mini|Kastelle und Signalstationen der Sachsenküste (Litus Saxonicum) in Gallien und Britannien um das Jahr 380 mini|hochkant=1.1|Notitia Dignitatum: Die Kastelle des litus Saxonicum unter dem Kommando des Comes litoris Saxonici per Britanniam mini|Die SK-Kastelle Rutupiae, Dubris und Lemanis auf der Tabula Peutingeriana mini|The Wash von Heacham (südlich von Hunstanton) aus nach Westen gesehen mini|Salzwiese am Solent, im Hintergrund die Isle of Wight mini|Romano-britischer Offizier in der Ausrüstung des 4. Jahrhunderts n. Chr. mini|Classiari der CB (spätes 2. oder frühes 3. Jahrhundert n. Chr.) mini|Befehlshaber der Comitatenses und Limitanei im 4. Jahrhundert n. Chr. mini|Die britischen Sachsenküstenkastelle um 400 n. Chr.

mini|Das sogenannte Nydam-Schiff (Schloss Gottorf, Schleswig) Dieses Ruderschiff diente germanischen Küstenstämmen als Kriegsfahrzeug, schneller Handels- und Truppentransporter, war hochseetauglich und konnte bis zu 45 Mann samt Ausrüstung aufnehmen mini|Die Ruine des spätrömischen Kastells Anderitum (NW-Wall) beim heutigen Pevensey/Südengland mini|Der hervorragend erhalten gebliebene östliche Leuchtturm (Pharos) des einstigen Portus Dubris im heutigen Dover-Castle. Von seinem westlichen Gegenstück sind heute nur noch die Fundamente sichtbar. mini|Rekonstruktionsversuch des westlichen Leuchtturms von Portus Dubris, Zustand im 4. Jahrhundert n.Chr. mini|Kastelle, Signalstationen und Städte in North Yorkshire (spätes 4. Jahrhundert) mini|Rekonstruktionsversuch einer Signalstation, Zustand im späten 4. Jahrhundert n. Chr. mini|Signalstation Goldsborough (Yorkshire), 4. bis 5. Jahrhundert n.Chr.

mini|Kastell Lemanis, Rekonstruktionsversuch des Osttores mini|Die Ruine des Kastell Gariannonum, gut zu erkennen sind die für spätantike Bauten typischen Ziegelbänder mini|Kastell Caister-on-See, Rekonstruktionsversuch des Südtores mini|Die Mauern des Kastells Garrianonum/Burgh Castle, eines der besterhaltenen römischen Baudenkmäler in Großbritannien mini|Die Ruine des Kastells von Rutupiae/Richborough Castle (SO-England) mini|Portchester castle/Portus Adurni: Ein Abschnitt der noch gut erhaltenen römischen Umfassungsmauer

Als Sachsenküste, , bezeichneten die Römer eine Kette stark befestigter Militärlager und Flottenstationen entlang der Süd- und Südostküste von Britannien (dem heutigen England) und an der Kanal- und Atlantikküste Galliens (Frankreich).

Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurden mehrere römische Kastelle entlang der Kanalküste von Ost- und Südostengland und Nordgallien errichtet. Alle waren an strategisch wichtigen Flussmündungen und Buchten positioniert, einige von ihnen sind auch heute noch sehr gut erhalten. Diese – aus neun Kastellen bestehende – Befestigungskette ist bislang nur aus einem spätrömischen Dokument bekannt, der Notitia Dignitatum, in dem deren Besatzungen als unter der Kontrolle eines „Grafen der sächsischen Küste“ stehend angegeben werden. Dies hat zur Annahme geführt, dass sie erbaut wurden, um in erster Linie angelsächsische Plünderer abzuwehren. Die Notitia listet auch zwei weitere Orte jenseits des Ärmelkanals auf, in den römischen Provinzen Germania Inferior und Gallia Belgica, die anscheinend ebenfalls Bestandteil des Litus Saxonium waren. Diese befinden sich u. a. in Oudenburg (Belgien) und Aardenburg (Niederlande). Die Festungen könnten aber auch angelegt worden sein, um – das mehrmals von Usurpatoren beherrschte – Britannien gegen die römische Zentralregierung zu verteidigen. Wahrscheinlich entstanden diese Festungen jedoch zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedenen Gründen über einen Zeitraum von etwa 70 Jahren und sollten mehrere Funktionen erfüllen. Obwohl die wahren Ursprünge des Litus saxonicum schwer fassbar bleiben, ist man sich heute sicher, dass diese Küstenfestungen irgendwann Teil eines einheitlichen und wahrscheinlich ursprünglich noch viel größeren Militärbezirks waren, das von dem o.a. Armeeführer befehligt wurde. Seine Rolle scheint sich auf den Süden und Osten der Insel konzentriert zu haben, aber es gibt auch archäologische Beweise für spätrömische Militärbauten im Norden und Westen, die dort die Grenzen sicherten. Die erhalten gebliebenen Sachsenküstenkastelle sind heute die eindrucksvollsten Überreste des spätrömischen Britanniens.

