Keltische Mythologie ist eine von der Literaturwissenschaft (Philologie) und Religionswissenschaft geprägte Sammelbezeichnung für die Gesamtheit der sagenhaften profanen (weltlichen) und religiösen Erzählungen (Mythen) der Kelten, von der Zeit vor ihrer Christianisierung bis ins christliche Mittelalter hinein. Dagegen bedeutet der Begriff keltische Religion die Summe der Institutionen, Riten oder Zeremonien zu bestimmten den Göttern oder den Verstorbenen gewidmeten Anlässen vor der Christianisierung.

Für die keltische Mythologie der vorgeschichtlichen und antiken Zeit sind kaum direkte schriftliche Quellen überliefert, die innerkeltische Tradierung erfolgte in vorchristlicher Zeit nahezu ausschließlich durch die mündliche Überlieferung. Die Berichte antiker griechischer und römischer Autoren sowie die viel später von christlichen Mönchen verfassten Manuskripte von den Britischen Inseln geben weitere Informationen. Bei den antiken Autoren wird wegen der Interpretatio Graeca und der Interpretatio Romana (Gleichsetzung altkeltischer mit griechischen und römischen Gottheiten) ein klares Bild erschwert.

Aus allen diesen deshalb mit gebotener Vorsicht zu verwendenden Quellen ist zu erkennen, dass es für den keltischen Raum (das Celticum) keine einheitliche mythologische Tradition gab. Die große Zahl regionaler Mythen stand nur in sehr geringem Umfang in Einklang untereinander.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur.S. 245.

Ursprünge und Überlieferung Da es eine politische oder kulturelle Einheit der Kelten nicht gab, weist die keltische Mythologie ebenfalls keine Einheit auf, sondern ist regional unterschiedlich ausgebildet. Die bisher aufgefundene Überlieferung ist bruchstückhaft, da es in der keltischen Frühzeit lediglich eine mündliche Tradierung gab. Ein schriftliches Festhalten der überlieferten Mythen war üblicherweise im Kreis des Kultpersonals (Druiden, Druidinnen, Vates, Filid) verpönt, da dieses Wissen nur ihren Adepten zugängig gemacht werden sollte.Ingeborg Clarus: Keltische Mythen. Der Mensch und seine Anderswelt. S. 11 f. Schriftliche Aufzeichnungen der Mythen gibt es für die Festlandkelten erst durch die antiken griechischen und römischen Ethnographen, die allerdings vom jeweiligen Götterbild der Autoren geprägt sind. Die von ihnen dabei angewandten Interpretationes Graeca und Romana sind hier zusätzlich wenig bis gar nicht hilfreich.

Die inselkeltischen Aufzeichnungen ab dem frühen Mittelalter (6. bis 11. Jahrhundert) durch irische und britannische Mönche, die oft noch den alten Druiden- und Bardengeschlechtern entstammten und deshalb eine enge Beziehung zu den Mythen ihrer Vorfahren pflegten, sind dagegen durch die christliche Sicht verändert – wenn auch erstaunlich zurückhaltend.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 245, 274. In Irland traf gewissermaßen die heidnische Gedächtniskultur auf die christlich-monastische Schriftkultur, die es sich zur Aufgabe machte, die alten Legenden in der traditionellen Form zu bewahren.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 431 f.Ray Dunning: Die Kelten. S. 77.

Helmut Birkhan nennt folgende nach ihrer Verlässlichkeit sortierten Quellen für die Erforschung der keltischen Mythologie: Indigene (original keltische) Texte (Weihesteine, Fluchtafeln) Antike Autoren (Caesar, Diodor, Strabon, Pomponius Mela, Plinius der Ältere, Athenaios, Poseidonios, Ammianus Marcellinus, Lucan, Cassius Dio) Archäologische Funde in Form indigener Bilder (Darstellungen ohne oder mit ganz knappen begleitenden Inschriften) Andere archäologische Funde (aus Gräbern, Kultorten wie Hainen und QuellenHelmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 778 f.) Etymologien und andere sprachwissenschaftliche Argumente Indogermanische Parallelen (Sprache, Dichtform, Religion) Inselkeltische literarische Quellen (walisische und irische Sagenkreise) Späteres Brauchtum, vor allem bei den Inselkelten und den Bretonen (volkstümliches Brauchtum, das auf alte Mythen zurückzuführen ist) Neuzeitliche Erzähltradition (z. B. Märchen) ebenfalls meist bei den Inselkelten und Bretonen

