Märchenfilme sind Filme, die von magischen Abenteuern märchenhafter Figuren wie sagenhafter Prinzen und Prinzessinnen, Feen, Zauberern, Zwergen, Hexen, Drachen, Trollen, Riesen, Kobolden, Nixen oder Wassermännern handeln. Wichtig sind auch zauberische Gegenstände wie Siebenmeilenstiefel, Tarnkappe, Zauberspiegel, Zaubernüsse, Tischlein deck dich und Wünschelruten. Märchenfilme changieren zwischen Kinderfilm, Literaturfilm und Fantasyfilm.Fabienne Liptay betitelt in ihrer Analyse Wunderwelten – Märchen im Film die Einleitung zum Buch in subtiler Umkehrung des berühmten Bruno-Bettelheim-Zitats mit Brauchen Märchen Kinder. Sie möchte nachweisen, wie wenig sich das Genre des Märchenfilms als ausschließliches Genre des Kinderfilms verstehen lässt. Fabienne Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. Gardez!Verlag, Remscheid 2004, ISBN 3-89796-041-9, S. 9–15.

Genrebegriff Märchenfilm Gattungstypologisch lässt sich der Märchenfilm vom Fantasyfilm, Science-Fiction-Film und phantastischen Film inhaltlich abgrenzen durch die Ableitung aus dem literarischen Gattungsbegriff des Märchenhaften und des Phantastischen, über das Verhältnis von realer Welt und Wunder. Das Märchen ist ein Reich des Wunderbaren, das eine Zugabe zu unserer Alltagswelt ist, ohne sie zu berühren oder ihren Zusammenhang zu zerstören. Das Phantastische dagegen offenbart ein Ärgernis, einen Riss, einen befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die wirkliche Welt. „Der fantastische Film/Fantasyfilm geht von einem ursprünglichen Realismus aus, der verletzt wird, wenn das Monster auftaucht oder die Toten zum Leben erwachen oder der Reisende mit der Zeitmaschine eine andere Welt betritt.“Vivian Sobchak: Der fantastische Film. Metzler, 1998, S. 283; zit. n. F. Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. 2004, S. 48. „[Das Märchenwunder hingegen] fügt sich harmonisch in eine Welt, in der die Kausalgesetze von vornherein außer Kraft gesetzt wurden.“F. Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. 2004, S. 47 f. Das Wunder geschieht ganz selbstverständlich und spielerisch, wohingegen sich das Phantastische [des Fantasy/Science Fiction-Films] als fiktionaler Entwurf eines real Möglichen oft in einem „Klima des Grauens“ vollzieht.Roger Caillos: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction. In: Phaicon1. Frankfurt 1974, S. 46, zit. n. F. Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. 2004, S. 48.

Der Märchenfilm ist eines der ältesten Filmgenres überhaupt. Obwohl die Übergänge fließend sind und Märchenfilme als Literaturverfilmungen klassischer Märchen, Sagen und Legenden hier durchaus auch motivverwandt sein können, wird der Fantasyfilm vom Märchenfilm unterschieden insofern dieser Fantasyliteratur verfilmt und der Fantasyfilm auch eine größere Nähe zum Actionfilm entwickelt hat. Als Kunstfilm hat der Märchenfilm eine enge Verbindung zur Märchenillustration und zur Märchenoper. Erforscht wird der Märchenfilm durch Filmtheorie und Märchenforschung.

Verfilmter Märchenstoff Das Märchen als literarische Vorlage für einen Film weist einige Besonderheiten auf. Märchenstoffe haben eine eigentümliche Plastizität, Umformbarkeit: Der im Aarne-Thompson-Uther-Index verzeichnete Typus eines Märchens wird zumeist in sehr vielen Sprachen oft mit leichten Abweichungen erzählt.Viele Hinweise finden sich dazu in Kurt Derungs: Märchenlexikon – edition amalia In dieses neue Erzählen eines Märchenstoffs reiht sich zumeist auch der Film ein, indem er oft mehrere Erzählweisen eines Märchentypus verbindet und die Märchenmotive im Sinne einer filmischen Handlung neu deutet und damit eine weitere Variante der Märchenerzählung im Film formuliert. Darin zeigt der Märchenfilm eine Besonderheit gegenüber dem Literaturfilm.

