mini|hochkant=1.2|Wappen der deutschen Verbindungen in Dorpat, Riga und St. Petersburg (1931) Als Deutsch-Baltische Studentenverbindungen bezeichnet man die Studentenverbindungen der Deutsch-Balten an der Universität Dorpat, der Universität Lettlands, der Universität Sankt Petersburg und der Lomonossow-Universität. Nach der Umsiedlung der Deutsch-Balten 1939 und dem Zweiten Weltkrieg formierten sich Deutsch-Baltische Studentenverbindungen in Hamburg, Göttingen, München, Marburg, Frankfurt am Main und Tübingen.

Deutsch-Balten auf deutschen Universitäten

Die Söhne dieser Familien studierten von jeher auf Universitäten im deutschen Sprachgebiet. So ist bereits seit dem 17. Jahrhundert ein landsmannschaftlicher Zusammenschluss von Deutsch-Balten an einer deutschen Hochschule überliefert. In Göttingen ist zum Beispiel für 1772, 1778 und 1780 eine „Landsmannschaft der Kurländer“ nachweisbar. Bereits damals zeichneten sich die Kurländer durch eine farblich gekennzeichnete Uniform aus. Sie trugen in Göttingen einen blauen Rock mit roten Unterkleidern, wobei Kragen, Rock und Weste gelb abgesetzt waren. Die Kokarde war weiß.Hans Becker von Sothen: Die Göttinger Verbindungen und ihre Farben 1800 bis 1833. Dargestellt anhand zweier Stammbuchblätter, in: Einst und Jetzt. Jahrbuch 1994 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Stamsried 1994, Seite 191. Auch später sind zahlreiche Landsmannschaften der Liv- und Kurländer als studentische Vereinigungen im deutschen Raum nachweisbar.

Als mit den Corps um das Jahr 1800 die ersten Studentenverbindungen im heutigen Sinne entstanden, bildeten sich an der Universität Jena am 4. Dezember 1801 und an der Georg-August-Universität Göttingen im Wintersemester 1804/05 jeweils eine Curonia („Kurland“). Die erste Curonia, die sich „Corps Curonia“ nannte, bestand 1810 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Weitere Universitäten, in denen kurländische Corps für das 19. Jahrhundert nachgewiesen sind, waren Berlin und Bonn. An allen diesen Universitäten trugen die Kurländer die Farben grün-blau-weiß, wobei in Jena die Farben der örtlichen Tradition entsprechend von unten gelesen wurden. Weite Verbreitung bei diesen Corps fand auch der lettische Wahlspruch Tam draugam draugs! (TDD).dt. „Dem Freunde Freund!“

In Göttingen haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts insgesamt nacheinander sechs Convente mit Namen „Curonia“ bestanden. Pastor Franz Oehme schreibt in seinen „Göttinger Erinnerungen“ (erschienen in Gotha 1873) über den Zeitraum von 1824 bis 1826 (Zeit des V. Göttinger Curonen-Conventes):

„Die Kurländer stehen oben an. Der Zahl nach nur klein, aber durch edle Haltung ausgezeichnet. Excesse hat kein Kurländer begangen, durch welche ein Tadel auf die Verbindung fallen könnte. Wo es Studentenehre betraf mit dem Schläger in der Hand, trat der Kurländer gegen keinen zurück… In ihrer Verbindung waren nicht solche, die sich hervortaten, die renommierten, sich auffallend kleideten, oder zu erkennen gaben, daß sie reiche Edelleute seien – und doch erkannte jeder ihren Wert an und freute sich, mit ihnen in Verbindung zu stehen. Es ist aber auch nicht zu leugnen; sie hatten etwas Abgeschlossenes.“

Von diesem fünften Göttinger Curonen-Convent, der von 1823 bis 1827 bestand, ist eine Mitgliederliste mit 31 Namen erhalten. Auf dieser Liste stehen 26 Adlige, darunter 19 Barone, 4 Grafen und ein russischer Fürst.

Familiäre Verbindungen bestehen zu grünen und weißen Corps, vor allem zu Guestphalia Heidelberg und Franconia Jena.

Baltische Universitäten Im Jahre 1802 wurde die Kaiserliche Universität Dorpat, gelegen im Gouvernement Livland, durch den damals reformgesinnten Kaiser Alexander I. begründet. Diesmal nach Eigenansätzen der Estländischen Ritterschaft, also des landbesitzenden deutsch-baltischen Adels. Daraufhin formierte sich im Jahre 1808 auch in Dorpat eine Curonia als Verbindung der Studierenden mit Herkunft aus dem Gouvernement Kurland. Einige Jahre später wurden dann auch die Landsmannschaften der Estländer, der Livländer und der Rigenser, die Estonia, die Livonia und die Fraternitas Rigensis, gegründet.

