Der islamische Feminismus ist ein auf die Gleichheit aller Muslime zielender Feminismus, ungeachtet des Geschlechts, im öffentlichen und privaten Leben. Muslimische Feministen vertreten Frauenrechte, Gleichstellung der Geschlechter, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit in der islamischen Gesellschaft. Obwohl im Islam verwurzelt, haben die Pioniere der Bewegung auch säkulare und westliche Diskurse verwendet und sie sehen die Rolle des islamischen Feminismus als Teil einer weltweiten feministischen Bewegung.

Vertreter der Bewegung betonen die tief verwurzelten Lehren der Gleichheit im Koran und ermutigen dazu, die patriarchalische Interpretation der islamischen Lehren durch den Koran (Wort Gottes), Hadith (Überlieferungen über Mohammed) und die Scharia (das islamische Gesetz) zu hinterfragen bezüglich einer egalitäreren und gerechteren Gesellschaft. Generell kann er als eine eher liberale Bewegung im Islam eingestuft werden.

mini|hochkant=0.7|Ein Symbol des islami­schen Feminismus mit einem Halbmond und einem Stern innerhalb des Symbols für das weibliche Geschlecht

Definitionen Der islamische Feminismus wird von islamischen Gelehrten im Vergleich zum säkularen Feminismus als radikaler definiert.Margot Badran: In: Al-Ahram Weekly. Nr. 569, 17. Januar 2002, abgerufen am 15. Februar 2020 (englisch). Islamische Feministinnen gründen ihre Argumentation auf dem Islam und seinen Lehren. Sie suchen und fordern die volle Gleichstellung von Männern und Frauen in öffentlichen wie privaten Bereichen. Auch Nicht-Muslime tragen zur Debatte bei. Innerhalb des Diskurses im Islam ist der Koran als zentraler Text verankert. by Margot Badran, Center for Muslim-Christian Understanding, Georgetown University, November 30, 2000

In neuerer Zeit hat sich das Konzept des islamischen Feminismus weiter entwickelt, wobei islamische Gruppen darauf achten, Unterstützung von möglichst vielen Teilen der Gesellschaft zu bekommen; gebildete muslimische Frauen sind bestrebt, ihre Rolle in der Gesellschaft zu artikulieren.Humphreys, R. Stephen: „Between Memory and Desire - The Middle East in a Troubled Age“, University of California Press, 2005 Allerdings werden Freiheiten wie das Recht auf Eigentum und Respekt der Männer vor den Frauen oft zur Seite geschoben, mit wenig Möglichkeiten für diejenigen, die dagegen protestieren wollen. Es waren hauptsächlich die Frauen der Oberschicht und der oberen Mittelschicht, die der islamischen feministischen Bewegung eine Stimme verleihen konnten, denn diese hatten die ökonomische Sicherheit und den notwendigen Zugang zu Bildung und Artikulationsmöglichkeiten, um gegen weit verbreitete Ansichten angehen zu können.

Einflüsse des säkularen Feminismus Der Aufstieg des modernen Feminismus in der islamischen Welt ist mit dem zunehmenden westlichen Einfluss verbunden, mit dem politischen und wirtschaftlichen Bestreben, sich an westlichen Staaten und Märkten und westliche Ideen wie allgemeines Wahlrecht, Menschenrechten und Zugang zu Bildung zu orientieren.

Geschichte des islamischen Feminismus Frühe Reformen unter dem Islam In der Zeit der frühen islamischen Reformen des 7. Jahrhunderts betrafen die Reformen der Rechte der Frau die Ehe, die Scheidung und das Erbrecht.Esposito (2005) p. 79 In anderen Kulturen, einschließlich des Westens, hatten Frauen bei weitem nicht diesen rechtlichen Status, sie bekamen ihn erst Jahrhunderte später.Jones, Lindsay. p.6224 Das Oxford Dictionary of Islam sagt, generelle Verbesserung des Status der arabischen Frauen sei das Verbot der Kindstötung – insbesondere die Tötung von Mädchen kurz nach der Geburt – und Anerkennung der Frau als Rechtsperson vor dem Gesetz.Esposito (2004), p. 339 „Die Mitgift, bis dahin ein Preis der an den Vater (des Mannes A.d.Ü.) gezahlt wurde, wurde umgewandelt in eine Gabe, die die Frau als Teil ihres persönlichen Eigentums behalten konnte.“Khadduri (1978)

