mini|hochkant=1.7|Galland-Handschrift, älteste erhaltene Handschrift von Tausendundeine Nacht (arabisches Manuskript des 15. Jahrhunderts, Bibliothèque nationale de France)
Tausendundeine Nacht (, ) ist eine Sammlung von mehr als 550 Geschichten (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten) aus dem arabischen, persischen und indischen Kulturraum. Das Werk ist ein Klassiker der Weltliteratur. Typologisch handelt es sich um eine Rahmenerzählung mit Schachtelgeschichten.
Die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht umfassen verschiedene Genres, darunter Liebesgeschichten, Abenteuergeschichten und Anekdoten, bis hin zu Schilderungen mit offenem erotischen Charakter. Das ursprüngliche Werk ist nicht erhalten. Als älteste (nur teilweise erhaltene) Handschrift gilt die Galland-Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Zahlreiche der Erzählungen finden sich auch in anderen Erzähl- und Märchensammlungen der klassischen arabischen und persischen Literatur.
Rahmenerzählung von Tausend und eine Nacht mini|Scheherazade erzählt König Schahriyar und ihrer Schwester Dinarazad eine Geschichte. Henry Justice Ford, 1898. (→ Die Geschichte von König Schahriyar und Schahrasad, der Tochter seines Wesirs, ANE 1)
Als der König Schahriyar feststellen muss, dass seine Gattin Ehebruch begeht, ist sein Vertrauen in Frauen und ihre Treue nachhaltig zerstört. Er beschließt, nur noch für jeweils eine Nacht zu heiraten, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, und am nächsten Tag aus Angst vor Ehebruch seine junge Gattin zu ermorden. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, will diesen Kreislauf der Gewalt mit einer List durchbrechen. Nachdem sie mit Schahriyar in der Nacht das Bett geteilt hat, erzählt sie ihm und ihrer Schwester Dunyazad anschließend eine Geschichte, unterbricht diese jedoch bei Morgengrauen an ihrer spannendsten Stelle (Cliffhanger), wodurch der König – begierig darauf, das Ende zu hören – die Hinrichtung aufschiebt. Da Scheherazade jedoch immer wieder neue Geschichten erzählt bzw. geschickt weitere in eine bereits begonnene einwebt, wiederholt sich der Prozess eintausend weitere Nächte lang. Am Ende rückt der König innerlich ab von seinem Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht zu töten, und gewährt ihr Gnade. Scheherazade durchbricht so erfolgreich den Kreislauf der Gewalt.
Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht
mini|Mardschana, die eigentliche Helden-Figur in Ali Baba und die vierzig Räuber Insgesamt umfasst Tausendundeine Nacht mehr als 550 verschiedene Geschichten. Die Erzählungen unterscheiden sich stark voneinander; sie umfassen historische Erzählungen, Anekdoten, Liebesgeschichten, Tragödien, Komödien, Gedichte, Fabeln, religiöse Legenden und Burlesken. Viele haben expliziten erotischen, einige sogar pornografischen Charakter. Häufig sind die Geschichten in mehreren Ebenen miteinander verknüpft. Der Sprachstil ist oft sehr blumig und verwendet an vielen Stellen Reimprosa.
In zahlreichen Erzählungen treten historisch belegte Personen auf (→ Reale Figuren in Tausendundeine Nacht); darunter insbesondere Herrscher (→ Tausendundeine Nacht – Geschichten mit realen Herrschern), aber auch Amtsträger, Künstler und andere. Häufig auftretende Figuren sind insbesondere der legendäre Kalif Harun al-Raschid und Personen aus dessen Umfeld.
Besondere Bekanntheit haben bis in die Gegenwart – insbesondere durch die künstlerische Rezeption in Film und Literatur – die Erzählungen Ali Baba und die vierzig Räuber; Sindbad, der Seefahrer und Aladin und die Wunderlampe.
Entstehungsgeschichte Vermutete indische Ursprünge Aus Sicht der frühesten arabischen Leser hatte das Werk den Reiz der Exotik, es stammt für sie aus einem mythischen „Orient“. Das Strukturprinzip der Rahmengeschichte sowie einige der enthaltenen Tierfabeln weisen auf einen indischen Ursprung hin und stammen vermutlich aus der Zeit um 250 n. Chr. Eine indische Vorlage ist nicht überliefert, was allerdings auch für viele andere indische Texte aus dieser Zeit gilt. So wird zwar ein indischer Ursprung vermutet, aber dass der Kern der Erzählungen aus Persien stammt, kann nicht ausgeschlossen werden. Hinzu kommt, dass zwischen dem indischen und dem persischen Kulturraum zu jener Zeit enge Beziehungen bestanden.
Persische Urfassung Die indischen Erzählungen wurden wahrscheinlich in der Spätantike, unter der Herrschaft der Sassaniden, um 500 n. Chr. ins Mittelpersische übertragen und um persische Märchenerzählungen erweitert.Jacob W. Grimm: Selected Tales. Penguin Books, Harmondsworth 1982, ISBN 0-14-044401-7, S. 19.Jack David Zipes, Richard Francis Burton: The Arabian Nights. The Marvels and Wonders of the Thousand and One Nights. Signet Classic, New York 1991, ISBN 0-451-52542-6, S. 585. Das mittelpersische Buch Tausend Erzählungen ( – hazār afsān), der Vorläufer der arabischen Sammlung, ist verschollen, wird aber noch in zwei arabischen Quellen des 10. Jahrhunderts erwähnt. Einige Figuren in Tausendundeine Nacht haben überdies reale Vorbilder aus der persischen Geschichte, zum Beispiel den sassanidischen Großkönig Chosrau I. (reg. 531 bis 579). Da die Sassaniden enge kulturelle Kontakte mit dem Mittelmeerraum pflegten, haben vermutlich zu ihrer Zeit auch Elemente griechischer Sagen – etwa der Odyssee – Eingang in den Märchenzyklus gefunden.