Die Sachsenküste in Britannien Die Kastelle waren Teil des spätantiken Limes in Britannien. In England werden diese Kastelle heute als Saxon Shore Forts bezeichnet. An der Südostküste von Großbritannien (heutige Grafschaften Lincolnshire und Norfolk) kann man ihre teilweise noch hervorragend erhalten gebliebenen Ruinen bei Richborough, Lympne, Portchester und Pevensey besichtigen.

Funktion Für Stephen Johnson hatten die Kastelle der Sachsenküste eine dreifache Funktion: befestigte Häfen für kleinere Flottillen, deren Aufgabe es war, Seeräuber schon an vorderster Linie abzuwehren, Garnisonen für Infanterie- oder Reitereinheiten, die bei Landungen feindlicher Barbaren sofort in Marsch gesetzt werden konnten, um diese noch an der Küste abzufangen, Abschreckung von Plünderern, da sie meist an den Mündungen größerer Flüsse lagen, die als bequeme Einfallsrouten für Invasoren genutzt werden konnten.

Der in dieser Region eingesetzte römische Flottenverband, die Classis Britannica, war schon seit dem 2. Jahrhundert in Britannien stationiert. Vegetius, ein Militärschriftsteller, der seine Werke am Ende des 4. Jahrhunderts verfasste, erwähnt, dass zu dieser Zeit diese Flotte größtenteils noch existierte.Vegetius, Epitome 4, 37. Er beschreibt darin u. a. getarnte Ruderboote, die zur Aufklärung eingesetzt wurden. Die Kastelle der Sachsenküste müssen daher auch für die Einsätze der römischen Flotte eine wichtige Funktion als Stützpunkte, Versorgungs- und Nachrichtenstationen gehabt haben.

Da die gallischen Verteidigungsanlagen aber einige Unterschiede zu den zeitgenössischen Militäranlagen in Britannien aufweisen, ist dies für Johnson ein Hinweis darauf, dass die Kastelle der britischen Sachsenküste Teil eines Sicherungssystems waren, das eigentlich für den Schutz Galliens und nicht primär für Britannien gedacht war. Dies erkennt man auch an jenen Kastellen, die schon zwischen 276 und 285 n. Chr. erbaut wurden, wahrscheinlich im Auftrag des Probus. Die zu dieser Zeit bereits vorhandenen Kastelle – Brancaster-Branoduno, Caister-on-Sea und Reculver-Regulbium – wurden später in das neue Verteidigungskonzept integriert. Wann das genau passierte, oder auf wessen Anordnung hin, ist unbekannt, möglicherweise geschah dies auf Veranlassung des Flottenbefehlshabers – und späteren Usurpators – Carausius.Stephen Johnson: The Roman Forts of the Saxon Shore. 2. Auflage. Elek, London 1979, ISBN 0-236-40165-3, S. 68–69; Stephen Johnson: Late Roman fortifications. Batsford, London 1983, ISBN 0-7134-3476-7, S. 211–213.

Heutzutage sieht man in diesen Kastellen allerdings mehr als nur befestigte Häfen, sie waren u. a. wohl auch wichtige Verbindungsglieder im Logistiksystem der Provinztruppen, um die Erzeugnisse Britanniens bestmöglich verteilen zu können. Die Wissenschaftler sind sich auch nicht einig, ob sie als reine Garnisonsfestungen anzusehen sind; ihr Blickwinkel hat sich mittlerweile längst auch auf sozio-ökonomische Aspekte erweitert, besonders im Hinblick auf die einseitige Herabwürdigung der Sachsen als reine Piraten und Plünderer und der ständigen Gefahr, die angeblich von ihnen drohte. Trotz des Schweigens der literarischen Quellen über massive Angriffe von der Nordsee aus und des Mangels an diesbezüglichen archäologischen Funden kann jedoch nicht angenommen werden, dass Britannien aufgrund seiner Insellage vollkommen sicher vor Überfällen der Angelsachsen und Franken war. Solche Raubzüge waren durchführbar, wenn die Plünderer z. B. in zerstörten Orten oder aufgegebenen Kastellen an der gallischen Küste ihre Basen einrichteten, da Armee und Flotte diese langgezogenen Küstenlinien unmöglich lückenlos kontrollieren konnten. Die Festungen könnten auch als Sammelstellen für Transportgüter und als Umladestellen zwischen Binnen- und Hochseeschiffen gedient haben. Vielleicht wurden dort auch Zölle für Importgüter erhoben. Es könnte auch sein, dass die Kastelle die Plünderung der staatlichen Magazine durch Einheimische verhindern sollten.

