mini|Jeremia (Michelangelo, Sixtinische Kapelle) mini|Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems (Rembrandt) Jeremia (auch Jeremias; , auch ; griechisch Ἰερεμίας Ieremías oder Klaus Koch: Die Profeten II. Babylonisch-persische Zeit. Band 281, Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1980, ISBN 3-17-004868-6, S. 21–86.ungefähre zeitliche Einordnung: zwischen 650 v. Chr. bis um 580 v. Chr.Klaus Koch: Die Profeten II. Babylonisch-persische Zeit. Band 281, Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1980, ISBN 3-17-004868-6, S. 21.Israel Finkelstein: Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel. dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-34916-1, S. 16; Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34151-3, S. 31; Hiernach ist die Spätbronzezeit III bis 1098; Frühe Eisenzeit (Eisenzeit) I 1109–1047; Mittlere Eisenzeit I 1055–1028; Späte Eisenzeit I 1037–918; Frühe Eisenzeit IIA 920–883; Späte Eisenzeit IIA 886–760; Übergang von Eisenzeit IIA zu IIB ab 757–586; Babylonische Zeit 586–538; Persische Zeit 539–333 v. Chr.) ist einer der großen Schriftpropheten des Tanach (hebräische Bibel) und damit des Alten Testaments. Seit dem Mittelalter wird das Buch in 52 Kapitel unterteilt. Traditionell gilt Jeremia auch als Verfasser der Klagelieder Jeremias.
Etymologie Der hebräische Name Jeremia wird im MT hauptsächlich יִרְמְיָהוּ jirməjāhû geschrieben (mit der Variante יִרְמְיָה jirməjāh in ). Es handelt sich um einen Satznamen. Das Subjekt (das theophore Element יָהוּ jāhû oder יָה jāh) ist JHWH, das Prädikat gehört zur Wurzel רום rwm „hoch sein / erhaben sein“. Der Name bedeutet daher „JHWH ist erhaben“.
Historische Zuordnung Laut den Angaben zu Beginn des Jeremiabuches wurde der Prophet von Gott im 13. Regierungsjahr eines Königs Joschija (siehe ) berufen, was etwa dem Jahr 626 oder 627 v. Chr. entspricht. Die Datierung ist von den verwendeten Modellen abhängig.Gebräuchliche Modelle stammen von William Foxwell Albright, Edwin R. Thiele und Gershon Galil. Es wird über sein Wirken zur Zeit der Könige Joschija, Joahas, Jojakim, Jojachin und Zedekia in Jerusalem berichtet, was vermutlich bis 585 v. Chr. dauerte. Er predigte dem Volk Israel Bekehrung und Umkehr zu JHWH und prophezeite jahrelang den Untergang Jerusalems und des Tempels, der im Jahr 586 v. Chr. durch den babylonischen König Nebukadnezar II. tatsächlich eintrat.
Das Buch ist eine wichtige Quelle für die Geschichte des ausgehenden Königtums im Südreich Juda. Es zeichnet ein detailliertes Bild der damaligen politischen und sozialen Verhältnisse. Viele der darin erwähnten Völker des Nordens finden sich auch in assyrischen und griechischen Quellen (Aschkenas, Gomer, Minni, Ararat (Urarṭu), Meder und Perser). Piotrovski versuchte Jeremia auch für die Geschichte von Urarṭu heranzuziehen und setzte auf Grund von (Feldzug von Ararat, Minni und Aschkenas – gewöhnlich als Skythen gedeutet – gegen Babel) das Ende von Urarṭu 590 oder 585 an.Adam T. Smith: The Making of an Urartian Landscape in Southern Transcaucasia: A Study of political Architectonics. In: American Journal of Archaeology. Band 103, Nummer 1, 1999, S. 50. Diese Interpretation wird jedoch überwiegend abgelehnt, die meisten Forscher gehen davon aus, dass das Reich bereits Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. sein Ende fand.
Der Verfasser des Buches Jeremia bezeichnet den Propheten als Sohn des (Hohe-)Priesters Hilkija , der möglicherweise von Abjatar, dem von David nach Anatot (nach eine der Städte, die den Nachkommen des Priesters Aaron gegeben worden waren) verbannten Priester , abstammt. Ob dieser mit dem im 2. Buch der Könige genannten Priester Hilkija identisch ist, ist höchst zweifelhaft. Jeremia stammt aus Anatot, dessen Bewohner ihm das Auftreten als Prophet ausreden wollen .
Eine priesterliche Prägung der Botschaft Jeremias, wie etwa beim Propheten Ezechiel, ist nicht erkennbar. Auch seine Stellung gegenüber der religiösen Reform ( und ) durch König Joschija, die auf das Jahr 622 v. Chr. datiert wird und hauptsächlich den jüdischen Gottesdienst im Jerusalemer Tempel sowie die Wiedereinführung des Pessachfest betraf, bleibt völlig unklar, da Jeremiaworte aus den Jahren zwischen der Reform und dem Tod von Joschija nicht überliefert sind.
