Das Kosmodrom Wenchang () ist ein Weltraumbahnhof der Strategischen Kampfunterstützungstruppe der Volksrepublik China, dort ist die Einheit 63810 stationiert. Es befindet sich im Nordosten der Insel Hainan auf dem Gebiet der Großgemeinde Longlou der kreisfreien Stadt Wenchang. Das Kosmodrom dient als Startplatz für mittelschwere und schwere Trägerraketen mit kryogenen Treibstoffen.
Standortvorteile Wegen der äquatornahen Lage bei etwa 20 Grad nördlicher Breite können vom Kosmodrom Wenchang mit demselben Energieaufwand – das heißt mit einer gleich leistungsstarken Rakete – schwerere Nutzlasten in geostationäre Umlaufbahnen befördert werden als von den nördlicheren Weltraumbahnhöfen. Bei einem Vergleich der Nutzlasten für geostationäre Transferbahnen liegt der Unterschied zwischen den Kosmodromen Wenchang und Xichang bei 15 %, während dieser Vorteil des Kosmodroms Wenchang zu den Kosmodromen Taiyuan und Jiuquan sogar noch größer ist. Außerdem verlaufen die Starts von Wenchang über das Meer; im Südost-Quadranten befinden sich in einem Radius von 1000 km nur einige Militärstützpunkte auf Inseln im Südchinesischen Meer. Auch in größerer Entfernung fallen ausgebrannte Booster und Raketenstufen nicht mehr auf chinesische Wohngebiete oder Nutzflächen, sondern auf das Gebiet der Philippinen und Mikronesiens.
Von Wenchang aus kann in einem von Norden aus gerechneten Winkel von 90°, also (für geostationäre Satelliten) parallel zum Äquator nach Osten, bis 175°, also (für sonnensynchrone Umlaufbahnen) fast direkt nach Süden gestartet werden. Die Versorgungsflüge für die Chinesische Raumstation mit ihrer Bahnneigung von 42° liegen mit einem Startwinkel von 132° dazwischen.
Geschichte Vorgeschichte Bereits 1975 hatte ein leitender Angestellter des damaligen Siebten Ministeriums für Maschinenbauindustrie (eine Vorläuferorganisation der heutigen Nationalen Raumfahrtbehörde) vorgeschlagen, dass China auf Hainan ein Kosmodrom speziell für den Start von geostationären Satelliten bauen sollte. Damals befand man sich jedoch noch in der Kulturrevolution, und der Vorschlag wurde aus politischen Gründen abgelehnt. In Zeiten des Kalten Krieges hielt man einen Standort in Küstennähe für zu gefährdet durch ausländische Mächte. Daneben gab und gibt es aber auch technisch-geographische Gründe, die gegen den gegenwärtigen Standort des Kosmosdroms sprechen. Schon 1987 hatte es von Seiten der Chinesischen Akademie der Wissenschaften Überlegungen gegeben, am heutigen Standort des Kosmodroms einen Startplatz für Suborbital-Raketen anzulegen. Wegen des sumpfigen Geländes in Meeresnähe und der dadurch bedingten hohen Investitionen für eine Befestigung des Untergrunds sowie der relativ hohen Bevölkerungsdichte an der Ostküste Hainans entschied man sich dann doch dafür, die Höhenforschungsabteilung Hainan im Nordwesten der Insel einzurichten.
Als 1990 im Rahmen der Vorplanungen für ein bemanntes Raumfahrtprogramm über die Errichtung eines vierten, speziell für schwere Trägerraketen gedachten Kosmodroms nachgedacht wurde, wurde von einem Hainaner Lokalpolitiker ein formaler Antrag für einen Bau besagten Kosmodroms auf der Insel eingereicht. Trotz des Vorteils der äquatornahe Lage wurde dieser Antrag wegen mangelnder Infrastruktur abgelehnt. Es hätte einer Investition von mindestens 20 Milliarden Yuan bedurft, was damals für die Regierung in Peking inakzeptabel war. Als das bemannte Raumfahrtprogramm am 21. September 1992 offiziell gestartet wurde, wurde dort das Kosmodrom Jiuquan als Startplatz für die Raumschiffe bestimmt.
