mini|Ältestes bekanntes Fragment eines Evangelientextes, („Johannesfragment“), Vorderseite (recto), entstanden um 125 n. Chr.
Als Evangelium (von griechisch-lateinisch euangelium) bezeichnet man außer der christlichen Glaubensbotschaft auch eine antike, frühchristliche Literaturgattung, die sich mit dem Leben, Tod und Auferstehung Jesu und dessen Bedeutung für die Christen auseinandersetzt. Mit den „Evangelien“ in diesem Sinne sind meistens Erzählungen der vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament der Bibel gemeint. Die Verfasser der vier Evangelien werden auch als Evangelisten bezeichnet.
Darüber hinaus sind noch eine ganze Reihe weiterer Evangelien überliefert, die nicht zum biblischen Kanon gehören und die zu den neutestamentlichen Apokryphen gerechnet werden. Ab Ende des 2. Jhs. wurden allerdings nur die vier kanonischen Evangelien anerkannt. In der Spätantike wurden im „39. Osterfestbrief“ durch Athanasius im Jahre 367 n. Chr. mehr als zwanzig in griechischer Sprache verfasste Schriften, darunter u. a. auch die drei synoptischen Evangelien, als neutestamentlicher Bibelkanon anerkannt.
Begriffsgeschichte Der Begriff Evangelium kommt aus dem Altgriechischen ( oder „frohe Botschaft“zu , von angelos ‚Bote‘Vgl. Theodor Klauser (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Band 6, S. 1107 f. und 1144–1156.)
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, findet sich der Begriff evangelion mehrmals in Szenen, in denen einem König die Nachricht von einem militärischen Sieg aus einer gewaltsamen Auseinandersetzung überbracht wird. Im nachexilischen Judentum war mit Evangelium vor allem die vom Propheten Jesaja angesagte Heilsbotschaft gemeint ().
Im Imperium Romanum bezeichnete dieser Begriff solche Nachrichten aus dem Kaiserhaus, die als „gute Nachrichten“ aufgefasst wurden.Falls der Evangelist Markus sein Evangelium im Jahr 69 n. Chr. schrieb, dachte er vielleicht an die Nachricht von der Inthronisation Vespasians zum Kaiser. Die älteste Belegstelle findet sich in der steinernen „Kalenderinschrift von Priene“ (datiert auf 9 v. Chr.), in der es über den Geburtstag des vergöttlichten Kaisers Augustus (23. September 63 v. Chr.) heißt:
„Der Geburtstag des Gottes hat für die Welt die an ihn sich knüpfenden Freudenbotschaften [Evangelien] heraufgeführt“ (Übersetzung: Adolf von Harnack).Oliver Achilles: Auslegungssache. Ein Blog über die Interpretation der Bibel. – Die Geburt Gottes. Auf: auslegungssache.at vom 6. Januar 2015.
In den Paulusbriefen kommt das Wort εὐαγγέλιον 60-mal vor und bezeichnet die Gute Nachricht von Jesus, die Paulus verkündigt.
Bei Markus erhält der Begriff eine kontrastierende Bedeutung in der Anwendung auf Jesus von Nazareth.Martin Ebner: Das Markusevangelium und der Aufstieg der Flavier. Eine politische Lektüre des ältesten „Evangeliums“. In: Bibel und Kirche. 2. Quartal 2011, S. 64 ff. Er bezeichnet damit die Frohbotschaft vom Heilsgeschehen in Jesus Christus. Diese Frohbotschaft ist ursprünglich nicht etwas schriftlich Fixiertes, sondern mündliche Verkündigung. Der Autor schuf durch Verwendung des Begriffs Evangelium für ein schriftliches Werk das erste Beispiel dieser Gattung und gab ihr zugleich diesen Namen.
Einige Kirchenväter bezeichneten über die vier kanonischen Evangelien hinaus das gesamte Neue Testament als Evangelium. Die Bezeichnung Evangelium im Zusammenhang mit den kanonischen Evangelienschriften findet sich bei dem Kirchenvater Irenäus: Das Evangelium als die eine Botschaft von Jesus Christus in vier Formen – nach oder gemäß Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Der Kirchenvater Justinus verwendet den Ausdruck in beiden Bedeutungen.
