mini|Ausschnitt eines Daniele da Volterra zugeschriebenen Porträts Michelangelos, um 1544, Metropolitan Museum of Art rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Michelangelos Unterschrift mini|hochkant|Michelangelo Buonarroti mit 72 Jahren von Giulio Bonasone, 1546 mini|Heraklit in der Gestalt Michelangelos, Detailansicht aus Raffaels Die Schule von Athen (1510–1511), Fresko in der Stanza della Segnatura, Vatikan
Michelangelo Buonarroti [] (vollständiger Name Michelagniolo di Lodovico di Lionardo di Buonarroto Simoni; * 6. März 1475 in Caprese, Republik Florenz; † 18. Februar 1564 in Rom, Kirchenstaat), oft nur Michelangelo genannt, war ein italienischer Maler, Bildhauer, Baumeister (Architekt) und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der italienischen Hochrenaissance. Michelangelo entstammte einer florentinischen Familie, die zwar auf adelige Herkunft verwies, jedoch ohne nennenswerte finanzielle Mittel war. Die mehrfach von ihm behauptete Abstammung von den Grafen von Canossa ist quellenmäßig nicht belegbar. Diese Herkunftsreflexion und die Spannung zwischen familiärer guelfischer Tradition und der Nähe zu den Medici, deren Interessen oft gegensätzlich waren, prägten Michelangelos Selbstverständnis. Giorgio Vasari stellte ihn in seiner Künstlerbiografie zudem als asketischen „Kunst-Arbeiter“ dar, womit sich Michelangelo zugleich stilisierte und identifizierte.
Auf die erste Florentiner Phase bis 1494 folgt nach einem kürzeren Aufenthalt in Bologna (1494/95) die erste römische Zeit (1496–1501). Nach einem erneuten Aufenthalt in Florenz (1501–1504) folgte bis 1515 die zweite römische Zeit (von Reisen unterbrochen). Darauf folgte die lange Florentiner Periode (1515/16–1534). Den Rest seines Lebens verbrachte Michelangelo fast ausschließlich in Rom (dritte römische Zeit). Nach seinem Tod im Jahr 1564 wurde sein Leichnam nach Florenz überführt und in der Kirche Santa Croce beigesetzt.
Leben und Werk Herkunft, Kindheit und Ausbildung Michelangelo stammte aus einer angesehenen Bürgerfamilie in Florenz, die zur Partei der Guelfen gehörte. Er war der zweite Sohn des Lodovico di Leonardo Buonarroti Simoni und der Francesca di Neri und wurde am 6. März 1475 in Caprese in der heutigen Provinz Arezzo geboren, wo sein Vater für ein Jahr als Stadtvogt amtierte. Danach zog seine Familie nach Florenz zurück. Getauft wurde er am 8. März 1475 in der Kirche San Giovanni zu Caprese. Michelangelo hatte vier Brüder: Lionardo (1473–1510), Buonarroto (1477–1528), Giovansimone (1479–1548) und Sigismondo (1481–1555). Seine Amme war die Frau eines Steinmetzen aus Settignano bei Florenz. Michelangelos Mutter starb, als er sechs Jahre alt war; sein Vater heiratete in zweiter Ehe 1485 Lucrezia Ubaldini (gest. 1497).
Um 1482 kam Michelangelo in die Lateinschule des Francesco da Urbino. Schon als Junge wollte Michelangelo gegen den Widerstand seines Vaters Künstler werden. Nach einem heftigen Streit siegte sein Wille über den Stolz seines Vaters, und so wurde er mit 13 Jahren bezahlter Schüler in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio. Bei ihm studierte Michelangelo die Grundlagen der Freskokunst, mit der er zwanzig Jahre später in Rom reüssierte. Wie alle florentinischen Künstler seiner Zeit studierte er auch die Brancacci-Kapelle der Kirche Santa Maria del Carmine. mini|Gipsabguss des Kopfes eines Satyr, zugeschrieben an Michelangelo, ehemals Bargello in Florenz (bis 1944 – Verlust durch Diebstahl) Michelangelo beschäftigte sich in seiner Jugend zunächst mit Malerei, fühlte sich aber schon früh stärker zur Bildhauerei hingezogen. Noch während seiner Lehrzeit wurde er im Jahr 1489 durch die Vermittlung seines Freundes Francesco Granacci Mitglied in der Kunstschule von Lorenzo de’ Medici, genannt „il Magnifico“. Die Schule wurde von Bertoldo di Giovanni geleitet, der ein Schüler Donatellos gewesen war. Er kam bereits in jungen Jahren mit humanistischen Gelehrten wie Angelo Poliziano, Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola in Kontakt. Dadurch rezipierte er sowohl antike Kunst als auch neuplatonisches Gedankengut.
