mini|449x449px|Menschlicher Bewegungszyklus

Gehen (von gehen, älter gehn,Vgl. www.wiktionary.org. noch älter auch geen) ist eine Fortbewegungsart, bei der es im Gegensatz zum Laufen keine Flugphase gibt. Der Körper hat also in jeder Phase des Bewegungszyklus Kontakt zum Boden über Beine und Füße. Beim zweibeinigen Gehen gibt es statt der Flugphase eine Doppelstützphase, die beim Menschen etwa 20 Prozent der Gesamtzykluszeit in Anspruch nimmt. Die durchschnittliche Geschwindigkeit eines Fußgängers beträgt laut einer Studie in Oregon, USA, beim Überqueren einer ampelgesicherten Straße etwa 5 km/h. Dieser Wert schwankt je nach Alter, Geschlecht und Faktoren wie dem Gehen alleine oder als Gruppe zwischen etwa 4,5 und 5,5 km/h.Nick Carey: Draft Results - Establishing Pedestrian Walking Speeds, 31. Mai 2005, Portland State University (englisch). Gemächliches Spazierengehen hat eine mittlere Geschwindigkeit von etwa 3 km/h.Spazieren nicht unterschätzen. Auf: wanderforschung.de, Stand: 2011, eingesehen am 19. August 2016. „In individualistischen Kulturen bewegt man sich schneller als in vom Kollektivismus geprägten,“ was sich auch in der Schrittgeschwindigkeit niederschlägt.

Etymologie Das gemeingermanische Verb (mittelhochdeutsch, althochdeutsch) gēn, gān beruht auf der indogermanischen Wurzel g̑hē[i] „klaffen, leer sein, verlassen, (fort)gehen“. Siehe auch DWDS („gehen“) und

Gangarten Man unterscheidet nach dem Bewegungsablauf folgende Gangarten: Zweibeiniger Gang (bipeder Gang): „Gehen“ im eigentlichen Sinne, die menschliche Fortbewegung; auch bei Vögeln und Nicht-Vogel-Dinosauriern Vierbeiniger Gang (quadrupeder Gang): die ursprüngliche Fortbewegungsweise der Landwirbeltiere, typisch für sehr viele Amphibien, Reptilien und Säugetiere; hierbei kann weiter unterschieden werden in Passgang (beide Extremitäten einer Körperseite setzen gleichzeitig auf) Kreuzgang (die sich am Rumpf schräg gegenüberliegenden Extremitäten setzen gleichzeitig auf).

Zweibeiniger Gang Technik

mini|Bei dieser Computersimulation bleibt der Kopf während des Gehens auf einer Höhe, während die Hüfte einer Sinusbewegung folgt.

Ein Schrittzyklus oder Gangzyklus ist die Grundeinheit des Geh-Aktes. Er entspricht beim Fersengang dem Zeitraum zwischen zwei Fersenauftritten desselben Fußes und ist in zwei Phasen unterteilt: „Standphase“ und „Schwungphase“. Die Standphase beginnt mit dem Aufsetzen der Ferse und endet mit dem Ablösen der Zehen vom Boden, wobei der Fuß idealerweise sorgfältig über den Großzeh abgerollt wird; der innere Fußrand senkt sich dabei leicht ab (Pronation).Jürgen Koebke: Funktionelle Anatomie der Gelenke: Schematisierte und kommentierte Zeichnungen zur menschlichen Biomechanik. Thieme, 3. Ausgabe, 2006, ISBN 978-3-13-142214-9, S. 212. Die nachfolgende Schwungphase endet mit dem erneuten Aufsetzen der Ferse desselben Fußes. Bei normaler Gehgeschwindigkeit nimmt die Standphase etwa 60 Prozent und die Schwungphase etwa 40 Prozent der Schrittzykluszeit ein. Da sich beim Gehen die Standphasen von rechtem und linkem Bein überschneiden, steht am Anfang und Ende jedes Schrittes eine bipedale Abstützphase, in der beide Füße gleichzeitig den Boden berühren. Die Zeitspanne der bipedalen Abstützphase ist von der Fortbewegungsgeschwindigkeit abhängig und verschwindet bei schnellerem Laufen, wenn stets nur ein Fuß den Boden berührt. Beim noch schnelleren Sprinten haben die Füße während einer kurzen Phase, der sogenannten Schwebephase, gar keinen Bodenkontakt mehr.Gesamter Absatz nach:

Anderer Ansicht ist die Brockhaus Enzyklopädie, wenn sie definiert: „Der Schritt eines Einzelbeines läßt sich dabei in zwei Phasen zerlegen: Während der Stemm- oder Retraktionsphase wird das Bein vorn auf den Boden aufgesetzt und nach hinten gedrückt; der Körper bewegt sich vorwärts. Dann folgt die Schwing- oder Protraktionsphase, in der das Bein vom Boden abgehoben und nach vorn bewegt wird. Beide Phasen zusammen bezeichnet man als Schrittzyklus eines Beins.“Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1993, 8. Band, ISBN 3-7653-1108-1, ISBN 3-7653-1208-8, S. 217.William Francis Ganong junior: Lehrbuch der Medizinischen Physiologie. 4. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1979, ISBN 3-540-08908-X, S. 58.

