Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Amerika pflegen besonders enge diplomatische Beziehungen zueinander, was auch im gebräuchlichen Terminus special relationship zum Ausdruck kommt.Untersuchung des Begriffs.Phrases.org; abgerufen am 17. Juli 2007. Sie sind geprägt von der gemeinsamen Kultur und den daraus erwachsenen gemeinsamen politischen Interessen.
Die „besondere Freundschaft“ der beiden Nationen entstand im Ergebnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts, vor allem der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges. Aus ihr ging eine einzigartig vertrauensvolle Zusammenarbeit hervor.
Vom Beginn der zwischenstaatlichen Beziehungen bis zum Great Rapprochement mini|Boston Tea Party von 1773 mini|Franklin Delano Roosevelt und Winston Churchill im August 1941 während der Atlantik-Konferenz mini|Die Atlantik-Charta vom 14. August 1941 mini|Konferenz zwischen Eisenhower und Macmillan auf Bermuda (1957) Das Königreich England und später das Königreich Großbritannien war Mutterland der Dreizehn Kolonien. Diese begannen sich mit der Amerikanischen Revolution zu emanzipieren, erklärten 1776 ihre Unabhängigkeit und erfochten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ihre Eigenständigkeit als Vereinigte Staaten. Danach waren die Beziehungen lange Zeit von Spannungen geprägt, die sich während der Koalitionskriege in Europa verstärkten, woran insbesondere ungeklärte Grenzfragen zwischen den Staaten und Britisch-Nordamerika, Fischereirechte vor Neufundland und Nova Scotia sowie die Praxis der Royal Navy, amerikanische Seemänner zu zwangsrekrutieren, schuld waren. Dies mündete 1812 in den Britisch-Amerikanischen Krieg, der im Wesentlichen im Status quo ante bellum endete. Auf Anregung des britischen Außenministers George Canning, der rekolonialen Bestrebungen anderer europäischer Nationen in Lateinamerika vor dem Hintergrund der Südamerikanischen Unabhängigkeitskriege einen Riegel vorschieben wollte, kam es zur Erklärung der im Wesentlichen vom amerikanischen Außenminister John Quincy Adams weiterentwickelten Monroe-Doktrin durch Präsident James Monroe im Dezember 1823. Diese postulierte grundsätzlich eine Unabhängigkeit der westlichen Hemisphäre und ihrer jungen Republiken von Europa.
Im späteren 19. Jahrhundert führte die Frage nach einem künftigen Atlantik-Pazifik-Kanal in Zentralamerika zu Spannungen, die im Clayton-Bulwer-Vertrag resultierten. Während des Sezessionskriegs liebäugelte London eine Zeit lang mit einer Unterstützung der Südstaaten, vor allem nach der Trent-Affäre, blieb jedoch neutral. Weitere Konfliktpunkte zwischen den beiden Staaten betrafen den transatlantischen Sklavenhandel, bei dem es im Webster-Ashburton-Vertrag zu einer Verständigung zwischen London und Washington kam. Auch nach dem Britisch-Amerikanischen Krieg traten wegen ungeklärter Grenzfragen immer wieder Krisen in den Beziehungen auf, so etwa im Aroostook-Krieg Ende der 1830er Jahre und im Schweinekonflikt 1859. Der „Oregon-Grenzstreit“ (Oregon Boundary Dispute) um die Grenzziehung im Pazifischen Nordwesten, an dem auch das russische Kaiserreich und das Spanien beteiligt waren, wurde zwischen Washington und London 1846 im Oregon-Kompromiss gelöst.
Die Beziehungen blieben in den 1860er-Jahren unterkühlt, da die Amerikaner die Rolle der Briten und Kanadier im Bürgerkrieg trotz scheinbarer Neutralität als Einmischung in die inneren Angelegenheiten ansahen. Beide Seiten bemühten sich, dafür zu sorgen, dass die Spannungen nicht zu einem Krieg eskalierten. Die Behörden schauten weg, als die irisch-katholische „Fenian Brotherhood“ das britische Kanada angriffen, um Druck für ein unabhängiges Irland zu erzeugen. Irisch-amerikanische Politiker, die in der Demokratischen Partei eine wachsende Macht darstellten, forderten mehr Autonomie für Irland und machten antibritische Rhetorik zu einem Teil ihrer Strategie, um die zahlreichen irischen Migranten im Wahlkampf anzusprechen.
