miniatur|Haus Lichtenstein, Foto von C. Abt, ca. 1910 miniatur|Position des Gebäudes in der Frankfurter Altstadt

Das Haus Lichtenstein, häufig nur Lichtenstein oder auch Kleiner Römer genannt, war ein historisches Gebäude in der Altstadt von Frankfurt am Main mit einer interessanten Baugeschichte aus Gotik und Barock. Es befand sich am Römerberg südlich des Römers in einem Häuserblock; die Hausanschrift war Römerberg 11.

Im Mittelalter war es ein beliebtes Messequartier, in der frühen Neuzeit begehrter Aussichts- und Treffpunkt der europäischen Hofgesellschaften anlässlich der am Römerberg stattfindenden Kaiserkrönungen und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eines der Zentren der Frankfurter Künstlerszene.

Im März 1944 brannte Haus Lichtenstein nach den alliierten Bombenangriffen auf Frankfurt vollständig aus. Die weitestgehend intakten Umfassungsmauern wurden erst 1946 durch einen Sturm niedergerissen. Wenig später wurde die Parzelle des Gebäudes modern überbaut, so dass es zu den verlorenen Baudenkmälern der Frankfurter Altstadt gezählt werden muss.

Geschichte Entstehungszeit bis zum barocken Umbau (1326 bis 1725) miniatur|Plan der Altstadt mit Lichtenstein, um 1370

Die zwei urkundlichen Ersterwähnungen des Hauses LichtensteinJohann Friedrich Boehmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, Band II, Urkunde Nr. 291, 12. Februar 1326: […] de domo dicta Lithinstein [...]Johann Friedrich Boehmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, Band II, Urkunde Nr. 293, 12. März 1326: […] der ligin fiere uf dem hus zu Liehtenstein uf Hennekins deyl gein der winschroder hus […] (Anmerkung: mit der winschroder hus kann im Kontext der Quelle nur das Haus der alten Lit. J 160 gemeint sein – als das noch im 20. Jahrhundert als Schrothaus bekannte Haus mit der Anschrift Römerberg 13, das in der Tat an das Lichtenstein stieß und sich mit ihm die Brandmauer teilte). fallen in das Jahr 1326. Ferner ist es laut dem entsprechenden Faszikel des Instituts für Stadtgeschichte bereits in jener Zeit als Stammhaus der Patrizierfamilie Schurge zu Lichtenstein benannt – ohne jedoch eine Aussage über die damalige Erscheinungsform des Hauses zu treffen.Kaiser und Könige im Römer. Das Frankfurter Rathaus und seine Umgebung. Verlag Josef Knecht, Frankfurt 1980, S. 87–90. Tatsächlich fehlen konkrete Angaben aus der Entstehungszeit des Gebäudes völlig, andererseits fiel es als nachweislich im Kern gotisches Steinhaus einem Typus von nur etwa 20 Frankfurter Gebäuden mit untereinander so großen Ähnlichkeiten zu, dass die frühe Baugeschichte anhand von Analogien näherungsweise rekonstruiert werden kann.

Der Kern der Altstadt mit dem Römerberg war bereits um 1150 so dicht besiedelt, dass eine erste Stadterweiterung nötig wurde. Die Ersterwähnung der Steinbauten des nahen Römerkomplexes fällt in das frühe 14. Jahrhundert, womit es wahrscheinlich ist, dass auch der Kernbau des Lichtensteins in jener Zeit anzusiedeln war. Ein Blick auf die Größe der Parzelle im Vergleich zu den umgebenden Parzellen, etwa der Häuser Schrothaus (Hausanschrift: Römerberg 13) und Jungfrau (Hausanschrift: Römerberg 15), legt zudem nahe, dass das Gebäude auf zwei für den Neubau zusammengefassten Parzellen von Vorgängerbauten errichtet wurde. Ein derartiges Vorgehen ist für einen weiteren gotischen Steinbau, das Steinerne Haus am Markt, sogar urkundlich belegt.

miniatur|links|Haus Lichtenstein im Krönungsdiarium Leopolds I., Kupferstich von Caspar Merian, 1658

Walter Sage hielt dagegen,Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M. bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wasmuth, Tübingen 1959, S. 30 & 31. dass die Traufstellung sowie die Dachtürmchen (vgl. Bild nach Caspar Merian), die erst in der Spätgotik in Frankfurt an Gebäuden nachweisbar sind, für einen Neubau Ende des 15. Jahrhunderts sprechen. Andererseits sprach sich auch der Kunsthistoriker und Kenner der Frankfurter Altstadt, Fried Lübbecke, in seinem Hauptwerk für eine Erbauung im 14. Jahrhundert aus.Alt-Frankfurt. Ein Vermächtnis. Verlag Sauer und Auvermann, Glashütten 1971, S. 45, 65–67.