Ein Gangzyklus wird zusätzlich zu den beiden Unterteilungen in Standphase und Schwungphase in viele kleinere Abschnitte, den Gangphasen unterteilt. Jede einzelne Gangphase hat sowohl in der deutschen Sprache als auch in der englischen Sprache jeweils eigene Bezeichnung. Zur vereinheitlichten Kommunikation, insbesondere im medizinischen Bereich zwischen Ärzten, Physiotherapeuten und Orthopädietechnik-Mechanikern, werden vorwiegend die englischen Bezeichnungen genutzt. Beim gesunden Menschen spricht man vom physiologischen Gangbild. Beim Patienten mit Lähmungen kommt es häufig zu sichtbaren Gangstörungen und man spricht dann vom pathologischen Gangbild. Zur Kompensation von pathologischen Gangbildern und zur Verhinderung von daraus resultierenden medizinischen Folgeschäden werden betroffene Patienten neben physiotherapeutischer Behandlung mit Orthesen versorgt.

Der Fuß ermöglicht den Bewegungsablauf durch seine Gelenkmechanik, indem er sich beim Auftreten verformt und elastische Energie absorbiert, beim Abdrücken hingegen wie ein starrer Hebel wirkt, der die auf ihn ausgeübte Kraft an den Boden überträgt.

Die eigentliche Positionsveränderung beim Geh-Akt geschieht im Grunde durch ein „verhindertes Fallen“ auf der zeitweise bodenkontaktfreien Seite. Hinsichtlich des Fuß-Boden-Kontakts können neben dem Fersengang zwei weitere menschliche Geh-Arten unterschieden werden: Im Ballengang setzt der Mensch den Fußballen (Vorfuß) zuerst auf, senkt sich möglicherweise, aber nicht zwangsläufig, bis zur Ferse und drückt sich idealerweise ebenfalls über die Großzehe ab. Ein Mischform ist der Mittelfußaufsatz bei dem im Idealfall der ganze Fuß flach über die Außenkante aufsetzt. Dem Gehen wie die Menschenaffen, d. h. astumgreifend oder auf den Fußkanten, entspricht keine normale menschliche Gangart.Der folgende Link wurde wegen Urheberrechts gesperrt: abgerufen am 26. März 2016: Behandelt den menschlichen Fuß, seine Anatomie und seine Beanspruchung bei Gehen, Tanzen, Laufen, und seine Einbindung im Bewegungsapparat des menschlichen Körpers. Auch ein Vergleich mit dem Gehen der Primaten ist enthalten. Der zentrale Knochen beim ast-umgreifenden Auftreten des Primatenfußes, der ja gleichzeitig 3. oder 4. Primatenhand ist, beim Gehen im Baumgeäst ist auch im menschlichen Fußskelett enthalten, hat aber durch die deutlich andere Fußformung, als auf Gehen und evtl. noch Klettern spezialisierte Extremität, nur zufällig Bodenkontakt, weil der Fuß halt so gewachsen ist. Ein Orang-Utan geht auf dem Boden nur auf den Fuß-Außenkanten, was im Vergleich zum Menschen wie ein Gangart-Provisorium wirkt. Die Messung und Beobachtung der auftretenden Kräfte und Abläufe beim Gehen ist Gegenstand der Ganganalyse.

Gehen zählt zu den Automatismen. Es ist eine Verhaltensweise, die selbsttätig vom Zentralnervensystem (ohne äußere Reizeinwirkung) ausgelöst wird. Weitere Beispiele für derartige Automatismen sind die Flossenbewegung bei Fischen oder der Flügelschlag bei Vögeln.

