mini|Egon Schiele, Selbstporträt Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn;Pfarre St. Stephan, Taufbuch 01/13, 1874–1893, S. 284., abgerufen am 10. November 2024. † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Leben mini|Adolf und Marie Schiele mit ihren Kindern Egon, Melanie und Elvira mini|links|Das Bahnhofsgebäude in Tulln, Egon Schieles Geburtshaus. Schiele war das dritte Kind des Tullner Bahnhofsvorstands Adolf Eugen Schiele (1850–1904) und dessen Gattin Marie Schiele (1862–1935), geborene Soukup, aus dem südböhmischen Krumau. Egon hatte drei Schwestern: Elvira (1883–1893), die älteste, starb bereits im Alter von zehn Jahren. Melanie (1886–1974) betätigte sich als Modistin und heiratete 1923 ihren Arbeitskollegen Gustav Schuster (1884–1933); Gertrude (1894–1981), die jüngste, heiratete 1914 den Künstler und Freund Schieles Anton Peschka, mit dem sie zwei Kinder bekam. In Egon Schieles Frühzeit stand sie ihm Modell.Biographie Egon Schiele. In: egonschiele.at, Egon Schiele Datenbank, aufgerufen am 22. Oktober 2018. mini|links|Selbstbildnis Schieles mit 16 Jahren, 1906 Egon Schieles Vater verstarb in der Silvesternacht 1904 auf 1905 an Syphilis. Daraufhin wurde Egons Taufpate und Onkel Leopold Czihaczek (1842–1929) sein Vormund und Förderer. Dieses Ereignis war prägend für Schieles Leben und seine Kunst. Schiele besuchte 1901 die Volksschule in Tulln, anschließend das Realgymnasium in Krems und ab 1902 das Gymnasium Klosterneuburg wenige Kilometer nördlich von Wien. In dieser Zeit begann er zu zeichnen, vorrangig Episoden aus der Eisenbahnwelt.

Der Kunstlehrer Ludwig Karl Strauch und der Klosterneuburger Künstler Max Kahrer entdeckten bereits dort seine außergewöhnliche Begabung und unterstützten ihn bei seiner Bewerbung für die Wiener Akademie der bildenden Künste, in die er 1906, im Alter von 16 Jahren, aufgenommen wurde.

Dieses Berufsziel entsprach nicht den Vorstellungen seines Vormundes, was zu Auseinandersetzungen mit dem Onkel führte. In der Akademie kam Schiele in die Malklasse Christian Griepenkerls, eines konservativen, in der Tradition des Historismus verwurzelten Künstlers. Zunehmende Spannungen zwischen Lehrer und Schüler führten schließlich nach zwei Jahren, im April 1909, zum freiwilligen Austritt Schieles aus der Akademie. Er gründete mit einigen gleichgesinnten Kommilitonen die Wiener Neukunstgruppe.Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918. dtv, München 1981, ISBN 3-423-02876-9, S. 18.

mini|Schwarzhaariges Mädchen mit hochgeschlagenem Rock, Leopold Museum, 1911 mini|Selbstporträt, 1912 1907 suchte Schiele den ersten persönlichen Kontakt zu Gustav Klimt, der ihm ein väterlicher Freund und Mentor wurde. Auch bezog er in Wien sein erstes eigenes Atelier, in der Kurzbauergasse 6 in der Leopoldstadt, am Rande des Wiener Praters. 1908 beteiligte sich Schiele zum ersten Mal an einer öffentlichen Ausstellung, und zwar im Kaisersaal des Stifts Klosterneuburg. Hier wurde Heinrich Bensch, ein späterer Sammler und Wegbereiter Egon Schieles, auf ihn aufmerksam. Erste Erfolge feierte Schiele 1909 mit der Ausstellung seiner Werke, die alle sehr an Gustav Klimts Stil erinnern, im Rahmen der Neukunstgruppe in der „Großen Internationalen Kunstschau“ in Wien. Neben Künstlern wie Gustav Klimt und Oskar Kokoschka konnte Schiele sich hier beim Kunstkritiker Arthur Roessler einen Namen machen, der in der Folgezeit durch seine exzellenten Kontakte für Schieles Fortkommen eine entscheidende Rolle spielte. Durch Roesslers Vermittlung lernte Schiele die Kunstsammler Carl Reininghaus und Oskar Reichel kennen, die seinen Einstand in der Wiener Kunstszene finanziell absicherten und ihn mit zahlreichen Auftragsarbeiten versorgten. Zu seinen Förderern zählte zudem der Kunstsammler Franz Hauer. Durch die kurze Freundschaft mit Max Oppenheimer, den er 1909 kennenlernte, entfernte sich Schiele vom dekorativen Jugendstil. Etwa zu dieser Zeit zeigte sich in seinen Arbeiten eine deutliche Hinwendung zum Expressionismus und insbesondere dem von van Gogh. Für Schieles Kenntnis der Kunst van Goghs war die »Internationale Kunstschau« von 1909 von ausschlaggebender Wichtigkeit. Sie muss auf den damals Neunzehnjährigen wie eine Offenbarung gewirkt haben. Schiele hatte sicher das Bild Schlafzimmer in Arles vor Augen, als er im Herbst 1911 sein Wohnzimmer in Neulengbach malte.Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918. dtv, München 1981, S. 35. Die Neukunstgruppe stellte im Dezember 1909 erstmals im Salon des Kunsthändlers Gustav Pisko in Wien aus.

