mini|hochkant=1.5|Das Volk im Zukunftsstaat, Illustration von Friedrich Eduard Bilz, 1904
Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.
Das Wort geht zurück auf „nicht“ und „Ort, Stelle“, gemeinsam „Nicht-Ort“, beziehungsweise den Titel Utopia eines lateinischen Romans des Thomas Morus aus dem Jahr 1516. Die in Utopien beschriebenen fiktiven Gesellschaftsordnungen resultieren häufig aus einer Kritik der jeweils zeitgenössischen Gesellschaftsordnung und können dann als positive Gegenentwürfe gelesen werden.
Christine de Pizan stellt in ihrem 1405 fertiggestellten Roman „Le Livre de la Cité des Dames“ erstmals das Bild einer utopischen Gesellschaftsform dar.
Bei Morus, der das Thema etwa hundert Jahre später (1516) ebenfalls aufgriff, handelt es sich bei dem Begriff um ein Sprachspiel zwischen Utopie und Eutopie aus εὖ (eu) „gut“ und τόπος. Dagegen bezeichnet die Dystopie die pessimistische Beschreibung einer unethisch negativen Gesellschaftsordnung.
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Utopie (insb. als Adjektiv utopisch) häufig als Synonym für schöne, aber als unausführbar betrachtete Zukunftsvisionen benutzt. Utopien, wie sie in Science-Fiction-Filmen häufig sind, schildern positive (Zukunfts-)Welten, in denen Friede und Eintracht herrschen (etwa in In den Fesseln von Shangri-La).Ronald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction-Films. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-11860-X, S. 20.
Hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit wird zwischen deskriptiven (scheinbare Zukunftstrends beschreibenden), evasiven (mit der Tendenz zur Weltflucht verbundenen) und konstruktiven (aktiv zu realisierenden) Utopien unterschieden. Diese können sich auf Staats- und Wirtschaftsformen, die Zukunft von Kultur, Kunst oder Religion, verschiedene Arten des Zusammenlebens, Innovationen des Bildungswesens oder der Geschlechterkonstellationen u. a. beziehen.
Wortherkunft und Inhalt des Begriffes Das Wort Utopie ist aus französisch utopie entlehnt, dieses aus neuenglisch utopia,Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage, Berlin/New York 1995, S. 851. und geht auf eine Wortneubildung im Titel De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) des 1516 erschienenen Romans des englischen Staatsmanns Thomas Morus zurück, der darin eine ideale Gesellschaft beschreibt und auf diese Weise seinen Zeitgenossen einen kritischen Spiegel vorhält.
Im Deutschen bezeichnet Utopia nur den Romantitel beziehungsweise die fiktive Insel, auf der die Mitglieder der idealen Gesellschaft leben. Thomas Morus’ Utopia liegt nicht in der Zukunft, sondern in einer fernen Weltgegend; realisiert wird das ideale Gemeinwesen auch nicht im Rahmen der christlichen Heilsordnung, sondern innerweltlich. Erst im 18. Jahrhundert lässt sich eine Verzeitlichung der Utopie (Reinhart Koselleck) feststellen. Im heutigen Sprachgebrauch wird eine Utopie fast immer in der Zukunft verortet und selten in der Vergangenheit oder in räumlicher Ferne.
Charakteristisch ist in allen Fällen utopischer Entwürfe, dass in der Gegenwart bereits vorhandene Ansätze weitergedacht oder Zustände hinterfragt werden. So kritisierte Thomas Morus im ersten Teil seines Werks die sozialen Zustände im England seiner Zeit. Somit haben Utopien meist einen gesellschaftskritischen Charakter, entweder, indem sie behaupten, eine bessere Gesellschaft sei möglich (siehe Thomas Morus Utopia, Heinrich von Kleist Das Erdbeben in Chili („Das Tal der Gerechten“), Burrhus Frederic Skinner Walden Two) oder umgekehrt, indem sie bestehende Tendenzen gedanklich weiterbilden, in Dystopien, also pessimistische Negativutopien, verkehren und somit scharf kritisieren, so in klassischen Romanen und Satiren wie Schöne neue Welt (Aldous Huxley) und 1984 (George Orwell), in Visionen des Cyberpunk-Genres und Filmen wie …Jahr 2022… die überleben wollen (Soylent Green).
