Liberale Bewegungen im Islam ist ein Sammelbegriff für Gruppen und Einzelpersonen innerhalb des Islams, die ein Islamverständnis vertreten bzw. anstreben, das sich die Grundsätze von Demokratie und Menschenrechten,Mahmoud Bassiouni: Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-518-29714-8. wie sie in der westlichen Welt im Zuge von Humanismus und Aufklärung entwickelt wurden, zu eigen macht. Damit steht ein von diesen Bewegungen vertretener liberaler Islam im Gegensatz zu den konservativen Strömungen im Islam und aktuellen Erscheinungen im politischen Islam, die Demokratie und Menschenrechte ganz oder teilweise ablehnen.
Statt von liberalem Islam sprechen manche Gruppen lieber von humanistischemCanan Topçu: Mehr Farbe für die Islam-Debatte? In: Qantara.de vom 20. Mai 2015: Zum Muslimischen Forum Deutschland heißt es: „Um nicht als ein Vorstoß von liberalen Muslimen missverstanden zu werden, verzichteten sie daher auf den Begriff „liberal“. Im Text taucht er kein einziges Mal auf. Trotzdem bewerten Islam-Experte Lemmen und andere das Forum als einen Zusammenschluss von liberalen Muslimen. Darauf wollen die Gründungsmitglieder aber auf keinen Fall reduziert werden.“ oder auch aufgeklärtemVgl. zum Beispiel Interview mit Boualem Sansal. In: Cicero vom 17. Juni 2016: „dass eines Tages ein aufgeklärter Islam auftaucht und sich weiterentwickelt, dafür gibt es keine Grundlage“; Lisa Caspari: Hoffnung auf den „Aufstand der Kopftuchmädchen“ Die Zeit vom 21. Januar 2011: „Die SPD-Politikerin Lale Akgün plädiert in ihrem Buch für einen aufgeklärten Islam.“ Islam, um Missverständnisse zu vermeiden, etwa, dass aufgeklärte, moderne Konservative ausgeschlossen seien. Auch die Begriffe Euro-IslamVgl. zum Beispiel Jamal Malik: Inwieweit ist die EU ein christliches Projekt? In: Hartmut Behr, Mathias Hildebrandt (Hrsg.): Politik und Religion in der Europäischen Union: Zwischen nationalen Traditionen und Europäisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 95–110, hier S. 105 (Online-Vorschau): „Sie alle plädieren für einen wie auch immer gearteten liberalen Euro-Islam“; Nico Landman: Westeuropa. In: Werner Ende, Udo Steinbach (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart. 5. Auflage, C.H.Beck, München 2005, S. 560–572, hier S. 572 (Online-Vorschau): „„Euro-Islam“ steht oft für eine moderne und liberale Variante des Islams, die sich den Basisnormen der westeuropäischen Gesellschaft anpasst. Andererseits kann der Begriff auch analytisch gebraucht werden, d. h. als Ausdruck für die Formen des Islams, die durch die Interaktion mit der westeuropäischen Gesellschaft bestimmt werden.“ oder Reformislam bzw. IslamreformVgl. zum Beispiel Zafer Senocak: Der Staat kann den Islam nicht reformieren. In: Die Welt vom 5. Juni 2007: „Das ist ein langer und mühsamer Weg, an dessen Ende so etwas wie ein Reform-Islam entstehen könnte. Auch dieser Reform-Islam wird nur einen Teil der Muslime ansprechen können“; oder: Till-Reimer Stoldt: Diese Frau greift den deutschen Islam frontal an. In: Die Welt vom 30. Oktober 2015: „Von einem glaubwürdigen Reformislam könne man erst dann sprechen, meint James, wenn dieser den Mut finde, den islamischen Propheten zu kritisieren und „die Gewalt Mohammeds“ nicht mehr zu verschweigen.“ werden häufig zur Bezeichnung des liberalen Islams verwendet, obwohl der Begriff Euro-Islam durch Bassam Tibi eng definiert wurde bzw. nicht jeder Reformislam ein liberaler Islam sein muss (vgl. zum Beispiel Salafismus oder die Wahhabiten). Eine arabische Selbstbezeichnung lautet , al-Islām at-taqaddumī, „fortschrittlicher Islam“. miniatur|Der Afghane Khan Abdul Ghaffar Khan – hier mit Mahatma Gandhi – vertrat einen gewaltlosen Islam, der mit anderen Religionen zusammen existieren kann.