Unter ihren Mitgliedern fand sich eine Anzahl von Studenten, die auch vorher schon Mitglieder einer Curonia im deutschen Raum gewesen waren. Sie brachten präzise Vorstellungen mit, wie das Studentenleben zu organisieren sei. Durch diese Beziehungen entwickelte sich auch im Baltikum das Verbindungswesen nach deutschem Vorbild. Besonders der Göttinger Comment und die Göttinger Fechtweise wurden übernommen.

Als im Jahre 1862 in Riga eine technische Hochschule eröffnete, das so genannte Polytechnikum, gründeten sich auch hier verschiedene Corps, so die Fraternitas Baltica (1865), die Concordia Rigensis (1869), das Corps Rubonia (1875) und die Fraternitas Marcomannia (1902), die später nach Moskau verlegte. Bei den Neugründungen in Riga spielte die landsmannschaftliche Herkunft der Studenten bereits keine Rolle mehr. Es folgten in Dorpat und Riga in den nächsten Jahrzehnten weitere Neugründungen, Umbenennungen und Verlegungen.

Seit 1847 bestand auch in Sankt Petersburg ein deutsch-baltisches Corps mit Namen Nevania, dessen Tradition 1970 auf das Corps Concordia Rigensis überging. In Sankt Petersburg wurde auch 1909 die Fraternität Hyberborea gegründet, welche dann 1918 als Fraternitas Normannia nach Dorpat verlegte.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten auch Studenten anderer im Baltikum vertretener Nationen Studentenverbindungen nach dem deutsch-baltischen Muster. So entstanden Verbindungen der Esten (die Vironia, 1900; die Fraternitas Estica, 1907), der Letten (die Lettonia, 1870; die Selonia, 1880), der Polen (die Polonia, 1828; die Arkonia, 1879; die Welecja, 1883) und der Russen (die Fraternitas Arctica 1880).

Baltische Besonderheiten mini|Mensur in Dorpat mit dem typischen Lederhelm (1820er Jahre)

Die Besonderheit gegenüber der Entwicklung in Deutschland war, dass sich die auf dem frühen Corpsstudententum basierende, zuerst landsmannschaftlich ausgerichtete Verbindungsform im Baltikum voll und ganz durchsetzte und spätere Entwicklungen hier nicht Fuß fassen konnten. Das lag hauptsächlich an der übersichtlichen Situation im Baltikum. Die Zahl der Studenten und der Familien, aus denen sie stammten, war begrenzt, man kannte sich, und für viele unterschiedliche Verbindungsarten gab es gar keinen Raum.

Das baltische Verbindungsstudententum gilt auch unter Studentenhistorikern als „Überlieferungsinsel“ der frühen Sitten und Gebräuche in Deutschland. Da in Deutschland aufgrund der schlechten Quellenlage durch die vielen Verbote manchmal Lücken bei der Erforschung studentischer Bräuche bleiben, werden baltische Überlieferungen aus späteren Zeiten gern zur Erklärung älterer deutscher Phänomene herangezogen.

So hatten die baltischen Studentenverbindungen an der zunehmenden Formalisierung der studentischen Kneipe keinen Anteil. Bis heute sitzt man zwanglos zusammen, der Senior sitzt als Leitender mitten unter den Teilnehmern.

Bei der Mensur, dem studentischen Fechten mit scharfen Waffen, gab es im Baltikum nicht die Entwicklung in Richtung „Bestimmungsmensur“, bei der ohne vorangegangene Beleidigungen ausschließlich zur Ausbildung der Persönlichkeit gefochten wird. Bis ins Jahr 1939 wurden im Baltikum mit dem Korbschläger, wenn nötig auch mit der Duellpistole, grundsätzlich nur Ehrenstreitigkeiten ausgetragen. Die Ausrüstung und die Durchführung des Fechtens entsprach auch bis 1939 dem Stand, wie er in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war. Wer sich als „Antiduellant“ bekannte, brauchte überhaupt nicht mit scharfen Waffen gegen irgendjemanden anzutreten.