Zu den ersten plastischen Arbeiten Michelangelos zählt der heute verlorene Faunskopf. Überliefert ist die Anekdote (Vasari), dass Michelangelo nach einer Bemerkung Lorenzos eine Zahnlücke in die Figur einarbeitete, um sie lebensechter wirken zu lassen. Überliefert ist außerdem ein heftiger Streit mit dem Mitschüler Pietro Torrigiano, bei dem Michelangelo einen Nasenbruch erlitt. Diese Verletzung prägte sein Aussehen dauerhaft. Einige Zeitgenossen berichten, dass ihn diese Entstellung und die damit verbundene Empfindlichkeit sein Leben lang belasteten.
Florenz und Bologna (1494/95) Nach dem Tod Lorenzos de’ Medici im Jahr 1492 veränderten sich die politischen Verhältnisse in Florenz, was sich auch auf Michelangelos künstlerische Tätigkeit auswirkte. In diese Zeit fallen seine ersten eigenständigen Arbeiten, die bis heute erhalten sind. Zu den frühesten Werken zählt die Madonna della Scala, ein 1491 entstandenes Marmorrelief (56,7 × 40,1 cm), das sich heute in der Casa Buonarroti in Florenz befindet. Es zeigt die Gottesmutter in Seitenansicht, wie sie auf einem Block sitzt und das Kind auf dem Schoß hält. Im Hintergrund befinden sich Putti auf einer Treppe, die dem Relief seinen Namen gibt. Michelangelo orientierte sich bei dieser Arbeit an Donatellos Technik des Stiacciato, einem extrem flachen Reliefstil, bei dem durch minimale Abstufungen eine große räumliche Tiefe erzeugt wird. Trotz des geringen Alters des Künstlers lassen sich bereits formale Merkmale erkennen, die für sein späteres Werk prägend sein sollten. Dazu zählen die plastische Modellierung der Körper, die Betonung der Bewegung und der dramatische Ausdruck.
Zur selben Zeit entstand das Marmorrelief Kentaurenschlacht (um 1491–1492, ca. 80 × 90,5 cm, Casa Buonarroti, Florenz). Das Thema greift auf die antike Mythologie zurück und zeigt in dichter Komposition den Kampf zwischen Lapithen und Kentauren. Das Relief ist unvollendet geblieben, was Einblicke in Michelangelos Arbeitsweise ermöglicht. Die Figuren sind eng verschränkt und in unterschiedlichen Ebenen angeordnet, was die Auseinandersetzung mit antiken Sarkophagreliefs erkennen lässt. Bereits in diesem frühen Werk zeigt sich Michelangelos ausgeprägte Kenntnis der menschlichen Anatomie, die zu einem bestimmenden Element seiner Kunst werden sollte.
Im Jahr 1494 verließ Michelangelo Florenz vorübergehend und ging nach Bologna. Dort erhielt er den Auftrag, mehrere Skulpturen für das von Niccolò dell’Arca begonnene Grabmal des heiligen Dominikus (Arca di San Domenico) in der Basilika San Domenico anzufertigen. Dazu gehören die Figuren des heiligen Petronius (64 cm, Marmor) und des heiligen Proculus (58,5 cm, Marmor) sowie ein kniender Engel (51,5 cm, Marmor), der ursprünglich einen Leuchter halten sollte. In diesen Arbeiten ist der Einfluss Jacopo della Quercias deutlich erkennbar, insbesondere in der Darstellung der Gewänder und der dynamischen Körperhaltung. Mit diesen Arbeiten gelangte Michelangelo erstmals in den Rang eines eigenständig beauftragten Bildhauers.
Ebenfalls in seine frühe Schaffensphase fällt das hölzerne Kruzifix für die Kirche Santo Spirito in Florenz (um 1492–1493, bemaltes Holz, 139 × 135 cm). Es zeigt Christus ungewöhnlicherweise nackt am Kreuz und verweist damit auf Michelangelos intensive anatomische Studien, die er mit Zustimmung der Augustiner im dortigen Kloster an Leichnamen durchführte. Das Werk wurde später aus der Kirche entfernt, im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und befindet sich heute erneut in der Sakristei von Santo Spirito.
Diese frühen Arbeiten verdeutlichen, wie Michelangelo bereits in seiner Jugend klassische und zeitgenössische Vorbilder miteinander verband und zugleich eigene Wege beschritt. Während die Florentiner Reliefs eher experimentellen Charakter besitzen und seine Auseinandersetzung mit der Antike und Donatello erkennen lassen, markieren die Bologneser Skulpturen den Übergang zu einem größeren, monumentalen Anspruch. Zusammen mit dem Kruzifix von Santo Spirito bilden sie die Grundlage für Michelangelos weitere Entwicklung zu einem der bedeutendsten Bildhauer der Renaissance.