In wird berichtet, dass er von jenen regierenden Landsleuten, die von der Verschleppung Judas verschont geblieben waren, nach Ägypten verschleppt wurde. Spätere nicht-kanonische Schriften erzählen von seinem Leben dort und seiner Steinigung ca. 580 v. Chr.
Gliederung des Buches mini|Jeremia betrauert die Zerstörung Jerusalems (Ilja Repin, 1870)
Verschiedene Teile des Buches von Jeremia lassen sich der Form nach klar unterscheiden. Zum einen handelt es sich um Prophetenworte Jeremias, zumeist formuliert aus der Perspektive Jeremias, davon sind einzelne Sprüche in Reimform, dann gibt es psalmenartige Abschnitte und zum anderen gibt es eingeschobene Erzählungen und Berichte über Jeremia und sein Auftreten, formuliert in der dritten Person.
Kapitel 1–10 enthält die Berufung Jeremias als Prophet und Gerichtsworte, Ein Teil davon ist die Tempelrede in Kapitel 7 und die Götzenpolemik in Kapitel 10 (vgl. Jes 44). Kapitel 11–20 enthält Klagen und Gerichtsworte. Markante Teile davon sind die Konfessionen Jeremias. Sie thematisieren die Einsamkeit des Propheten, der darum Gott anklagt. Einprägsam sind auch die zahlreichen Zeichenhandlungen Jeremias: Der verdorbene Gürtel in Kapitel 13 und der zerschmetterte Krug in Kapitel 19. Kapitel 21–24 enthält Worte an die Führenden: Jerusalem wird zerstört werden! In Kapitel 25 folgt die Ansage des 70-jährigen Exils Kapitel 26–29 enthält einen ersten Erzähltext über das Schicksal Jeremias. Hier wird Jeremia im Konflikt mit anderen Propheten gezeigt, u. a. dem Hofpropheten Hananja. In Kapitel 30–35 folgen Heilsworte. Die Rede vom Neuen Bund in Kapitel 31 wird verdeutlicht durch den Ackerkauf in Anatot in Kapitel 32. Dies soll zeigen, dass Israel jenseits der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems eine Zukunft hat. Kapitel 36–45 enthält einen zweiten Erzähltext, der das Schicksal Jeremias im belagerten Jerusalem erklärt. Hier steht Jeremia im Konflikt mit dem letzten König Judas Zidkija. Nach der Eroberung Jerusalems in Kapitel 39 und der Ermordung des Statthalters Gedalja in Kapitel 41, der von den Babyloniern eingesetzt wurde, flieht er in Kapitel 43 nach Ägypten. Seine letzte Zeichenhandlung in Ägypten kündigt die Eroberung Ägyptens durch die Babylonier an. Kapitel 46–51 enthält Prophetenworte gegen fremde Völker. Kapitel 51 kündigt einen Vernichtungskrieg gegen die Babylonier an. Das Buch endet in Kapitel 52 mit dem Bericht über die Zerstörung Jerusalems und die Begnadigung Jojachins (vgl. 2 Kön 24f).
Erstes Kapitel als Programmtext Das erste Kapitel kann als Programmtext des gesamten Buches gelesen werden. Dieses Kapitel legt vielfältige Spuren ins Buch hinein:
Die komplexe Überschrift in Jeremia 1,1 qualifiziert die „Worte Jeremias“ als JHWH-Wort und akzentuiert zwei Primärdaten: 628 – evtl. Beginn der Kultsäuberungsmaßnahmen Josias – und 586, Ende des Königreiches Juda. Jeremia 1,5 bezeichnet Jeremia als „Prophet für die Völker“ – so eindeutig wie kein anderer Charakter des Alten Testaments trägt er diesen Titel: 31 Mal wird Jeremia als „der Prophet“ bezeichnet. „Fürchte Dich nicht vor ihnen“ lautet Jeremia 1,8: Bevor noch die Adressaten der Gerichtsworte Jeremias genannt sind, wird klar: Jeremia als Bote des Wortes Gottes wird massiv bedroht. Unter Jeremias Gegnern fallen zwei Gruppen auf: einerseits Propheten und Priester in Jeremia 26–29, andererseits Könige und Beamte in Jeremia 21–24.34–38. „Ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen“ (Jeremia 1,10) sind Jeremias Aufgaben. Dem Übergewicht der destruktiven Wortpaare entspricht die Dominanz der Gerichtsreden im Buch Jeremia. In Jeremia 1,11–15 führt der Anblick eines Mandelzweiges, dessen Bezeichnung hebräisch wie „Wachebaum“ klingt, zur Eingebung, dass JHWH über der Erfüllung seines Wortes wacht. Dies ist eine zentrale Aussage des gesamten Buches. „Ich werde mein Urteil sprechen“ lautet Jeremia 1,16. Dementsprechend wird die erste Buchhälfte von Anklagen und Urteilsankündigungen beherrscht.
