Isis (von , koptische Schreibung Ⲏⲥⲉ und Ⲏⲥⲓ) ist eine Göttin der ägyptischen Mythologie. Sie war die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie. Spätestens im griechisch-römischen Kult wurde sie auch zur Herrin der Unterwelt, die sich mit Riten für die Toten befasste. Als Gemahlin des Osiris – zugleich seine Schwester – wurde sie zur Königin der Unterwelt. Sie erscheint erstmals in Inschriften des Alten Reiches. Popularität und Ansehen erlangte sie, gemeinsam mit ihrem Gemahl Osiris und ihrer Zwillingsschwester Nephthys, durch den sogenannten Osirismythos und den Isis-Hymnus. Isis wurde noch von den in Ägypten lebenden Griechen und Römern bis in die christliche Zeit hinein verehrt. Seit dem frühen Hellenismus ist ihre Verehrung in Gestalt des Isis- und Osiriskults auch außerhalb Ägyptens bezeugt.

Identität Darstellungen Die häufigste und traditionellste Darstellungsform der Isis ist die einer zierlichen, aufrecht stehenden oder knienden Frau mit Thronsitz auf dem Kopf. Sie hielt oft ein Papyrus-Zepter oder ein Anchkreuz in der Hand, in späterer Zeit manchmal auch ein Sistrum oder ein Menit. Wird sie kniend dargestellt, hält sie häufig einen Schen-Ring oder auch das Zeichen für Ewigkeit. Bereits ab dem späten Alten Reich konnte sie auch mit Kuhhörnern und Sonnenscheibe auf dem Kopf erscheinen und ähnelte so der kuhköpfigen, und ebenfalls stets Hörner tragenden, Göttin Hathor. Beide Göttinnen sind einzig durch die Inschrift neben der Darstellung zu unterscheiden. Isis konnte aber auch als Schwarzmilan dargestellt werden, in späterer Zeit auch mit Menschenkopf. Sie stellte nun einen sogenannten „Klagevogel“ dar, der um den verstorbenen Gott Osiris trauert und schützend seine Schwingen über dem Leichnam ausbreitet.

Ab dem Mittleren Reich sind Figurinen bekannt, die Isis mit dem kleinen Horusknaben zeigen. Horus sitzt auf Isis’ Schoß und wird von ihr gestillt. Es wird angenommen, dass diese figürliche Darstellung das spätere Christentum zu zahlreichen, bekannten Marienbildnissen inspirierte.

In der griechisch-römischen Epoche wurden Isis-Darstellungen dem eigenen Kunststil angepasst. Isisstatuen in typisch hellenistischer Gestaltung zeigen die Göttin mit Tunika und geknotetem Umhang, in den Händen Sistrum und Weinkanne haltend.

Zum Charakter Die Göttin Isis wird immer als Schutzherrin, Bewacherin und Betreuerin aller Wesen beschrieben, die leiden oder in großer Sorge sind. Aus diesem Grund wurde sie als mütterliche Göttin, als Göttin der Genesung, des Schutzes und der Magie angesehen. Gemäß dem berühmten Osirismythos wurde Isis auch als Totengottheit und als die Göttin der Reanimation verehrt. Dies zeigt sich deutlich in mehreren Sargtexten des Neuen Reiches, in denen der Verstorbene um magische Unterstützung durch Isis bittet, wenn er vor dem Unterweltgericht angeklagt wird. Die Ägypter hatten große Sorge, dass sie beim Betreten der Anderswelt ihre menschlichen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Sehen, Sprechen, Hören und unabhängiges Denken, verlieren könnten. Isis sollte alle Dämonen abwehren, die Menschen versuchten und in die Irre führten, um sich wieder an das Verlorengegangene der menschlichen Fähigkeiten zu erinnern.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 190–191.

Aber in erster Linie wurde Isis als himmlische Muttergestalt verehrt. Der Kult von Isis und Osiris beschreibt Isis als Mutter diverser Gottheiten wie Ihi, Horus und auch als Mutter des verstorbenen Königs. Die Mutterschaftsfunktion der Isis wird unter anderem eindrucksvoll in dem Papyrus Westcar (13. Dynastie) beschrieben, in dessen Erzählung sie ihre Magie benutzt, um die Geburt von drei künftigen Königen vorauszusagen und zu unterstützen. Isis wurde daher neben Gottheiten wie der Krötengöttin Heket und dem Zwergengott Bes auch als Gottheit der Geburt verehrt.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 191–192.

