mini|hochkant=1.3|Schloss Nordkirchen, Luftbild
Schloss Nordkirchen ist eine ehemalige Residenz der Fürstbischöfe von Münster in der westfälischen Gemeinde Nordkirchen. Die barocke Dreiflügelanlage wurde 1703 bis 1734 im Auftrag von Friedrich Christian von Plettenberg nach Entwürfen von Gottfried Laurenz Pictorius und Johann Conrad Schlaun erbaut. Hervorzuheben sind das Vestibül, der Festsaal und die Schlosskapelle. Mit der Oranienburg, der Orangerie und dem Schlosspark bildet das „westfälische Versailles“ ein bedeutendes Ensemble.
Geschichte Überblick mini|Schloss Nordkirchen, Ansicht der Gartenseite mini|Schloss Nordkirchen: die symmetrischen Hauptgebäude von Süden Die Ursprünge des heutigen Schlosses liegen in einer Wasserburg der Familie Morrien, die Gerhard III. von Morrien zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu einem der am stärksten befestigten Wasserschlösser des Münsterlandes ausbauen ließ. Nach dem Aussterben der männlichen Familienlinie verkauften die Erben die Anlage 1694 an Friedrich Christian von Plettenberg, den Fürstbischof von Münster. Seine Familie ließ das Schloss im 18. Jahrhundert zu einer repräsentativen, barocken Residenz umgestalten. Die Bauarbeiten (1703 bis 1734) wurden zunächst von Gottfried Laurenz Pictorius geleitet, ab 1706 wirkte auch sein Bruder Peter Pictorius der Jüngere mit. Johann Conrad Schlaun war ab 1723 zunehmend in die Planungen eingebunden und ersetzte dann Peter Pictorius als örtlichen Bauleiter.
Der Nordkirchener Schlossgarten zählte zu den berühmtesten Schlossgärten Europas. Schlossherr Ferdinand von Plettenberg (1690–1737) hinterließ einen hochverschuldeten Besitz, den nachfolgende Generationen nur mit Mühe unterhalten konnten. Als diese Linie der Familie von Plettenberg 1813 im Mannesstamm ausgestorben war, ging das Eigentum des Anwesens über die Erbtochter Maria von Plettenberg auf ihren Sohn Miklós Esterházy de Galántha (1839–1897) über. Er ließ Veränderungen im Garten und an den Innenräumen vornehmen. Nach seinem Tod verkauften seine ungarischen Verwandten die Anlage 1903 an den Herzog Engelbert-Maria von Arenberg (1872–1949). Er ließ die mittlerweile heruntergekommenen Gebäude sanieren und modernisieren und vergrößerte das Hauptgebäude. Den großen Schlossgarten ließ er zum Teil wiederherstellen und erweitern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte die Familie das Schloss nicht mehr als Wohnsitz und die Anlage verfiel allmählich.
1949 mietete das Land Nordrhein-Westfalen das Schloss und betrieb in den zwischenzeitlich einsturzgefährdeten Schlossgebäuden nach einer ersten Renovierung ab 1950 seine Landesfinanzschule, aus der später die Fachhochschule bzw. heutige Hochschule für Finanzen Nordrhein-Westfalen entstand. 1958 kaufte das Land die Schlossinsel samt Hauptgebäude sowie einen Teil des Schlossparks und startete eine langjährige Restaurierungskampagne, die 1991 mit der Wiederherstellung der barocken Venusinsel nördlich des Schlosses ihren vorläufigen Abschluss fand. Erweiterungsbauten für die Fachhochschule wurden insbesondere 1970/1971 an den Rändern des Schlossparks errichtet.Information für Interessierte an einem Studium an der Fachhochschule für Finanzen, Nordkirchen, abgerufen am 3. August 2016
Das denkmalgeschützte Wasserschloss liegt 28 Kilometer südlich von Münster auf dem Gebiet der Gemeinde Nordkirchen im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld. Es ist die größte und bedeutendste Barockresidenz Westfalens, gilt darüber hinaus als Hauptwerk des westfälischen Barock,Dehio 1912, S. 391. und wird aufgrund seiner Ausmaße und architektonischen Gestaltung auch als das „westfälische Versailles“ bezeichnet. Die Anlage ist Teil der 100-Schlösser-Route.Das Westfälische Versailles – Schloss Nordkirchen Schloss und Park wurden von der UNESCO als „Gesamtkunstwerk von internationalem Rang“ für schutzwürdig erklärt. Die Gebäude beherbergen heute die Fachhochschule für Finanzen Nordrhein-Westfalen mit rund 1000 Studierenden. Im Gewölbekeller ist ein Restaurant untergebracht. Einige Bereiche des Schlosses sind für Besucher freigegeben und können im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Im Jahr 1988 machten 50.000 Besucher von dieser Möglichkeit Gebrauch. Der Schlosspark ist für die Öffentlichkeit zugänglich.Homepage Die Schlosskapelle kann für Trauungen gemietet werden.