Die Bewegungen umfassen unter anderem Neuinterpretation des Korans und Hinterfragung einzelner Hadithe.
Geschichte des liberalen Islams Die Ägyptische Expedition Napoleons (1798–1801) löste einen intensiven Kontakt der islamischen mit der europäischen Welt aus. Eine große geistige Bewegung zur „Versöhnung von Islam und Moderne“ ist die sogenannte Nahda-Bewegung. Ihre wichtigsten Reformer im 19. Jahrhundert waren Dschamal ad-Din al-Afghani (1838–1897) und Muhammad Abduh (1849–1905). Die Nahda beeinflusste den Modernediskurs in der arabisch-islamischen Philosophie, steht aber auch am Beginn des Salafismus.Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam: A Source Book. Oxford University Press, New York 1998, S. 5–13.
Teilweise herrscht über die Einordnung der einzelnen Vordenker eines liberalen Islams keine Einigkeit. Muhammad Iqbal zum Beispiel wird von Kurzman als „most influential liberal Muslim of the twentieth century“Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam: A Source Book. Oxford University Press, New York 1998, S. 25. bezeichnet, während Ludwig Ammann einwendet: „Iqbal ist also kein liberaler Reformer, auch wenn er hierzulande gerne so verstanden wird“.Ludwig Ammann: Die Wiederbelebung des religiösen Denkens. Qantara.de, 14. Oktober 2005.
Ansätze, Argumente und Methoden des liberalen Islams
Es gibt verschiedene Ansätze des liberalen Islams, die sich nach verschiedenen Aspekten unterscheiden lassen: Der liberale Islam in westlichen Ländern geht zum Beispiel von anderen Voraussetzungen aus als der liberale Islam in islamischen Ländern. Einige argumentieren sehr theoretisch, andere handeln eher wie politische Aktivisten. Die verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen wählen zudem verschiedene Methoden, um den Islam zu liberalisieren. In den Methoden spiegelt sich der soziale Kontext der jeweiligen Akteure. Allen gemeinsam ist das Festhalten an den Fünf Säulen des Islams.Vgl. Shireen T. Hunter: Introduction. In: Shireen T. Hunter (Hrsg.): Reformist Voices of Islam: Mediating Islam and Modernity. Routledge, Abingdon 2014, S. 3–32, hier S. 23–26 (Online-Vorschau).Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam: A Source Book. Oxford University Press, New York 1998, S. 13–18.
Um dem Verdacht zu begegnen, die Religion des Islams willkürlich an westliche Vorstellungen anzupassen, verzichten viele Islamreformer auf den Begriff der Reform und weichen auf Begriffe wie Erneuerung, Englisch renewal, aus.Vgl. zum Beispiel Ömer Özsoy: Erneuerungsprobleme zeitgenössischer Muslime und der Koran. In: Felix Körner SJ (Hrsg.): Alter Text – neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute. Ausgewählte Texte. Herder, Freiburg 2006, S. 16 f. Einige liberale Gruppierungen lehnen die Mitgliedschaft von „Kulturmuslimen“ ab, um ihren religiösen Charakter sicherzustellen.Regina Mönch: Die anderen Muslime. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Mai 2010: „Dezidiert nicht säkular will eigentlich nur die Lehrerin Lamya Kaddor sein, wobei nicht klar ist, wie sie das meint. Kaddor will jedenfalls keine Kulturmuslime in ihrem Verein.“ Darunter befinden sich einige Argumente seitens des liberalen Islam.