Sprachwissenschaftlich werden in der keltischen Mythologie analog zur geographischen Aufteilung der keltischen Volks- und Sprachgruppen mehrere Zweige unterschieden: Goidelisch (Gaeilge in Irland, Gàidhlig in Schottland und Gaelg auf der Insel Man) Britisch, also Kumbrisch, Kymrisch, Kornisch, Bretonisch (Zentral-England, Wales, Cornwall und Bretagne) Festlandkeltisch, also Gallisch, Keltiberisch, Galatisch, Lepontisch, Norisch (Kontinentaleuropa und Kleinasien)

Die auf den britischen Inseln, in Irland und der Bretagne überlieferten Mythen beschreiben Heroen, die auf ursprüngliche Gottheiten zurückzuführen sind. Göttergeschlechter wie die irischen Túatha Dé Danann sind in den frühmittelalterlichen Legenden zu mythischen Helden geworden, die im Volksmärchen zu Kobolden, Elfen und anderen Sagenfiguren umgedeutet werden. In die Heiligenviten werden in den klösterlichen Skriptorien immer wieder Begegnungen der christlichen Heiligen mit längst verstorbenen heidnischen Helden(Göttern) hineingeschrieben.Ray Dunning: Die Kelten. S. 92 f. Ein Beispiel dafür ist Acallam na Senórach („Die Unterredung der Alten“) aus der Zeit um 1200 n. Chr., wo ein Gespräch zwischen mythischen Helden und dem heiligen Patrick von Irland (4./5. Jahrhundert n. Chr.) erzählt wird.

Die Probleme der richtigen Bewertung dieser Euhemerisierung (Entstehung von Gottesvorstellungen durch mythische Überhöhung historischer Personen) zeigt die Legende der heiligen Brigida von Kildare: sie ist eng verbunden mit den Mythen um die keltische Göttin Brigid, wobei unter Wissenschaftlern diskutiert wird, ob Brigida einerseits als historische Person oder Vermenschlichung der alten Göttin zu sehen sei – oder ob andrerseits Brigid als „Vorbild“ der Heiligen erfunden worden war, um diese zugunsten des Nationalheiligen Patrick von Irland als heidnische Sagengestalt abzuwerten.Lisa M. Bitel: St. Brigit of Ireland: From Virgin Saint to Fertility Goddess auf [26. September 2006]

Fremde Einflüsse und Wechselwirkungen

Diese vermutlich um das Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. beginnenden Kontakte über die Alpen (in Etrurien um 400 v. Chr.)Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 85 f. und auf die Balkanhalbinsel (in Illyrien um 360 v. Chr.)Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 130 f. waren einer der Auslöser für den Übergang der Hallstatt- in die La-Tène-Kultur. Die keltische Mythologie, grundsätzlich indoeuropäisch ausgerichtet, wurde davon offenbar zwar beeinflusst, behielt jedoch ihre spezielle Sicht der engen Verbundenheit der materiellen, diesseitigen mit der spirituellen, jenseitigen Welt bei.

Die besonders wichtige germanisch-keltische wechselseitige Beeinflussung ist älteren Datums und beginnt erst mit der späten Hallstattzeit (ab 6./5. Jahrhundert v. Chr.). Zur Zeit der Römerherrschaft im Rheinland waren Germanen und Kelten schon jahrhundertelang Nachbarn, was an den Matronenkulten ablesbar ist. In welcher Richtung allerdings die Beeinflussung ging, ist nur unzureichend belegbar, da die dazugehörenden Mythen nicht überliefert sind und die Etymologie sowohl die Wanderung keltischer Matronennamen ins Germanische als auch umgekehrt annimmt. Aus der Bildhaftigkeit inselkeltischer Mythen und ihrer nordgermanischen Gegenstücke ist anzunehmen, dass es sowohl eine wechselseitige Befruchtung gab als auch ein keltisch-germanischer Kulturverband des Nordseeraumes bestand, der Gemeinsamkeiten in der Formulierung der Überlieferungen förderte. Besonders alle Erzählungen, die sich um die Gefolgschaftstreue drehen, sind nach derzeitiger Erkenntnis von den Germanen aus dem keltischen Kulturraum übernommen worden. Dies ist unter anderem am altgermanischen Wort *ambaχtaz ‚Diener, Gefolgschaftsmann‘ zu sehen, das vom altkeltischen ambactos ‚Bote, Diener‘ (eigentlich ‚Herumgesandter‘) herkommt.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 320 f., 517 f., 937, 1040.

