errichtete der Unternehmensgeschichte nach ab 1836 den ersten klassischen Schanigarten mit Tischen, Stühlen und Kübelpflanzen. Das Kaffee wurde im Zuge des mehrjährigen Bürgerspitalabbruchs 1882 demoliert und in den neu errichteten Häusern wurde in unmittelbarer Nachfolge ein Kaffee eröffnet, welches seit 1929 Café Mozart heißt.
Etymologie Woher und seit wann der Schanigarten seinen Namen hat, ist ungeklärt, es gibt mehrere Mutmaßungen: Sowohl Tarone als auch Tarroni sind Namen italienischer Herkunft und das Kaffeehaus soll der Treffpunkt der in Wien lebenden Italiener gewesen sein. Mit Verweis auf Christoph Wagner erklärt Heinz Dieter Pohl, dass Gianni Tarroni der Ausgangspunkt für Giannis Garten ist, aus dem dann der Schanigarten entstand. Dem schließt sich auch Robert Sedlaczek an. Französischen Einfluss gibt es in der seit der Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen höfischen Kultur in mehreren Wellen. Er erstarkt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, erreicht im 17. Jh. im Gefolge des sogenannten Alamodewesens einen zweiten Höhepunkt und einen absoluten Höhepunkt in der ersten Hälfte des 18. Jh. Auch die Französische Revolution ab 1789 und die Februarrevolution 1848 sind in manchen Bevölkerungsschichten Antrieb für eine gewisse Frankophilie, der Wiener Kongress 1814/1815 wieder in anderen. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wird das Englische langsam eine Konkurrenz und der Wechsel vollzieht sich ab der Jahrhundertwende. In früheren Jahren wurden Knaben häufig auf die Namen Hans, Johann oder Johannes getauft. Während des französischen Einflusses werden dann auch im deutschen Sprachraum französische Vornamen Mode, oder man verwendet die französische Version seines Vornamens. Schani wäre demnach eine in Wien oder in den Wiener Vorstädten entstandene Variante zum französischen Jean für Johann. Theoretisch könnte so auch der Urbesitzer involviert sein, das Lokal wird jedoch eigentlich immer als Tar(r)oni bezeichnet. Auch eine seit langem sehr populäre Version hat den französischen Einfluss als Grundlage. Moritz Heyne verweist 1869 im Deutschen Wörterbuch bei „Hans“ auf die Bedeutung als Allerweltsnamen, auf die im 16. und 17. Jh. bestehende feste Formel für den reichen, angesehenen großen Hans, dem man als Gegensatz einen kleinen Hans gegenüberstellte, sowie die bei den Landsknechten verwendeten Bezeichnungen großer Hans / kleiner Hans, welche die höhere oder niedere Stellung im Heere bezeichneten und sich bis in das 17. Jh. hinein hielten. In der Oeconomischen Encyclopädie von Krünitz aus den Jahren 1783/1792 sind „Johann“, „Hans“ und „petit-Jean“ (‚kleiner Johann‘) als Rufnamen für Bedienstete, Hausknechte etc. verzeichnet, „wenn man seinen rechten Taufnahmen nicht weiß“. Johann ist somit ein Standesname für einen Dienstboten oder eben einen Kellner und auf wienerisch Schani vor allem für den kleinen Kellner, den Piccolo oder in weiterer Folge für einen Handlanger. So kam es häufig vor, dass die Nachbarn am Morgen den Ruf des Oberkellners vernahmen: „Schani, trag den Garten ausse!“ (), und am Abend: „Schani, trag den Garten eine!“ (dt.: „Jean, trag den Garten hinein!“).
Schani ist eine Silbenverkürzung von Schau nur hin. Da die Konsumflächen allseits frei einsehbar sind, ermunterten die Gäste mit dieser Ansprache Passanten scherzhaft, ihnen ruhig ungehemmt beim Verzehr zuzusehen. Auch Ortsfremde wiesen mit dem ebenselben Ausruf Schau nur hin ihre Mitreisenden darauf hin, dass dort Frauen an der Kaffeehauskultur teilnehmen, was früher unüblich war. Da auch Alkoholika konsumiert wurden, wurde die Aussprache von Schau nur hin zu späterer Stunde zunehmend schwieriger und verkürzte sich zunächst zu: Scha-na-hi, woraus über die Jahre dann kurz Scha’n’i entstand. Im ostfränkischen Dialekt wird heute noch Scha nah hie, wäis dahogg’n von einer breiten Bevölkerung als Sieh nur hin, wie sie dasitzen verstanden. Der Begriff des Schanigartens ist in Wien entstanden, inzwischen hat er sich bis Salzburg und Kärnten ausgebreitet. In Tirol und vor allem in Vorarlberg ist er zwar bekannt, wird aber eher umgangssprachlich eingestuft oder konkret für Wiener Schanigärten verwendet. Mittlerweile wird er auch in Südbayern und München verwendet.
Kulturelle Rezeption Vom Volkssänger Wilhelm Wiesberg (1850–1896) gibt es das Duett Schani, trag’ den Garten aussi!. Wahrscheinlich aus den 1970er JahrenMartin Flossmann übernimmt 1971 das Simpl und Robert Gilert stirbt 1978. ist das Kabarettlied Schani trag’ den Garten rein, zu dem Martin Flossmann und Robert Gilbert den Text schrieben und Michael Danzinger die Musik.AKM-Werknummer: 383314, GEMA-Werknummer: 924590-001.
Der Spruch taucht 1910 beim Berliner Stadtforscher Hans Ostwald als Fritze, trag den Garten raus! auf und er beschreibt einen Hofraum mit einigen Levkojen und Oleander als einziger Flora. Das Garten raustragen wird auch 1920 von Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger in seinem satirischen Sommerlied als Zeichen für den Sommer aufgegriffen: Wenn der Sommer blaut, wenn der Penner klaut, wenn der Gastwirt stellt den Garten raus […].
Im 2017 erschienenen Buch „Warum trägt in Wien der Schani den Garten hinaus?“ stellen die Autoren zwei Theorien vor.
Die Museen der Stadt Wien (Wien Museum) stellen die Geschichte des Schanigartens unter dem Titel „Ein bisserl Grün mit Bedienung“ in ihrem Online-Magazin „Wien Museum Magazin“ vor.
„Der Timpel“, Moderator bei Radio 88,6, veröffentlichte im April 2020 das Lied „Schanigarten-Held“.
Entwicklung seit der Pandemie 2020 mini|Schanigarten in München nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie (August 2020)