Der Hauptinhalt einer Utopie ist häufig eine Gesellschaftsvision, in der Menschen ein alternatives Gesellschaftssystem praktisch leben (Beispiel: New Harmony). Die Utopie wird oft in literarischer Form (Utopischer Roman), durch filmische Werke oder auch in Kunstwerken präsentiert.Traum vom besseren Leben – Utopien in der Kunst, Juni 2020, Zeitschrift Weltkunst Seite 16 ff.
Obgleich man den Begriff Utopie herkömmlich als Synonym für optimistisch-fantastische Ideale benutzt, kann eine Utopie in ihrem gesellschaftskritischen Aspekt durchaus gegenwartsbezogen-praktisch ausgelegt werden: Befürworter sehen neue Möglichkeiten am Horizont heraufziehen. Kritiker verneinen deren Realisierungsmöglichkeit und warnen vor unerwünschten oder unbedachten möglichen Folgen.
Realisierbarkeit Eine Utopie zeichnet sich dadurch aus, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung als nicht sofort realisierbar gilt. Diese Unmöglichkeit der schnellen Realisierung hat stets einen (oder mehrere) der folgenden Gründe:
Die Utopie ist technisch nicht ausführbar, d. h., es wird erkannt, dass die technischen Möglichkeiten noch lange nicht so weit sind, bzw. es wird behauptet, diese würden auch in ferner Zukunft niemals ausreichend fortgeschritten sein, als dass sie den in der Utopie dargestellten Umständen gerecht werden könnten (siehe George Orwell, 1984 und auch Werner von Siemens, Über das naturwissenschaftliche Zeitalter). Die Verwirklichung ist von einer Mehrheit oder Machtelite nicht gewollt oder wird als nicht wünschenswert abgelehnt. Bei einem (überzeichneten) Gegenbild zur gesellschaftlichen Realität der Gegenwart muss auch erwogen werden, dass eine Realisierung der Utopie vom Autor gar nicht gewollt ist. Der Versuch einer Realisierung wäre dann eine tragische Fehlinterpretation seiner – möglicherweise ironischen – Absicht (siehe z. B. Morus’ Utopia).
Tragik der Unrealisierbarkeit Die Tragik der langen Arbeit, die bevorsteht, um in weiter Ferne utopische Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, ist ein elementarer Aspekt der Utopie. Tragisch ist dabei, dass sich – sowohl auf der Ebene des Fiktionalen als auch bei Versuchen der politischen Umsetzung einer Utopie – die Absicht der gesellschaftlichen Verbesserung leicht in ihr Gegenteil verwandeln kann.
Versuche, utopische Entwürfe mit Gewalt umzusetzen, führen fast zwangsläufig zu einer Verschlechterung der gesellschaftlichen Situation (Unfreiheit, Krieg, Hass). Da viele utopische Entwürfe aber ihrem Wesen nach auf einer totalitären Regierungsform basieren, können diese kaum Abweichungen dulden und neigen deshalb zur Gewalt. Auf der gegebenen Möglichkeit einer Realisierung baut dagegen die Konkrete Utopie auf.
Weil die Utopien jedoch nur aus ihrem jeweiligen historischen Kontext als unrealistisch zu verstehen sind, gleichen schon manche Aspekte des Alltagslebens am Beginn des 21. Jahrhunderts technischen und sozialen Utopien aus den 1950er Jahren (Internet, Raumfahrt) oder übertreffen diese noch (Gentechnik). Auch Elemente von Dystopien (Big Brother) finden sich (Überwachung).
Antrieb zur Realisierung Robert Jungk verstand Utopien als Antrieb für soziale Erfindungen in einer wünschenswerten Zukunft. Er setzte sich für eine Demokratisierung des utopischen Denkens durch Förderung der Phantasie ein und begriff dies als politisches Mittel, um angesichts gesellschaftlicher Krisen nicht in Passivität und Resignation zu versinken. Das von ihm entwickelte Zukunftswerkstatt-Konzept beinhaltet eine Utopie-Phase.
