Stadtallendorf ist eine Stadt im Osten des mittelhessischen Landkreises Marburg-Biedenkopf. Sie entstand in ihrer heutigen Form als Großgemeinde mit sechs Ortsteilen in den 1970er-Jahren im Zuge der Hessischen Gebietsreform (siehe dazu Abschnitt „Gemeindebildung“). Die heutige Kernstadt (zentraler Ort und Verwaltungssitz der Gemeinde) entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem 782 erstmals erwähnten Dorf Allendorf im Bärenschießen. Nachdem sich vor dem Krieg in Nähe des Dorfes große Rüstungsbetriebe angesiedelt hatten, entstand in der Nachkriegszeit auf und um deren Gelände die heutige Innenstadt und der Ort wandelte sich zu einem bedeutenden Standort für Industrie (Ferrero, Fritz Winter Eisengießerei) und die Bundeswehr (Herrenwald- und Hessen-Kaserne).

Geographie Geographische Lage mini|Stadtallendorf trägt wegen der Lage im Herrenwald den Beinamen „Junge Stadt im Grünen“. mini|Das „Alte Dorf“ Stadtallendorf liegt gemäß der naturräumlichen Gliederung in der westhessischen Senkenzone, die sich in Becken und Schwellen gliedert. Die Stadt liegt diesbezüglich auf der Oberhessischen Schwelle, die das Amöneburger Becken im Westen vom Schwalmbecken im Osten trennt. Auf dieser Schwelle befindet sich auch der Neustädter Sattel, an den der nordöstliche Ortsrand der Stadt stößt; dieser Höhenzug ist ein Teil der Rhein-Weser-Wasserscheide.

Auf einer Fläche von 78,3 Quadratkilometern leben rund 21.600 Einwohner. Die größte Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 17,5 km, die größte Ost-West-Ausdehnung 10,38 km. Der höchste Punkt ist der Kohlkopf im Wald bei Wolferode (371 m), der niedrigste Punkt ist an der Ohm bei Schweinsberg mit 200 m. Die Kernstadt liegt auf etwa 250 m.

Durch Stadtallendorf und seine Ortsteile fließen einige Bäche, die fast alle über die Ohm entwässern, die selber nur durch Randgebiete der Stadt (Schweinsberg) fließt. Die Klein, einer der größten Ohm-Zuflüsse, verläuft am Rand von Niederklein. Auf der Gemarkung Stadtallendorf findet sich darüber hinaus noch die Quelle der Wiera, die in die Schwalm fließt und somit zum Stromgebiet der Weser gehört. Die Rhein-Weser-Wasserscheide liegt nahe der Stadtgrenze zu Neustadt.

Nachbargemeinden Stadtallendorf grenzt im Norden an die Stadt Rauschenberg (Landkreis Marburg-Biedenkopf) und die Gemeinde Gilserberg (Schwalm-Eder-Kreis), im Osten an die Stadt Neustadt, im Südosten an die Stadt Kirtorf, im Süden an die Stadt Homberg (Ohm) (beide im Vogelsbergkreis), sowie im Westen an die Städte Amöneburg und Kirchhain (beide im Landkreis Marburg-Biedenkopf).

Stadtgliederung Stadtallendorf, Kernstadt (etwa 16.900 Einwohner) Niederklein (etwa 1.700 Einwohner) Schweinsberg (etwa 1.100 Einwohner) Erksdorf (etwa 950 Einwohner) Hatzbach (etwa 550 Einwohner) Wolferode (etwa 450 Einwohner)

Geschichte mini|Blick über die Stadt mini|Stadthalle und Rathaus

Ortsgeschichte Keimzelle der heutigen Stadt ist das im Jahr 782 als „in villa, quae vocatur Berinscozo“ erstmals urkundlich erwähnte Dorf Allendorf (auch Allendorf im Bärenschießen genannt).Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld, Marburg 1936, S. 30 Bis 1803 gehörte Allendorf zu Kurmainz und fiel dann infolge der Säkularisation an das Kurfürstentum Hessen. Nach der preußischen Annexion Kurhessens nach dem Deutschen Krieg von 1866 gehörte es zum Königreich Preußen.