Beide Auffassungen sind aber problemlos darin vereinbar, dass ein im frühen 14. Jahrhundert erbautes Haus Lichtenstein um 1500 im Dachbereich unter Erhalt der restlichen Konstruktion umgebaut wurde. Ob allerdings in der Patrizierfamilie Schurge, die wie einige spätere Hausbesitzer den Hausnamen zum Nachnamen hinzufügte, oder in der etwas bekannteren Patrizierfamilie Glauburg, der das Lichtenstein ab 1460 gehörte, die Bauherren des Gebäudes zu suchen sind, ist aufgrund der lückenhaften Überlieferung nicht mehr eindeutig zu klären.

Wie bei der Mehrzahl der Häuser der Frankfurter AltstadtDr. Heinrich Voelcker: Die Altstadt in Frankfurt am Main innerhalb der Hohenstaufenmauer. Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1937, S. 28–37. dürfte die Etymologie des Hausnamens in einem auf das Gebäude übergangenen Familiennamen zu suchen sein. Der allein stehende Familienname Lichtenstein kommt in erhaltenen Urkunden des 14. Jahrhunderts mehrfach vor, wenn auch aufgrund der damals noch fehlenden Rechtschreibung in den verschiedensten Schreibweisen. Ein direkter Zusammenhang zwischen der eigenständigen Familie Lichtenstein und dem gleichnamigen Haus ist nicht zu belegen. Es bleibt somit Spekulation, dass ihr die Vorgängerbauten gehörten, die die Familie Schurge im frühen 14. Jahrhundert für den Neubau erwarb.

Unabhängig davon zeichnete sich das Lichtenstein wie seine baulichen Verwandten, etwa das 1362 an der Fahrgasse erbaute Haus Fürsteneck oder das bereits genannte, 1464 errichtete Steinerne Haus allem voran durch die kluge und vorausschauende Ortswahl des Bauherren aus. Nahe dem Fahrtor gelegen, durch das über den Main nach Frankfurt eingeschiffte Handelswaren in die Stadt gebracht wurden, war es mit seinen feuerfesten Gewölben ein willkommener und mit Sicherheit gut bezahlter Schutz vor den ständig drohenden Feuersbrünsten der hölzernen Fachwerkstädte.

Dass die Angst hiervor selbst in der Stadtverwaltung umging, zeigt, dass diese, bis das 1405 am Römerberg erworbene Rathaus 1438 um einen eigenen steinernen Archivturm erweitert wurde, alle wichtigen Dokumente und Privilegien im Gewölbe des 1808 abgebrochenen Festungsturms am Leonhardstor lagerte.Georg Ludwig Kriegk: Geschichte von Frankfurt am Main in ausgewählten Darstellungen. Heyder und Zimmer, Frankfurt am Main 1871, S. 195, 196.

Eng mit Handelsgütern verknüpft war die im 14. Jahrhundert bereits äußerst wichtige Frankfurter Warenmesse. Mit der Unterbringung der Messegäste verdiente, wie es die Steuerbücher dieser Zeit belegen, mancher Hausbesitzer mehr als im ganzen restlichen Jahr. Die für jene Zeit luxuriösen Raumgrößen des Lichtensteins dürften wiederum insbesondere wohlhabende Messebesucher angezogen haben. So verwundert auch nicht ein Beleg aus dem Jahr 1474, nach dem im ganzen Haus 48 Gästebetten zur Verfügung standen.

miniatur|Gebäude auf dem Merian-Plan Frankfurts von 1628

In der Reformationszeit wohnte Johann von Glauburg im Lichtenstein, der zu den wichtigsten politischen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts in Frankfurt zu zählen ist. Nach seinem Studium kehrte er 1526 in seine Heimatstadt zurück und war dort bereits 1532 Schöffe, später mehrfach Älterer Bürgermeister und ein geschickter Diplomat.

Als Frankfurt ab 1562 neben der Wahl- auch zur Krönungsstadt der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und der Römerberg zum Ort dieser regelmäßig stattfindenden Zeremonie wurde, dürfte sich der Wert des Gebäudes nochmals vervielfacht haben. Die zu den Feiern übliche Vermietung von Fensterplätzen in guter Lage bescherte, ähnlich wie die bereits erwähnte Möglichkeit der Unterbringung von Messegästen, dem jeweiligen Besitzer erhebliche Einnahmen. Obgleich für das Lichtenstein keine genauen Zahlen hierzu erhalten sind, lassen sich auch hier wieder Analogien zu anderen Gebäuden in gleicher Lage ziehen. Dabei kann bereits die Tatsache, dass der enorme Fensterreichtum der meisten zum Römerberg gewandten Gebäude einzig in der hohen dadurch erzielbaren Fenstermiete erklärbar ist, als weitere Bestätigung gelten.

