mini|hochkant=1.5|Ein Original der Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106)

Die Magna Carta (auch Magna ChartaDuden: Die deutsche Rechtschreibung. 24. Auflage. Mannheim u. a. 2006, S. 660.), Langform Magna Carta Libertatum (lateinisch für „große Urkunde der Freiheiten“; deutsch auch Der Große Freibrief), ist eine von König Johann Ohneland zu Runnymede in England am 15. Juni 1215 besiegelte Vereinbarung mit dem revoltierenden englischen Adel. Sie gilt als die wichtigste Quelle des englischen Verfassungsrechts. Ein bedeutender Teil der Magna Carta ist eine wörtliche Kopie der Charter of Liberties Heinrichs I. von 1100, die dem englischen Adel bereits entsprechende Rechte gewährte. Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König, dessen Land seinerzeit Lehen des Papstes Innozenz III. war. Der Kirche wurde die Unabhängigkeit von der Krone garantiert. Das Dokument wurde vom König nur auf erheblichen Druck der Barone angenommen.

Hintergrund: Entwicklung des Feudalismus in England Normannische Herrschaft Der erste normannische König Englands, Wilhelm der Eroberer, ersetzte nach der Eroberung Englands 1066 die freien skandinavischen Gesellschaftsformen und den angelsächsischen Feudalismus durch feudale Grundherrschaft nach normannischem Vorbild. Vor allem in den skandinavisch besiedelten Gebieten Nordenglands gab es überdurchschnittlich viele freie Bauern und ganze Ortschaften, die keinen Herrn hatten. Zudem war es üblich, dass Bauern das Recht hatten, mitsamt ihrem Grundbesitz ihren Grundherren zu wechseln. Diese Privilegien fielen im normannischen Feudalsystem weg, alle ehemals freien Bauern wurden Hörige. Der angelsächsische Feudalismus war geprägt von der Einteilung des Königreichs in Grafschaften (englisch Shires), in denen je ein Vogt (englisch shire reeve, verkürzt zu Sheriff) für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Gerichtsführung zuständig war. Die Grafschaften waren in zuletzt sechs großen Earldoms zusammengefasst, über die die Earls stellvertretend für den König herrschten. Diese Earldoms zerschlug Wilhelm und beließ lediglich die Grafschaften.George Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 136, 138.

Durch die stückchenweise Eroberung Englands im Zuge der Niederschlagung kleinerer Erhebungen enteignete Wilhelm die alteingesessenen Grundbesitzer und ersetzte sie durch normannische Gefolgsleute. Dieses Vorgehen hatte zur Folge, dass die Besitzungen der Barone weit verstreut und in unterschiedlichen Grafschaften lagen.George Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 137. Dadurch sorgte Wilhelm dafür, dass keiner der Barone mächtig genug werden konnte, um den König herauszufordern. Die Funktion der Sheriffs als Richter ergänzte er um die Verwaltungsaufgaben der normannischen vicomtes (Grafen), denen vor allem das Einziehen von Steuern oblag. Die starken Sheriffs waren eine wichtige Stütze des englischen Königreichs, denn sie ermöglichten neben der indirekten Herrschaft durch die Bande zwischen König und Vasallen auch eine direkte Einflussnahme.George Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 119, S. 138.

Im Streit um die Nachfolge Wilhelms II. konnte sich Heinrich I. nur gegen seinen Bruder Robert durchsetzen,George Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 139. weil er den Baronen vor seiner Krönung mit der Charter of Liberties umfassende Freiheiten und Privilegien zusicherte und damit seine eigene Macht minderte.Ralph V. Turner: Magna Carta. Through The Ages. Pearson Education, Edinburgh 2003, S. 12. Heinrich gelang es in seiner Regierungszeit dennoch, die königliche Macht zu erhaltenGeorge Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 156. und mit der Schaffung des Schatzamtes (Exchequer) den Grundstein für eine Verwaltung zu legen, die vom königlichen Hofstaat unabhängig war und auch in seiner Abwesenheit funktionierte.Ralph V. Turner: Magna Carta. Through The Ages. Pearson Education, Edinburgh 2003, S. 13.