Allerdings gibt es auch Märchenverfilmungen nach Kunstmärchen, die wie der Literaturfilm an einer unmittelbaren filmischen Übertragung einer einzigen literarischen Vorlage interessiert sind -verfilmte Kunstmärchen stammen vorwiegend von Hans Christian Andersen, Henrik Hertz,Henrik Hertz schrieb das Märchenstück König René’s Tochter, Vorlage für den Film: Das Licht der Liebe; auch bekannt unter dem Titel Svetlo lásky. Wilhelm Hauff, Maurice Maeterlinck,Der belgische Symbolist Maurice Maeterlinck schrieb das Märchenstück L’oiseau bleu, Vorlage für den Film: Der blaue Vogel; OT: The blue bird und Sinyaya ptitsa Jan Drda,Jan Drda schrieb das Märchen Von der Prinzessin Lichtholde und dem Schuster, Vorlage für den Film: Die Prinzessin und der fliegende Schuster; OT: O princezne Jasnence a létajícím sevci. Josef Lada,Josef Lada schrieb das Märchen Prinzessin Julia, Vorlage für den gleichnamigen Film; OT: O zatoulané princezne. Richard Volkmann-Leander,Richard Volkmann-Leander schrieb das Märchen Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen, und dem König, der kein Brummeisen spielen konnte, Vorlage für den Film: Die Brummeisenprinzessin. Alexander Sergejewitsch Puschkin,Alexander Puschkin schrieb das Märchen Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken, Vorlage für den Film: Von der schönen Zarentochter und den sieben Recken; OT: Osenniye kolokola. Nikolai Wassiljewitsch Gogol,Nikolai Gogol schrieb das Märchen Die Nacht vor Weihnachten, Vorlage für den gleichnamigen Film; OT: Vechera na khutore bliz Dikanki Charles Dickens,Charles Dickens schrieb das Märchen Der Knochen des Zauberfisches, Vorlage für den Film: Der Knochen vom Zauberfisch; OT: Shirley Temple’s Storybook – The Magic Fishbone Washington Irving,Washington Irving schrieb das Märchen Rip van Winkle, Vorlage für den gleichnamigen Film; OT: Faerie Tale Theatre – Rip van Winkle und Astrid Lindgren.

Dennoch sind in Bezug auf die variantenreichen Motive die Märchen der Brüder Grimm auch international kanonisch und bilden in vielen Märchenfilmen eine wichtige Folie, die z. T. für sich steht, z. T. aber auch mit analogen Motiven von Charles Perrault, Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, Jeanne-Marie Leprince de Beaumont, Charles Deulin,Charles Deulin schrieb das Märchen Die Zwölf Tanzprinzessinnen in den Erzählungen des Königs Gambrinus, Vorlage für den Film: Die drei müden Prinzessinnen; OT: O trech ospalých princeznách Italo Calvino,Italo Calvino sammelte italienische Märchen, deren Motive wurden Vorlage für den Film: Der Ring des Drachen; OT: Desideria e l’anello del drago Božena Němcová, Karel Jaromír Erben, Joseph Jacobs,Joseph Jacobs sammelte englische und keltische Märchen, das Märchen Hans und die Bohnenranke wurde Vorlage für die Filme: 1. Hans und die Wunderbohne; OT: Faerie Tale Theatre – Jack and the Beanstalk und 2. Jack im Reich der Riesen; OT: Jack and the Beanstalk; Joseph Jacobs’ Märchen Dick Wittington und seine Katze wurde zur Vorlage für den gleichnamigen Film ; OT: Shirley Temple’s Storybook – Dick Wittington and His Cat Robert Southey,Robert Southey überliefert das Märchen Goldlöckchen und die drei Bären, Vorlage für den gleichnamigen Film; OT: Faerie Tale Theatre – Goldilocks and the Three Bears Peter Christen Asbjørnsen,Peter Christen Asbjørnsen überliefert die norwegischen Märchen Eisbärkönig Valemon und Östlich von der Sonne und westlich vom Mond, Vorlagen für den Film: Der Eisbärkönig; OT: Kvitebjørn Kong Valemon Alexander Nikolajewitsch Afanassjew u. a. Märchenerzählern verbunden wird. Überdies beziehen einige Märchenfilme ihre Motive aus der arabischen Märchensammlung von Tausendundeine Nacht.