Anpassung und theologische Rabulistik
Einige liberale Muslime in westlichen Ländern stellen den Aspekt der Anpassung an ihre westliche Umwelt in den Vordergrund. Damit sprechen sie vor allem sogenannte Kulturmuslime bzw. säkulare Muslime an, die ihre Religion kaum praktizieren.Bassam Tibi: Im Schatten Allahs – Der Islam und die Menschenrechte. Piper, München 1994, S. 346 ff. Andere setzen auf eine theologische Rabulistik, indem sie auf theologische Argumentationen zurückgreifen, die schwierige Probleme auf einfache Weise zu lösen versuchen, so zum Beispiel die Verwerfung der gesamten Hadith-Literatur. Nur der Koran allein als offenbartes Buch wird als Richtschnur anerkannt (Koranismus),Yvonne Haddad, Jane I. Smith: Muslim Minority Groups in American Islam. In: Dieselben (Hrsg.): The Oxford Handbook of American Islam. Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 137–156, hier S. 152 (Online-Vorschau). oder die alleinige Anerkennung der sogenannten mekkanischen Suren des Koran als normativ, während man die medinensischen Suren verwirft. Analog verfährt man mit den Hadithen.Vgl. zum Beispiel Interview mit Abdel-Hakim Ourghi. «Dieser Islam gehört nicht zu Deutschland!» In: Neue Zürcher Zeitung vom 25. August 2016.
In der Literatur werden diese und theologische Varianten vom liberalen Islam kaum diskutiert.Kaum diskutiert, da übergangen: Vgl. zum Beispiel Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam: A Source Book. Oxford University Press, New York 1998, S. 13.
Wiederaufgreifen verschütteter Traditionen
Viele liberale Muslime berufen sich auf Lehrtraditionen aus der Geschichte der islamischen Theologie, die ihrer Meinung nach zu Unrecht marginalisiert und vergessen wurden. Dazu gehört insbesondere die theologische Richtung der Muʿtazila aus dem 9. Jahrhundert, die stark von der Philosophie der Antike beeinflusst war und Willensfreiheit und Rationalität in den Vordergrund ihrer Lehre stellte, überlieferte Traditionen hinterfragte, sowie von der Erschaffenheit des Korans ausging. In diese Periode fiel auch die Blütezeit des Islam.Richard C. Martin, Mark Woodward, Dwi S. Atmaja: Defenders of Reason in Islam: Mu’tazililism from Medieval School to Modern Symbol. Oneworld Publications 2016.
Ebenfalls aufgegriffen wird der Rationalismus des Ibn Ruschd (1126–1198), auch Averroes genannt, der außerdem der Gegenspieler von al-Ghazālī war.Vgl. zum Beispiel Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam: A Source Book. Oxford University Press, New York 1998, S. 297.Vgl. auch Gotthard Strohmaier: Réception, propagation et décadence du rationalisme grec en Islam. Essai d’une recherche des causes. In: Gotthard Strohmaier: Von Demokrit bis Dante. Die Bewahrung antiken Erbes in der arabischen Kultur (= Olms Studien. Band 43). Hildesheim/Zürich/New York 1996, S. 281–296.
Liberale Muslime erinnern aber auch an Meinungen von Vordenkern anderer islamischer Richtungen, mit denen sie partiell übereinstimmen. So glaubte zum Beispiel Ibn Qaiyim al-Dschauzīya, der heute als früher Vordenker der Salafisten gilt, dass Dschihad ausschließlich Verteidigungskampf bedeutete. Und Ibn Taimiya, der heute als Vordenker des Islamismus gilt, stellte das Prinzip der Abrogation infrage.Mouhanad Khorchide: Gott glaubt an den Menschen. Herder, Freiburg 2015, S. 178.
Die historisch-kritische Methode Die historisch-kritische Methode enthält einen ganzen Werkzeugkasten an Instrumenten, um der wahren Bedeutung und Aussage alter Texte näher zu kommen.
Besseres Verstehen
Bevor man mit der historisch-kritischen Methode zu einer Interpretation von Koran und Sunna gegen den bislang bekannten wörtlichen Sinn vorstößt, was die historisch-kritische Methode ausmacht, erlebt man häufig, dass auch der wörtliche Sinn erst neu entdeckt werden muss. Oft erschließt sich im historischen Kontext und bei genauer Lesung, dass ein Text etwas ganz anderes meinte als bisher gedacht. Es liegt also ein Interpretationsfehler vor, der auch im Rahmen der traditionellen Exegese als solcher erkannt werden kann.Vgl. zum Beispiel Hartmut Bobzin: Der Koran. Eine Einführung. 6. Auflage, C.H. Beck, München 2006. S. 109 ff. (Online-Vorschau).
Zeit- und situationsbedingte Normen