mini|Szene mit Miranda und Ferdinand aus Der Sturm; Gemälde 1782 Der Sturm (engl. The Tempest) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Werk handelt vom Schicksal Prosperos und seiner Tochter. Dieser wurde als Herzog von Mailand von seinem Bruder vertrieben, ist auf eine Insel geflüchtet, überwindet mittels Magie seine dort gestrandeten Feinde und kehrt, nachdem seine Ehre wiederhergestellt ist, in seine Heimat zurück. Der Sturm gehört zu den wenigen Dramen Shakespeares, für deren Handlung es keine spezifische Quelle gibt. Es wurde vermutlich spätestens bis zur Mitte des Jahres 1611 fertiggestellt. Für den November 1611 ist die erste Aufführung bezeugt. Die erste Druckfassung findet sich in der First Folio von 1623. Seit Dowdens Definition wird es zusammen mit weiteren Stücken aus Shakespeares Spätwerk zu den Romanzen gezählt.
Übersicht Ein wesentlicher thematischer Schwerpunkt des Stückes liegt in der Frage nach der Aneignung und Kontrolle der Welt durch die zwischen Natur und Zivilisation vermittelnde Tätigkeit des Menschen. Eben diese Frage nach der positiven Herrschaft des Menschen über die sozialen und natürlichen Bedingungen seiner Existenz auf den verschiedensten Ebenen der „wirtschaftlichen, sozialen, familiären, seefahrenden, wissenschaftlichen und, nicht zuletzt, künstlerischen Tätigkeit“ wird zum Leitfaden der Fabel und bestimmt deren wesentliche Bezugspunkte.
So wie Prospero die Elemente der Natur durch Magie und (vor)wissenschaftliche Erkenntnisse beherrscht und zugleich als Regisseur die Szenen lenkt, um die gestrandeten Usurpatoren zu Reue und Einsicht zu bewegen, bringt Shakespeare als Dramatiker den Stoff und die Elemente seines späten Werkes in eine kunstvolle, für ihn neuartige Form, die einerseits einen knappen Zeitrahmen mit einem geradlinigen Handlungsverlauf verbindet, andererseits aber zugleich in komplexer Form tiefere allegorische, psychologische und philosophische Bedeutungsebenen enthält, die in ihrem Zusammenspiel unterschiedliche Sichtweisen und Ausdeutungen zulassen. Typische Komödienelemente wie das Motiv der Versöhnung nach einer Trennung, Lösung von Konflikten durch Verzeihen und Vergeben werden mit farcenhaften Momenten, einer pastoralen (Insel-)Szenerie, Einbrüchen des Übernatürlichen und einer der Alltagswirklichkeit entrückten, poetisch verklärten Sphäre in Form einer Romanze verknüpft.
Die übergreifende Thematik von Aneignung und Kontrolle der Welt bestimmt nicht nur den stofflichen Gegenstand des Stückes, sondern prägt ebenso die Art und Weise seiner dramaturgischen Behandlung. Durch eine geschickt komponierte Anordnung der Vorgänge auf der Insel erreicht Shakespeare wie in kaum einem anderen seiner späten Dramen nicht nur eine souveräne Handhabung der Fabel, sondern zugleich eine „einzigartige Ökonomie der Handlung.“ Die Einheiten von Ort und Zeit werden in einer Weise gewahrt, in der die Handlungsspanne des dramatischen Geschehens und die tatsächliche Aufführungszeit nahezu vollständig übereinstimmen.
Die dramatischen Figuren agieren in ihren Bewegungen und Aktionen im Ensemble; im Verlauf der Handlung treten drei Gruppierungen auf, der Hofstaat, Caliban und die Clowns sowie Ferdinand und Miranda, die sich schließlich zu einer Reihung der Mehrzahl der Charaktere in Paaren zu zweit fügt: Antonio und Sebastian, Caliban und Ariel, Stephano und Trinculo, Miranda und Ferdinand. Durch die sich daraus ergebende Symmetrie der Figurenführung im Zusammenspiel mit der zeitlichen Einheit wird so mit Hilfe eines geschickt kontrollierten Handlungsablaufs die grundlegende Thematik mittelbar dramaturgisch unterstrichen.Vgl. detaillierter Robert Weimann: Shakespeares «Sturm» und die Kunst der Weltaneignung. In: Sinn und Form 28 (1976), S. 219–243, hier bes. S. 213 ff., sowie Walter Pache: The Tempest. In: Interpretationen. Shakespeares Dramen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2000, S. 369-373, hier bes. S. 369-373. Siehe auch Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. Kröner, 5., durchgesehene und ergänzte Auflage, Stuttgart 2009, S. 474 ff.
Der Aufbau der einzelnen Akte dieses zweitkürzesten Stückes von Shakespeare ist äußerst übersichtlich: Die ersten beiden Akte bestehen jeweils nur aus zwei längeren Szenen, während die letzten beiden Akte eine einzige lange Szene enthalten. Die Anfangsszene im ersten Akt zeigt den spektakulären Schiffbruch der Mailänder Hofgesellschaft; in der zweiten Szene des ersten Aktes wird die Vorgeschichte der weiteren Insel-Handlung als zusammenfassende Exposition durch Prospero berichtet. Akt IV enthält anlässlich der Verlobung von Miranda und Ferdinand als Einlage ein von Prospero inszeniertes Maskenspiel, das in seiner Form der höfischen jakobäischen „Masque“ entspricht und Aufführungen des Stückes bei Hof andeutet. In diesem Maskenspiel treten neben Iris, der geflügelten Götterbotin, Ceres, die Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit, und Juno, die Göttin der Geburt, Ehe und Fürsorge, als Gottheiten aus der griechisch-römischen Mythologie auf.Siehe dazu ausführlich William Shakespeare: The Tempest. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by Virginia Mason Vaughan and Alden T. Vaughan. London 1999, S. 67–76. Vgl. auch Marjorie Garber: The Tempest. in: Marjorie Garber: Shakespeare After All. Anchor Books, New York 2005, (Erstveröffentlichung Pantheon Books 2004), S. 858 ff. und 872 ff.