Geschichte des Märchenfilms Märchen als Stummfilm Märchen waren bereits seit der Frühzeit des Stummfilms beliebte Sujets; bereits 1906 gab es eine deutsche Verfilmung von Frau Holle. Weitere frühe Märchen-Verfilmungen sind aus Frankreich von Georges Méliès zum Beispiel Les Aventures de baron de Munchhausen aus dem Jahr 1911 sowie mehrere Filme des amerikanischen Regisseurs James Searle Dawley (unter anderem Snow White, 1916). Paul Wegener verfilmte 1916 die Sage vom Rübezahl in Rübezahls Hochzeit – 1918 drehte Wegener den Märchenstummfilm Der Rattenfänger. Eine reich ausgestattete Szenerie bot Paul Lenis Dornröschen-Film von 1917/18 – sowohl Wegener als auch Leni haben hier Pionierleistungen expressiver Märchenverfilmung vollbracht.

In orientalischem Zauber bewegt sich Ernst Lubitschs Märchenfilm Sumurun von 1921 mit Pola Negri in der Hauptrolle nach der Geschichte vom Buckligen aus Tausendundeiner Nacht. Ludwig Berger, der auch theoretische Überlegungen zum Märchenfilm anstellteLudwig Berger: Film und Märchen. (in dem Programmheft zu Der verlorene Schuh. Berlin 1923. In: Hans-Michael Bock, Wolfgang Jacobsen (Hrsg.): Ludwig Berger. – Filmmaterialien – Eine Filmreihe der Initiative Kommunale Kino e. V.(Metropolis) und der Freunde der Deutschen Kinemathek e. V. Berlin (Arsenal); Hamburg/Berlin 1992, S. 11–12. (Erläuterungen hierzu bei Fabienne Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. Gardez!Verlag, Remscheid 2004, ISBN 3-89796-041-9) schuf 1923 mit Der verlorene Schuh in einer Ästhetik schwebender Bilder eine Aschenputtelversion.

Zu einer dynamischen Abenteurerversion wird 1924 im US-amerikanischen Stummfilm Scheherazades Märchen in Douglas Fairbanks’ Darstellung von Der Dieb von Bagdad. Eine Vollendung erreichte der Märchenstummfilm 1928 mit Jean Renoirs Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, der für den Märchenfilm neue künstlerische Maßstäbe setzte.

Schlüsselwerke des Märchenfilms Obwohl der Märchenfilm seit den 1930er Jahren sowohl die Techniken des Farbfilms als auch die des Tonfilms eroberte, wurde das entscheidende, bis heute klassisch verbindliche Werk des Märchenfilms ein Tonfilm in Schwarz-Weiß: Jean Cocteaus Film La Belle et la Bête von 1947. Dieser französische Märchenfilm, der das Wunderbare mit dem Wirklichen in einer bis dahin nie gesehenen Weise verband, hatte auch gerade durch seine Schwarz-Weiß-Technik die Wirkung lebendig gewordener Träume in der Art der Märchenbilder von Gustave Doré.Die offensichtlichen Bildparallelen zwischen Gustave Dorés Märchenbildern und Jean Cocteaus Bildauffassung in La Belle et la Bête bestätigt auch Fabienne Liptay; darüber hinaus kann die Autorin überzeugend neben Renaissance-Zitaten für Cocteaus Märchenfilm auch ästhetische Bezüge zu Cocteaus Gegenwart im Surrealismus feststellen – vor allem zu Max Ernsts Bild Lion de Belfort: Für La Belle et la Bête ergibt sich hieraus eine spannungsreiche ästhetische Balance zwischen Historisierendem und Gegenwärtigen. Vgl.: Fabienne Liptay: Wunderwelten – Märchen im Film. Gardez!Verlag, Remscheid 2004, ISBN 3-89796-041-9, S. 93, zum Doré-Bezug des Weiteren S. 139.

Zeitnah entstanden unter anderem in der Tschechoslowakei der Schwarz-Weiß-Film nach dem Drosselbartmärchen Die stolze Prinzessin von 1952 und in der Sowjetunion schon 1939 ebenfalls schwarz-weiß Die schöne Wassilissa. Diese Filme hatten besonders in ihren Ländern die Wirkung einer Initiation.

Russische Klassiker in Farbe sind Die steinerne Blume, bereits von 1946 und von 1976 Die traurige Nixe und Die Prinzessin auf der Erbse. Die Phantastik und die künstlerische Aussagekraft von Cocteaus La Belle et la Bête mit Spiegeln und Schattenbildern stand 1947 jedoch zunächst singulär da.