Anfänge mini|Rekonstruktion der Motte im Hirschpark Schloss Nordkirchen geht – wie fast alle Wasserschlösser Westfalens – auf eine mittelalterliche Wasserburg zurück. Schon im frühen Mittelalter gab es dort einen Oberhof, den Liudger, der erste Bischof von Münster, um 800 gemeinsam mit 33 dazugehörigen Unterhöfen von Karl dem Großen erhalten und dann der neu gegründeten Abtei Werden geschenkt hatte. Die Vogteirechte darüber lagen nach 1225 bei den Grafen von der Mark, die sie anscheinend an die Herren von Lüdinghausen verlehnt hatten. Erstes in Nordkirchen urkundlich nachweisbares Familienmitglied war Johann I. von Lüdinghausen, genannt Morrien, dessen Familie ab 1275 auch den Werdener Oberhof zu Lehen trug. Er gehörte zur Burgmannschaft der bischöflichen Landesburg Botzlar sowie des Bispinghofs in Münster und bewohnte später ein „festes Haus“, dessen Standort östlich des heutigen Schlosses im sogenannten Hirschpark vermutet wird. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um eine kleine Motte nördlich der heutigen Straße nach Capelle nahe dem Gorbach, während der Oberhof an einer Stelle im heutigen Schlosspark lag, die Morriensches Loch genannt wird. Johanns Sohn Johann II. legte den Namen von Lüdinghausen endgültig ab und erwarb um 1350 die Erbmarschallswürde des Hochstifts Münster von Conrad von Rechede. Die von Morrien stellten somit den Anführer der Ritterschaft des Hochstifts und den Vorsitzenden der Landtage im Münsterland.
Besitz der Familie von Morrien (1368 bis 1694) Johann III. von Morrien ließ nahe dem Dorf Nordkirchen an der Stelle des heutigen Schlosses ab 1398 einen neuen Familiensitz errichten. Da dieser als Wasserburg geplant war, wurde ein künstlicher See ausgehoben, der sich aus einem natürlichen Quellhorizont speiste.
Das 15. Jahrhundert brachte für die Familie Morrien eine ständige Steigerung ihres Ansehens und ihrer Macht. 1444 erhielt Gerhard II. von Morrien den Werdener Oberhof mit allem Zubehör für sich und seine Familie „auf ewige Zeiten in Erbpacht“. Die Gegenleistung dafür war nur ein sehr geringes Jahresgeld. Ab etwa 1528 ließ Gerhard III. von Morrien den Familiensitz als Schloss neu bauen und dabei erweitern. Um es vor Angriffen mit modernen Feuerwaffen zu schützen, wollte er es mit einem weitläufigen Verteidigungssystem aus Wällen und Wassergräben umgeben. Um dafür Platz zu schaffen, hatte er bereits 1524 die um das Jahr 1000 gebaute Dorfkirche abreißen lassen, die nach langem Rechtsstreit 1536 an ihrem heutigen Platz neu errichtet wurde. Ein Steinkreuz im Schlosspark markiert den einstigen Kirchenstandort. Auch das Dorf musste aus strategischen Gründen den neuen Festungswerken der Wasserburg weichen und wurde 1530 rund 500 Meter weiter nördlich neu angelegt.