Wohl nur wenig später entstand ein sich westlich des Lichtensteins bis zur Kerbengasse erstreckender Hofbau, dessen spätgotische Reste mit dem Wappen der Familie Glauburg noch Carl Theodor Reiffenstein Mitte des 19. Jahrhunderts in einigen Skizzen festhielt. Er diente in seinen schmucklosen Nutzformen vermutlich längste Zeit mehr als Lager denn als Wohnstätte und verfügte auch über einen sehr geräumigen, von ausnahmslos allen Besitzern des Lichtensteins für die Weinlagerung genutzten Gewölbekeller.

Auf dem berühmten Vogelschauplan von Matthäus Merian, der das Frankfurt des Jahres 1628 zeigt, wurde die Hausrückseite zum ersten Mal detailliert abgebildet (vgl. Bild). Demnach befand sich im Hof zwischen Lichtenstein und dem Hinterhaus zur Kerbengasse auch ein markanter, an der Rückseite angebauter Treppenturm, der sich stilistisch ebenfalls zwischen Spätgotik und Frührenaissance bewegte.

Vom barocken Umbau bis zum Zweiten Weltkrieg (1725 bis 1944) miniatur|Haus Lichtenstein im 17. Jahrhundert, Aquarell von C. T. Reiffenstein, 1873

1694 wechselte das Lichtenstein abermals den Besitzer und ging an die im selben Jahrhundert aus dem niederländischen Breda nach Frankfurt eingewanderte Familie Leerse über. In dieser Zeit kam auch der alternative Hausname Zum kleinen Römer vor,Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main – Band 3, Privatbauten. Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1914, S. 78–81. was mit Sicherheit auf die Treppengiebel der nördlichen und südlichen Brandmauern sowie die ansonsten am Römerberg nicht wiederholte Steinarchitektur zurückzuführen war.

Im Zeitgeschmack des bald angebrochenen 18. Jahrhunderts galten die Bauten der Gotik als wenig sehenswert und wurden massenhaft abgebrochen oder massiv barock umgebaut. Insofern ging der damalige Hausherr, Johann Georg Leerse, beim 1725 vorgenommenen Umbau des Hauses vergleichsweise sorgsam vor, den der Darmstädter Baumeister Louis Remy de la Fosse ausführte. De la Fosse hatte sich zuvor bereits durch den Bau des Darmstädter Schlosses ausgezeichnet und erwarb sich auch in Frankfurt durch seine Arbeit am Römerberg schnell große Anerkennung.

So beauftragte ihn nur zwei Jahre später, 1727, die Frankfurter Adelsfamilie Holzhausen mit dem Bau des nach ihr benannten, bis heute im Holzhausenpark erhaltenen Schlösschens. Dieses wurde interessanterweise auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Wasserburg errichtet, die Ende des 14. Jahrhunderts den möglichen Bauherren des Lichtensteins, der Familie Schurge zu Lichtenstein, gehörte.Gerhard Bott: Frankfurt am Main. Deutscher Kunstverlag, München 1953, S. 40.

Wie vielleicht schon mehr als zwei Jahrhunderte zuvor veränderte der Umbau nur das Dach des Lichtensteins in seiner Substanz wirklich tiefgreifend, indem man diesem ein Zwerchhaus vorblendete. Die Fassade wurde in ihrem Erscheinungsbild vereinheitlicht und Architekturteile wie Fenster und Portale barockisiert. Innerlich versah man die zum Römerberg gewandten Räume des ersten Obergeschosses mit Stuckdecken von außerordentlich hoher Qualität, ihre Ausführung lässt allerdings vermuten, dass sie erst gegen Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden.

1774 wechselte das Gebäude erneut den Besitzer und ging als Erbe (Fideicommiss) für Leerses Urenkel Jakob Philipp Manskopf (der sich in der Folge Leerse nennen musste) an die Frankfurter Weinhändlerfamilie Manskopf über. Unter ihr wurde das Gebäude 1777 abermals sorgsam umgebaut. Das Hinterhaus an der Kerbengasse legte man bis auf sein spätgotisches Erdgeschoss nieder, die Straßenzugänge wurden vermauert und in Fenster umgewandelt. Die Geschosse darüber errichtete man architektonisch unscheinbar neu und schuf vom Hof her einen Zugang über eine im Stil des Rokoko verzierte Treppe.