mini|Captain Lemuel Gulliver (Illustration aus der Erstausgabe von Gullivers Reisen aus dem Jahr 1726)

Gullivers Reisen () ist ein satirischer Roman des irischen Schriftstellers, anglikanischen Priesters und Politikers Jonathan Swift. In der Originalfassung besteht der Roman aus vier Teilen und wurde 1726 unter dem Titel Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships veröffentlicht. In anschaulicher Erzählweise bringt Swift seine Verbitterung über zeitgenössische Missstände und seine Auffassung von der Relativität der menschlichen Werte zum Ausdruck.

Der Roman ist, nach Campanellas Civitas solis und Bacons Nova Atlantis, der Höhepunkt einer im Gegensatz zu religiösen Entwürfen stehenden Gattung, die ohne unmittelbare Wirklichkeitsansprüche Bilder einer idealen Gesellschaft zum Thema hat.

Inhalt Das satirische Werk gliedert sich in vier Teile, die den vier Reisen Gullivers entsprechen: Nach Liliput, ins Land der zwergenhaften Liliputaner Nach Brobdingnag, ins Land der Riesen Nach Laputa, Balnibarbi, Glubbdubdrib, Luggnagg und Japan Ins Land der Houyhnhnms und Yahoos

Teil 1: Reise nach Liliput mini|Karte von Lilliput südwestlich von Sumatra (Illustration von Herman Moll für die Erstausgabe von Gullivers Reisen aus dem Jahr 1726) mini|Eine Liliputaner-Parade marschiert durch Gullivers Beine. Illustration von Louis Rhead, 1913. mini|Gulliver inmitten der Bewohner Liliputs

Gulliver nimmt eine Tätigkeit auf einem Schiff an und arbeitet bald darauf als Wundarzt auf dem Schiff. Dieses aber gerät in einen Sturm. Gulliver sucht mit fünf anderen Besatzungsmitgliedern Schutz in einem Ruderboot, das jedoch kentert. Der Schiffbrüchige erreicht einen Strand und schläft dort ein; die anderen Besatzungsmitglieder sieht er nie wieder. Als er aufwacht, findet er sich an Armen, Beinen und Haaren mit Schnüren an den Boden gefesselt. Sechs Zoll kleine Winzlinge klettern auf seinem Körper herum. Gulliver gelingt es, die Fäden an seinem linken Arm zu lösen, worauf die Winzlinge eine Salve von Pfeilen auf ihn abfeuern, woraufhin er beschließt, sich besser ruhig zu verhalten. Die Zwerge bringen ihm zu essen und zu trinken und ziehen ihn sodann auf einem Holzrahmen in ihre Stadt, wo er an einem vor längerer Zeit aufgegebenen Tempelgebäude angekettet wird. Gulliver bittet den Kaiser der Liliputaner, ihn freizulassen, was dieser ihm jedoch verwehrt. Stattdessen erstellen die Liliputaner ein Verzeichnis sämtlicher von Gulliver mitgeführten Dinge und nehmen ihm seine Waffen ab. Der Kaiser beschließt, zu Gullivers Unterhaltung Schaustücke aufzuführen, und so werden ihm liliputanische Seiltänzer vorgeführt. Sodann bittet der Kaiser Gulliver, sich wie eine Riesenstatue aufzustellen, die Beine weit auseinander, und gibt seinem General Befehl, seine Truppen unter Gulliver hindurchmarschieren zu lassen. Schließlich tragen die Liliputaner dem Man Mountain (Menschenberg),Part I, Ch. 3. wie sie Gulliver nennen, eine Anzahl von Artikeln vor, in denen unter anderem festgelegt ist, dass Gulliver den Liliputanern in Kriegszeiten beistehen müsse. Nachdem Gulliver geschworen hat, die Artikel zu beachten, werden seine Ketten entfernt.