Innerhalb der Götterschaft genoss Isis eine ganz besondere Rolle: Sie war die einzige Göttin mit magischen Kräften. In Sargtext-Spalte 147–148 fürchtet die schwangere Isis das eifersüchtige und rachsüchtige Verhalten ihres (Halb-)Bruders Seth. Als der Schöpfergott Atum sie fragt, warum sie und ihr noch ungeborener Sohn besonderen Schutzes bedürften, kann sie Auskunft über die zukünftige Rolle von Horus geben und glaubhaft darlegen, warum Seth versuchen könnte, Horus zu töten. Atum ist verblüfft und fragt Isis, wie sie das wissen könne. Isis erklärt dies mit ihrer magischen Kraft: „Ich bin Isis, der magische Ach, und ich habe mehr Weisheit als jeder andere Gott“.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 193–195.

Auf der anderen Seite wurden die Kräfte der Isis und ihr Charakter gleichermaßen gefürchtet. Nach altägyptischem Glauben war es immer möglich, jederzeit in Konflikt mit einem Gott zu geraten. Dies galt auch für Isis. Daher enthielten viele Papyrus, die Schutzzauber für die Reise durch die Unterwelt aufzählten, auch Bitten und Gebete an verschiedene Götter, dass sie im Namen des Verstorbenen ein gutes Wort bei Isis einlegen mögen, um sie gnädig zu stimmen. Man glaubte von Isis, dass sie die Verstorbenen durch Versiegelung ihres Gedächtnisses und Verschließen ihres Mundes bestrafte, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten Böses getan hatte oder nicht gerechtfertigt verstorben war. Wenn ein Verstorbener nicht fähig war, seinen Namen vor dem Totengericht aufzusagen, war er verloren und wurde verurteilt.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 196–198.

Bildergalerie: Ausgestaltung mit Flügeln

Ursprung und Kultorte der Isis Die früheste, sicher belegte Erwähnung ihres Namens erscheint während der 5. Dynastie im Sonnenheiligtum des Königs Niuserre und innerhalb des Titels eines Priesters der 6. Dynastie: „Pepi-anch, Hohepriester der Isis und der Hathor“. Zu diesem Zeitpunkt wurde Isis bei Qusae und Abydos verehrt, in Qusae zusammen mit Hathor, in Abydos zusammen mit Osiris und Anubis. Die Belege aus der 5. und 6. Dynastie könnten darauf hinweisen, dass Isis seit längerem bekannt war. Ihr Name wurde eventuell deshalb nur selten erwähnt. Siegelabdrücke aus der Zeit des Königs Narmer und Aha (1. Dynastie) erwähnen eine Person namens Sa-Iset, was als „Sohn der Isis“ interpretiert werden könnte. Dies ist jedoch spekulativ und der vermeintliche Name dürfte eher als ein Titel („Sohn des Königsthrons“, „Kronprinz“) zu verstehen sein.

Während des Alten Reiches wurde Isis an folgenden Orten verehrt: Qusae, Edfu, Abydos und Achmim. Isis wird an allen kultischen Orten immer zusammen mit anderen Göttern erwähnt, von denen es heißt, sie sei deren Frau, deren Mutter, oder deren Schwester. Sie erscheint nie allein. Bei Edfu, zum Beispiel, wird sie „Mutter des Horus-von-Edfu“ genannt, in Abydos wird sie als „Große Gemahlin von Osiris-Chontamenti“ bezeichnet. In Achmim wird sie mit „Große Mutter des Min“ betitelt. In Koptos stand ein Doppeltempel, der ihr in Verbindung mit Hathor, Min und Horus geweiht war.Dieter Arnold: Temples of the Last Pharaohs. Oxford University Press, New York / Oxford 1999, ISBN 0-19-512633-5. Aus Kerma (im heutigen Sudan) stammt die Statue von Senui, die Frau des Priesters Djefai-Hap (Mittleres Reich), der Verstorbene wird hier als „von Osiris, Ptah-Sokar, Tefnut, Nut und Isis geehrt“ beschrieben.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 158–164.