Standortwahl und Bauvorbereitungen Ab 1994 nahm die Diskussion um ein Kosmodrom auf der Insel Hainan wieder Fahrt auf. Große Raketen befanden sich in der Planung, wobei das Problem darin bestand, dass die Tunnel und Fachwerkbrücken der Chinesischen Staatsbahn nur für Ladungsbreiten von maximal 5 m ausgelegt waren, ganz zu schweigen von den Oberleitungen. Das machte den Transport besagter Raketen durch die Berge Sichuans zum Kosmodrom Xichang schwierig bis unmöglich, während bei einem Küstenstandort auf Hainan ein Seetransport von den Endmontageeinrichtungen in Tianjin einfach zu bewerkstelligen wäre. Um die Booster – und bei eventuellen Unfällen die Trümmer – der mit der Erdrotation in östlicher Richtung startenden Raketen ins Meer fallen zu lassen, kam nur ein Standort an der Ostküste der Insel in Frage. Fünf Orte wurden in die engere Wahl gezogen, und zwar, von Nord nach Süd:
Großgemeinde Changsa, Wenchang Großgemeinde Longlou, Wenchang Qionghai Wanning Sanya
Mitte der 1990er Jahre war die chinesische Raumfahrt auf zwei Behörden aufgeteilt. Die Infrastruktur, also die Kosmodrome und das Satellitenkontrollzentrum Xi’an, unterstanden der Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung, während die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie für Entwicklung und Herstellung von Raketen und Satelliten zuständig war. Hierbei hatte die Wehrtechnik-Kommission das Sagen: die Raketen hatten sich nach den Startrampen zu richten, und nicht die Startrampen nach den Raketen. Dies führte zu Konflikten und Reibungsverlusten. In dieser Situation schlug sich die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie auf die Seite der Provinzregierung, in der Hoffnung, in Hainan ein eigenes, von der Wehrtechnik-Kommission unabhängiges Kosmodrom zu erhalten. Die Wehrtechnik-Kommission wiederum befürchtete, dass bei den enormen Investitionen, die in Hainan nötig – und von der Provinzregierung gewünscht – waren, die existierenden Kosmodrome, vor allem Xichang, vernachlässigt würden. Am Ende einigte man sich darauf, dass Hainan kein eigenständiges Kosmodrom sein, sondern verwaltungsmäßig der Basis 27 der Volksbefreiungsarmee in Xichang unterstellt sein würde. In Xichang sollten in Zukunft primär militärische Satellitenstarts erfolgen, während Hainan für kommerzielle Starts mit schweren Trägerraketen zuständig sein sollte.
mini|Lage von Wenchang (rosa). Sanya ist das graue Gebiet im südlichen Teil. Bei der weiteren Standortwahl wurde Sanya ausgeschlossen, weil diese Gegend an der Südspitze der Insel genau im Weg der aus Südosten kommenden allsommerlichen Taifune liege. Dasselbe trifft allerdings auf die gesamte Ostküste von Hainan zu, also auf alle vorgeschlagenen Orte. Die Wahl fiel schließlich auf Longlou in der kreisfreien Stadt Wenchang, ganz im Nordosten der Insel. Das mittlerweile zuständige Hauptzeugamt der Volksbefreiungsarmee reichte beim Staatsrat der Volksrepublik China sowie bei der Zentralen Militärkommission einen formalen Antrag auf Errichtung einer Satellitenstartbasis ein, während die Provinzregierung gleichzeitig den Aufbau der im Umfeld der Basis notwendigen Infrastruktur vorantrieb. Im August 2007 wurde dem Antrag des Hauptzeugamts stattgegeben und die Errichtung des Kosmodroms Wenchang genehmigt; Bau, Verwaltung und Nutzung oblagen dem Kosmodrom Xichang. Administrativ wurde das dadurch ausgedrückt, dass das Kosmodrom Wenchang nur als „Startplatz“ (发射场) bezeichnet wurde, während Xichang, wie auch Jiuquan und Taiyuan, ein „Startzentrum“ (发射中心) war. Heute sind die Schwerpunktlabors, die Postdoc-Stellen und das Rechenzentrum mit Supercomputer alle in Xichang angesiedelt.
Vor Baubeginn mussten noch 6000 Dorfbewohner in dem Gebiet zwischen den Großgemeinden Longlou und Dongjiao umgesiedelt werden. Da in China alles Land dem Staat gehört und Grundstücks-„Eigentümer“ nur ein erbpachtähnliches Nutzungsrecht (meist für 70 Jahre) haben, gestaltet sich die Grundstücksbeschaffung dort juristisch relativ einfach.
Bau Am 14. September 2009 erfolgte die offizielle Grundsteinlegung für das neue Kosmodrom. Gleich darauf begannen Vermessungsarbeiten. Die ersten Dinge, die den aus Xichang angereisten und durchaus an Tropenklima gewöhnten Ingenieuren auffielen, waren der hohe Salzgehalt der Luft (das Kosmodrom liegt nur 800 m vom Strand entfernt), die heftigen Regenfälle, die häufigen Gewitter und vor allem der starke Wind. 2010 begann man mit dem Bau der beiden Raumfahrzeugmontagegebäude, 2012 mit den weiteren Einrichtungen.