Bis zum Ende der 1930er Jahre war Allendorf eine kleinbäuerlich geprägte Landgemeinde mit etwa 1.500 Einwohnern. Zur Unterscheidung von anderen Ortschaften gleichen Namens und wegen des überwiegend katholischen Glaubens seiner Einwohner wurde es auch Katholisch-Allendorf genannt. mini|links|Blick über den alten Ortskern „Altes Dorf“ Den Beginn der Entwicklung zur heutigen Stadt markierte der Baubeginn zweier Sprengstofffabriken im Jahr 1938. Von den beiden Rüstungsfirmen WASAG und DAG wurde hier unter großer Geheimhaltung Sprengstoff produziert und vor Ort in Bomben und Granaten verfüllt. Die beiden Werke stellten während des Zweiten Weltkrieges die größte Produktionsstätte für Munition in Europa überhaupt dar. Noch heute werden einige Wohnviertel in Stadtallendorf nach den Rüstungsunternehmen benannt. Die beiden Sprengstoffwerke umfassten eine Gesamtfläche von rund 1.000 ha und lagen aus Gründen der Tarnung gegen Luftaufklärung ausschließlich im Wald. Mehr als 15.000 Zwangsarbeiter mussten in den Rüstungsbetrieben arbeiten. Sie waren unter anderem im KZ-Außenlager Münchmühle, das zum KZ Buchenwald gehörte, untergebracht. Während des Zweiten Weltkrieges blieb der Standort von Luftangriffen der Alliierten weitgehend verschont. Nach der Niederlage des Zweiten Weltkriegs richteten die US-Streitkräfte in den Arbeiterbaracken der Rüstungsunternehmen ein Internierungslager für Generäle der Wehrmacht ein.Chern Chen: Das Steinlager Allendorf. Zur Geschichte der Kriegsgefangenenlager deutscher Generäle nach dem Zweiten Weltkrieg. In ZHG 120, des Vereins für Geschichte und Landeskunde (VHG)

Das rund 600 Hektar große Gelände der ehemaligen Rüstungsbetriebe galt als eine der größten Rüstungsaltlasten in Deutschland, zum Teil mit hohen Chemikalienbelastungen auf Wohngrundstücken. Ab 1991 wurde das Gelände flächendeckend saniert. Im März 2006 wurde die Sanierung offiziell für beendet erklärt. Die Sanierung kostete nach Angaben des hessischen Umweltministeriums 167 Millionen Euro. 154 Tonnen Schadstoffe aus dem Boden, 697 Tonnen von einer Halde sowie drei Tonnen noch sprengfähiges TNT wurden entsorgt.

Von 1945 bis 1949 wurden die Einrichtungen der Rüstungsbetriebe demontiert. Die rund 400 leerstehenden Betriebsgebäude blieben erhalten. Ab 1948 siedelten sich hier Industrie- und Gewerbebetriebe an. Allendorf entwickelte sich in der Folgezeit zu einer typischen Vertriebenengemeinde. 1960 erhielt die mittlerweile auf rund 10.000 Einwohner angewachsene Gemeinde die Stadtrechte und den offiziellen Namen Stadt Allendorf. Im Jahr 1977 erfolgte die Umbenennung in Stadtallendorf.

Im Stadtteil Schweinsberg befindet sich die Burg Schweinsberg aus dem 13. Jahrhundert, heute eine Wohneigentumsanlage. Bei dem Stadtteil Niederklein befinden sich die Reste der Burg Waffensand, und westlich der Kernstadt befand sich die im 15. Jahrhundert wüst gefallene Siedlung Münchhausen, bei der wohl ein kleinerer Wehrhof, aber keine eigentliche Burg bestand.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurden zum 31. Dezember 1971 die bis dahin selbständigen Gemeinden Erksdorf und Hatzbach sowie die Stadt Schweinsberg auf freiwilliger Basis nach Stadtallendorf eingegliedert. Kraft Landesgesetz kamen am 1. Juli 1974 die Gemeinden Niederklein und Wolferode hinzu. Für Erksdorf alle ehemals eigenständigen Gemeinden von Stadtallendorf wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Stadtallendorf angehört(e):

vor 1803: Heiliges Römisches Reich, Kurfürstentum Mainz, Amt Neustadt ab 1803: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Fürstentum Fritzlar, Amt Neustadt ab 1806: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Fürstentum Fritzlar, Amt Neustadt 1807–1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Kirchhain ab 1815: Kurfürstentum Hessen, Fürstentum Fritzlar, Amt Neustadt ab 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis KirchhainVerordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August. (kurhess GS 1821) S. 74.Trennung zwischen Justiz (Justizamt Neustadt) und Verwaltung. ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Marburg ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Kirchhain ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain ab 1932: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Kreis Marburg ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg ab 1974: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg-Biedenkopf ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Marburg-Biedenkopf

Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Stadtallendorf 20.722 Einwohner. Darunter waren 3717 (17,9 %) Ausländer, von denen 802 aus dem EU-Ausland, 2712 aus anderen europäischen Ländern und 202 aus anderen Staaten kamen. Von den deutschen Einwohnern hatten 25,3 % einen Migrationshintergrund. (Bis zum Jahr 2019 erhöhte sich die Ausländerquote auf 26,2 %.) Nach dem Lebensalter waren 3948 Einwohner unter 18 Jahren, 8772 zwischen 18 und 49, 4044 zwischen 50 und 64 und 3954 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 8610 Haushalten. Davon waren 2547 Singlehaushalte, 2262 Paare ohne Kinder und 2838 Paare mit Kindern, sowie 738 Alleinerziehende und 225 Wohngemeinschaften. In 1689 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 5862 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerstatistik Quelle: Historisches Ortslexikon • 1582: 39 Haushalte • 1604: Ort größtenteils in Asche gelegt • 1624: 106 Haushalte; 47 Ackerleute, 59 Einläuftige • 1643: 24 Wohnhäuser • 1670: 71 Haushalte • 1681: 50 hausgesessene Mannschaften • 1744: 88 Haushalte • 1838: Familien: 76 nutzungsberechtigte, 16 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 16 Beisassen

Konfessionsstatistik Quelle: Historisches Ortslexikon • 1861: 10 evangelisch-lutherische, zwei evangelisch-reformierte, 1501 katholische, 39 jüdische Einwohner • 1885: 22 evangelische (= 1,51 %), 1395 katholische (= 95,81 %) und 39 jüdische (= 2,68 %) Einwohner • 1961: 4965 evangelische (= 45,87 %), 5547 katholische (= 51,25 %) Einwohner • 1987: 7979 evangelische (= 40,84 %), 7989 katholische (= 40,89 %), 3570 sonstige (= 18,27 %) Einwohner • 2011: 7240 evangelische (= 34,94 %), 6700 katholische (= 32,33 %), 6790 sonstige (= 32,77 %) Einwohner

Der Anteil der Protestanten und Katholiken an der Gesamtbevölkerung ist seitdem jährlich um 1 % gesunken. Gemäß dem Zensus 2022 waren 29,4 % der Einwohner katholisch, 28,3 % evangelisch, und 43,3 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe.Bevölkerung kompakt (Gebietsstand 15.05.2022, Religion), abgerufen am 5. Juli 2025

Historische Erwerbstätigkeit Quelle: Historisches Ortslexikon • 1838: Familien: 153 Ackerbau, 51 Gewerbe, 53 Tagelöhner • um 1800: Erwerbspersonen: 91 Bauern, ein Mahlmüller, zwei Roßmüller, zwei Wirte, 5 Schmiede, drei Schreiner, ein Wagner, 7 Zimmerleute, 6 Maurer, vier Schneider, vier Schuhflicker, 7 Leineweber, drei Musikanten, ein Seifensieder, ein Ziegelbrenner, 6 Schäfer, 36 Tagelöhner und Spinnerinnen, ein Teersieder am Bohnhof • 1936: Erwerbspersonen: 600 Land- und Forstwirtschaft, 510 Industrie und Handwerk, 215 Handel und Verkehr, 49 öffentliche und private Dienste, 13 häusliche Dienste, 110 selbständige Berufslose • 1961: Erwerbspersonen: 286 Land- und Forstwirtschaft, 2965 Produzierendes Gewerbe, 487 Handel und Verkehr, 598 Dienstleistungen und Sonstiges

Religion