Johannes Capistranus (* 24. Juni 1386 in Capestrano in den Abruzzen; † 23. Oktober 1456 in Ilok bei Vukovar im heutigen Kroatien), lat. Ioannes Capistranus, ital. Giovanni da Capestrano, serbokroatisch Ivan Kapistran, auch Johannes Kapistran, Johann(es) von Capistran oder Johannes von Capestrano, war ein zu seiner Zeit europaweit berühmter Franziskaner, Wanderprediger, Inquisitor und zuletzt Heerführer in den Türkenkriegen.

Er war auch für seine Judenfeindlichkeit bekannt und initiierte Verfolgungen und Pogrome gegen Juden. Aufgrund fortdauernder Verehrung und diverser Wunderberichte wurde er 1690 heiliggesprochen. In der römisch-katholischen Kirche gilt Capistranus als Schutzpatron der Rechtsanwälte und Militärseelsorger.

miniatur|rechts|200px|Johannes Capistranus (unten rechts) auf einem Gemälde von Carlo Ceresa, 1581 miniatur|links|200px|Altarbild des Hl. Johannes Capistranus in der Kirche von Ilok, Kroatien

Leben Geboren am 24. Juni 1386, wurde er auf den Namen des Tagesheiligen, des hl. Johannes des Täufers, getauft. Sein Vater war ein Ritter aus dem geschlagenen Heer des im Kampf um den sizilianischen Thron unterlegenen Ludwig von Anjou, der wohl in den Dienst der siegreichen Seite übertrat und ein Vasall des Grafen von Celano mit Sitz im Bergstädtchen Capestrano wurde.Johannes Hofer (Autor), Ottokar Bonmann (Bearb.): Johannes Kapistran. Ein Leben im Kampf um die Reform der Kirche. Neue Bearbeitung. Band 1, Verlag Kerle, Heidelberg 1964, S. 31. In Capestrano verlebte Johannes seine Kinderjahre. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 34 f. Um das Jahr 1400 immatrikulierte er sich in der damals päpstlichen Universitätsstadt Perugia zu einem Studium der Rechte, wobei er auch Kanonisches Recht hörte. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 38. Nach Abschluss des Studiums um das Jahr 1409 begann Johannes eine öffentliche Laufbahn als Rat des königlichen Gerichtshofes in Neapel, wo auch politische Prozesse abgehandelt wurden. Dort kam es zu einem Justizmord, an dem er sich anscheinend mitschuldig fühlte. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 41 f. Ab etwa 1412 war er Richter in Perugia. Er lebte zunächst ein vollkommen säkulares Leben und heiratete die Tochter eines Grafen. Die Ehe blieb nach seinen Angaben jungfräulich. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 373. Als Gesandter in einem Kleinkrieg zwischen italienischen Staaten wurde er 1415 gefangen genommen, ein Fluchtversuch schlug fehl und verschärfte seine Lage. Hofer / Bonmann. Band 1, S. 58 f. und 376. Aufgrund von mehreren Visionen während seiner Haft fasste er den Entschluss, in den Franziskanerorden einzutreten. Nachdem er gegen ein mäßiges Lösegeld von 40 Dukaten freigelassen worden war, löste er seine Ehe auf und nahm öffentlich Abschied von der Welt, indem er rücklings auf einem Esel sitzend auf den Marktplatz ritt; dies war ein Ritual, wie damals Schwerverbrecher zum Richtplatz geführt wurden. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 62 f.

Im Oktober 1415 trat Capistran als Novize in das Kloster der Franziskanerobservanten in Perugia ein, wo er sich einer strengen Askese unterwarf. Wahrscheinlich 1417 empfing er die Priesterweihe; noch im gleichen Jahr begann er zu predigen. Im Jahr 1418 bemühte er sich während einer Audienz bei Papst Martin V. in Mantua, den Papst zu entschiedenen Maßnahmen gegen die als häretisch eingeschätzte franziskanische Gemeinschaft der Fratizellen zu veranlassen; der Papst ernannte ihn zum Inquisitor und stattete ihn mit Vollmachten gegen die Fratizellen aus. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 95. Capistran betrachtete es laut Hofer als eine besondere Lebensaufgabe, den Fratizellismus auszurotten.Hofer/Bonmann. Band 1, S. 133. Daneben wurde er auch damit beauftragt, zwischen Konventualen und Observanten zu vermitteln. Auf ihn gehen die Martinianischen Konstitutionen von 1430 zurück. Nachdem Bernhardin von Siena Capistran in Theologie unterrichtet und zum Prediger ausgebildet hatte, war er in den 1420er Jahren als Wanderprediger in Italien unterwegs. Capistran stiftete 1426 Frieden zwischen den verfeindeten Abruzzen-Städten Sulmona und Lanciano sowie 1427 zwischen Lanciano und Ortona.

