Hosea (auch: Hoschea, ) bezeichnet einen historischen Schriftpropheten (750–725 v. Chr., vollständig: ) im Nordreich Israel und das ihm zugeschriebene Buch. Mit ihm beginnt das Zwölfprophetenbuch im hebräischen Tanach. Es berichtet von Hoseas Kampf gegen den Götzendienst in Metaphern einer Liebesbeziehung.

Aufbau und Inhalt mini|Hosea mit erhobener Hand, Klosterneuburger Evangelienwerk, um 1340 thumb|Lebensgroßer Prophet Hosea des brasi­lia­ni­schen Barockkünstlers Aleijadinho im Santuário do Bom Jesus de Matosinhos, in Congonhas de Campo, Minas Gerais In seiner heutigen Gestalt wird das Buch in drei Teile gegliedert, um die herum Eingangs- und Schlusswort und als Rahmen stehen.Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament. 5. Auflage. W. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-018332-X, S. 522 Die Einteilung in 14 Kapitel wurde erst im Mittelalter vorgenommen.

Erster Teil: Hosea 1,2 bis 3,5 Die ersten drei Kapitel enthalten drei konzentrische Abschnitte (Aufbau: A–B–A'), die Hoseas Ehe mit einer Hure bzw. Ehebrecherin als Spiegel für Israels Untreue gegenüber JHWH darstellen.Vgl. Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament, S. 523 bis berichtet in der dritten Person über Hoseas Heirat mit Gomer, der Tochter Diblajims. Die eigentliche Zeichenhandlung ist die Namensgebung für ihre Kinder, die abbilden, dass Gott seinen Bund mit Israel zurücknehme und dieses Volk nicht mehr sein Volk sei: Der erste Sohn soll Jesreel genannt werden, die Tochter Lo-Ruhama („Kein Erbarmen“) und der andere Sohn Lo-Ammi („Nicht mein Volk“). Den Mittelteil bildet eine zweiteilige Gottesrede , die das Thema der Untreue Israels aufgreift. Diese Gottesrede ist umrahmt von den kontrastierenden Heilsankündigungen ( und ), die das Gericht umkehren und einen neuen Bund Gottes mit dem geläuterten Gottesvolk ankünden. In berichtet Hosea, dass er erneut eine untreue Frau heiraten muss, um Gottes Leiden an der Untreue Israels biografisch abzubilden. Diesmal zeugte er keine Kinder mit ihr, sondern lebte enthaltsam, um dem Volk zu zeigen: So werdet auch ihr ohne König, Opferkult und Religion leben, bis JHWH euch wieder annimmt. Der Schlussvers lautet:

Dieser eschatologische Ausblick deutet auf eine Komposition dieses Hauptteils gegen Ende des Exils, als unter den Exilierten Hoffnungen auf einen Nachkommen Davids aufkamen, der Israel und Juda wiedervereinen und damit die messianische Heilszeit einläuten würde. Hoseas akute gegenwartsbezogene Unheilsansage, die keine Ausflucht mehr ließ, wurde zum Bußruf historisiert, auf den hin vergangenes Geschehen gedeutet wurde, um daraus neue Zukunftsperspektiven zu gewinnen. Hosea weiß sonst nichts vom König David, einem Messias und vom Jerusalemer Tempelkult.Vgl. Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament, S. 526

Die beiden widersprüchlichen Eheberichte haben der Exegese viele Rätsel aufgegeben: Welcher der beiden Berichte ist authentisch? Handelte es sich um dieselbe oder eine neue Ehe? War diese bloß metaphorisch zu verstehenVgl. Marie-Theres Wacker: Figurationen des Weiblichen im Hoseabuch (= Herders Biblische Studien, Band 8). Herder, 1995, ISBN 3-451-23951-5 oder real? Von einer Scheidung von Gomer wird nichts berichtet. Walther Zimmerli nahm an, dass sie eine Tempelprostituierte war, da Hosea diese Praxis scharf kritisierte und für seine Gerichtspredigt verfolgt wurde . Seine Treue zu der Ehebrecherin drückte aber bereits JHWHs Treue zu Israel gerade in seinem unausweichlichen Gerichtshandeln aus.

Zweiter Teil: Hosea 4,1 bis 11,11 Ab dem vierten Kapitel reihen sich Gottes- und Prophetenreden aneinander und reden zuweilen das ganze Volk Israel, dann wieder seine Priester und den König an oder beschreiben ihre Schuld in der dritten Person.