Verbindungen zwischen Isis und anderen Gottheiten im Alten bis Neuen Reich mini|hochkant|Isis (rechts) und ihre Schwester Nephthys (links) mit dem widderköpfigen Sonnengott Re, Grab der Nefertari (19. Dynastie)

Als Göttin der Geburt und Mutterschaft wurde Isis mit anderen Muttergöttinnen wie Hathor, Mesechenet, Nut und Nechbet gleichgesetzt. Teilweise scheint es, dass Isis diese Göttinnen tatsächlich unterstütze. Besonders oft wurde Isis zusammen neben Hathor und Nut erwähnt. Gebete und Zaubersprüche wurden während des Alten Reiches an Isis und ihre Begleiterinnen gleichzeitig gerichtet. Schon im Alten Reich (etwa 2670–2200 v. Chr.) wird Isis der Totengöttin Tajet gleichgesetzt und somit zur Spinnerin der Gewänder für die Toten.museumsart Kolumne – Petra Schilm: Ein Bummel mit Isis und Osiris. Isis - ein altägyptisches Portrait. Auf: museumsart.de; zuletzt abgerufen am 31. März 2022.Katharina Einwag: Die Götterwelt in der Antike - der Werdegang der ägyptischen Götter bis in die römische Zeit, dargestellt am Isis-Osiris-Kult. E-Book, 1. Auflage, digitale Originalausgabe, GRIN Verlag, München 2002, ISBN 978-3-638-13013-4, S. 10Petra Schilm: Der Osiris-Mythos als Medium von Lebensführung und Lebensdeutung (= THEOS. Band 29). Dr. Kovač, Hamburg 1999, ISBN 3-86064-785-7, S. 5.Vera Zingsem: "Der Himmel ist mein, die Erde ist mein" : Göttinnen grosser Kulturen im Wandel der Zeiten. Klöpfer & Meyer, Tübingen 1995, ISBN 3-931402-03-7, S. 284. In späteren Zeiten wurde Isis schnell unabhängig, dennoch blieb Isis eng mit vielen anderen Gottheiten verbunden. Diese Art von Synkretismus war sehr verbreitet und beliebt im alten Ägypten, zumindest seit Beginn des Alten Reiches. Das Problem solcher Synkretismen ist die Veränderung der ursprünglichen Charaktere, Funktionen und Wirkungskreise diverser Gottheiten, die besten Beispiele sind die Gottheiten Seth und Horus.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 80–86.

Isis und Osiris Isis war die Frau des Gottes Osiris. Ägyptologen und Historiker weisen immer wieder darauf hin, dass Isis und ihr Gatte Osiris fast synchron auftauchten und in beiden Fällen jenes Ersterscheinen recht plötzlich erfolgte. Für Osiris finden sich die frühesten, sicher belegten Namensnennungen im Totentempel des Königs Djedkare-Isesi, möglicherweise wird er bereits indirekt im Sonnenheiligtum des Königs Niuserre erwähnt. Genau wie Isis, so scheint Osiris keinen göttlichen Vorgänger oder eine sicher nachweisbare, länger zurückreichende Vergangenheit zu besitzen. Auch die Namen scheinen auf den ersten Blick fast identisch: Osiris' Name setzt sich aus den Hieroglyphen für „Thronsitz“ und „Auge“ zusammen. Ältere Übersetzungen als „Sitz des Auges“, „Auge des Throns“ und „Thronendes Auge“ werden in der neueren Forschung jedoch ebenso abgelehnt wie eine Interpretation der Isis als Personifikation des Königsthrons. Bei beiden Göttern herrscht allerdings Uneinigkeit bezüglich der möglichen Bedeutung des Namens.Jürgen Osing: Isis und Osiris. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 30, 1974, , S. 91 ff-113;H. Altenmüller: Zum Ursprung von Isis und Nephthys. In: Studien zur altägyptischen Kultur. Nr. 27, 1999, S. 1–8Jürgen Zeidler: Zur Etymologie des Gottesnamens Osiris. In: Studien zur altägyptischen Kultur. (SAK) Band 28, 2000, , S. 309–316 (Digitalisat).

Osiris war der Gott der Unterwelt, Vorsitzender des Totengerichts und Herrscher über Tod und Wiedergeburt. Die Rolle als Unterweltherrscher scheint er von Sokar übernommen zu haben, die Aspekte der Todbeherrschung und der Wiedergeburt knüpfen an den Sonnengott Re an, der ebenfalls wiedergeboren wird.

Isis wurde von Anbeginn an als „Große Gemahlin des Osiris“ verehrt. Gemäß dem Isis-Hymnus und der Osiris-Legende zufolge war sie es, die den ermordeten und zerstückelten Osiris gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Nephthys aufspürte, wieder zusammenfügte und durch Zaubersprüche, Gebete, Klagen und Litaneien wieder zum Leben erweckte. Aus diesem Grund wurde Isis auch häufig mit Nephthys und Osiris während des Totengerichts abgebildet.M. Münster: Untersuchungen zur Göttin Isis. Berlin 1968, S. 87–89.

Isis und Nephthys