Unter der Herrschaft seines Nachfolgers, Stephan von Blois, brach dagegen weitgehendes Chaos aus: Stephan kämpfte im englischen Bürgerkrieg von 1134 bis 1154 gegen Mathilde um den englischen Thron.George Macaulay Trevelyan: Geschichte Englands. 1. Band. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1949, S. 157. Die Adeligen begannen in diesen unruhigen Zeiten, eigene Armeen aufzustellen und Burgen zu bauen, untergruben die königliche Macht und festigten die Herrschaft über ihre eigenen Besitzungen.Ralph V. Turner: Magna Carta. Through The Ages. Pearson Education, Edinburgh 2003, S. 12, 13.

Herrschaft der Plantagenets: Machtbeschneidung der Barone Als mit Heinrich II. 1154 der erste König aus dem Hause Plantagenet den englischen Thron bestieg und somit westfranzösische und englische Territorien zum Angevinischen Reich vereinte, änderte sich dies: Schon kurz nach seiner Krönung beschnitt er die gewachsene Macht der Barone, ließ die unerlaubt gebauten Burgen belagern und gleichzeitig eigene Festungen bauen, sodass bis zum Ende des 12. Jahrhunderts die Hälfte aller englischen Burgen dem König gehörte. Heinrich ergänzte das Feudalsystem um eine effiziente Verwaltung mit Beamten, die unabhängig vom königlichen Hof arbeiten konnte. Damit schuf Heinrich ein Instrument, mit dessen Hilfe er mehr Macht über seine Barone ausüben und ihnen größere finanzielle Lasten aufbürden konnte, womit die Privilegien der Barone schwanden.Ralph V. Turner: Magna Carta. Through The Ages. Pearson Education, Edinburgh 2003, S. 10. Auch die Rechtsprechung nahm er den Baronen aus den Händen; verhandelt wurde nur noch vor königlichen Gerichtshöfen, deren Einnahmen in die Staatskasse flossen. Diese Maßnahmen waren auch in den anderen westeuropäischen Monarchien der Zeit anzutreffen, hatten jedoch in England eine stärkere Wirkung als anderswo.James Clarke Holt: Magna Carta. The Charter and its history. 2., fully revised and extended edition, Cambridge University Press, Cambridge 1992, S. 27. Unter Heinrichs Herrschaft wandelte sich das Verhältnis zwischen den Baronen und dem König von einem Vasallenverhältnis, in dem die Barone dem König durch persönliche Treue verbunden waren, zu einem Verhältnis, in dem die Barone die höchsten Landpächter des Königs waren. Die alten königlichen Rechte auf finanzielle Hilfen wuchsen sich zu einem Steuersystem aus, die ehemals persönliche Verpflichtung der Barone, dem König im Krieg zu dienen, wurde durch ein System ersetzt, in dem die Barone entweder Geld oder Soldaten für Armeen zur Verfügung stellten, die über lange Zeiträume hinweg auf dem Kontinent eingesetzt wurden.James Clarke Holt: Magna Carta. The Charter and its history. 2., fully revised and extended edition, Cambridge University Press, Cambridge 1992, S. 30. Die Verwaltung arbeitete auch in Abwesenheit der Könige effizient, denn Heinrich II. und sein Nachfolger Richard Löwenherz hielten sich die meiste Zeit in Frankreich auf und nutzten das wohlhabende England zur Finanzierung ihrer Kriege auf dem europäischen Festland.Ralph V. Turner: Magna Carta. Through The Ages. Pearson Education, Edinburgh 2003, S. 14.

