Genesis war eine britische Rockband, die mit Unterbrechungen von 1967 bis 2022 aktiv war und mit über 150 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Bands zählt.
Die Band durchlief verschiedene musikalische Epochen – die frühe Kombination aus komplexen Songstrukturen machte die Formation zu einem der wichtigsten Vertreter des Progressive Rock der 1970er Jahre.
Nach dem Ausstieg des Sängers Peter Gabriel 1975 und des Gitarristen Steve Hackett 1977 machte das verbliebene Trio, bestehend aus Tony Banks, Phil Collins und Mike Rutherford eine stilistische Wandlung durch. Mit ihrem nun oft radiotauglichen Mainstream-Rock wurde Genesis zu einer der kommerziell erfolgreichsten Musikgruppen der 1980er und frühen 1990er Jahre.
Nachdem Phil Collins 1996 die Band verlassen hatte, ging er im Sommer 2007 wieder mit ihr auf Tournee. Im März 2010 wurde Genesis als wichtige und einflussreiche Band in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Mit Beendigung der Tour im März 2022 gab Phil Collins das Ende ihrer Live-Aktivitäten bekannt.
Bandgeschichte Die Anfänge
mini|links|180px|Anthony Phillips, 2005 mini|links|180px|John Silver, 2006 Die Geschichte von Genesis begann an der Charterhouse School in Godalming (Surrey). 1963 traten Peter Gabriel und Tony Banks in die traditionsreiche, elitäre Privatschule ein. Beide waren frustriert von den damals sehr strengen und repressiven Regeln einer englischen Public School und nutzten ihre knappe Freizeit, um gemeinsam zu musizieren. Tony Banks spielte bereits seit seiner frühen Kindheit Klavier. Auch Peter Gabriel bekam in seiner Jugend Klavierunterricht, interessierte sich bald aber mehr für das Schlagzeug. Da beiden in der Schule nur ein Klavier zur Verfügung stand, einigte man sich darauf, dass Banks es spielte, während Gabriel dazu sang. So spielten beide zunächst bekannte Rock- und Popsongs ihrer Zeit nach, komponierten aber auch erste eigene Stücke.
1964 kam Mike Rutherford an die Schule. Er spielte seit seinem siebten Lebensjahr Gitarre. Er freundete sich mit einem anderen Gitarristen, Anthony Phillips, an und musizierte in der Folge gemeinsam mit ihm. Zusammen mit ihren Mitschülern Richard Macphail (1950–2024), Rivers Jobe († 1979) und Rob Tyrrell gründeten die beiden 1965 ihre eigene Band Anon. Phillips war Leadgitarrist der Gruppe, Rutherford der Rhythmusgitarrist und Macphail (später Roadmanager und Tonmischer der frühen Genesis bis April 1973) der Sänger. Anon beschränkten sich zunächst auf das Nachspielen von Titeln der Rolling Stones oder anderer bekannter Rock- und Popgrößen ihrer Zeit.
Banks und Gabriel traten der Schulband The Garden Wall des Trompeters Johnny Trapman bei. Als Schlagzeuger stieß Chris Stewart hinzu, und Rivers Jobe spielte auch hier Bass. Im Sommer 1966 traten die Bands Anon, The Garden Wall und Climax bei einem Charterhouse-Schulkonzert auf.
Kurze Zeit später löste sich Anon auf und Mike Rutherford und Anthony Phillips begannen, gemeinsam Songs zu schreiben. Als sie 1967 einige ihrer Stücke aufnehmen wollten, baten sie Tony Banks um musikalische Unterstützung am Klavier. Banks überzeugte Phillips davon, Peter Gabriel als Sänger hinzuzunehmen. Rutherford wechselte von der Rhythmusgitarre zum Bass, da Rivers Jobe der Bluesrock-Band Savoy Brown beitrat. In dieser Besetzung nahmen sie in den Osterferien bei einem Freund die Phillips/Rutherford-Kompositionen Don’t Want You Back, Try a Little Sadness, That’s Me, Listen on Five und Patricia sowie das Banks/Gabriel-Stück She Is Beautiful auf. Chris Stewart wurde Schlagzeuger.
Die Peter-Gabriel-Ära Erste Singles und Debütalbum Als 1967 der ehemalige Charterhouse-Schüler Jonathan King, ein relativ erfolgreicher Musikproduzent, seine einstige Schule besuchen kam, ließ die Band ihm ein Demoband zukommen. King war von den Aufnahmen begeistert und nahm die junge Band, nachdem sie noch ein weiteres Demo für ihn produziert hatte, bei seiner Plattenfirma Jonjo Music unter Vertrag. Er hatte genaue Vorstellungen davon, wie die Gruppe zu klingen habe, und bestand auf einfachen Arrangements mit ruhiger Instrumentierung aus akustischer Gitarre und Klavier.
