Eine Hernie (Aussprache: []; von lateinisch hernia, ‚Bruch‘, von griechisch érnos „Knospe, Spross“), deutsch Bruch, ist der Austritt („Durchbruch“, „Durchbrechen“) von Eingeweiden aus der Bauchhöhle (Eingeweidebruch, Bauchbruch, Bauchwandbruch, Hernia ventralis, älter auch Leibbruch) durch eine angeborene oder erworbene Lücke (genannt Bruchpforte) in den tragenden oder begrenzenden Gewebeschichten.
Verlassen Gehirnteile ihre normale Lage, spricht man von einer Hirnhernie.Spektrum: Hirnhernie.Spektrum: tentorielle Hernie. Die Vorwölbung von Muskulatur durch einen Riss der bedeckenden Faszie bezeichnet man als Muskelhernie.
Merkmale Jeder Eingeweidebruch weist drei Merkmale auf:
Bruchpforte Eine Voraussetzung für die Entstehung einer Hernie ist eine Schwachstelle in der Wandung der Bauchhöhle. Meist ist diese bereits in der Embryonalentwicklung angelegt. Die Schwachstelle kann aber auch später entstehen, beispielsweise durch eine Narbe nach einer Bauchoperation. Durch den stetigen intraabdominellen Druck und eine leichte Überforderung (Hustenstoß) können tragende Bauchwandschichten so weit auseinanderweichen, dass eine beutelartige Vorwölbung der restlichen Bauchwandschichten als Bruchsack resultiert. Bruchsack Seine innere Auskleidung besteht im Regelfall aus gleitendem Bauchfell (Peritoneum) mit Bruchinhalt. Seine engste, in der Bruchpforte eingeklemmte Stelle wird Bruchsackhals genannt. Bruchinhalt Aufgrund entzündlicher Reaktionen kann ein Bruch Bruchwasser enthalten, aber auch temporär leer sein. Häufig aber enthält er einen Zipfel des großen Netzes oder gar eine Dünndarmschlinge. Auch frei bewegliche Organe, wie Eierstock, Wandanteile der Harnblase oder des Dickdarms, können enthalten sein. Bei einem Zwerchfellbruch ist es häufig der Magen, der durch einen Schlitz im Zwerchfell in den Brustkorb gleitet.
Auch Organe (Magen, Dickdarm, Blase), die nur teilweise innerhalb der mit Bauchfell ausgekleideten Bauchhöhle gelegen sind, so genannte retro- oder extraperitoneale Organe, können durch eine Bruchpforte gleiten und nehmen dann eine ihnen außen anliegende Bauchfelltasche als Bruchsack mit. Diese Hernien werden Gleitbrüche genannt.
Mangelernährung, Kachexie (bei Tumorerkrankung) und Aszites bewirken eine Bauchdrucksteigerung und Bauchwandschwächung, beides begünstigt die Entstehung von Bauchwandbrüchen, die dann als symptomatische Hernien bezeichnet werden.
Frische Hernien sind meist reponibel (von lat. reponere = wiederherstellen). Das bedeutet, dass durch sanften Druck von außen der Bruchinhalt wieder in die Bauchhöhle zurückgeschoben werden kann. Dieses Manöver wird Taxis genannt und kann bei unkritischer Anwendung und fehlender nachfolgender Überwachung Komplikationen verschleiern.
Arten von Eingeweidebrüchen Nach dem Ort ihres Auftretens werden innere und äußere Hernien unterschieden. Ist die Hernie von außen zu erkennen oder führt die Bruchpforte vom Körperinneren in Richtung Haut, spricht man von einer äußeren Hernie. Liegt die Hernie innerhalb des Rumpfes (z. B. vom Bauch in den Brustkorb gerichtet) und kann deshalb nicht ohne Hilfsmittel erkannt werden, dann handelt es sich um eine innere Hernie.
Innere Hernien Zwerchfellhernie mini|Röntgenaufnahme eines Patienten mit einer Hernie von Kolon durch eine Zwerchfelllücke
Bei der Zwerchfellhernie (lateinisch Hernia diaphragmatica) gelangen Bauchorgane in die Brusthöhle.