Erste römische Zeit (1496–1501) Michelangelo hielt sich von 1496 bis 1501 in Rom auf. Diese Schaffensphase war geprägt von politischen Unruhen in seiner Heimat Florenz. Die Stadt erlebte zu dieser Zeit die Krisen um Savonarola sowie eine äußerst wechselvolle politische Situation. Dies beeinflusste letztlich auch Michelangelos Entscheidung, sich in Rom künstlerisch zu entfalten. In Rom wandte sich der junge, noch weitgehend unbekannte Florentiner gezielt der Bildhauerei zu und schuf einige seiner frühesten Werke, mit denen ihm der Durchbruch auf dem römischen Kunstmarkt gelang. Zu den zentralen Arbeiten dieser Zeit zählen die Madonna Manchester, der Bacchus und insbesondere die römische Pietà.
Madonna Manchester Die Madonna Manchester, auch Maria mit dem Kind, Johannesknaben und vier Engeln genannt, entstand vermutlich während Michelangelos ersten Rom-Aufenthalts um das Jahr 1497. Das Tafelgemälde befindet sich heute in der National Gallery in London und ist eines der wenigen erhaltenen Staffeleigemälde Michelangelos. Die Zuschreibung an den Künstler war im 19. und 20. Jahrhundert zeitweise umstritten. In der neueren Forschung setzt sich jedoch die Auffassung durch, dass es sich tatsächlich um ein eigenhändiges Frühwerk Michelangelos handelt. Mehrere Kunsthistoriker gestanden jedoch eine gelegentliche Mitarbeit von Werkstatt oder Schülern ein. Stilistisch bezieht sich die Madonna auf Michelangelos Ausbildung bei Domenico Ghirlandaio, lässt aber auch schon eine deutliche Eigenständigkeit erkennen.
Bacchus Die 203 Zentimeter hohe Marmorskulptur eines Bacchus wurde Quellen zufolge zwischen 1496 und 1497 als Auftragswerk für Kardinal Raffaele Riario geschaffen. Die Statue zeigt den Gott des Weins und der Ekstase in einer instabilen, schwankenden Haltung, die Betrunkenheit suggeriert – eine für die Renaissance äußerst ungewöhnliche Darstellung. Aufgrund ihrer Realistik und Anlehnung an einen antiken Vorbildtypus wurde die Statue von Riario abgelehnt und von Jacopo Galli, einem römischen Mäzen und Freund Michelangelos, erworben. Heute befindet sich die Skulptur im Museo Nazionale del Bargello in Florenz. Hinter Bacchus sitzt ein Faun, der eine Traube isst. Deutlich erkennbar ist die Verbindung der Figuren mit Themen der Antike. Mit ihrer instabil-archaischen Anmutung nimmt die Statue eine besondere Position innerhalb von Michelangelos Frühwerk ein.
Pietà Die zwischen 1498 und 1499 (nach anderen Quellen spätestens 1500) entstandene römische Pietà, auch Vatikanische Pietà genannt, zählt zu den bedeutendsten Werken der europäischen Bildhauerkunst. Der Auftrag hierfür wurde vom französischen Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas für sein Grabmal in der Kirche Santa Petronilla vergeben. Michelangelo begab sich daraufhin selbst in die Marmorbrüche von Carrara, um das Material auszuwählen und es persönlich nach Rom zu bringen. Die Statue zeigt Maria mit dem toten Christus auf dem Schoß. Diese Ikonografie wurde von Michelangelo als erster italienischer Bildhauer in dieser Vollendung realisiert. Als die Statue vollendet war, war Michelangelo etwa 25 Jahre alt. Seine Pietà wurde wegen ihrer außergewöhnlichen technischen Brillanz und Ausdruckskraft vielfach gerühmt. Die ursprünglich für Santa Petronilla bestimmte Marmorskulptur wurde letztlich im Petersdom aufgestellt, wo die Skulptur bis heute zu sehen ist.
Alle drei Werke seiner ersten römischen Phase – die Manchester Madonna, der Bacchus und die Pietà – markieren entscheidende Schritte in Michelangelos künstlerischer Entwicklung. Sie belegen seine außergewöhnliche Meisterschaft im Umgang mit Stein und Farbe sowie seine unverwechselbare Formsprache, die er bereits zu diesem frühen Zeitpunkt seines Schaffens erreicht hatte.
Florenz (1501–1504)