In diesem Stil nahmen sie ihre erste Single Where the Sour Turns to Sweet auf, die jedoch nicht veröffentlicht wurde. Inzwischen komponierte die Band bereits komplexere Stücke, was King allerdings missfiel. So schrieben sie den einfach gestrickten Titel The Silent Sun. Den Song produzierte King im Dezember 1967 als Single, die am 2. Februar 1968 beim Decca-Label auf den Markt kam. Für die Veröffentlichung brauchte die Band, die bis dahin „halbherzig“ als New Anon firmiert hatte, einen zündenden Namen.
Jonathan King schlug den Namen Genesis vor. Dieser suggerierte den Anfang von etwas Neuem und sagte den Mitgliedern zu. Anschließend veröffentlichte man mit A Winter’s Tale eine weitere Single, die aber wie die vorhergehende erfolglos blieb. Danach wurde Schlagzeuger Chris Stewart auf Kings Wunsch durch John Silver ersetzt.
Mit Silver nahm Genesis im September 1968 in den Londoner Regent Studios in nur eineinhalb Tagen das erste Album auf. Es erschien im März 1969 ohne Nennung des Bandnamens, da zu der Zeit bereits eine US-Band existierte, die den Namen Genesis trug. Für eine Weile nannte man sich deshalb Revelation. Erst nach Auflösung besagter US-Formation kehrte man wieder zum ursprünglichen Bandnamen Genesis zurück.Siegfried Schmidt-Joos, Barry Graves: Rock-Lexikon. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1973, 2. Auflage 1975, Neudruck 1978, ISBN 3-499-16177-X, S. 152 f., hier: S. 152. Der Titel des Albums, From Genesis to Revelation, nahm indirekt Bezug auf die Probleme der Namensgebung, veranlasste die Plattenläden jedoch dazu, das Album irrtümlich der Kategorie „religiöse Musik“ zuzuordnen. Dies hatte zur Folge, dass es mit nur etwa 600 verkauften Exemplaren kaum Beachtung fand. Auch die Singleauskopplung des Stücks Where the Sour Turns to Sweet im Juni 1969 konnte die Verkaufszahlen nicht steigern. Das Material der Platte entsprach nicht dem musikalischen Potential von Genesis und spiegelte eher den Geschmack ihres Produzenten King wider. Dessen nachträglich hinzugefügten Streicher- und Bläserpassagen stießen bei der Band, insbesondere bei Anthony Phillips, auf wenig Gegenliebe. Wegen der immer größer werdenden künstlerischen Differenzen trennte man sich schließlich von King. Zwischenzeitlich hatten alle Mitglieder auch ihren Schulabschluss gemacht und befanden sich nun in einer Findungsphase über ihre weiteren Aktivitäten.
Neuorientierung (getting it together in the country) Nach einer mehrmonatigen Pause traf die Band im Sommer 1969 wieder zusammen. Gabriel, Phillips, Banks und Rutherford entdeckten schnell ihre Freude an der Musik wieder und entschieden sich dazu, professionelle Musiker zu werden. John Silver, der die Band verlassen hatte, um in den USA zu studieren, wurde durch den neuen Schlagzeuger John Mayhew ersetzt. Am 20. August nahm die Gruppe ein Demoband mit den neuen Songs White Mountain, Family (eine frühe Version des Titels Dusk, der 1970 auf Trespass erschien), Going Out to Get You und Pacidy auf. In dieser Phase kauften sich die Bandmitglieder mit geliehenem Geld allesamt ihre ersten professionellen Instrumente und steigerten ihre instrumentalen Fähigkeiten weiter.
Von Oktober 1969 bis April 1970 bezog die Band ein abgeschiedenes Wochenendhaus, das Christmas Cottage der Eltern ihres Freundes Richard Macphail, um erstmals über einen langen Zeitraum intensiv an ihrer Musik zu arbeiten.Mino Profumo: The Cottage. Ein altes Haus mit interessanter (Genesis-)Geschichte. Übersetzung: Martin Klinkhardt. In: genesis-fanclub.de, abgerufen am 14. Mai 2021.