Etwa zwei Wochen nach seiner Freilassung erhält Gulliver Besuch vom Regierungssekretär Reldresal. Dieser erklärt ihm, das Reich werde von zwei Übeln bedroht: einer inneren Aufspaltung und einem äußeren Feind. Die inneren Gruppierungen seien die Trackmesan mit hohen Absätzen und die Slackmesan mit niederen Absätzen; seine Majestät habe beschlossen, nur die niederen Absätze in der Regierung zu beschäftigen, daher der Konflikt. Die Feindseligkeiten zwischen den Angehörigen beider Gruppen gingen so weit, dass sie nicht mehr miteinander redeten. Der äußere Feind aber seien die Bewohner der Insel Blefuscu, von denen eine Invasion drohe. Dem liege Folgendes zugrunde: Der Großvater des Kaisers hatte sich einst beim Öffnen eines Eies an der breiten Seite in den Finger geschnitten und daraufhin verfügt, alle seine Untertanen müssten ihre Eier am spitzen Ende öffnen. Dies habe in Liliput zu Aufständen geführt, die von den Monarchen Blefuscus geschürt worden seien und nach deren Niederschlagung die unterdrückten Liliputaner nach Blefuscu geflohen seien. Die Herrscher Blefuscus hätten den Liliputanern dabei vorgeworfen, gegen ihren großen Propheten Lustrog verstoßen zu haben, der geschrieben hatte: all true believers break their eggs at the convenient end („alle wahren Gläubigen schlagen ihr Ei am bequemen Ende auf“).Part I, Ch. 4. – Gulliver erklärt sich schließlich damit einverstanden, Liliput gegen diese Feinde zu beschützen. Gulliver befestigt deshalb an zu Haken gebogenen Eisenstangen je ein Tau und begibt sich damit nach Blefuscu, wo er an den Schiffen im Hafen je einen Eisenhaken anbringt und die Schiffe so nach Liliput zieht. Drei Wochen darauf erscheint eine Gesandtschaft aus Blefuscu in Liliput mit einem Friedensangebot, dem nachgekommen wird. Die Gesandten laden Gulliver nach Blefuscu ein. Eines Nachts steht das Apartment der Kaiserin in Flammen – der zur Hilfe gerufene Gulliver löscht den Brand mit dem Strahl seines Urins.

Gulliver beschreibt nun einige der Sitten in Liliput: Die Liliputaner schreiben schräg von einer Ecke bis zur anderen. Sie bestatten ihre Toten mit den Köpfen nach unten, damit sie bei ihrer Auferstehung, die dann stattfinden wird, wenn die scheibenförmige Erde sich umgewendet hat, auf ihren Füßen stehen.

Gulliver erfährt, dass er in Liliput wegen diverser Vergehen angeklagt worden ist, zum Beispiel wegen öffentlichen Urinierens. Anstelle der ursprünglich vorgesehenen Todesstrafe planen die Liliputaner jetzt, ihn zu blenden und allmählich verhungern zu lassen, sein Skelett soll als Monument für die Nachwelt erhalten bleiben. Um all dem zuvorzukommen, begibt sich Gulliver nach Blefuscu. Drei Tage nach seiner Ankunft entdeckt er im Meer ein Boot, mit dem er schließlich seine Rückreise antritt. Auf dem Meer wird er von dem Schiff eines englischen Kaufmanns aufgenommen, dem er seine Geschichte erzählt und zum Beweis das mitgeführte Zwergvieh zeigt.

