mini|Heutige Verbreitung der tibetobirmanischen Sprachen. 300px|mini|Eine Hypothese über Ursprung und Verbreitung der Sinotibetische Sprachen. Rotes Oval ist die späte Cishan- und die frühe Yangshao-Kultur. Schwarzer Pfeil ist der vermutete Pfad der nicht-sinitischen Expansion. Nachdem die linguistisch vergleichende Methode auf die von Laurent Sagart im Jahr 2019 entwickelte Datenbank mit vergleichenden linguistischen Daten angewendet wurde, um Lautkorrespondenzen zu identifizieren und Kognaten zu ermitteln, werden phylogenetische Methoden verwendet, um Beziehungen zwischen diesen Sprachen abzuleiten und das Alter ihrer Herkunft und ihres Heimatlandes zu schätzen.
Die tibetobirmanischen Sprachen stellen einen der beiden Hauptzweige der sinotibetischen Sprachfamilie dar, der andere Zweig sind die chinesischen oder sinitischen Sprachen. Die etwa 330 tibetobirmanischen Sprachen werden in Südchina, dem Himalayagebiet und Südostasien von zusammen knapp 70 Millionen Menschen gesprochen.
Die mit Abstand sprecherreichste tibetobirmanische Sprache ist das Birmanische mit ungefähr 35 Millionen Muttersprachlern und weiteren 15 Mio. Zweitsprechern in Myanmar (frühere Bezeichnung: Birma oder Burma).
Hauptsprachen Folgende tibetobirmanische Sprachen haben mindestens eine Million Sprecher:
Birmanische Sprache (Burmesisch): 35 Mio. Sprecher; mit Zweitsprechern 50 Mio. / Myanmar Tibetisch: 6 Mio.; mit anderen tibetischen Dialekten über 8 Mio. Sprecher Yi (Yipho): 4,2 Mio. / Süd-China Sgaw (Sgo): 2 Mio. / Myanmar: Karenstaat Rakhain (Arakanesisch): 2 Mio. / Myanmar: Arakan Meithei (Manipuri): 1,3 Mio. / Indien: Manipur, Assam, Nagaland Pwo (Pho): 1,3 Mio. / Myanmar: Karenstaat Tamang: 1,3 Mio. / Nepal: Kathmandu-Tal Bai (Minchia): 1,3 Mio. / China: Yunnan Yangbye: 1 Mio. / Myanmar
Der Artikel enthält im Anhang eine Tabelle mit allen tibetobirmanischen Sprachen, die mindestens 500.000 Sprecher haben. Der angegebene Weblink enthält sämtliche tibetobirmanische Sprachen mit Klassifikation und Sprecherzahl.
Klassifikation Stand der Klassifikation Die interne Klassifikation der etwa 330 tibetobirmanischen Sprachen kann heute keineswegs als gesichert gelten. Zwar hat sich die Forschung auf eine Reihe kleinerer genetischer Einheiten einigen können – darunter Tibetisch, Kiranti, Tani, Bodo-Koch, Karenisch, Jingpho-Sak, Kuki-Chin und Birmanisch –, jedoch konnte die Frage nach mittleren und größeren Untergruppen, die diese kleineren Einheiten zusammenfassen, bisher nicht konsensfähig geklärt werden. Die Gründe sind fehlende Detailforschungen, Grammatiken und Lexika bei vielen tibetobirmanischen Einzelsprachen, intensive wechselseitige areale Beeinflussungen, die die genetischen Zusammenhänge verdunkeln, und die große Anzahl der zu vergleichenden Sprachen.
Während Matisoff 2003 die Zusammenfassung recht großer Einheiten „wagt“, tendiert van Driem 2001 zum anderen Extrem: er gliedert das Tibetobirmanische in viele kleine Untergruppen und macht nur vage Angaben über umfassendere Verwandtschaftsverhältnisse. Einen mittleren Weg geht Thurgood 2003. Die Darstellung des vorliegenden Artikels basiert – was die Zwischeneinheiten angeht – vor allem auf Thurgood, für die Detailgliederung auf dem umfangreichen Werk van Driem 2001, in dem sämtliche inzwischen bekannten tibetobirmanischen Sprachen und ihre engeren Verwandtschaftsverhältnisse behandelt werden. Insgesamt ergibt sich eine relativ kleinteilige Gliederung des Tibetobirmanischen in genetisch gesicherte Einheiten.