Theologische Schwerpunkte Allgemein Theologische und ethische Analysen gehen im Buch ineinander über, ebenso die Kritik. Ein Grundgedanke ist, dass – wenn Israel anderen Göttern folgt – JHWH gegen sein auserwähltes Volk prozessiert und mit dem Verlust des Landes droht. Šeqer (hebräisch für „Lug, Trug, Verlogenheit“) gilt als Schlüsselwort: Nicht mehr das Recht JHWHs bestimmt eine auf Solidarität gründende Gemeinschaft, sondern Täuschung, Betrug und Gewinn prägen die Gesellschaft. Daher trifft die Kritik vor allem die Propheten, Priester und Könige.
In manchen Texten scheint das Gericht als unausweichlich, dann wieder gibt es doch konkrete Heilserwartungen – vermutlich verstärkt durch spätere Zusätze. Heil und Unheil lassen sich nicht immer säuberlich scheiden. Heil liegt darin, dass die Zeit des Unheils begrenzt ist, dass Gott auf Bestrafung verzichtet und Jerusalem zurückkehren darf zu JHWH.
Jeremia 39 Das Kapitel ist insofern bedeutsam, als es eine Parallele in den Königebüchern hat und das Ende des Südreiches markiert. An diesem Kapitel werden unterschiedliche Aspekte deutlich:
Den Zeitangaben aus V. 1–2 ist eine Belagerungszeit der Babylonier von 18 Monaten zu entnehmen (zwei Monate des ersten Jahres, dann ein ganzes Jahr mit zwölf Monaten, dann noch vier Monate des dritten Jahres). Es fliehen der König Zedekia mit der Truppe nachts aus der Stadt Jerusalem heraus, aber das Volk bleibt zurück (V. 4). In Jericho wird die Ausfalltruppe eingeholt (V. 5). Die Ortsangabe Ribla irritiert, da sich der Grund des langen Transportes dorthin nicht unmittelbar erschließt. Dort werden Todesurteile gefällt (V. 6): Der Dynastiefortbestand wird durch die Tötung der Söhne sichergestellt und die judäischen Politiker werden ebenso getötet. Mit ausgestochenen Augen wird Zedekia den weiten Weg nach Babel deportiert (V. 7). Palast und Häuser werden verbrannt, die Mauern niedergerissen (V. 8). Die Deserteure und die Übriggeblieben werden auch nach Babylon gefangen weggeführt (V. 9).
Konfessionen Jeremias Die Konfessionen Jeremias sind einzelne abschließende Abschnitte in den Kapiteln . Sie thematisieren die inneren und äußeren Konflikte des Propheten, sie sind im Stil von Klagepsalmen gehalten und unterscheiden sich der Form nach von den Prophetensprüchen. 11, 18–23: Jeremia klagt über den Mordversuch der Männer von Anatot. Gott verspricht ihm darauf, sie heimzusuchen. 12, 1–6: Jeremia klagt über das Glück der Frevler (רשעים) und der Treulosen (בוגדי בגד). 15, 10–21 Jeremia klagt über sein Amt und die damit verbundene Isolation (Vgl. Kap 16, 1–19!): er steht allein gegen alle im Land, jeder flucht ihm (V. 10), er hat sich von jeglicher Geselligkeit fernzuhalten (V. 17). In V. 15 bittet Jeremia sogar um Rache an seinen Gegnern. 17, 14–18: Jeremia fragt, wann endlich das Angesagte eintreten mag, damit er nicht zum Spott wird. Wiederum die Bitte, seine Verfolger mögen zuschanden werden. 18, 18–23: Klage über die Nachstellungen und Anschläge; Jeremia bittet um das verheerende Ende seiner Gegner (V. 23: „Vergib ihnen ihre Missetat nicht … Lass sie vor dir zu Fall kommen… zur Zeit deines Zorns!“) zum Machterweis Gottes. 20, 7–18: Als ein von Gott Getäuschter will sich Jeremia schließlich seinem Dienst entziehen. Die Verse 14–18 sind nicht mehr in Gebetsform, sondern in der Form einer Selbstverfluchung abgefasst. Ähnlich wie in Ijob 3 wird der Tag der eigenen Geburt verflucht. Diese Konfessionen waren der Grund, dass die Klagelieder Jeremia zugeordnet wurden und führten auch zu dem Begriff Jeremiade.