Das Tibetische () gehört zu den tibeto-birmanischen Sprachen Asiens. Es wird von ca. sechs Millionen Menschen gesprochen, von denen die meisten in Tibet leben. Daneben gibt es etwa 130.000 Tibeter im Exil, hauptsächlich in Nepal, Indien und Bhutan. Die Sprache wird mit dem tibetischen Alphabet geschrieben, das wahrscheinlich aus einem Typ der altindischen Brahmi-Schrift abgeleitet ist.

Offizieller und soziolinguistischer Status Tibetisch ist neben Hochchinesisch Amtssprache im Autonomen Gebiet Tibet und anderen Teilen Chinas mit tibetischer Bevölkerung.

Die Tibeter sind eine der am wenigsten assimilierten Volksgruppen Chinas.Gerard A. Postiglione: China’s National Minority Education. Culture, Schooling, and Development. Routledge, 1999, S. 114. 84 % der Tibeter in Tibet kommunizieren vor allem auf Tibetisch.

Rechtliche Lage

In der Verfassung der Volksrepublik China von 1982 heißt es:Verfassung der Volksrepublik China von 1982 auf verfassungen.net (gesichtet im Dezember 2008, Link am 3. Juli 2012 korrigiert)

Im Jahr 1987 erließ die tibetische Regierung „Provisorische Vorschriften des Autonomen Gebietes Tibet über die Lehre, den Gebrauch und die Entwicklung der tibetischen Sprache und Schrift“, 1988 „Detaillierte Durchführungsbestimmungen zu den provisorischen Vorschriften des Autonomen Gebietes Tibet über die Lehre, den Gebrauch und die Entwicklung der tibetischen Sprache und Schrift“ und 2002 schließlich die „Vorschriften des Autonomen Gebietes Tibet über die Lehre, den Gebrauch und die Entwicklung der tibetischen Sprache und Schrift“.

Für die Entwicklung und Standardisierung der Sprache ist das staatliche Komitee für die terminologische Standardisierung des Tibetischen (, ) zuständig. (Hrsg.): (Beijing, / 1999), ISBN 7-105-03018-6;;

Alphabetisierung

Nach den Daten der letzten beiden Volkszählungen lag die Analphabetenrate unter Tibetern im Jahr 1990 bei 69,39 % (gegenüber 22,21 % der Gesamtbevölkerung Chinas); bis zum Jahr 2000 konnte sie um 31,47 % auf 47,55 % (Gesamtbevölkerung: 9,08 %) gesenkt werden.Minglang Zhou: Legislating Literatcy for Linguistic and Ethnic Minorities in Contemporary China. In: Anthony J. Liddicoat (Hrsg.): Language planning and policy: Issues in Language Planning and Literacy. Multilingual Matters, Clevedon / Tonawanda / North York 2007, S. 102–121, hier S. 117.

Schulsystem

Tibet

An 98 % der Grundschulen in Tibet war 1998 die Unterrichtssprache TibetischCatriona Bass: Education in Tibet. Policy and Practice Since 1950. Tibet Information Network / Zed, 1998, S. 233. und 92 % der Grundschullehrer waren Tibeter; gleichzeitig wurde Chinesisch als Fremdsprache unterrichtet. Im Jahr 2002 gab es 181 Lehrbücher für 16 Unterrichtsgegenstände auf Tibetisch und es wurden acht Glossare naturwissenschaftlicher Fachterminologie erstellt; dennoch wurden an den Mittelschulen Mathematik, Physik und Chemie generell auf Chinesisch unterrichtet.Minglang Zhou, Hongkai Sun: Language Policy in the People’s Republic of China. Kluwer, 2004, S. 226. Die Texte in den Lehrbüchern zur tibetischen Sprache und Literatur (gaiyig , ) stammten 2004 zu 47 % aus moderner und zeitgenössischer tibetischer Literatur, zu 29 % aus traditioneller tibetischer Literatur und zu 24 % aus Übersetzungen aus dem Chinesischen.Ellen Bangsbo: Teaching and Learning in Tibet. A Review of Research and Policy Publications. Nordic Institute of Asian Studies, 2004, S. 16. An den tibetischen Universitäten und Hochschulen war 1998 die Unterrichtssprache meist Chinesisch, außer in Fächern im Zusammenhang mit tibetischer Geschichte, Sprache und Literatur sowie traditioneller tibetischer Medizin.Catriona Bass: Education in Tibet. Policy and Practice Since 1950. Tibet Information Network / Zed, 1998, S. 235.

Nach den Vorschriften sollen Han-Chinesen in Tibet auch Tibetisch lernen, doch diese Regelung wurde bereits im Jahre 2006 generell ignoriert.June Teufel Dreyer, Barry Sautman (Hrsg.): Contemporary Tibet. Politics, Development, and Society in a Disputed Region. M. E. Sharpe 2006, S. 78.