Ihre angeborene Form (englisch Congenital diaphragmatic hernia, abgekürzt CDH) wird durch eine unvollständige Zwerchfellausbildung verursacht. Im Erwachsenenalter hingegen begünstigen anatomische Schwachstellen im Zwerchfell Hernienbildung: der schlitzförmige Durchtritt der Speiseröhre, Hiatus oesophageus genannt, als Durchtrittsort für eine Hiatushernie eine Herniation durch die Lücke des Zwerchfellansatzes zwischen Brustbein und Rippe (Diaphragma sternocostalis/parasternalis) wird auf der rechten Seite als Morgagni-Hernie, links als Larrey-Hernie bezeichnet der Durchtritt von Weichteilen durch die pars lumbocostalis, insbesondere links, wo die Leber diese Lücke nicht verdeckt (auf der Grafik nur rechts eingezeichnet), wird als Bochdalek-Hernie bezeichnet.
Treitz-Hernie Bei der Treitz-Hernie oder Hernia Treitzii (auch Treitzsche HernieVgl. etwa Hans von Haberer: Ein operativ geheilter Fall von inkarzerierter Treitzscher Hernie. In: Wiener Klinische Wochenschrift. 1905, Nr. 11.) sind Darmanteile im Recessus duodenalis superior, einer sehr engen Bauchfelltasche hinter dem sogenannten Treitz’schen Band (Ligamentum suspensorium duodeni), welches den Zwölffingerdarm fixiert und Darmgefäße enthält, eingeklemmt.
Transmesenterische Hernie Eine Hernie durch einen angeborenen Mesenterialdefekt ist eine seltene Ursache für einen Darmverschluss. Obwohl sie als „angeboren“ bezeichnet wird, werden die meisten Patienten mit einer Mesenterialhernie erst im Erwachsenenalter mit Symptomen vorstellig.
Ligamentum-latum-uteri-Hernie Hernien des Ligamentum latum uteri können einen Dünndarmverschluss verursachen und stellen 4–7 % aller inneren Hernien.
Äußere Hernien Leistenhernie
Die Leistenhernie oder auch Inguinalhernie (lateinisch Hernia inguinalis), genannt auch Bauchwandbruch, ist die häufigste Form der Hernie (80 %). Sie tritt über dem Leistenband an einer anatomisch vorgegebenen Stelle, dem äußeren Leistenring, in Erscheinung. Man unterscheidet die
direkte Leistenhernie (Hernia inguinalis directa/medialis) Hier tritt der Bruch durch eine Schwachstelle der inneren Bauchwandschicht, der Fossa inguinalis medialis, die sich auf den äußeren Leistenring projiziert, aus. Diese Bruchform, wie auch die folgende, tritt äußerlich am äußeren Leistenring (Anulus inguinalis superficialis) aus. Da aber keine begünstigende embryonale Struktur als Leitschiene existiert, ist diese Form nur selten angeboren. indirekte Leistenhernie (Hernia inguinalis indirecta/lateralis) Sie tritt am inneren Leistenring in die Bauchwand ein, verläuft beim Mann im Samenstrang und begleitet den Samenleiter und tritt ebenso wie der vorhergenannte Bruch am äußeren Leistenring an die Körperoberfläche. Bei der Frau verläuft im Leistenkanal nur das Mutterband. Da es deutlich kleiner als der Samenstrang ist, ist die laterale Leistenhernie beim weiblichen Geschlecht selten, aber auch die mediale Form kommt bei der Frau nicht häufig vor.
Die Leistenhernie des Kindes entwickelt sich in der Mehrzahl aus einem offen gebliebenen Processus vaginalis peritonei und entspricht damit der Definition einer so genannten „indirekten Leistenhernie“. Sie wird in der Regel bereits im Säuglingsalter diagnostiziert und tritt bei Frühgeborenen häufiger auf. Männliche Säuglinge und die rechte Seite sind häufiger betroffen. Die Leistenhernie muss nach der Diagnose kurzfristig operativ korrigiert werden. Die Gefahr der Inkarzeration (Darmeinklemmung) besteht vor allem im ersten Lebensjahr. Bei weiblichen Säuglingen können die Eierstöcke und Eileiter in den Bruch gleiten, was man als „Ovarialhernie“ bezeichnet.Alexander M. Rokitansky; Hernienchirurgie. In: Kinderchirurgie; Schweinitz und Ure; Springer Verlag, 2009; ISBN 978-3-540-89031-7; hier online, abgerufen am 3. Dezember 2015. Wenn sich der Wurmfortsatz in der Leistenhernie findet, spricht man von einer Amyand-Hernie.R. Hutchinson: Amyand's hernia. In: Journal of the Royal Society of Medicine. Band 86, Nummer 2, Februar 1993, S. 104–105, PMID 8433290, .