Eine große Anklagerede wie in einem Gerichtsprozess umreißt in die Thematik des ganzen Buches, eingeleitet mit: „Hört das Wort des Herrn, ihr Söhne Israels!“  Sie zählt die Vergehen des Volkes auf: „Denn der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit, Bluttat reiht sich an Bluttat.“  Maßstab sind hier die Zehn Gebote, wobei der Bruch des 1. Gebots, Gott allein zu lieben, alle weiteren Rechtsverstöße nach sich zieht. Dies hat tödliche Folgen für alle: „Darum soll das Land verdorren, jeder, der darin wohnt, soll verwelken, […]“ Vgl. Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament, S. 524

Auf diese Darlegung des „Deutehorizonts“ (Jörg Jeremias) als Prozess JHWHs gegen sein Volk folgen zwei durchkomponierte Absätze mit jeweils fünf Abschnitten (Aufbau: 1+2/3+4/5).

Absatz 4,4 bis 9,9 Nun werden die beiden Hauptsünden Israels dargestellt. Die Gottvergessenheit im Kult ( und als Abschnitt 1 und 2): Die eigentlichen Verderber des Volkes seien die amtierenden Priester, die Gottes Tora vergäßen () und bestechlich seien: „Sie nähren sich von der Sünde meines Volkes und sind gierig nach seinen ruchlosen Opfern.“ (). Das schlechte Beispiel ihrer Tempelprostitution () – die in kanaanäischen Fruchtbarkeitsriten üblich war – stifte die übrige Bevölkerung zum Abfall von Gott an. Da ihnen das Recht anvertraut sei, müsse auf ihren Abfall unweigerlich der Fall aller folgen; dann werde die Suche nach Gott mit Opfern zu spät kommen (). Die Gottvergessenheit in der Politik ( bis und als Abschnitt 3 und 4): Die Rede bis ergänzt die Kultkritik mit scharfer Kritik an Israels Außenpolitik in der Zeit des Bruderkrieges zwischen Israel und Juda. Die illusorischen Bündnisse mit Assyrien brächten keine Sicherheit, und die oberflächliche Bereitschaft des Volkes zur Umkehr, die auf erste demütigende Niederlagen folgte, vergehe „wie der Tau, der bald vergeht“ . Gott bediene sich der Propheten, um Israel durch ihren Mund zu „töten“ , bis sie endlich begreifen: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer.“ . Die falsche Diplomatie nach außen war also für Hosea nur Kehrseite einer von Grund auf falschen Religionsausübung im Innern. Nicht nur das Opfern für fremde Götter, sondern das Opfern an den Kultorten JHWHs selber war für ihn die Wurzel allen Übels. Die Rede bis greift erneut die Priester an: Sie seien die Räuber, Mörder und Ehebrecher, die dem König nur nach dem Mund reden, dabei böse Pläne aushecken und den Niedergang des Staates verschulden. Des Königs törichtes „Hin- und Herlaufen“ zwischen den Großmächten ändere nichts an dem Gericht, das allen bevorstehe, denn das Gerede von Umkehr und die Selbstkasteiung – „sie ritzen sich wund um Korn und Wein“  – sei nichts als Lüge, dahinter verberge sich nur der Wunsch, Gott für eigene Zwecke einzuspannen: „Deshalb wird man in Ägypten [von wo JHWH die Vorväter befreite] über sie spotten.“ . Alles dies gipfelt in der Ablehnung der Prophetie durch Israel und einer Verstrickung in Schuld „wie in den Tagen von Gibea“ .

Absatz 9,10 bis 11,11 In vier Geschichtsrückblicken (, , und ), die jeweils dem Aufbau Anklage – Strafankündigung folgen, wird der Kontrast zwischen JHWHs liebendem Handeln und Israels unbegreiflicher Abkehr dargestellt. Diese Gerichtsrede schließt, statt mit einem Urteilsspruch, nun aber mit einem Heilswort, , in dem JHWH in mütterlicher Liebe einen neuen Exodus verheißt, allerdings durch das Gericht hindurch. Manche Exegeten vermuten hier einen ehemaligen Schluss des Buches.

Dritter Teil: Hosea 12,1 bis 14,9 Die Kapitel 12–14 sind eine Art Zusammenfassung der hoseanischen Gerichtsverkündigung mit Abschlusscharakter und Einladung zur Umkehr nach dem Fall Samarias. Möglicherweise war das in einem früheren Stadium der Redaktion ein Anhang zu den Kapiteln 4–11, eine Art Schlussdiskussion der Anhänger Hoseas.

Hos 14,2–14,10 wird als eine exilische Heilsprophetie und als Anhang gedeutet.