Capistran war ein einflussreicher Berater für mehrere Päpste. Mit den Päpsten Eugen IV., Nikolaus V. und Kalixt III. stand er bereits lange vor deren Papstwahl auf freundschaftlichem Fuße. Am Hof der Päpste hatte er zu ihnen einen besonderen Zugang, und auch sonst blieb er mit ihnen in schriftlichem Verkehr. Dieses enge Verhältnis wurde von ihm selbst gesucht.Hofer/Bonmann. Band 1, S. 95. Nach dem Tod der Königin Johanna II. von Neapel hielt er sich als päpstlicher Gesandter 1435/36 zweimal für mehrere Monate im Königreich Neapel auf, um im Thronstreit zu vermitteln. In der Auseinandersetzung zwischen Konziliaristen und Papalisten über die Autorität von Konzilien unterstützte er als Papalist die Anerkennung der päpstlichen Vollgewalt; um 1440 verfasste er einen Traktat über die päpstliche Machtvollkommenheit.Hofer/Bonmann. Band 1, S. 237–240.

1451 errichtete Capestrano eine Österreichisch-Böhmischen Observantenvikariats (vicaria Austriae et Bohemiae) mit St. Theobald ob der Laimgrube in Wien, 1458 mit der Übernahme des Franziskanerklosters in Katzelsdorf.

miniatur|hochkant|Bußprediger Johannes Capistranus (1470/80), Staatsgalerie Bamberg Ein 1519 entstandener Holzschnitt von Hans Schäufelin stellt die Verbrennung von Würfeln, Karten und Brettspielen durch Nürnberger Bürger nach einer 1452 dort gehaltenen Predigt dar.

Judenverfolgung Im Laufe des Mittelalters hatte die katholische Kirche in ihr kanonisches Recht Gesetze aufgenommen, die das Leben und die Berufsausübung von Juden stark einschränkten. Papst Martin V. machte einige dieser Einschränkungen rückgängig und gestattete 1421, dass in Spanien jüdische Ärzte christliche Patienten behandeln dürfen; 1422 erging ein päpstlicher Erlass gegen judenfeindliche Prediger. Allerdings widerrief der Papst Anfang 1423 beide Erlasse. Der Schwenk des Papstes konnte bisher nicht historisch aufgeklärt werden – nach Hofer ist er auf den Einfluss Capistrans zurückzuführen, insbesondere weil dieser an der päpstlichen Kurie in der Judenfrage, und gerade in Bezug auf Spanien, zu Rate gezogen wurde. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 107. Bei weltlichen Herrschern wurde Capistran wiederholt vorstellig, um durchzusetzen, dass einschränkende und diskriminierende Judengesetze in ihrer vollen Härte angewendet werden, z. B. die Kleiderordnung mit Verpflichtung zu einer Judentracht. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 138 f. Als 1427 Papst Martin V. die Königin Johanna II. von Neapel ermahnte, ihre Strenge gegen die Juden zu mildern, erklärte diese, das strenge Edikt sei auf Ansuchen Capistrans erlassen worden. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 139 f. 1447 erließ Papst Nikolaus V. eine Bulle, die nach Hofer auf eine Anregung Capistrans zurückgehen dürfte und die die strenge Anwendung der Judengesetze einforderte bzw. diese Gesetze verschärfte. Die Absperrung der Juden von jedem Verkehr mit Christen sollte bis an die Grenze des Möglichen durchgeführt werden. Capistran, auch „Geißel der Hebräer“ genanntHorst von der Bey OFM: Dunkles Erinnern: Juden und Franziskaner. In: Horst von der Bey, Johannes-Baptist Freyer (Hrsg.): Die Franziskanische Bewegung. Band 1: Geschichte und Spiritualität. Mainz 1996, S. 148–157, hier S. 155 f., wurde selbst mit der Durchführung der Bulle betraut. Er soll dem Papst sogar angeboten haben, sämtliche Juden Italiens auf Schiffe zu verladen und sie in einem fernen Land abzusetzen. Buchstäblich durchgeführt, wäre die Bulle den italienischen Juden zur Katastrophe geworden, sie wurde aber aufgrund anschließender Abmilderungen nicht in voller Härte zur Anwendung gebracht. Hofer/Bonmann. Band 1, S. 321 f.