Name Die Herkunft des Namens für die Region ist nicht eindeutig zu klären, man kann ihn sowohl als von den „Sachsen besiedelte Küste“,Donald A. White: Litus saxonicum. The British Saxon shore in scholarship and history. State Historical Society of Wisconsin, Dep. of History, Univ. of Wisconsin, Madison 1961. oder als Bezeichnung für denjenigen Teil der britischen Küste, der immer wieder von sächsischen Piraten angegriffen wurde, interpretieren.Stephen Johnson: The Roman Forts of the Saxon Shore. 2. Auflage. Elek, London 1979, ISBN 0-236-40165-3. In Britannien eingewanderte germanische Stämme haben zum Teil früher an den Rheinmündungen, um Bononia (Boulogne-sur-Mer) oder im Gebiet des bis heute unbekannten Grannona (entweder bei Granville oder Port-en-Bessin-Huppain) gesiedelt, auch dort wurde diese Region als litus Saxonicum, als eine von den Stammesangehörigen der Sachsen bewohnte Küste bezeichnet.Notitia Dignitatum occ. XXXVII, in der Truppenliste des Dux tractus Armoricani et Nervicani: Grannona in litore Saxonico. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass litus Saxonicum in etwa „die gegen die Einfälle der Sachsen geschützte Küste“ bedeutet. Einige Forscher vermuten auch, der Name könnte sich auch von sächsischen foederati in römischen Diensten ableiten, in diesem Fall war damit wohl ein Gebietsstreifen entlang der Küstenlinie gemeint, auf dem sie sich in spätrömischer Zeit mit ihren Familien niederlassen durften, doch fehlt es hierfür bislang an Belegen.

Entwicklung In seiner Chronik aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts berichtet Eutrop, dass Carausius um 285 n. Chr. den Auftrag bekommen habe, das Meer bei Boulogne zu befrieden, das von Piraten unsicher gemacht worden sei, die Eutrop als „Franken“ und „Sachsen“ bezeichnet.Matthias Springer: Die Sachsen. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-016588-7, S. 33. Die erwähnten Überfälle auf die britannische und gallische Küste behinderten in zunehmendem Maße den Seeverkehr und vor allem die Überführung von Waren und Edelmetallen nach Gallien und Rom. Die meisten ihrer Raubschiffe orientierten sich wohl an der britischen Küste auf ihrer Fahrt nach Süden in den Ärmelkanal. Dort griffen sie dann Gallien oder Britannien an. Das weitverzweigte Flusssystem Britanniens ermöglichte es den germanischen Eindringlingen, mit ihren kleinen flachgehenden Booten relativ rasch ins Innere der Insel voranzukommen. Nach Beendigung ihrer Raubzüge konnten die Plünderer meist wieder ungestraft über das Meer entkommen. Die in Boulogne stationierte Flotte hatte zu wenig Schiffe, um die Sachsen zu stoppen. Die Römer legten daher an exponierten Küstenbereichen und besonders an Flussmündungen Befestigungen an, die auch in Verbindung mit den römischen Militärlagern auf dem gallischen Festland standen. Die römische Verwaltung richtete zu beiden Seiten des Ärmelkanals dafür einen eigenen Militärbezirk ein. Die Kastelle sollten den Sachsen ihre Landungen zumindest erschweren. Die Errichtung dieser Festungskette gründete sich aber wohl nicht auf einen vorher festgelegten Gesamtplan, wie es in der Zusammenstellung der Notitia Dignitatum den Anschein hat. Das genaue Datum ihrer Entstehung liegt weitgehend im Dunkeln. Man schätzt, dass der Aufbau dieses im Gebiet zwischen dem Wash und Solent liegenden Limes fast ein ganzes Jahrhundert in Anspruch nahm. Der Auffassung von einer planmäßigen Anlage widersprechen auch die Auswertungen und Forschungen in den letzten Jahrzehnten, wie Münzfunde und Typologie der Kastelle zeigen.