Der Weg zur Magna Carta unter König Johann Verlust der Normandie und weiterer Besitzungen in Frankreich König Johann verbrachte nach dem Verlust weiter Teile seiner französischen Besitzungen im Krieg mit Frankreich wesentlich mehr Zeit mit der Regierung von England, als es sein Bruder Richard Löwenherz oder sein Vater Heinrich II. vor ihm getan hatten. Die direkte Herrschaft des Königs rief deshalb den Unmut vieler Barone hervor, die seit dem Bürgerkrieg unter König Stephan und der langen, durch ihre Kriege in Frankreich bedingten Abwesenheit der Könige Heinrich II. und Richard Löwenherz eine weitgehende Autonomie gewohnt waren. Johanns Herrschaft wies dazu zunehmend tyrannische Züge auf. Seine erfolglosen Feldzüge zur Rückgewinnung seiner verlorenen Besitzungen in Frankreich verschlangen sehr viel Geld, und durch eine Inflation wurde die Finanzkrise des Königs noch verstärkt. Johann erhob deshalb von seinen Baronen innerhalb von 15 Jahren elf- oder zwölfmal ein Schildgeld. Sein Bruder Richard hatte dagegen trotz seines Kreuzzugs innerhalb von zehn Jahren nur viermal ein Schildgeld erhoben, und sein Vater Heinrich II. hatte innerhalb von 35 Jahren nur siebenmal ein Schildgeld von den englischen Baronen erhoben.John T. Appleby: Johann "Ohneland". König von England. Riederer, Stuttgart 1965, S. 243. Dazu erhob Johann nach dem Tod eines seiner Barone von dem Erben teils horrende Gebühren für die Übertragung der Lehen des Verstorbenen.John T. Appleby: Johann "Ohneland". König von England. Riederer, Stuttgart 1965, S. 237. Die Barone befürchteten, dass der König sie ruinieren würde, und das Schicksal seines einstigen Günstlings William de Braose und seiner Familie zeigte ihnen, dass auch die mächtigsten Barone nicht vor der Willkür des Königs sicher waren.Wilfred L. Warren: King John. University of California Press, Berkeley 1978, ISBN 0-520-03494-5, S. 188.

Revolte der Barone gegen den König Nachdem Johann im Sommer 1213 erneut einen geplanten Feldzug nach Frankreich absagen musste, berief er für den 4. August den großen Rat nach St Albans ein. Der König selbst blieb der Ratsversammlung in der Abteikirche fern, die stattdessen von seinem Justitiar Geoffrey fitz Peter und von Stephen Langton, dem Erzbischof von Canterbury, geleitet wurde. Die Ernennung Langtons zum Erzbischof und zum Primas der Kirche von England durch den Papst hatte zum Bruch zwischen Johann und dem Papst und schließlich zur Exkommunikation des Königs geführt, und Langton war seitdem ein Gegner des Königs. Viele der Ritter und Barone waren erbittert über den König, weil sie die Kosten für einen Feldzug nach Frankreich tragen mussten, der nach ihrer Auffassung ihre Lehenspflicht überstieg, da er außerhalb des Reiches geführt wurde. Während der Ratsversammlung akzeptierte der Justitiar, dass der König Entschädigungszahlungen für begangenes Unrecht leisten müsse. Aus diesem Zugeständnis entstand die Forderung nach einer Anerkennung der Rechte und Privilegien der Barone. Wahrscheinlich wies Langton daraufhin die Barone auf die von König Heinrich I. 1100 erlassene Charter of Liberties hin, die die Feudalmacht des Königs beschränkte, in der Praxis jedoch vom König und seinen Nachfolgern weitgehend nicht befolgt worden war. Auf einer weiteren Ratsversammlung am 25. August in London bestärkte Langton die Barone, die Einhaltung der guten Gesetze von König Heinrich zu fordern, und erinnerte sie daran, dass König Johann bei der Aufhebung seiner Exkommunikation geschworen hatte, dass er ungerechte Gesetze abschaffen und die guten Gesetze von König Eduard erneuern würde.John T. Appleby: Johann "Ohneland". König von England. Riederer, Stuttgart 1965, S. 174. In Anwesenheit des Erzbischofs schworen die Barone darauf, für ihre angestammten Vorrechte zu kämpfen, und der Erzbischof versprach ihnen seine Hilfe. mini|Erzbischof Langton und die Barone in der Abteikirche von Bury St Edmunds. Historisierende Darstellung von William Martin, 1787

Ausweitung der Revolte zum Krieg der Barone