Exilanten in Indien

An den tibetischen Schulen in Indien war die Unterrichtssprache bis 1985 ausschließlich Englisch; im Jahre 2006 wurde an einigen Grundschulen in den ersten fünf Jahren teilweise auf Tibetisch unterrichtet, ab dem sechsten Schuljahr nur auf Englisch und alle Mittelschullehrbücher waren auf Englisch.Dagmar Bernstorff, Hubertus von Welck: Exile as Challenge. The Tibetan Diaspora. Orient Longman 2002, S. 271; Ashild Kolas, Monika P. Thowsen: On the Margins of Tibet. Cultural Survival on the Sino-Tibetan Frontier. University of Washington Press, 2006, S. 176; A. Tom Grunfeld: The Making of Modern Tibet. M. E. Sharpe, 1996, S. 179, 198.

Medien

In Tibet selbst erschienen im Jahre 2000 total 14 Zeitschriften und 10 Tageszeitungen auf Tibetisch, dazu kam eine Handvoll regionalerZu den einflussreichsten gehörten („Frühlingsregen“) aus Qinghai und („Mondschein“) aus Gansu. Siehe Toni Huber: Amdo Tibetans in Transition. Society and Culture in the Post-Mao Era. Brill, 2000, S. 40. und nationalerDarunter („Tibetologie in China“) in Beijing. tibetischer Zeitungen und Zeitschriften in anderen Teilen Chinas, es gibt zahlreiche Radio- und Fernsehsender sowie Kinofilme auf Tibetisch (in den Varietäten von Lhasa und der KambaAuch bei Radio China International: tibetan.chinabroadcast.cn und tibetan.chinabroadcast.cn); neun Verlage in China publizieren regelmäßig Bücher auf Tibetisch, jährlich erscheinen rund tausend Titel; Regierung, Justiz, Verwaltung etc. sowie Straßenschilder und Werbung sind laut Vorschriften zweisprachig.

Dialekte und Stilebenen Vor der Zeit der Volksrepublik China gab es drei verschiedene Formen des Tibetischen: erstens die in den Klöstern geübte Liturgiesprache (Chos-shad); zum zweiten die höfische Sprache, das stark formalisierte She-sa, heute noch die Sprache der gebildeten Oberklasse Lhasas; drittens das „Volkstibetisch“ (Phal-skad), die Umgangssprache mit zahlreichen, aufgrund der Weite des Landes untereinander oft kaum verständlichen Dialekten. Besonders in den oberen Stilebenen werden zahlreiche Ehrentitel verwendet. Wie in vielen asiatischen Sprachen besitzen häufig gebrauchte Wörter unterschiedliche Formen, um hierarchische Unterschiede auszudrücken. All diesen Varianten fehlte ein neuzeitliches Vokabular. Beginnend in den 1960ern wurde von Sprachwissenschaftlern ein „Neutibetisch“ entwickelt, bei dem sich Schreibung und Aussprache decken und das um zusätzliche Wörter erweitert wurde, so dass z. B. Schulunterricht in Physik, Chemie usw. möglich wurde. Auch die modernen Medien bedienen sich dieser auf Basis des Lhasa-Dialekts entwickelten Variante.

Die modernen tibetischen Dialekte kann man wie folgt einteilen:

Dialektgruppe Untergruppe Lokale Dialekte dBus-gTsang(Ü-Tsang)ca. 1 Mio. Sprecher Ü(dBus) Lhasa, Phenyül (´phan-yul), Tölung Dechen (stod lung bde chen), Meldro Gongkar (mal gro gong skar), Chushur (chu shur), Lhagyari (lha rgya ri), Tsetang (rtse thang) Tsang(gTsang) Shigatse (gzhis ka tse), Gyantse (rgyal rtse), Lhatse (lha tse), Dingri (ding ri), Sakya (sa skya), Dromo (gro mo) Khams(Kham)ca. 1,5 Mio. Sprecher Nördliche Dialekte Kardze: Kangding (Dardo), Nyagchukha (nyag chu kha), Draggo (brag ´go), Nyagrong (nyag rong), Kardze (dkar mdzes), Dainkog, Dege (sde dge)Qinghai – Yüru (yus hru) (Kyegu Do (skye rgu mdo)): Nangchen (nang chen)Chamdo entlang der Straße Südliche Dialekte Kardze: Lithang (li thang), Bathang (´ba´ thang), Yidun (Daxod), Derong (sde rong), Dabpa (´dab pa)Dechen und Chamdo: Markham (smar khams), Calho Nomadendialekte Nord-Chamdo: Tengchen (steng chen), Drachen (sbra chen)Nagchu (nag chu)Yüru (yus hru) (Kyegu): Thridu (khri ´du), Qoima A-mdo(Amdo)ca. 800.000 Sprecher Bauerndialekte Xiahe (Labrang), Luqu, Tianzhu (Ra’gyei), Ledu (Nianbai), Rongren (Rêbgong), Tongde, Chiga Nomadendialekte Zêkog, Marqu, Xinghai, Qilian, Gangca, Haiyan (Chinkuxung), Jigzhi, Baima, GadêNgawa

Dzongkha, die Amtssprache in Bhutan, steht dem Tibetischen sehr nahe bzw. ist ein Dialekt des Tibetischen. Tibetische Dialekte werden auch in Nepal (Sherpa und Mustang), Indien (Ladakhi) und Pakistan (Baltistan) gesprochen. Die tibetische Exil-Koine basiert auf dem dBus-Dialekt.