Das Narrativ der Evangelien Durch den Theologen Johann Baptist Metz und den Romanisten Harald Weinrich tauchte der Begriff der „narrativen Theologie“ erstmals ab den 1970er Jahren im deutschen theologischen Diskurs auf. Da die Evangelien als eine Form von Erzählungen im erzähltheoretischen Verständnis aufgefasst werden können, zeigt ihre Textanalyse zum einen als Vermittlungsinstanz einen Erzähler, der den Rezipienten durch das Werk führt, zum anderen spiegelt sich in der Geschichte eine doppelte Zeitlichkeit. Die erzählte Zeit ist die, welche die Geschichte zeitlich strukturiert, die Zeit des Geschehens und die Erzählzeit, die Zeit der Erzählung selbst, also der Zeitraum, den die Geschichte benötigt, um das Narrativ wiederzugeben.Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Metzler, Stuttgart 2008 / 3., aktualisierte Auflage: Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02598-2, S. 19; 145. In den Erzählungen werden Ereignisse und deren Veränderungen (Diegesis) präsentiert.Gerd Häfner: Von Gott erzählen. Narrative Theologie im Neuen Testament. Vorlesung, Wintersemester 2012/13 Ludwig-Maximilians-Universität München (Volltext als PDF Auf: kaththeol.uni-muenchen.de.; zuletzt abgerufen am 14. März 2021).
Fakt oder Fiktion Inwieweit es sich bei den Evangelien um ein (rein) faktuales Erzählen (im Sinne einer Geschichtsschreibung) oder um ein fiktionales Erzählen handelt, bleibt im theologischen Diskurs ungeklärt. Eine literarische Erzählung aber handelt von Fiktivem und ist somit fiktional. Es sind letztlich Erzählungen, die keine Forderung nach einer Überprüfbarkeit an einer außersprachlichen Wirklichkeit implizieren.J. Alexander Bareis: Fiktionales Erzählen. Zur Theorie der literarischen Fiktion als Make-Believe (= Göteborger Germanistische Forschungen. Band 50), Acta Universitatis Gothoburgensis, Göteborg 2008, ISBN 978-91-7346-605-9 (Volltext als PDF; hier S. 51 f. Auf: portal.research.lu.se; zuletzt abgerufen am 14. März 2021)., hier 4. Die Fiktionalität biblischer Texte.
Frank Zipfel (2001)Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. (= Allgemeine Literaturwissenschaft – Wuppertaler Schriften. (ALW) Band 2). Erich Schmidt Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8. beschrieb die „Fiktivität“ als eine „Fiktion in Zusammenhang mit Geschichte“, sodass die geschilderten Ereignisse nicht den Tatsachen entsprächen, sie seien erfunden. Demgegenüber wurde die „Fiktionalität“ als „Fiktion im Zusammenhang mit dem Erzählen“ erklärt, sie stünde in Relation zur Erzählerfigur und zum Erzählakt.Frank Zipfel: Fiktion und fiktionales Erzählen aus literaturtheoretischer Perspektive. S. 11–36 In: Susanne Luther, Jörg Röder, Eckart D. Schmidt (Hrsg.): Wie Geschichten Geschichte schreiben. Frühchristliche Literatur zwischen Faktualität und Fiktionalität (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. 2. Reihe, Band 395). Mohr Siebeck, Tübingen 2015, ISBN 978-3-16-152634-3. Eine Fiktion wird in den literarischen Produktionen in einen Zusammenhang mit dem Phantasierten, Erdachten oder Erfundenen gestellt, das als etwas Ausgedachtes den Charakter des Nicht-Wirklichen einnimmt und, damit einhergehend, die dargestellten Personen/Figuren, Orte, Ereignisse, Sachverhalte, Handlungen und Gegenstände als nicht real wertet, da sie „keine Entsprechung in der Realität“ haben. Figuren sind keine realen Personen, die dargestellte Geschichte beruht nicht auf tatsächlichen Ereignissen in der Realität, und dennoch können fiktive Texte auch immer Elemente der wirklichen Welt enthalten.Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. (= Allgemeine Literaturwissenschaft – Wuppertaler Schriften . (ALW) Band 2). Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8, S. 14 f.