Auf der anderen Seite entstanden aber auch ganz andere Sitten und Formen des Verbindungslebens, die als typisch baltische Entwicklungen anzusehen sind. So war das auf studentischen Kneipen übliche Getränk Bier im Baltikum schwer zu bekommen. Die Studenten verlegten sich auf den ortsüblichen Wodka, der im Zusammenhang mit kleinen Speisen genossen wurde (Siehe auch: Wodka) und bis heute wird. Auch ein Samowar, aus dem Tee serviert wird, gehört bis heute zu einer baltischen Studentenkneipe.

Besonderheiten gibt es bis heute auch bei der Couleur, den in Verbindungsfarben gehaltenen Erkennungszeichen. So ist die Studentenmütze, im Baltikum „Deckel“ genannt, in der Regel oben mit einem Stern, dem so genannten Baltenstern, bestickt. Neumitglieder, die so genannten Füchse, tragen bei einigen baltischen Verbindungen kein Brustband (auch dies ist noch heute üblich). Der „Deckel“ der Füchse zeigt auch keine Verbindungsfarben und ist bei einigen baltischen Verbindungen ganz in schwarz gehalten.

Weitere baltische Besonderheiten bestehen in der Terminologie. So heißt der Senioren-Convent im Baltikum „Chargierten-Convent“, abgekürzt „Ch!-C!“ mit Ausrufezeichen statt Punkten als Abkürzungszeichen. Der Fuchsmajor heißt „Oldermann“ und das Korporationshaus wird „Conventsquartier“ („C!Q!“) genannt.

Nach dem Ersten Weltkrieg mini|300-Jahr-Feier der Universität Dorpat (1932)

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Gründung der unabhängigen baltischen Staaten mussten die deutsch-baltischen Verbindungen von Dorpat nach Riga umsiedeln. Gleichzeitig gründeten sich die ersten Verbindungen baltischen Typs in Deutschland, da viele Studenten nun woanders weiterstudierten. So entstand in Jena 1922 ein Zweig-Convent der Curonia, der enge Beziehungen zu den dortigen Corps unterhielt und bis 1934 bestand. Von 1921 bis 1931 gab es einen Tochterconvent der Fraternitas Academica Dorpat in Berlin und ab 1924 einen Tochterconvent der Rubonia Riga in München. Von 1922 bis 1930 existierte in Danzig die Fraternitas Dorpatensis und in Hannover die Baltonia. Etwa 800 Philister in Deutschland schlossen sich im Baltischen Akademischen Delegiertenconvent (D!C!) zusammen.

In der Zeit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten zwischen den Weltkriegen begann die große Zeit der estnischen und lettischen Studentenverbindungen. Besonders in den 1920er Jahren wurden viele Verbindungen dieser Art gegründet, die sich als Einrichtungen zur Pflege der nationalen Identität der baltischen Völker verstanden, obwohl sie den von Deutschbalten entwickelten Traditionen folgten. Interessant dabei war, dass sich sehr viele Damenverbindungen (Sororitates) gründeten, die auch die Traditionen – mit Ausnahme des studentischen Fechtens – weitgehend übernahmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach der Umsiedlung 1939 aufgrund des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages und den politischen Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs schien das Ende des baltischen Verbindungsstudententums besiegelt. Doch schon bald nach 1945 erhoben sich Stimmen, die auf eine Wiedergründung drängten. Das ging nur in der damals neu entstandenen Bundesrepublik Deutschland. Bald formierten sich das Corps Concordia Rigensis und die Curonia Goettingensis in Hamburg und Göttingen. Sie wurden in den Kösener SC-Verband aufgenommen.

Mehr in der alten Eigenständigkeit lag die Baltische Corporation Fraternitas Dorpatensis zu München. 1947 entstand die Corona Dorpatensis in Marburg und 1954 die Hanseatia Dorpatensis in Frankfurt am Main.Michael Garleff, Jürgen von Hehn, Georg von Rauch, Wilhelm Lenz, Baltische Historische Kommission: Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung, Böhlau, Köln 1986, 166 In Tübingen bestand von 1951 bis etwa 1970 die AV Contubernium Dorpatense. Die sog. Dorpatensen, die in den 1950er Jahren mit der Fraternitas Dorpatensis zeitweise einen gemeinsamen Senioren-Convent bildeten, wurden in den späten 1960er Jahren zum Teil zu liberal (in Marburg) oder hatten durch Ablegung der baltischen Eigenheiten (in Tübingen) ihren Charakter so verändert, dass sie bald keinen Nachwuchs mehr fanden.