Mitte 2013 waren die groben Bauarbeiten im Wesentlichen beendet. Nachdem in der TT&C-Station auf dem Bronzetrommel-Berg östlich von Longlou die nötigen Geräte zum Empfang von Telemetriedaten, Bahnverfolgung und Steuerung der Raketen installiert waren, fand im Dezember 2013 ein erfolgreicher Testbetrieb mit einem simulierten Raketenstart statt. Die Befestigungsseile der Parabolantenne der Station mussten im Juli 2014 nochmals verstärkt werden, als der Taifun Rammasun, ein Wirbelsturm der Kategorie 5 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 km/h, über die Insel hinwegzog.
Am 10. September 2014 meldete Generalmajor Yang Liwei, stellvertretender Direktor des Büros für bemannte Raumfahrt, die Einsatzbereitschaft des Kosmodroms.
Einrichtungen Kerngelände mini|Links die Startrampe 101, rechts die Startrampe 201 Das Kosmodrom Wenchang ist für Trägerraketen des Typs Changzheng 5 (schwere Nutzlasten) sowie Changzheng 7 und Changzheng 8 (mittlere Nutzlasten) gedacht, die in einem Winkel von 90° nach Süden (polarer Orbit) bis 175° nach Osten (äquatoriale Umlaufbahn) gestartet werden können. Hierfür stehen am südlichen Ende des Geländes zwei fest installierte Startrampen mit einer Höhe von 91,7 m (CZ-5), die „Startrampe 101“ (101 号工位), bzw. 85,8 m (CZ-7, CZ-8), die „Startrampe 201“ (201 号工位), zur Verfügung. Jede der Startrampen ist von vier jeweils 120 m hohen, schlanken Metallgittertürmen umgeben, die als Blitzableiter fungieren. Außerdem verfügen die Startrampen über ein Kühlsystem mit einem 600 t fassenden Wassertank, das sie während eines Starts, nachdem die Rakete 5 m in die Höhe gestiegen ist, innerhalb von 20 Sekunden mit 400 t Wasser vor der Hitze der Triebwerke schützt.
Für die Endmontage und die finalen Tests an den Raketen gibt es ganz im Norden des Geländes zwei 99,4 m bzw. 96,6 m hohe Raumfahrzeugmontagegebäude, die jeweils mit einer über fast die gesamte Höhe gehenden, zwei mal fünfflügeligen und insgesamt fast 800 t schweren Stahltüre verschlossen sind. Der Kran an der Decke der Gebäude kann Lasten von bis zu 32 t heben. Die beiden Endmontagegebäude sind durch ein niedriges Werkstattgebäude verbunden. Die auf einen 1800 t schweren, fahrbaren Starttisch montierten Raketen werden kurz vor dem Start aus dem Raumfahrzeugmontagegebäude zu den 2,8 km entfernten Startrampen gefahren. Zur Überwachung der Starts verfügt das Kosmodrom über ein eigenes Kontrollzentrum, das die notwendigen Daten von der TT&C-Station auf dem Bronzetrommel-Berg erhält. Für die Endmontage der Nutzlasten steht ein eigenes Werkstattgebäude zur Verfügung. In einem weiteren Gebäude werden die Satelliten, Tiefraumsonden etc. anschließend betankt und in die Nutzlastverkleidung der Rakete eingepasst.
Diese Kerneinrichtungen des Kosmodroms wurden alle unter Federführung des dem Hauptzeugamt der Volksbefreiungsarmee unterstehenden Instituts für spezielle Ingenieurprojekte, Peking () errichtet. Die Provinzregierung von Hainan baute ihrerseits den Hafen Qinglan direkt bei Wenchang aus, dazu noch Zufahrtsstraßen sowie die Strom- und Wasserversorgung, wobei Teile der neuen Infrastruktur von der Stadt Wenchang finanziert wurden, die sich dafür bei den Banken hoch verschuldete.
Die längste derzeit von Wenchang startende Rakete ist die Changzheng 7A mit etwas über 60 m. Die Changzheng 10 für das Bemannte Monderkundungsprogramm, die 2027 ihren Erstflug absolvieren soll, ist 90 m hoch, was ein neues Raumfahrzeugmontagegebäude und neue Startrampen erfordert. Da bei den ersten Mondflügen zusätzlich zum Raumschiff mit einer weiteren Rakete eine Mondlandefähre ins All gebracht werden muss, ist für die CZ-10 ein Montagegebäude mit zwei Werkhallen wie auf dem Kosmodrom Jiuquan nötig. Die Mondeinrichtungen schließen sich südwestlich an die existierenden Startrampen an. Im Februar 2023 hatte man mit den Vorarbeiten für den Bau begonnen.