Trotz einiger Differenzen zwischen den Bandmitgliedern machten die gemeinschaftlichen musikalischen Bemühungen hier einen Riesenschritt nach vorn. Während dieser Zeit nutzten Genesis zudem jede Gelegenheit, um die Titel live und vor Publikum zu testen, wodurch die erste kleine, aber treue Fangemeinde entstand. Der erste ordentliche Live-Auftritt der Band fand am 1. November 1969 in der Brunel University in Uxbridge statt, und die Setlist der frühesten Konzerte pendelte sich bald auf die Stücke In the Beginning, The Serpent (beides From-Genesis-to-Revelation-Überbleibsel), Pacidy, Key to Love (Bluesbreakers-Cover), Visions of Angels, Going Out to Get You, Stagnation, Little Leaf (unveröffentlichte Phillips-Komposition, zu hören heute als Old Wive’s Tale auf zwei verschiedenen Phillips-CDs und am Anfang von Resignation auf dem Box-Set Genesis 1970–1975) und The Knife ein.
Auch zwei Aufnahme-Sessions fallen in diese Phase: Am 9. Januar 1970 nahm die Band vier Stücke für eine nie gesendete BBC-Fernsehdokumentation um den Maler Mick Jackson auf. Die von Paul Samwell-Smith produzierten, größtenteils instrumentalen Titel Provocation, Frustration, Manipulation und Resignation sind in Fankreisen als Jackson-Tapes bekannt. Am 22. Februar spielte Genesis live in den BBC-Maida-Vale-Studios die Titel Shepherd, Pacidy, Let Us Now Make Love, Stagnation, Looking for Someone und Dusk für die BBC-Radiosendung Nightride ein.
Auf der Suche nach einer geeigneten Plattenfirma sympathisierte die Band anfangs mit Island, Chrysalis und dem Threshold-Label der Moody Blues. Das Problem erledigte sich dann jedoch von selbst, als Genesis als Vorgruppe für Rare Bird spielte und daraufhin von deren Keyboarder Graham Field Tony Stratton-Smith empfohlen wurde. Als dieser einem ihrer Auftritte beiwohnte, war er vom Stück Visions of Angels so angetan, dass er die Band sofort bei seinem Label Charisma Records unter Vertrag nahm. Für Charisma nahm Genesis im Juni und Juli ihr zweites Album auf.
Trespass wurde am 23. Oktober 1970 veröffentlicht und wird heute von vielen Fans als das erste „richtige“, unverfälschte Album der Gruppe angesehen. Im Vergleich zu ihrem ersten Album hatte sich die Musik von Genesis deutlich weiterentwickelt: An Stelle der kurzen Popsongs traten bis zu neun Minuten lange Titel mit ausgedehnten Instrumentalteilen. Trespass ist insgesamt eher akustisch gehalten und von zwölfsaitigen Gitarren, Orgel und Klavier dominiert. Einzig der frühe Live-Favorit The Knife ist als dynamische Rocknummer angelegt und durch aggressives E-Gitarren-Spiel gekennzeichnet. Dieser Titel erschien – in zwei Teile geteilt – im Mai des darauffolgenden Jahres auch als Single. Trotz einiger guter Kritiken war das Album kommerziell wenig erfolgreich.
Kurz nach den Aufnahmen zu Trespass kam es noch im Juli 1970 zu einem personellen Umbruch in der Band: Wegen künstlerischer Differenzen und aus Krankheitsgründen verließ Gitarrist Anthony Phillips die Gruppe. Er litt unter Lampenfieber, war von den mittlerweile zahlreichen Auftritten geschwächt und in musikalischen Fragen oft anderer Meinung als die anderen Bandmitglieder. Dieser Austritt stellte für Genesis einen großen Verlust dar, da sie neben ihrem Gitarristen auch einen wichtigen Songschreiber und die eigentliche frühe Schlüsselfigur der Band verlor. Die Folgezeit wird von den verbliebenen Mitgliedern noch heute als größte Krise der Bandgeschichte beschrieben. Im Zuge von Phillips’ Abschied trennte sich Genesis auch von Schlagzeuger John Mayhew, der das mittlerweile hohe musikalische Niveau der Band nicht mehr halten konnte. Nach einer kurzen Phase der Ratlosigkeit, in der sogar das Ende der Band zur Diskussion stand, entschied man sich schließlich dazu, weiterzumachen und per Anzeige im Melody Maker nach einem neuen 12-Saiten-Gitarristen und einem fähigen Schlagzeuger zu suchen.
Eintritt von Phil Collins 1970 und Steve Hackett 1971