mini|Das alte Schloss Nordkirchen vor dem Abbruch 1703, Vogelschau von Peter Pictorius d. J., um 1703
Der Schlossneubau war ein Werk des Coesfelder Baumeisters Henric de Suer und seines Sohnes Johann, die schon das Schloss Herten für die Familien Stecke und Nesselrode erbaut hatten. Der Schlossteich wurde dabei erweitert und in eine rechteckige Form gebracht. Nach Fertigstellung in den 1530er Jahren war die Anlage rund 150 Jahre lang eines der am stärksten befestigten Wasserschlösser des Münsterlandes. Peter Pictorius der Jüngere zeichnete ihr Aussehen 1703 (als die Bauarbeiten begannen) in einer colorierten Zeichnung mit Vogelperspektive. Demnach bestand das Schloss aus einer Vorburg mit Torhaus, Kapelle und Wirtschaftsgebäuden wie Stallungen, Brauhaus und Marstall sowie einer südlich davon gelegenen Kernburg. Beide Teile lagen auf eigenen Inseln. Die Hauptburg bestand aus einem Herrenhaus am Südrand der Kernburginsel mit gotischen Fialgiebeln und runden Türmen an den südlichen Ecken. An der zum Hof gewandten Nordfassade stand ein großer Treppenturm mit steilem Helm und Zwiebelhaube. Parallel zum Herrenhaus stand an der Nordseite der Insel ein weiterer Trakt mit Treppengiebeln. Die beiden Flügel waren durch Verbindungsbauten an den Ost- und Westseiten miteinander verbunden. Die Gebäude waren allseitig von einer Innengräfte umgeben, der ein hoher Wall mit vier wuchtigen Batterietürmen an den Ecken vorgelagert war. Das Material für den Bau des Walls stammte aus der breiten Außengräfte, die das Erdwerk an allen vier Seiten umgab. Die dreigeschossigen Ecktürme hatten ein Kegeldach mit einer Wetterfahne auf ihrer Spitze. Bei einem Durchmesser von ca. 24 Metern waren ihre Mauern bis zu fünf Meter dick. Der nordöstliche von ihnen diente als Torturm, von dem eine Holzbrücke zum Torhaus der Vorburg mit seinen fialenbesetzten Treppengiebeln führte. Das letzte Stück der Brücke war dabei als Zugbrücke ausgeführt.
Im Jahr 1561 löste Gerhard IV. von Morrien die Erbpacht der Nordkirchener Lehen des Klosters Werden ab. Es gelang ihm also, Nordkirchen aus dem Lehnsverhältnis zur Kirche zu lösen und die Besitzungen zum Allodial seiner Familie zu machen. Dieses überstand den Dreißigjährigen Krieg vollkommen unbeschadet, denn – soweit bekannt – wurde das Schloss nie angegriffen. Trotzdem gab es im Kriegsjahr 1627 Aufregung in Nordkirchen. Johann IV. von Morrien brachte seine Familie damals in arge Schwierigkeiten, denn obwohl er selbst Kämmerer des Bischofs Ferdinand I. von Bayern und damit eines katholischen Landesfürsten war, betrieb er die Anwerbung zweier Regimenter für Christian IV., den protestantischen König von Dänemark. Weil dieser als Landesfeind galt, wurde Johann IV. des Landesverrats angeklagt und für schuldig befunden. Alle seine Güter im Hochstift wurden konfisziert. Er selbst kam zwar wieder frei, starb aber am 30. März 1628 bei einem Sturz vom Pferd, ohne vom Dänenkönig jemals das von ihm vorgestreckte Geld zurückzuerhalten. Seine Witwe, Anna Sophia von Limburg-Styrum zu Borculo, konnte für ihre Kinder die Aufhebung der Enteignung bewirken, indem sie zum katholischen Glauben übertrat. Anna Sophias älterer Sohn Ferdinand wurde 1670 in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Als er 1688 starb, kam Schloss Nordkirchen als Erbe an seinen jüngeren Bruder Johann Bernhard. Der aber starb am 11. Januar 1691 ebenfalls kinderlos, und so fiel der Besitz an die acht noch lebenden Kinder von Juliana Adolpha Sophia von Morrien, der älteren Schwester Ferdinands und Johann Bernhards, die mit dem Freiherrn Ferdinand von Weichs zu Roesberg verheiratet war. Weil keiner der Erben seine Geschwister auszahlen konnte, um alleiniger Herr auf Nordkirchen zu werden, entschlossen sich die Erben zum Verkauf der Anlage. Maria Sophia von Weichs und ihr Mann, Graf Jakob von Hamilton, waren bei dem Verkauf federführend.
Eigentum der Familie von Plettenberg (1694 bis 1833) mini|hochkant|Dispositionsentwurf für den Schlossneubau; zu erkennen sind das alte Schloss und der geplante Neubau