Schieles künstlerische Selbstfindung schien zu dieser Zeit abgeschlossen zu sein, und in vielen seiner Arbeiten wurden die Grenzerfahrungen zwischen Eros und Tod sehr deutlich. Wegen bohemehafter Attitüden, wie sie sein Onkel nannte, legte Leopold Czihaczek die Vormundschaft nieder. Dies führte bei Schiele zu ernsthaften finanziellen Problemen. Eine erste Einzelausstellung von Schieles Arbeiten wurde 1911 in der Wiener Galerie Miethke gezeigt. Im gleichen Jahr lernte er den Münchener Kunsthändler Hans Goltz kennen und wurde im November 1911 von der Künstlervereinigung „Sema“ aufgenommen, zu der unter anderem Alfred Kubin und Paul Klee gehörten.

Das Jahr 1910 markierte mit dem Durchbruch zum Expressionismus einen entscheidenden Wendepunkt in Schieles Kunst.Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918. dtv, München 1981, S. 24. 1910 lebte er mit Liliana Amon in seinem Atelier in der Alserbachstraße im 9. Bezirk. Vom Rummel in der Hauptstadt übersättigt, zog Schiele 1911 aus Wien weg. Gemeinsam mit Wally Neuzil (Wally = Walburga), seinem wohl bekanntesten Modell, übersiedelte er nach Krumau (tschechisch Český Krumlov), dem Geburtsort seiner Mutter. Dort begann für Schiele eine künstlerisch überaus produktive Periode. Die Altstadt Krumaus wurde zu dieser Zeit zu seinem beliebtesten Motiv. Doch die Bevölkerung fand Schieles Lebensstil anstößig; Auslöser waren wohl die wilde Ehe mit Wally Neuzil und die Besuche von Kindern in Schieles Atelier.

Gemeinsam zogen sie daher noch im gleichen Jahr nach Neulengbach und mieteten eine Wohnung in Au am Anzbach.Neues Schiele-Buch. In: Niederösterreichische Nachrichten, 19. Juni 2015. In Neulengbach wurde er wegen angeblicher Entführung und Schändung eines Mädchens in Untersuchungshaft genommen, der Vorwurf der Entführung erwies sich als haltlos; dennoch verurteilte ihn das Gericht wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“. Insgesamt verbrachte Schiele 24 Tage im Gefängnis, wo er einige Skizzen von seinem Aufenthalt zeichnete.

1912 kehrte er nach Wien zurück. Gemeinsam mit der Neukunstgruppe wurden Arbeiten im Budapester Künstlerhaus gezeigt. Während der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters wurden parallel Arbeiten von Schiele in der Galerie Hans Goltz in München vorgestellt. Eine Aufnahme Schieles in den Kreis des Blauen Reiters war von den Mitgliedern nicht akzeptiert worden.Brita Sachs: Mittendrin statt außen vor, faz.net, 2. Januar 2012 Das Folkwang Museum in Hagen (Nordrhein-Westfalen) zeigte eine repräsentative Ausstellung, darunter auch Bilder von Egon Schiele.

Dank seines Gönners und väterlichen Freundes Gustav Klimt konnte er trotz seines schlechten Rufs, der ihm nach Wien vorausgeeilt war, schnell wieder Fuß fassen. Klimt vermittelte ihm wichtige Kontakte zu Sammlern und Galeristen, so unter anderem auch zu einem seiner wichtigsten Sammler, dem Industriellen August Lederer. Er feierte in der österreichischen Kunstszene erneut große Erfolge. So wurden in einer Ausstellung des Wiener Hagenbundes sieben Ölgemälde, darunter auch Die Eremiten, gezeigt. Die Eremiten sind als Schiele und Klimt – nach anderen Lesarten auch Franz von Assisi oder der Vater des Künstlers – zu identifizieren. Der Denkmalcharakter ist nun völlig aufgegeben, die Statik wurde durch ein transitorisches Moment ersetzt. Schiele schreibt in einem Brief an seinen Sammler und Förderer Carl Reininghaus von „Körpern von Empfindungsmenschen“: » – Sehe die beiden Gestalten gleich einer dieser Erde ähnlichen Staubwolke, die sich aufbauen will und kraftlos zusammenbrechen muß«. Selten ist der Körper des Menschen so ausschließlich als Materialisation seelischer Kräfte verstanden worden wie in diesem Bild.Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918. dtv, München 1981, S. 36.