Schrittlänge und Doppelschrittlänge Ein „Schritt [ist] das Voraussetzen eines Fußes, als Maß 70 bis 90 Zentimeter.“Der Sprach-Brockhaus. Deutsches Bildwörterbuch für jedermann, Eberhard Brockhaus Verlag, Copyright 1935, Wiesbaden 1949, S. 578.Der Mittelwert davon sind 80 cm. 2000 mal 80 cm = 1600 m = eine Meile = mille passus = 1000 Doppelschritte. Die Schrittlänge ist „die Entfernung, die man mit einem Schritt überwindet.“Karl-Dieter Bünting, Ramona Karatas: Deutsches Wörterbuch. – Mit der neuen Rechtschreibung. Isis Verlag, Chur / Schweiz 1996, S. 1030. Oben und im Hauptartikel Gangphase wird nur die Doppelschrittlänge definiert.

Die Schrittlänge (früher: Schrittweite;Meyers Kleines Lexikon. 9. Auflage, 3. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig 1934, S. 2028. englisch: step length, lateinisch: gradus) ist der Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Bodenkontakten des rechten und linken Fußes. Die Doppelschrittlänge (Schreitlänge; englisch: stride length, lateinisch: passus) ist dagegen der Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Bodenkontakten desselben Fußes und entspricht der während eines Gangzyklus zurückgelegten Strecke. Damit beträgt die Schrittlänge (Länge eines Schritts etwa 70 Zentimeter beim Erwachsenen) beim symmetrischen Gang die Hälfte der Doppelschrittlänge. Die Doppelschrittlänge entspricht dem vollständigen Gangzyklus und beträgt beim Erwachsenen ungefähr 140 Zentimeter.Oliver Ludwig: Ganganalyse in der Praxis. Anwendung in Prävention, Therapie und Versorgung. 3., erweiterte Auflage. C. Maurer Fachmedien, Geislingen an der Steige 2022, 296 S., ISBN 978-3-87517-072-6.Stephanie Maria Susanne Galli: Ganganalyse nach Talusfraktur. Inaugural-Dissertation, Medizinische Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 2024. Die üblichen Schrittzähler zählen die Einzelschritte, also die Schritte eines Einzelbeines oder die halben Doppelschritte. Früher war das anders („Daher zeigt der Schrittzähler doppelte oder geometrische Schritte,“ weil der Pedometer mechanisch an nur einem Bein befestigt war.).Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Band 148, S. 587. In der Sagittalebene entspricht die Einzelschrittlänge der Basis eines gleichschenkligen Dreiecks, dessen Schenkel von den Beinen gebildet werden.

Der aufrechte Gang beim Menschen mini|Gustave Caillebotte: Gehender Mann in blauer Jacke mini|Illustration zu einem Gedicht über das Gehen lernen von Fritz Endell (1913)

Wie es zur Entstehung des obligatorisch aufrechten Ganges beim Menschen kam, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Fest steht einzig, dass die Vorfahren des Menschen schon vor 5 Millionen Jahren zum aufrechten Gang übergingen. Ferner stammen die frühesten Belege für aufrecht gehende Hominini aus Bodenschichten, die in ihrer Entstehenszeit den heutigen Galeriewäldern ähnelten, also einem Lebensraum entstammen, in dem sich Waldstücke, feuchte Graslandschaften und Seeufer abwechselten. Daraus wird abgeleitet, dass sich der aufrechte Gang bereits als Anpassung an bestimmte Fortbewegungsweisen auf den Bäumen entwickelt hat.

Die Umstellung von quadrupeder Fortbewegung auf den aufrechten Gang ging mit zahlreichen Veränderungen des menschlichen Skelettes einher. Der Fuß ist bei Menschen – anders als noch beim 4,4 Millionen Jahre alten Fossil „Ardi“, einem Ardipithecus ramidus – kein Greifwerkzeug; „Ardi“ hingegen konnte die große Zehe noch abspreizen und so zum Greifen verwenden. Kleinkinder besitzen jedoch noch einen Greifreflex sowohl in den Handflächen als auch an den Fußsohlen, der mit der Zeit allerdings verschwindet. Das Becken des Menschen ist verbreitert und dient im aufrechten Gang als „Schüssel“ für die Eingeweide. Die Wirbelsäule ist doppelt S-förmig (sigmoid) geschwungen und trägt Rücken und Kopf, das Hinterhauptsloch befindet sich unter dem Schädel und nicht (wie bei Vierfüßern) relativ weit hinter dem Schädel.

Der aufrechte Gang führt aber auch zur Belastung des unteren Teils des Körpers. So neigt der Mensch im Alter zu: Unterleibsbrüchen, Bandscheibenvorfällen Senk- und Plattfüßen, Krampfadern infolge der Blutanstauung in den Beinen, Hüftgelenksarthrosen.

In auf die Emanzipation des Menschen bezogenen Texten der Kulturphilosophie ist der „aufrechte Gang“ zu einer Metapher für die Einzigartigkeit des Menschen geworden, sich selber souverän umzuschauen und sein Urteil zu bilden.