Wie schwierig ein Mythenzusammenhang herzustellen ist, ist beispielhaft an der keltischen Gottheit Taranis und ihrer germanischen Entsprechung Thor/Donar zu sehen. Etymologisch als „Donner(er)“ zu deuten (walisisch taran), mit der entsprechenden nordgermanischen literarischen Mythen-Überlieferung, die im Keltischen fehlt, wird er bei den Galliern mit Dis Pater/Iuppiter identifiziert. Bei den Matronen steht der keltische Name der Ollogabiæ (‚Alles Nehmende‘?) Mainz-Kastel: Olloga/biabus / Apiuva / Messo[r] dem germanischen Alagabiæ (‚Alles Gebende‘) Offenbach-Bürgel: Matroni[s] / Alagabiabus / Iul(ia) Pusua / pro se et Iuli(i)s f(iliis) / Peregrino / Sperato / Severo / v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito) gegenüber, wobei der germanische Name der ältere sein dürfte.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 518. Das Fehlen überlieferter Mythen im kontinentalen Celticum ist oft Grund für problematische Deutungsversuche.Wolfgang Meid: Keltische Religion im Zeugnis der Sprache. S. 25.

Im Laufe der mündlichen Überlieferung veränderten sich die Inhalte der dieser Mythologie zu Grunde liegenden Mythen und nahmen zudem Einflüsse spätantiker (römischer) und frühmittelalterlicher (vor allem wikingerzeitlicher und angelsächsischer) Quellen auf. Bei der schriftlichen Niederlegung kamen biblische Überlieferungen (durch die mönchischen Sagen-Aufzeichner) oder frühritterliche Tradition (aus der Matière de Bretagne) vom europäischen Festland dazu, deshalb bieten die inselkeltischen Mythen zusätzlich einen Einblick in die früh- und hochmittelalterliche Sagen- und Gedankenwelt der Britischen Inseln.

Regionale Mythologien

Festlandkeltischer Bereich Die Mythologie der Festlandkelten ist weitestgehend verschollen. Bildmotive wie der Kessel von Gundestrup oder der Pfeiler der Nautae Parisiaci (Pariser Schiffergilde) scheinen vom Mythos der Tötung eines Stieres, des Tarvos Trigaranus inspiriert zu sein. Außerdem werden der Sieg des Gottes oder Heroen Smertrios über eine mythische Riesenschlange und die Fällung eines Baumes durch den Gott Esus wiedergegeben. Aufgrund fehlender antiker Quellen ist die Deutung der abgebildeten Szenen überaus schwierig und umstritten.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 153, 246 f.

Als Beispiel dient eine Darstellung des Gottes Ogmios, auf der zu sehen ist, dass von seiner durchbohrten Zungenspitze Ketten von Gold und Bernstein ausgehen, mit denen er eine große Menge von Menschen hinter sich herzieht, deren Ohren am anderen Ende der Ketten hängen. Die Menschen leisten nicht nur keinen Widerstand, sondern folgen ihrem Führer offenbar freudig, der ihnen, den Kopf nach hinten gedreht, zulächelt. Lukian von Samosata berichtet in seinem Werk Herkules (Ἡρακλῆς, auch „Der gallische Herkules“), ein „weiser“ Kelte – offenbar ein Druide – habe ihm die dazugehörende Deutung gegeben, dass dies die Macht des Wortes versinnbildlichen solle, der die Menschen gerne folgen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine überlieferte mythologische Erzählung oder „nur“ um einen Erklärungsversuch durch den griechischen Autor oder dessen gallischen Gewährsmann handelt, lässt sich nicht klären.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 564.Sylvia und Paul F. Botheroyd: Lexikon der keltischen Mythologie. S. 261.

mini|hochkant|Jupiter-Taranis, Reiter einer Gigantensäule in Obernburg am Main

Lateinische Inschriften auf gallo-römischen Jupitergigantensäulen aus den römischen Provinzen Germania superior, Germania inferior und dem nördlichen Gallien deuten zusätzlich auf einen keltischen Mythos hin, in dem der keltische Gott Taranis/Jupiter gegen Giganten kämpft. Manche Keltologen vermuten in den Säulen eine Weiterführung der Verehrung heiliger Bäume.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 182.