1453 kam es zu einem Pogrom in Breslau. Ein Bauer aus Langewiese bei Oels hatte Juden der Hostienschändung beschuldigt. Die Ältesten der Juden hätten sich Hostien angeeignet und sie mit Stöcken ausgepeitscht und damit entweiht.Willy Cohn: Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Jg. 4 (1926), Nr. 5 (Mai), S. 263 (Digitalisat). Capistrano wurde vom König mit der Untersuchung beauftragt. Daraufhin wurden am 2. Mai 1453 alle 318 Juden in Breslau und Umgebung in Breslau inhaftiert und Geständnisse mit Folter erpresst. Capistrano ließ 41 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrennen und die übrigen aus der Stadt ausweisen, die Kinder jedoch mussten zurückgelassen und zwangsgetauft werden.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 132, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013. Das Vermögen der Juden wurde eingezogen, was nach Cohn das eigentliche Motiv für den Pogrom war.Willy Cohn: Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Jg. 4 (1926), Nr. 5 (Mai), S. 264 (Digitalisat). Cohn fand allein in dem Archiv elf Hefte mit Schuldbriefen, die den Juden gehört hatten. Es gab auch große Inventare anderer Gegenstände, die die Juden besessen hatten. 1455 bekam die Stadt Breslau von König Ladislaus Postumus das verbriefte Privilegium de non tolerandis Judaeis („Privileg zur Nichtduldung der Juden“), das de jure bis 1744 in Kraft blieb.

Capistran warf zudem dem polnischen König Kasimir IV. vor, dass die in Polen geltenden Sonderrechte für Juden gegen Kirchenrecht verstoßen würden. Die Niederlage Kasimirs IV. in der Schlacht bei Konitz 1454 sah Capistran als göttliche Strafe für das Verhalten des Königs an.

Hussiten Als Folge von Verhandlungen auf dem Konzil von Basel kam es Ende 1433 zum Friedensabkommen der Prager Kompaktaten zwischen der katholischen Kirche und dem gemäßigten Flügel der Hussiten, den Utraquisten, die daraufhin wieder unter Wahrung einer Sonderstellung in die katholische Kirche aufgenommen wurden. Nach dem militärischen Sieg über die radikalen Taboriten 1434 in der Schlacht bei Lipan waren die fast zwanzig Jahre dauernden Hussitenkriege beendet. Von August 1451 bis Juni 1452 war Capistran zwecks Hussitenmission in Mähren und Böhmen sowie von Juli bis August 1454 nochmals in Mähren. Er erkannte die Kompaktaten nicht an, betrachtete die Utraquisten als Häretiker und wollte die Aufhebung ihrer Sonderstellung erreichen. Zusätzlich zu seinen Predigten verfasste Capistran Hussitentraktate. Papst Nikolaus V. gingen seine Aktivitäten zu weit; er wollte, dass Capistran sich auf seelsorgerliche Aktivitäten wie das Predigen und Hören der Beichte beschränke, ohne politisch Einfluss zu nehmen. Ende 1451 schränkte ein päpstliches Schreiben Capistrans Befugnisse als Inquisitor ein.Hofer/Bonmann. Band 2, S. 108. Capistran bat darauf den Papst um die ausdrückliche Ungültigkeitserklärung der Kompaktaten sowie um eine Vollmacht, gegen die Hussiten inquisitorisch vorgehen zu dürfen, wenn nötig unter Anrufung des weltlichen Armes; die im Mai 1452 zugestellte Antwort des Papstes erkannte Capistrans Bemühungen zwar an, überging diese Anträge aber mit Stillschweigen.Hofer/Bonmann. Band 2, S. 135. Trotz mancher lokaler Erfolge konnte Capistran die Ziele seiner Hussitenmission nicht erreichen. Im Jahr 1462 – nach Capistrans Tod – erklärte Papst Pius II. die Kompaktaten für ungültig.

Türkenkrieg