Entstehung mini|Hosea, russische Ikone, 1. Viertel des 18. Jh. Der Textbestand des Buches Hosea gehört neben dem Buch Amos zu den biblischen Büchern mit der längsten Überlieferungsgeschichte. Entsprechend uneinig ist die historisch-kritische Bibelforschung über seine mögliche Herkunft und Überlieferungsgeschichte. Diskutiert werden vier denkbare Entstehungsmodelle:Vgl. Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament, S. 525 f. Das Buch stamme großenteils von Hosea selbst oder Redeskizzen seiner Schüler. Kapitel 4–14 seien nach 722 von Schülern Hoseas aufgeschrieben und später punktuell ergänzt worden. Kapitel 1–3 habe eine eigene Wachstumsgeschichte gehabt und sei frühestens in exilischer Zeit vorangestellt worden. Die Hälfte der gesammelten Reden Hoseas gehe auf eine nachexilische deuteronomische Redaktion zurück, der eine früh-deuteronomische Sammlung von Hosea-Worten vorgelegen habe. Von Hosea selbst stammten nur einige Sprüche daraus. Das Buch sei Resultat eines rolling corpus (William McCane), d. h. einige kurze authentische Worte Hoseas und seiner Schüler hätten einen unüberschaubaren Kommentierungsprozess ausgelöst, wobei bis ins Exil hinein Kommentar auf Kommentar gefolgt sei.

Sicher ist, dass ein Teil der hier gesammelten Prophetensprüche auf eine judäische Redaktion in oder nach dem Babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) zurückgeht, die Unheilsworte an das Nordreich auf das Südreich bezog und entsprechend ergänzte. Das zeigen im ganzen Buch verstreute angehängte Einzelverse, die Israels Schicksal von 722 als Mahnung an Juda deuten (; ; ; ; ; ; ).

Dieser Redaktion kann jedoch schon eine lange überlieferte Sammlung von Hoseas Prophetie vorgelegen haben, die wahrscheinlich bald nach 722 im Südreich begann. Eventuell wurden dort bereits Heilsansagen unverbunden neben die älteren, authentischen Unheilworte Hoseas gestellt, da nach 586 auch judäische Prophetie auf diese Weise ergänzt und gedeutet wurde (Hans Walter Wolff, Otto Kaiser).

Autor und Zeitgeschichte mini|links|Hosea, Klosterneuburger Evangelienwerk, ca. 1340 mini|Hosea, Duccio di Buoninsegna, ca. 1310 stellt Hosea als Sohn Beeris vor. Mehr erfährt man nicht über seine Herkunft. Er stammte aber wohl aus dem Nordreich, denn er bezog sich ausschließlich auf dessen Traditionen und trat vor allem in der Hauptstadt Samaria, eventuell auch anderen israelitischen Kultorten wie Bethel und Gilgal auf, die genannt werden.

Er soll in der Regierungszeit der judäischen Könige von Usija (ca. 787–736 v. Chr.) bis zu Hiskija (ca. 728–700 v. Chr.) sowie unter dem israelitischen König Jerobeam II. (787–747 v. Chr.) gewirkt haben. Diesem war zunächst eine Rückeroberung der an die Aramäer verlorenen Gebiete gelungen . Doch bald darauf wurden Israel und Juda zunehmend von der neuen Großmacht Assyrien bedroht; 722 v. Chr. eroberte deren König Salmanassar V. Samaria und beendete das Königtum des Nordreichs.

Einige Anspielungen erlauben, Hoseas Wirkungszeitraum näher einzugrenzen: Nach sollte Hosea seinen ersten Sohn „Jesreel“ nennen zum Zeichen dafür, dass JHWH die „Bluttat von Jesreel“ bald sühnen werde. So hieß die Königsstadt, in der der Heerführer Jehu die Nachkommen des Königs Ahab ausrotten ließ und selbst den Thron an sich riss . Jehus Dynastie endete laut mit dem Sturz seines Ururenkels Secharja (747 v. Chr.) Demnach begann Hosea in den Jahren davor aufzutreten, als Israel unter Jerobeam II. eine Zwischenzeit des Friedens und Wohlstands erlebte. Hoseas deutlicher Hinweis auf das blutige Gemetzel, auf dem der Scheinfriede aufgebaut wurde, und dessen unausweichliche Folgen erfüllte sich 733 v. Chr., als der Assyrerkönig Tiglat-Pileser III. dem Staat Israel große Gebietsteile raubte, darunter die Ebene Jesreel. In und kritisiert der Prophet die zwischen den Assyrern und Ägypten hin- und herschwankende Bündnispolitik des Nordreichs: Dies verweist auf die Spätzeit des letzten nordisraelitischen Königs Hoschea (731–723 v. Chr.), der die assyrische Eroberung durch Tributzahlungen aufzuhalten versuchte und dann provozierte, indem er sich heimlich mit der konkurrierenden Großmacht Ägypten gegen Assur verbündete .