Interne Gliederung Auf Grund der angeführten aktuellen Forschungslage lässt sich die folgende interne Gliederung des Tibetobirmanischen begründen, wenn auch noch nicht über alle Untereinheiten ein vollständiger Konsens erzielt wurde:
Interne Gliederung des Tibetobirmanischen
Tibetobirmanisch Bodisch mit Tibetisch, Tamang-Ghale, Tshangla, Takpa, Dhimal-Toto Westhimalayisch Mahakiranti mit Kiranti, Newari-Thangmi, Magar-Chepang Nord-Assam mit Tani (Abor-Miri-Dafla), Khowa-Sulung, Mijuisch (Deng), Idu-Digaru Hrusisch Bodo-Konyak-Jingpho mit Bodo-Koch (Barisch), Konyak (Nord-Naga), Jingpho-Sak (Kachin-Luisch) Kuki-Chin-Naga mit Mizo-Kuki-Chin, Ao, Angami-Pochuri, Zeme, Tangkhul, Meithei (Manipuri), Karbi (Mikir) Qiang-Gyalrong mit Xixia-Qiang und Gyalrong Nungisch Karenisch Lolo-Birmanisch mit Lolo (Yipho) und Birmanisch Einzelsprachen: Pyu †, Dura †, Koro, Lepcha, Mru, Naxi, Tujia, Bai
Statistische und geographische Daten Die folgende Tabelle gibt eine statistische und geographische Übersicht über die Untereinheiten des Tibetobirmanischen. Die Daten beruhen auf dem unten angegebenen Weblink „Klassifikation der sinotibetischen Sprachen“. Die Anzahl der Sprachen ist deutlich niedriger als in Ethnologue, da Ethnologue – entgegen der mehrheitlichen Forschungsmeinung – viele Dialekte zu eigenständigen Sprachen erklärt. Die hier verwendeten Daten (Anzahl der Sprachen, Sprecherzahlen) basieren vor allem auf der detaillierten Darstellung in van Driem 2001.
Die Untereinheiten des Tibetobirmanischenmit Anzahl der Sprachen und Sprecher und ihren Hauptverbreitungsgebieten
Spracheinheit Alternat. Name AnzahlSprachen AnzahlSprecher HauptverbreitungsgebietTIBETOBIRMANISCH 33268 Mio.Himalaya, Süd-China, SüdostasienBodischTibetisch i.w.S.648 Mio.Tibet, Nord-Indien, Pakistan, Nepal, BhutanTibetisch 516 Mio.Tibet, Nord-Indien, Pakistan, Nepal, BhutanTamang-Ghale 91,2 Mio.NepalTshangla 1150 Tsd.BhutanTakpaMoinba180 Tsd.Indien: Westspitze Arunachal / TibetDhimal-Toto 235 Tsd.Nepal: Terai, Indien: West-BengaliWesthimalayisch 14110 Tsd.Nord-Indien: Kumaon, Lahul, Kinnaur; West-TibetMahakirantiHimalayisch402,2 Mio.NepalKiranti 32500 Tsd.Nepal (südl. des Mount-Everest-Massivs)Magar-Chepang 5700 Tsd.Zentral-NepalNewari-Thangmi 3950 Tsd.Nepal: Kathmandu-Tal / Gorkha DistrictLepchaRong150 Tsd.Indien: Sikkim, Darjeeling; auch Nepal, BhutanDura † 1†Nepal: Lamjung DistrictNord-AssamBrahmaputranisch32850Indien: Arunachal Pradesh, Assam; BhutanTaniAbor-Miri-Dafla24800 Tsd.Indien: Zentral-Arunachal-PradeshKhowa-SulungKho-Bwa410 Tsd.Indien: Westl. Arunachal PradeshIdu-DigaruNord-Mishmi230 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh (Lohit District)MijuischSüd-Mishmi25 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh (Lohit District)Hrusisch 37 Tsd.Grenzgebiet Indien (Arunachal Pradesh) – BhutanBodo-Konyak-Jingpho 273,4 Mio.Nordost-Indien, Nepal, Myanmar, SüdchinaBodo-KochBarisch112,3 Mio.Nordost-Indien: AssamKonyakNord-Naga7300 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh; NagalandJingpho-SakKachin-Luisch9800 Tsd.Bangladesh, Nordostindien, Nord-Myanmar, Süd-ChinaKuki-Chin-Naga 715,2 Mio.Nordost-Indien: Nagaland, Manipur, Assam, ArunachalMizo-Kuki-Chin 412,3 Mio.Nordost-Indien, Bangladesh, MyanmarAo 9300 Tsd.Nordost-Indien: NagalandAngami-Pochuri 9430 Tsd.Nordost-Indien: NagalandZeme 7150 Tsd.Nordost-Indien: Nagaland, ManipurThangkul 3150 Tsd.Nordost-Indien: Nagaland, ManipurMeitheiManipuri11,3 Mio.Nordost-Indien: Manipur, Nagaland, AssamKarbiMikir1500 Tsd.Nordostindien: Assam, Arunachal PradeshQiang-Gyalrong 15500 Tsd.Süd-China: SichuanTangut-QiangXixia-Qiang10250 Tsd.Süd-China: SichuanGyalrongrGyalrong5250 Tsd.Süd-China: SichuanNungischDulong4150 Tsd.Süd-China, Nord-MyanmarTujia 1200 Tsd.Süd-China: Hunan, Hubei, GuizhouBaiMinchia1900 Tsd.Süd-China: YunnanNaxiMoso1280 Tsd.Süd-China: Yunnan, SichuanKarenisch 154,5 Mio.Myanmar, ThailandLolo-Birmanisch 4043 Mio.Myanmar, Laos, Süd-China, VietnamLoloYipho277 Mio.Süd-China, Myanmar, Laos, VietnamBirmanisch 1336 Mio.Myanmar, Süd-ChinaMru 140 Tsd.Bangladesh: Chittagong; Myanmar: ArakanPyu † 1†ehemals Nord-Myanmar
Die Primärzweige des Tibetobirmanischen sind halbfett gedruckt, dahinter folgen jeweils die Untereinheiten.