Die Schlichtung der Alabama Claims 1872 führte zu einer Versöhnung: Die Briten zahlten den Vereinigten Staaten 15,5 Millionen Dollar für den wirtschaftlichen Schaden, der durch die von ihnen verkauften Kriegsschiffen der Konföderierten Marine entstanden war. Da Kanada niemals verteidigt werden konnte, beschlossen die Briten, ihre Verluste zu begrenzen und das Risiko eines Konflikts mit den Vereinigten Staaten zu eliminieren. Unter William Gladstone zogen sich die Briten aus allen militärischen und politischen Verantwortlichkeiten in Nordamerika zurück. Sie holten die Truppen nach Hause (und behielten Halifax als Marinestützpunkt im Atlantik) und übergaben die Verantwortung an die Einheimischen. Daher machte es Sinn, 1867 die getrennten kanadischen Kolonien in einer selbstverwalteten Konföderation mit dem Namen „Dominion of Canada“ zu vereinen.
Die letzten Konflikte zwischen den beiden Staaten waren die gegen Ende des 19. Jahrhunderts um die Festlegung der Grenzen von Alaska und die zwischen Venezuela und der britischen Kolonie Guyana. Nachdem die Briten die Amerikaner in der westlichen Hemisphäre nicht mehr herausforderten kam es zu einem als Great Rapprochement bekannt gewordener Konvergenz der Interessen beider Mächte in den 1890er-Jahren, die in intensivierten politischen Beziehungen mündeten. So waren beide Mächte besorgt über die Politik des Deutschen Reiches unter Wilhelm II. und es wurden die gemeinsamen Interessen der „angelsächsischen Rasse“ betont.
Vom Ersten Weltkrieg bis zum Entstehen der special relationship Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs blieben die Vereinigten Staaten zuerst neutral, bevor sie sich nach dem Bekanntwerden der Zimmermann-Depesche 1917 schließlich auf Seite der Triple Entente intervenierten und entscheidend dazu beitrugen die Deutschen zu besiegen. Im Rahmen der Pariser Friedenskonferenz 1919 reiste Woodrow Wilson als erster amtierender Präsident nach Europa überhaupt,Julie Nelson: American Presidents: Year by Year. Volumes 1–3: 1732–2000. Routledge, Oxon 2015, ISBN 0-7656-8046-7 (E-Book), S. 474. wobei er auch das Vereinigte Königreich besuchte und von George V. im Buckingham Palace empfangen wurde.Richard J. Ellis: Presidential Travel: From George Washington to George W. Bush. University Press of Kansas, Lawrence 2008, ISBN 978-0-7006-1580-3, S. 188. Danach kooperierten Briten und Amerikaner bei dem Aufbau der politischen Ordnung der Zwischenkriegszeit nach dem Abkommen von Versailles. Die Amerikaner entschieden sich allerdings schließlich für den Isolationismus und traten dem Völkerbund nicht bei.
Im Jahr 1930 schlossen Japan, Großbritannien und die Vereinigten Staaten den Londoner Flottenvertrag zur Beschränkung der Aufrüstung bei der Marine. Zur Vorbereitung der Konferenz besuchte Ramsay MacDonald als erster amtierender britischer Premier im Oktober 1929 die Vereinigten Staaten; dort wurde er von Präsident Herbert Hoover empfangen und hielt eine Rede vor dem Senat der Vereinigten Staaten.Sylvia Ellis: Historical Dictionary of Anglo-American Relations. Scarecrow, Plymouth 2009, ISBN 978-0-8108-5564-9, S. 159.