Teil 2: Reise nach Brobdingnag mini|Gulliver in Brobdingnag

Zwei Monate nach seiner Rückkehr nach England zieht es Gulliver erneut zur See. Er fährt mit einem Schiff unter dem Kommando von Kapitän John Nicholas zum Kap der Guten Hoffnung und durch die Meerenge von Madagaskar, gerät aber dann in einen gewaltigen Monsun und stößt auf ein unbekanntes Land. In einem Boot begibt er sich mit einigen Besatzungsmitgliedern an Land und geht ein Stück weit allein. Da bemerkt er, dass die anderen Besatzungsmitglieder wieder zurückrudern, weil sie von einem Riesen verfolgt werden. Gulliver läuft davon und findet sich bald auf einem Weg in einem Feld wieder, dessen Gerste vierzig Fuß (rd. 12 Meter) hoch ist. Auf dem Feld arbeiten einige Riesen mit ihren großen Sensen. Als einer der Riesen ihm zu nahe kommt, schreit Gulliver so laut er nur kann, um nicht zertreten zu werden. Der Riese hebt ihn auf und gibt ihn dem Farmer, der ihn mit nach Hause nimmt und seiner Frau zeigt. Nach dem Essen lässt die Farmersfrau Gulliver in ihrem Bett schlafen. Während Gulliver schläft, klettern zwei Ratten auf das Bett; er erwacht und tötet eine der Ratten mit seinem Säbel.

Gulliver freundet sich mit der Zeit mit Glumdalclitch an, der neunjährigen Tochter des Farmers. Sie näht ihm Kleider und unterrichtet ihn in der Sprache der Leute von Brobdingnag. Der Farmer nimmt Gulliver mit auf den Markt, wo er Kunststücke vorführt und von zahlreichen Riesen bestaunt wird. Eines Tages erhält der Farmer Anweisung, Gulliver zur Königin zu bringen. Die Königin ist von Gulliver so angetan, dass sie ihn dem Farmer abkauft. Gulliver erreicht, dass Glumdalclitch bei ihm bleiben darf. Gulliver lernt den König von Brobdingnag kennen und unterrichtet ihn über Sitten und Religion, Gesetz und Regierung in Europa.

Der Zwerg, der bisher der Kleinste am Hofe war, steht Gulliver missgünstig gegenüber und wirft ihn in eine Schüssel mit Crème; doch Gulliver kann sich schwimmend an der Oberfläche halten, bis Glumdalclitch ihn endlich wieder herausholt. Als Gulliver eines Morgens Kuchen isst, fliegen, angelockt von dem süßen Geruch, zwanzig Wespen durch das Fenster herein; er zieht seinen Säbel und kann vier der Insekten töten. Als Hofdamen in Gullivers Gegenwart ihre Kleidungsstücke ablegen, bemerkt Gulliver, wie hässlich ihre Haut aussieht. Er erkennt, dass auch seine Haut, von einem Zwerg betrachtet, faltig und wie von Kratern übersät aussehen muss. In die größte Gefahr aber gerät Gulliver durch einen Affen, der ihn ergreift, mit ihm auf das Dach rennt und ihn dort fallen lässt; nur durch den Einsatz eines Dieners, der das Dach erklettert, kann Gulliver schließlich gerettet werden.

In weiteren Gesprächen mit dem König stellt Gulliver diesem ausführlich die Verhältnisse in England dar. Am Ende gelangt der König zu dem ernüchternden Schluss: I cannot but conclude the bulk of your natives to be the most pernicious race of little odious vermin that nature ever suffered to crawl upon the surface of the earth. („Ich muss feststellen, dass ein Großteil Eurer Eingeborenen die verderblichste Rasse von widerlichem kleinen Gewürm ist, die die Natur je auf der Oberfläche der Erde erleiden musste“.)Part II, Ch. 6 a.E.

Gulliver wird an die Küste gebracht und ein Diener setzt ihn in seiner Reiseschachtel auf den Strand. Plötzlich taucht ein Adler auf, ergreift die Schachtel und fliegt mit ihr davon. Gulliver fällt mitsamt der Schachtel ins Meer und die Besatzung eines Schiffes entdeckt das schwimmende Objekt. Gulliver wird befreit und gerettet. Den Matrosen berichtet er von seinen Abenteuern und schließlich gelangt er nach Hause.

Teil 3: Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan mini|Die Gelehrteninsel Laputa in der Ausgabe von 1839