Phonologie

Das klassische Tibetisch und die moderne tibetische Schriftsprache unterscheiden sich in ihrer schriftlichen Form phonologisch nicht voneinander.

Es haben sich jedoch verschiedene tibetische Dialekte entwickelt, die untereinander teilweise nicht verständlich sind. Die moderne Schriftsprache ist pan-dialektal, d. h. wird von Sprechern verschiedener Dialekte verwendet.

Einige zentraltibetische Dialekte haben Töne entwickelt, aber weil östliche Dialekte wie Amdo und westliche wie Balti keine phonemischen Töne haben, kann das Tibetische nicht durchgängig als Tonsprache bezeichnet werden.

Schriftsprache

Die tatsächliche Aussprache des klassischen Tibetisch ist eine Rekonstruktion auf der Grundlage ihrer geschriebenen Form und der modernen tibetischen Dialekte. In der folgenden Darstellung wird neben der tibetischen Schrift die Transkription von Wylie und eine mögliche Rekonstruktion in Internationaler Lautschrift (IPA) angegeben.

Silbenanlaute

Einfache Anlaute

+ ka Tibetisch Wylie IPA ka kha ga nga

+ ca Tibetisch Wylie IPA ca cha ja nya

+ ta Tibetisch Wylie IPA ta tha da na

+ pa Tibetisch Wylie IPA pa pha ba ma

+ tsa Tibetisch Wylie IPA tsa tsha dza wa

+ zha Tibetisch Wylie IPA zha za ’a ya

+ ra Tibetisch Wylie IPA ra la sha sa

+ ha Tibetisch Wylie IPA ha a —

Kombinierte Anlaute

Neben den oben angeführten einfachen Anlauten sind auch Konsonantenkombinationen als Silbenanlaute möglich. Traditionell wird nach der Schreibweise unterschieden zwischen Grundanlauten mit darüber-, darunter- und vorangestellten Konsonanten.

Vokale

Die tibetische Schriftsprache unterscheidet fünf Vokale: a, i, u, e und o.

Silbenauslaute

Am Silbenende kommen folgende einfache Konsonanten (in Wylie-Transkription) vor: -g, -ng, -d, -n, -b, -m, -’, -r, -l und -s. Außerdem können noch folgende Konsonantenkombinationen auftreten: -gs, -ngs, -bs und -ms.

Lhasa-Dialekt

Als Dialekt der Hauptstadt der Autonomen Region Tibets und des Großteils der tibetischen Exilgemeinde kommt dem Lhasa-Dialekt eine besondere Rolle zu. In der folgenden Darstellung wird das Lautinventar des Lhasa-Dialekts in Internationaler Lautschrift und der offiziellen Transkription in China (die auf der chinesischen Pinyin-Umschrift beruht) beschrieben, außerdem sind die schriftsprachlichen Entsprechungen in Wylie-Transkription angeführt.

Töne

Der Lhasa-Dialekt hat vier Töne. Für die Angabe in IPA wird hier der Vokal a verwendet. Bei der Angabe in Ziffern bezeichnet 1 die niedrigste Tonhöhe, 5 die höchste.

Register Kontur IPA IPA Ziffern Länge offiziell (CHIV-803-1982) ZWPY hoch eben á a˥ 55 kurz 1 f hoch fallend âː a˥˩ 51 lang 2 h tief steigend à a˩˧ 13 kurz 3 v tief steigend bzw. etwas fallend ǎː a˩˧˨ 132 lang 4 w

Das Register wird durch den Silbenanlaut bestimmt (s. u.). Die Konsonanten *g, *d, *b, *s, *gs, *ngs, *bs und *ms am Silbenende der geschriebenen Formen bewirken, dass eine Silbe im Hochton fallend () bzw. dass eine Silbe im Tiefton steigend () ausgesprochen wird.

Silbenanlaute

Die pränasalierten Anlaute () werden nicht von allen Sprechern bzw. nicht in allen Kontexten pränasaliert ausgesprochen.

Der Ton einer Silbe hängt vom Anlautkonsonanten ab. Zur Veranschaulichung sind in der Tabelle die Anlaute in Lautschrift jeweils mit dem Vokal a und einem Tonzeichen für das jeweilige Register (hoch oder tief) versehen.