Verschiedene Arten von Utopien Utopien können medienübergreifend auftauchen. Zwar werden sie häufig mit dem Medium der Literatur in Verbindung gebracht (vgl. Utopische Literatur), doch können utopische Intentionen durchaus auch in der Kunst (z. B. Wenzel Habliks Große bunte utopische Bauten), in der Architektur (z. B. Filaretes Plan vom Idealstaat Sforzinda; vgl. auch Utopische Revolutionsarchitektur), im Film (z. B. Fritz Langs Metropolis) oder auch in Videospielen (z. B. Bethesda Softworks’ Fallout 3, oder die Bioshock-Serie) auftauchen. Ernst Bloch (Konkrete Utopie) und Theodor W. Adorno gehen sogar davon aus, dass die utopische Intention eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, die egal in welcher Lebenslage, einfach zum Menschen dazugehört. Daher können Utopien in jeder kulturellen Ausdrucksform wiedergefunden werden.Vgl. Patricia Broser: Ein Tag wird kommen.... Praesens, Wien 2009, S. 42.
Thematisch existieren utopische Vorstellungen daher auf jedem Gebiet, u. a. also im technischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Gebiet. In der Praxis stellen sie aber auch Mischformen dar (z. B. Technokratie). So bilden in Dystopien etwa häufig Endzeitszenarien den Erzählraum für die eigentlichen (häufig anarchischen oder totalitären) gesellschaftlichen Entwürfe.
Politische Utopien Politische Utopien, wie sie erstmals in Platons Politeia in Form der Idee eines ständisch-hierarchisch geordneten Idealstaats entworfen wurden, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die in ihrer Zeit bestehenden sozio-ökonomischen Verhältnisse und Institutionen umfassend kritisieren und aus ihrer Kritik heraus eine fiktive, in sich nachvollziehbare Alternative entwerfen.Richard Saage: Utopische Profile. Band 4: Widersprüche und Synthesen des 20. Jahrhunderts. Münster 2004, S. 6.Richard Saage: Utopische Profile. Band 1: Renaissance und Reformation. Münster 2001, S. 78. Damit werden Utopien gegen Chiliasmen und Mythen abgegrenzt.
In der Geschichte der politischen Utopien lassen sich nach Richard Saage zwei grundlegend gesellschaftlich-staatliche Ausrichtungen feststellen: Sie bewegen sich zwischen den Idealtypen staatszentrierter Entwürfe auf der einen Seite und anarchistischer Konstruktionsprinzipien auf der anderen Seite.Richard Saage: Utopische Profile. Band 1: Renaissance und Reformation. Münster 2001, S. 19. Ein Beispiel für eine etatistische Utopie ist Tommaso Campanellas La città del Sole (Der Sonnenstaat), der nach dem Vorbild der spanischen Monarchie technokratisch gesteuert wird.
Gemeinsam ist den politischen Utopien von der frühen Neuzeit bis in das späte 20. Jahrhundert, dass sie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung kritisieren. Welche Institutionen vorgeschlagen werden, um eine bessere und gerechtere Gesellschaft zu gewährleisten, wandelt sich in der Geschichte der politischen Utopien. Das widersprüchliche Verhältnis von Gleichheit und Freiheit bildet oft die Grundlage politischer Utopien, wird aber in autoritär-staatszentrierten und anarchistischen Utopien konzeptionell in gegensätzlicher Weise entwickelt. Richard Saage geht davon aus, dass nach 1989 autoritär-etatistische Linie des utopischen Denkens an ihr Ende gekommen sei. Man brauche aber weiterhin Utopien, um die Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen.
Mit der Ideologie der islamistischen Terrororganisation Islamischer Staat trat in jüngster Zeit eine neue Form totalitärer, aber nicht-etatistischer politisch-religiöser Utopien in Erscheinung.
Gesellschaftliche Utopien Thomas Morus hatte dem Traum von der Rückkehr ins Paradies den Namen Utopia gegeben und damit den Glauben des Fortschritts in eine bessere Zukunft beflügelt. Er hielt das früheste überlieferte Plädoyer für die parlamentarische Redefreiheit und die freie Gewissensentscheidung.Peter Ackroyd: The Life of Thomas More. Anchor Books, New York 1999. Solcher Fortschrittsglaube speiste auch die aufklärerischen Gesellschaftsutopien des 18., die wissenschaftsgetriebenen Utopien des 19. und die technischgetriebenen futuristischen Utopien des 20. Jahrhunderts.