Nach Einführung des islamischen Rechts (Scharia) wurde die Ehe nicht länger als Status gesehen, sondern eher als ein ziviler Vertrag, in welchem das Einverständnis der Frau zwingend erforderlich war. Die Frauen bekamen Erbrecht in einer patriarchalen Gesellschaft, in welcher zuvor nur die männlichen Verwandten erben konnten. Annemarie Schimmel schreibt, „verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die Islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat – zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes – das Recht, über das zu verfügen, was sie in die Familie gebracht hat oder durch eigene Arbeit verdient hat.“Schimmel (1992) p.65

William Montgomery Watt sagt, Mohammed könne im historischen Kontext seiner Zeit gesehen werden als eine Figur, welche Zeugnis abgelegt habe im Hinblick auf Frauenrechte und einige Dinge erheblich verbessert habe. Watt erklärt: „Zu der Zeit, als der Islam begann, waren die Bedingungen für die Frauen schrecklich, sie hatten kein Recht auf Eigentum, sie wurden angesehen als Eigentum des Mannes (wie zum Beispiel bei den Samburu, A.d.Ü.), und wenn der Mann gestorben war, ging alles zu den Söhnen. Mohammed gab den Frauen eine gewisse grundlegende Sicherheit, indem er Rechte einführte auf Eigentum, Erbschaft, Bildung und Entscheidung.“Maan, McIntosh (1999) Haddad und Esposito schreiben: „Mohammed gab den Frauen gewisse Rechte und Privilegien in der Sphäre der Familie, Ehe, Bildung und ökonomischen Unternehmungen, Rechte, die helfen, den Status der Frauen in der Gesellschaft zu verbessern.“Haddad, Esposito (1998) p.163

In der Blütezeit des Islam Während der vormodernen Periode, hier im Goldenen Zeitalter des Islam, gab es keine definitive feministische Bewegung. Trotzdem setzten sich Einzelpersonen für die Ausweitung der Frauenrechte und ihre Autonomie ein. Die Positionen reichen vom Mystiker und Philosophen Ibn ʿArabī (1165–1240), der mit der Fähigkeit von Frauen argumentiert, wie Männer spirituelle Ebenen zu erreichen, bis hin zu Nana Asma’u, der Tochter des Reformers Usman dan Fodio, die sich im 18. Jahrhundert für Alphabetisierung und Bildungsmöglichkeiten von muslimischen Frauen einsetzte.

Bildungswesen Frauen spielten bei der Gründung von islamischen Bildungseinrichtungen eine wesentliche Rolle: Fatima al-Fihri etwa gründete 859 die Koranschule und spätere Universität al-Qarawīyīn im marokkanischen Fès. Diese Tradition setzte sich in der Zeit der Ayyubiden-Dynastie im 12. und 13. Jahrhundert fort, als 26 von 160 Moscheen und Madrasas in Damaskus von Muslimas als fromme Stiftung (Waqf) gegründet waren.

Gemäß dem sunnitischen Gelehrten Ibn ʿAsākir aus dem 12. Jahrhundert gab es Gelegenheiten für Frauenbildung. Er schreibt, dass Mädchen und Frauen studieren, akademische Abschlüsse (ijazah) erreichen und als Scholaren (ʿUlamā') und Lehrerinnen tätig sein können. Dieses Modell galt besonders für Familien mit sehr hohem Bildungsstandard, die wollten, dass Söhne und Töchter gleichermaßen gut und bestmöglich ausgebildet sein sollen. Ibn ʿAsākir selbst studierte bei Frauen.

Frauenbildung war durch die Vorbildnahme von Muhammads Gattinnen inspiriert: Chadidscha war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Aischa eine hadith-Gelehrte und militärische Führerin. Sogar Muhammad selbst soll vom religiösen Wissen der medinischen Frauen begeistert gewesen sein.James E. Lindsay: Daily Life in the Medieval Islamic World, Greenwood Publishing Group. 2005, S. 196 War es Frauen nicht möglich, als ordentliche Studentinnen zu studieren, so besuchten sie inoffizielle Vorträge und Sitzungen zum Studieren in Moscheen, Madrasas oder auf öffentlichen Plätzen. Obwohl es keine gesetzlichen Einschränkungen gegen Frauenbildung gab, billigten manche Männer diese Praxis nicht.

Zivile und militärische Tätigkeiten Die Arbeitskräfte in der Zeit des Kalifats hatten unterschiedlichen religiösen und ethnischen Hintergrund. Auffällig war, dass beide Geschlechter, Männer und Frauen, in verschiedene wirtschaftliche TätigkeitenVgl. auch Peter Heine: Zur wirtschaftlichen Stellung der Frau im Islam. In: Geschichte und Kulturen. 2, 1990, S. 33–50. und Aufgabenbereiche eingebunden waren. Frauen besetzten dabei ein breites Spektrum an Beschäftigungsfeldern und Berufen: im primären Sektor arbeiteten sie als Bäuerinnen, im sekundären Sekror als Bauarbeiterinnen, Färberinnen, Weberinnen usw., im tertiären Sektor als Geschäftsfrauen, Ärztinnen, in der Krankenpflege, als Lehrerinnen und vieles mehr in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen.