Der Artikel Sinotibetische Sprachen enthält eine ausführliche Diskussion über die Gültigkeit der hier dargestellten und weiterer von der Forschung vorgeschlagener Untereinheiten des Tibetobirmanischen.
Sprachliche Charakteristik des Tibetobirmanischen Das Tibetobirmanische bildet innerhalb des Sinotibetischen eine genetische Einheit. Die tibetobirmanischen Proto-Formen konnten in großem Umfang rekonstruiert werden (Matisoff 2003). Das gemeinsame lexikalische Material ist äußerst umfangreich und wird durch die Erforschung weiterer Sprachen zunehmend zuverlässiger (siehe die Tabelle der Wortgleichungen). Neben dem lexikalischen Material gibt es genügend phonologische und grammatische Gemeinsamkeiten, die die genetische Einheit des Tibetobirmanischen absichern.
Silbenstruktur und Phoneme Das Proto-Tibetobirmanische war – wie das Proto-Sinotibetische – eine durchgehend monosyllabische Sprache. Seine Silbenstruktur lässt sich als
(K)-(K)-K(G)V(K)-(s) (K Konsonant, V Vokal, G Gleitlaut /l,r,j,w/)
rekonstruieren (potentielle Slots sind durch (.) gekennzeichnet). Die ersten beiden Konsonanten sind ursprünglich bedeutungsrelevante „Präfixe“, die eigentliche Wurzel hat die Form K(G)V(K), der Schlusskonsonant muss aus der Gruppe /p,t,k,s,m,n,ŋ,l,r,w,j/ stammen, vokalischer Auslaut ist selten. Der Vokal kann kurz oder lang sein, die Länge ist phonemisch. Zwischen den Präfixkonsonanten und dem Initialkonsonant kann ein schwacher Vokal /ə/ stehen (ein sogenanntes Schwa). Diese ursprüngliche Silbenstruktur ist im klassischen Tibetisch und einigen modernen westtibetischen Sprachen und im Gyalrong belegt (die deswegen für die Rekonstruktion besonders wichtig sind), weniger vollständig im Jingpho und Mizo. Die komplexen Initialcluster sind in vielen Sprachen reduziert worden. Diese Strukturvereinfachung führte offensichtlich häufig zur Ausbildung differenzierender Töne.
Nach Benedict 1972 und Matisoff 2003 bestand das Konsonanteninventar des Proto-Tibetobirmanischen – das vor allem für die Initialkonsonanten der Wurzel im vollen Umfang genutzt wurde – aus folgenden Phonemen:
p, t, k; b, d, g; ts, dz; s, z, h; m, n, ŋ; l, r, w, j.
Als Initialkonsonant der Wortwurzel fanden diese Phoneme in einzelnen Gruppen folgende reguläre Lautentsprechungen:
Tibetobirm. Tibet. Jingpho Birman. Garo Mizo*pp(h)p(h), bp(h)p(h), bp(h)*tt(h)t(h), dt(h)t(h), dt(h)*kk(h)k(h), gk(h)k(h), gk(h)*bbb, p(h)pb, p(h)b*ddd, t(h)td, t(h)d*ggg, k(h)kg, k(h)k*tsts(h)ts, dzts(h)s, ts(h)s*dzdzdz, tststs(h)f*ssssthth*zzzssf*hhøhøh*mmmmmm*nnnnnn*ŋŋŋŋŋŋ*llllrl*rrrrrr*wøwwww*jjjjts, dsz
Die alternativen Entsprechungen sind in der Regel sekundär, Aspiration kann unter bestimmten Bedingungen auftreten, sie ist nicht phonemisch. Basis der obigen Tabelle ist Benedict 1972, wo für diese Lautentsprechungen geeignete Wortgleichungen aufgeführt werden.
Das tibetobirmanische Vokalsystem wurde als /a, o, u, i, e/ rekonstruiert. Vokale können in der Protosprache in der Silbenmitte und im Silbenauslaut erscheinen, nicht am Silbenanfang. Allerdings sind andere Vokale als /a/ im Silbenauslaut der Protosprache sehr selten zu finden. Dagegen sind Endungen auf /-Vw/ und /-Vj/ besonders häufig.
Derivationsmorphologie Eine klassische relationale Morphologie (also eine systematische morphologische Veränderung der Nomina und Verben mit Kategorien wie Kasus, Numerus, Tempus-Aspekt, Person, Diathese u. a.) hat es nach einhelliger Meinung der Forschung in der Protosprache nicht gegeben. Die heute bei den tibetobirmanischen Sprachen feststellbare relationale Morphologie der Nomina und Verben ist als Innovation zu betrachten, die auf areale Einflüsse benachbarter Sprachen oder auf die Wirkung von Substraten zurückzuführen ist. Infolge sehr unterschiedlicher Einflüsse konnten sich sehr verschiedene morphologische Typen herausbilden.