Auch der Schlussakt wird von dem nach wie vor dominanten Prospero als Ganzes bestimmt: Er vergibt den Mitgliedern der gestrandeten und durch seine Magie verwirrten Hofgesellschaft, befreit sie aus ihrer Verwirrung, auch wenn die beiden Hauptschuldigen, Antonio und Sebastian, bis zum Schluss keinerlei Reue zeigen. Damit verbunden entsagt Prospero der „groben Magie“ („rough magic“, Vi.1, Z. 50 f.), zerbricht seinen Zauberstab und entlässt den Luftgeist Ariel aus seinen Diensten in die Freiheit.
Während die Geschichte Prosperos und Alonsos im Schlussakt zu Ende erzählt wird und das weitere Schicksal von Miranda und Ferdinand nach deren Verlobung für das Publikum zumindest vorstellbar ist, bleibt am Ende offen, was aus den anderen, vor allem Ariel und Caliban, und der Insel werden wird. Als Ariel in die Freiheit entlassen wird, erfährt der Zuschauer nichts über seine Reaktion; Caliban wird überhaupt nicht mehr in das Schlusstableau eingebunden. Auch die Insel wird perspektivisch nicht mehr einbezogen, obwohl „ihre Vorgeschichte, ihre Kolonisierung durch Prospero“ und die Wirkungsweisen des bisherigen Inselregimes durch Prospero bis dahin im Vordergrund standen. Nunmehr geht es einzig um die Rückkehr nach Mailand und Neapel sowie die Zukunft dort; die Insel wird im Epilog noch äußerst kurz als „this bare island“ (Epilog, Z. 8) gestreift.
Diese Leerstellen in Shakespeares Werk haben in der nachfolgenden Rezeptions- und Theatergeschichte die Voraussetzungen dafür geschaffen, den Ausgang des Stückes in unterschiedlicher Weise zu begreifen oder auf der Bühne zu gestalten, ohne dabei den Originaltext verbiegen zu müssen.Siehe William Shakespeare: The Tempest. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Deutsche Prosafassung, Anmerkungen, Einleitung und Kommentar von Margarete und Ulrich Suerbaum. Stauffenburg, Tübingen 2004, S. 217 ff. sowie S. 179, Anmerkung 13 zu den unterschiedlichen Diskussionsansätzen über die Bedeutung diese Verzichts auf die „rough magic“ . Vgl. dazu auch William Shakespeare: The Tempest. The Oxford Shakespeare. Oxford Worlds Classics. Edited by Stephen Orgel. London 1987, S. 190, Anmerkung 50, sowie William Shakespeare: The Tempest. The Arden Shakespeare. Third Series. Revised Edition. Edited by Virginia Mason Vaughan and Alden T. Vaughan. London 2011, S. 288, Anmerkung 50.
Grundsätzlich ist Shakespeares späte Romanze von Theatermachern und Kritiker aus zwei unterschiedlichen Perspektiven verstanden und aufgenommen worden: einerseits als universelle Fabel menschlicher Kunst und Schöpfung, andererseits als allegorische Darstellung des einsetzenden englischen Kolonialismus.Siehe dazu detailliert Marjorie Garber: The Tempest. In: Marjorie Garber: Shakespeare After All. Anchor Books, New York 2005, (Erstveröffentlichung Pantheon Books 2004), ISBN 978-0-385-72214-8, S. 213–237, besonders S. 213 ff.
Handlung mini|'A Scene from the Tempest, Prospero and Ariel' von Joseph Severn (1793–1879)
Zwölf Jahre vor Einsetzen der Spielhandlung sind Prospero und seine Tochter Miranda auf einer Insel gestrandet.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2008, Akt I, 2, 53: "Zwölft Jahre sind's mein Kind ...". Prospero war vormals Herzog von Mailand, beschäftigte sich jedoch mehr und mehr mit seinen magischen Studien und vernachlässigte seine Pflichten als Herzog.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2008, Akt I, 2, 88: "Ich nun, das Weltliche mißachtend, ..." Dies nutzte sein machthungriger Bruder Antonio aus,Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2008, Akt I, 2, 66-68: "... daß ein Bruder so verschlagen sein kann!." indem er mit Hilfe Alonsos, des Königs von Neapel, eine Armee aufstellte, gegen Mailand zog und Prospero stürzte.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2008, Akt I, 2, 129-132: „... da öffnete Antonio die Tore Mailands; und im schwarzen Schweigen verschleppten schnell die Schergen seiner Ränke mich und dich weinend Kind.“ Prospero wurde zusammen mit seiner Tochter in einem kaum seetüchtigen Boot auf hoher See ausgesetzt und entkam auf die Insel.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2008, Akt I, 2, 144-151: „... sie hievten uns auf eine Bark an Bord, fuhrn raus aufs Meer ein Stück, und hatten dort ein morsches Wrack von Kahn bereit ... da setzten sie uns aus.“