Muslimische Frauen hielten das Monopol über einige Branchen wie Spinnen, Färben oder Stickerei. Im Vergleich dazu waren weibliches Besitzrecht und das Lohnniveau in Europa bis zur Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert relativ unterentwickelt.Maya Shatzmiller: "Women and Wage Labour in the Medieval Islamic West: Legal Issues in an Economic Context", Journal of the Economic and Social History of the Orient 40 (2), 1997, S. 174–206.

Im 12. Jahrhundert forderte der berühmte islamische Philosoph und Qādī (Richter) Ibn Russhd, auch bekannt unter dem Namen Averroes, dass Frauen den Männern gleichgestellt würden, da sie dieselben Anlagen in Frieden- wie in Kriegszeiten hätten. Er zitiert Beispiele von Kriegerinnen, die in bewaffneten Konflikten beteiligt waren. Vor allem in der Frühgeschichte des Islam war dies keine Seltenheit: Berühmte Frauen kämpften an der Seite ihrer Männer während der islamischen Expansion und in den islamischen Bürgerkriegen (fitna), als Soldatinnen oder in hohen Positionen, darunter Nusaybah bint Ka'ab, AischaEdwin Black: Banking on Baghdad: Inside Iraq's 7,000 Year History of War, Profit, and Conflict, John Wiley and Sons 2004, S. 34. oder Kahula und Wafeira. Bei dem iranischen Stamm der Laki nahmen Frauen an der Seite ihrer Männer an militärischen Aktivitäten teil.

Ehescheidungen Im Gegensatz zur sogenannten Westlichen Welt während des 15. Jahrhunderts und bis in die Moderne, wo Ehescheidungen relativ ungewöhnlich waren, gab es das „Lossagen vom Ehepartner“ (Talāq) in der muslimischen Welt weitaus häufiger. Nach einer StudieYossef Rapoport: Marriage, Money and Divorce in Medieval Islamic Society, Cambridge University Press 2005, S. 2. war die Scheidungsrate unter der Herrschaft der Mamluken und im Osmanischen Reich höher als im Nahen und Mittleren Osten der Gegenwart.

Neunzehntes Jahrhundert Die Bewegung hat ihre Wurzeln im späten 19. Jahrhundert. Die iranische Dichterin und Märtyrerin des Babismus, Qurrat al-ʿAin (1814–1852), forderte als erste moderne Frau eine Neuauslegung des Koran. Noch unmittelbar vor ihrer Hinrichtung sprach sie sich für die Gleichberechtigung von Frauen aus.Shoghi Effendi: God Passes By, Bahá'í Publishing Trust, Wilmette, 1953, S. 75.

Der ägyptische Jurist Qāsim Amīn, Autor des 1899 erschienenen Buchs Women’s Liberation (Tahrir al-Mar'a „Befreiung der Frau“), welches seiner Zeit voraus war, wird oft beschrieben als der Vater der feministischen Bewegung in Ägypten. In seiner Arbeit kritisierte Amin einige der in seiner Gesellschaft zu seiner Zeit vorherrschenden Praktiken wie Polygynie im Islam, den Schleier und die Purdah, d. h. Geschlechtertrennung im Islam. Er verdammte dies als unislamisch und im Widerspruch zum wahren Geist des Islam. Seine Arbeit hatte einen enormen Einfluss auf die politischen Bewegungen der Frauen in der gesamten islamischen und arabischen Welt und wird auch heute noch gelesen und zitiert.

Weniger bekannt als Qasim Amin sind jedoch Frauen, deren feministische Kritik ihrer Gesellschaften ihm vorausging. Die „Women’s Press“ in Ägypten begann solche Dinge seit ihren allerersten Ausgaben 1892 anzusprechen. Ägyptische, türkische, iranische, syrische und libanesische Frauen lasen europäische feministische Zeitschriften schon ein Jahrzehnt früher und diskutierten ihre Bedeutung für den Nahen Osten in der allgemeinen Zeitung.Farida Shaheed with Aisha L.F. Shaheed: . London/Lahore: WLUML/Shirkat Gah, 2005.

Betätigungsfelder des islamischen Feminismus Muslimisches Familienrecht