Mit dem begrifflichen Instrumentarium der narrativen Analyse wird ein Text im Sinne seines Erzählcharakters interpretiert, was mit einer Beschränkung der narrativen Analyse auf Erzähltexte als solche einhergeht. Mit der Übernahme dieses literaturwissenschaftlichen Verfahrens in die neutestamentliche Exegese öffnen sich erweiterte Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Textelemente, auf denen etwa der Spannungsbogen, die Figuren und die Perspektive der Erzähler beruhten.
Nach Gerd Häfner könnten die Evangelien als faktuale Erzählungen mit fiktionalen Elementen angesehen werden.siehe hierzu auch Hayden White (1973) Hayden Virgil White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Fischer, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-10-091202-0 der den traditionellen Anspruch in der Historiographie, eine möglichst objektive Wiedergabe von historischen Fakten grundsätzlich in Frage stellte.
MauzAndreas Mauz: Erzählen im christlich-religiösen Diskurs. S. 191–216 In: Christian Klein, Matías Martínez: Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02250-9, hier S. 206 sieht, nach Reiser (2001)Marius Reiser: Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung. (= UTB. 2197), Schöningh, Paderborn u. a. 2001, ISBN 3-8252-2197-0, die Großform der Evangelien, den discours im Sinne von Gérard Genette, durch eine Vielzahl von literarischen Kleinformenen konstituiert, so durch verschiedene: Erzählformen, etwa Anekdoten, Wundergeschichten, Gleichnisse, Genealogien, Erzählmuster, wie etwa Verkündungsschemata, Berufungsschemata Redeformen, wie etwa des Vorworts, Spruchs, Abschiedsrede, Katalog, Haustafel, Gebet, Hymnus, Akklamation und auch liturgische und Bekenntnisformeln Stiltypen, etwa Diatribe, Paränese.
Beziehung zum Aufbau hellenistischer Biografien Mit dem Begriff der „literarischen Gattung“ wird ein formaler Begriff bestimmt, der nichts über den Inhalt des Textes aussagt, vielmehr zur Analyse von Textformen als solches genutzt wird. Ein Charakteristikum der Evangelien ist, dass der oder die Autoren in der geläufigen altgriechischen Umgangssprache, der Koine schrieben, in der sich die Menschen im Alltag äußerten und verständigten.Eduard Lohse: Studien zu Geschichte, Theologie und Wissenschaftsgeschichte. Vom einen Evangelium zu den vier Evangelien. Zu den Anfängen urchristlicher Literatur. De Gruyter, Berlin 2012, doi:10.1515/9783110285260.53 (Textauszug Volltext als PDF Auf: rep.adw-goe.de; hier S. 65 f.).
Die „Evangelien“ knüpften an den Aufbau antiker RomaneAlbrecht Dihle: Die Evangelien und die biographische Tradition der Antike. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche. Band 80, Nr. 1, 1983, S. 33–49. und Biografien (Griechische Literatur) an. Sie verwendeten ähnliche Stilmittel, wie sie in den antiken „hellenistischen Biografien“ (einem Kompositum aus und ) gefunden werden können, etwa die dreigliedrige Gesamtform, literarische Topoi, der Darstellung und Ausbreitung der verborgenen Identität in einem ausgebreiteten exemplarischen Leben sowie deren erzählerische Vergegenwärtigung der Hauptfigur, mit der Intention, die Vorstellungswelt des Rezipienten zu bewegen.Klaus-Michael Bull: 2. Die Evangelien - Die Bedeutung des Wortes τὸ εὐαγγέλιον (to euangelion). - hier „Evangelium“ als literaturtheoretischer Begriff Auf: bibelwissenschaft.de; zuletzt abgerufen am 5. Juli 2024.