Die special relationship geht in zweifacher Weise auf Winston Churchill, den Premierminister des Vereinigten Königreichs während der Zeit des Zweiten Weltkrieges zurück. Churchill bemühte sich intensiv darum, die Vereinigten Staaten als Verbündeten gegen Nazi-Deutschland zu gewinnen. Im August 1941 traf er mit Präsident Roosevelt vor Neufundland zu einer wegweisenden Konferenz zusammen. Beide formulierten die Atlantik-Charta und vereinbarten gesteigerte Waffenlieferungen an das Vereinigte Königreich.Frank Costigliola: Roosevelt’s Lost Alliances. How Personal Politics helped start the Cold War. Princeton University Press, Princeton 2012, S. 127 ff. Alan P. Dobson und Steve Marsh (2013) machen den Beginn der special relationship am Zerstörer-für-Stützpunkte-Abkommen vom September 1940 fest.Alan P. Dobson, Steve Marsh: Introduction. In Dieselben (Hrsg.): Anglo-American Relations: Contemporary perspectives. Routledge, London/New York 2013, ISBN 978-0-415-67850-6, S. 1–25; hier: S. 1. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor traten die Amerikaner in den Krieg ein. Bedeutende britisch-amerikanische Militäroperationen waren u. a. die Invasion Siziliens und die Landung in der Normandie. Auch im Pazifikkrieg kämpften britische und amerikanische Truppen gemeinsam.
Fortsetzung der Kooperation unter Churchills und Roosevelts Nachfolgern mini|Thatcher und Reagan im amerikanischen Camp David (1986) mini|Tony Blair und George W. Bush im Weißen Haus (2004) Während der Sueskrise von 1956 kam es zu einem kurzzeitigen Bruch der Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten; der Versuch von Premierminister Anthony Eden, gemeinsam mit Frankreich und Israel den Sueskanal zu besetzen und den ägyptischen Machthaber zu stürzen, scheiterte am Widerstand der beiden Weltmächte. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion begannen bald, massiven politischen Druck auf das Vereinigte Königreich und Frankreich aufzubauen.Ernst Weisenfeld: Geschichte Frankreichs seit 1945. C. H. Beck, München 1997, S. 117. Präsident Dwight D. Eisenhower erließ zudem ökonomische Sanktionen. Eden musste sich unter dem Druck schließlich beugen und den Rückzug antreten.
Seinem Nachfolger Harold Macmillan gelang es jedoch auf einem bilateralen Treffen in Bermuda schnell, die aufgrund der Suezkrise kurzzeitig geschädigten Beziehungen wieder herzustellen.Peter Mangold: The Almost Impossible Ally. Harold Macmillan and Charles De Gaulle. IB Tauris, London 2006, S. 82 f. Dies gelang ihm auch durch sein freundschaftliches Verhältnis zu Präsident Eisenhower, den er noch aus Kriegszeiten kannte. Außerdem kam Macmillan mit Eisenhower 1959 überein, den schottischen Flottenstützpunkt Holy Loch der US Navy künftig als Standort für Atom-U-Boote zu überlassen.D. R. Thorpe: Supermac – The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 465. Später gelang es Macmillan, durch die Vereinbarung von Nassau die enge Zusammenarbeit auch auf das Feld der nuklearen Abschreckung auszudehnen. Macmillan erreichte durch die Zusage von Präsident Kennedy die Lieferung von Polaris-Mittelstreckenraketen.Peter Mangold: The Almost Impossible Ally. Harold Macmillan and Charles De Gaulle. IB Tauris, London 2006, S. 191 f. Auf den vier Atom-U-Booten der Resolution-Klasse installiert, bildeten diese bis in die 1990er-Jahre hinein das Kernstück der britischen nuklearen Abschreckungspolitik. Auf der anderen Seite war Macmillan über viele Jahre hinweg der Haupttreibende in den Verhandlungen, die schließlich 1963 zum Abschluss des Vertrags über die Einschränkung von Atombombentests führten, der vom Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in Moskau unterzeichnet wurde.Melvyn P. Leffler: For the Soul of Mankind: The United States, the Soviet Union and the Cold War. Hill and Wang, New York 2007, S. 184.
In den späten 1960er-Jahren kam es zu einer zeitweiligen Abkühlung der guten Beziehungen. Unter Premierminister Wilsons Ägide litt das gute Verhältnis zusehends; Wilson weigerte sich, der amerikanischen Bitte nach militärischer Unterstützung im Vietnamkrieg nachzukommen. Zudem teilten er und Präsident Lyndon Johnson eine persönliche Abneigung. Auch zwischen den beiden Nachfolgern, Edward Heath und Richard Nixon, herrschte kein gutes Verhältnis.Richard Aldous: Reagan and Thatcher. The Difficult Relationship. Arrow, London 2009, S. 10.