Schenkelhernie Die Schenkelhernie (synonym Schenkelbruch und Cruralhernie sowie Femoralhernie, lateinisch Hernia femoralis, griechisch Merozele), erstmals erwähnt 1685 von Nicolas Lequin, kommt weit überwiegend, wie schon Garangeot im 18. JahrhundertVgl. Christian Neubert, Ludwig Faupel, Uwe Katzenmeier: Bauchwandbrüche. 1973, S. 146–147 (Schenkelbrüche). festgestellt hatte, bei (älteren) Frauen vor. Sie kommt nach einer Leistenbruchoperation nach Shouldice oder Bassini, der 1891 eine verbesserte Operationsmethode der SchenkelherniePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 51. entdeckt hatte,Vgl. Edoardo Bassini: Neue Operationsmethode zur Radikalheilung des Schenkelbruchs. In: Langenbecks Archiv für Chirurgie. Band 47, 1894. auch bei Männern vor (2–3 %).
Der spanische Leibwundarzt Antoni de Gimbernat war der Erste, der 1793 die Ursache der Einklemmung des Schenkelbruchs in dem nach ihm benannten Teil des Cruralbogens des Musculus obliquus externus vorfand.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 299 und 519.
Die Schenkelhernie tritt unterhalb des Leistenbandes durch die Lacuna vasorum, genauer gesagt innenseitig (medial) von der Vena femoralis durch die sog. Lacuna lymphatica, aus. Schenkelhernien sind schmerzhafter als Leistenhernien und klemmen häufig ein oder sind nicht reponibel. In ihnen ist oft nur das Omentum majus und kein Darm eingeklemmt. Aber auch mobile Eierstöcke sind als Bruchsackinhalt möglich. Bei jeder unterhalb des Leistenbandes tastbaren Schwellung sollte eine Schenkelhernie ausgeschlossen werden. Wegen der häufigeren Gefahr der Einklemmung mit Durchblutungsstörung (Inkarzeration) ist eine dringende Operation anzustreben.
Als Differenzialdiagnose kommen wie bei der Leistenhernie unter anderem geschwollene Lymphknoten in Frage.
Nabelschnurbruch Bei einer Omphalocele (Nabelschnurbruch) ist durch eine Bauchwandfehlbildung die Nabelschnur sackartig aufgebläht, und Bauchorgane treten durch den Nabel hervor.
Nabelbruch Ein Nabelbruch, genannt auch Nabelhernie und Umbilikalhernie (lateinischer Oberbegriff Hernia umbilicalis et paraumbilicalis mit der Spezialform Hernia umbilicalis), tritt häufig direkt nach der Geburt im Säuglingsalter auf. Ursache ist die noch unvollständige Ausbildung der Bauchwand am Bauchnabel. Diese Säuglingsnabelbrüche haben in der Regel keine Einklemmungstendenz und bilden sich meist spontan zurück, daher werden sie nicht operativ, sondern mit Bandagierung behandelt. In seltenen Fällen, wenn z. B. durch starkes Schreien des Säuglings die Hernie nicht sofort in die Bauchhöhle zurückgleiten will, kann der Arzt Beruhigungsmittel verabreichen, damit das Kind entspannt und der Bruch zurückgleiten kann (Reposition).
Beim Erwachsenen sind Nabelhernien relativ häufig. Oft haben die Betroffenen keine Beschwerden und haben sich auch mit dem vorgewölbten Aussehen des Nabels arrangiert. Bei Nabelbrüchen mit kleiner Bruchpforte kann eine Einklemmung von Bauchorganen auftreten und erhebliche Beschwerden verursachen. Am häufigsten wird das große Netz vorgefunden. Besonders bei kleinen Hernien ist Inkarzeration gefürchtet.