Im Oktober 1912 mietete Schiele ein neues Atelier in der Hietzinger Hauptstraße 101, das er bis Juni 1918, fast bis zu seinem Tod, behalten sollte. Sein Mentor Klimt hatte sein Atelier in der Nähe. Schiele selbst wohnte in der Lessinggasse 5, der 13. Bezirk, Hietzing, gilt in Wien bis heute jedoch als bessere Gegend; u. a. befand sich die Kaiserresidenz Schloss Schönbrunn in diesem Bezirk. 1913 ernannte ihn der Bund Österreichischer Künstler, dessen Präsident Gustav Klimt war, zum Mitglied. Im März folgten einige Ausstellungen in Österreich und Deutschland.

Bis 1916 reichte Schiele selbst mehrmals in Folge theoretische und literarische Texte bei der Berliner Zeitschrift Die Aktion ein. 1916 brachte diese ein eigenes Egon-Schiele-Heft heraus (Nr. 35/36). Zunehmend beschäftigte er sich auch ab 1914 mit Holzschnitten und Radierungen, deren Techniken er durch den Maler und Grafiker Robert Philippi erlernt hatte. Am 21. Juni 1915Leopold Auer: Egon Schiele und das Heeresmuseum, in: Österreichisches Staatsarchiv (Hrsg.), Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, 26, 1973, S. 456 wurde Schiele als Einjährig-Freiwilliger des k. u. k. Infanterie-Regiments Nr. 75 zum Kriegsdienst eingezogen. Kurz vor seiner Versetzung nach Prag heiratete Schiele am 17. Juni 1915 seine langjährige Freundin Edith Harms; sie wohnte mit ihrer Schwester Adele und ihren Eltern gegenüber seinem Atelier, an der Adresse Hietzinger Hauptstraße 114. Edith forderte von Schiele den Bruch mit Wally Neuzil, den er schweren Herzens vollzog, nachdem beide Frauen ein Dreiecksverhältnis abgelehnt hatten.

Ab Mai 1916 diente Schiele als Soldat in der Provianturkanzlei des Kriegsgefangenenlagers Mühling bei Wieselburg in Niederösterreich und malte in dieser Zeit bei Purgstall ein einziges Ölbild, Die zerfallende Mühle,Rudolf Leopold Egon Schiele, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Salzburg 1972, S. 662. die er im Erlauftal vorfand und deren Eigner, zum Kriegsdienst eingezogen, sich nicht um Reparaturen nach Hochwassern kümmern konnte.Hannes Steindl: Schiele in der Erlaufschlucht. In: orf.at, 2. Mai 2016, abgerufen am 3. Juni 2022. In diesem Gemälde wurde etwas Manierismus in der Farbigkeit festgestellt, doch kommt es andererseits zu einem für Schieles Gemälde bisher ungewöhnlichen Eindringen naturalistischer Details und optischer Effekte.Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918. dtv, München 1981, S. 50.

Nach seiner militärischen Grundausbildung und den damit verbundenen Versetzungen kam Schiele 1917 wieder nach Wien, wo er vorerst als Schreiber (militärischer Verwaltungsangestellter) der „k.u.k. Konsum-Anstalt für die Gagisten der Armee im Felde“ beschäftigt war. Stets traf er auf wohlwollende Vorgesetzte, die ihm auch die Gelegenheit zu künstlerischem Schaffen ermöglichten; „wo immer er war, sein Dienst war mehr als leicht“.Christian M. Nebehay: Egon Schiele. Leben und Werk in Dokumenten und Bildern. München/Salzburg/Wien 1983, S. 192. Als Militärzeichner wurde Schiele von seinem Vorgesetzten, dem Oberleutnant Dr. Hans Rosé, beauftragt, die Räume der Konsum-Anstalt für die Gagisten der Armee im Felde sowie deren über das ganze Gebiet der Monarchie verstreuten Filialen in Zeichnungen festzuhalten.Wolfgang Fischer: Egon Schiele als ‘Militaerzeichner‘. In: Albertina-Studien IV, 1966, Heft 2, S. 70 f. In dieser Zeit porträtierte er auch russische Kriegsgefangene und österreichische Offiziere.