Übertragung ins Arabische Wahrscheinlich im späteren 8. Jahrhundert, einige Jahrzehnte nach der Ausbreitung des Islams in Persien, entstand die Übersetzung aus dem Persischen ins Arabische, Alf Layla (Tausend Nächte). Dies geschah wahrscheinlich in Mesopotamien, dem alten Zentrum des Sassanidenreichs und Ort der neuen Hauptstadt Bagdad, Sitz der abbasidischen Kalifen. Dabei wurde das Werk zugleich „islamisiert“, das heißt mit islamischen Formeln und Zitaten angereichert. Älteste Fragmente sind aus dieser Zeit um 850 erhalten (sog. Chicago Fragment) und finden Erwähnung in der arabischen Literatur. Diese Übersetzungen zeichnen sich durch die Verwendung des Mittelarabischen aus, eine Zwischenform zwischen dem klassischen, im Koran üblichen Standard-Arabisch und den arabischen Dialekten, die seit jeher dem mündlichen Gebrauch vorbehalten sind.Jürgen Leonhardt: Latein: Geschichte einer Weltsprache. C.H. Beck, 2009, ISBN 978-3-406-56898-5. S. 180. Online-Teilansicht Um 900 entsteht auch die Schwestersammlung Hundert und eine Nacht (arabisch Mi’at layla wa-layla) im äußersten Westen der islamischen Welt. Aus der Zeit um 1150 stammt die erste Erwähnung des arabischen Titels Alf layla wa-layla in einem Notizbuch eines Kairoer Juden.
Im Laufe der Zeit wurden in die Rahmenerzählung weitere Erzählungen verschiedener Herkunft eingefügt, so aus arabischen Quellen Geschichten um den historischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd und im 11. und 12. Jahrhundert phantastische Geschichten aus Ägypten. „Vollständige“ Sammlungen, d. h. Sammlungen, in denen ein Geschichtenrepertoire auf 1001 Nächte verteilt war, werden in einer der oben genannten arabischen Quellen des 10. Jahrhunderts erwähnt, aber es ist wenig wahrscheinlich, dass davon mehr erhalten ist als der Geschichtenbestand des Zyklus von „Der Kaufmann und der Dschinni“. Im Lauf der Jahrhunderte wurden jedoch immer wieder von neuem „vollständige“ Sammlungen kompiliert, die jedoch rasch desintegrierten. Selbst die berühmte Geschichte von Sindbad war nicht Bestandteil aller Versionen der Sammlung. In der Regel dürften stets nur Bruchstücke der Sammlung im Umlauf gewesen sein, die dann individuell mit anderen Geschichten zu einer neuen vollständigen Sammlung Tausendundeine Nacht zusammengestellt wurden. Somit gibt es für Tausendundeine Nacht keinen geschlossenen Urtext mit einem definierten Autor, Sammler oder Redaktor. Es ist vielmehr eine offene Sammlung mit verschiedenen Bearbeitern, auf die die mündliche Erzähltradition des Orients gewirkt hatte. Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert lassen sich Neukompilationen nachweisen. Eine der letzten ist die von dem französischen Orientalisten Hermann Zotenberg als solche erkannte Ägyptische Rezension (ZÄR), von der bald nach 1800 einige Handschriften nach Europa gelangten, u. a. durch Joseph von Hammer-Purgstall, der 1806 in Konstantinopel eine französische Übersetzung anfertigte, die jedoch nie gedruckt wurde (dt. Übersetzung durch Zinserling, s. u.). Handschriften dieser Rezension waren auch die Vorlagen der Druckausgaben von Bulaq 1835 und Kalkutta I 1839–1842, deren Text wegen seiner Qualität und seiner (scheinbaren) Vollständigkeit lange Zeit als der authentische Text galt.
Übertragung ins Französische Der älteste erhaltene arabische Text ist die Galland-Handschrift, die frühestens um 1450 entstanden ist. Es handelt sich um einen Torso, der mitten in der 282. Nacht abbricht, benannt nach dem französischen Orientalisten Antoine Galland (1646–1715), der diese Handschrift 1701 erworben hatte. Galland publizierte ab 1704 eine französische Adaptation der Geschichtensammlung und leitete so die europäische Rezeption der Tausendundeinen Nacht ein. Für die Person der Scheherazade ließ er sich von Madame d’Aulnoy und der Marquise d’O, einer Hofdame der Herzogin von Burgund, inspirieren. Die Handschrift gelangte nach seinem Tod 1715 in den Besitz der Bibliothèque du Roi, der heutigen Französischen Nationalbibliothek.
Galland fügte zudem als Fortsetzung seiner ersten Übersetzungen einige in seiner arabischen Vorlage nicht vorhandene Geschichten hinzu: Hierzu zählt Sindbad der Seefahrer, die er schon nach einer alleinstehenden arabischen Vorlage aus seinem Besitz übersetzt hatte, bevor er von der Existenz des Manuskripts der Tausendundeinen Nacht erfuhr. Weiterhin nahm er zehn Geschichten auf, die er 1709 von Hanna Diyab, einem aus Aleppo (Syrien) stammenden maronitischen Christen, übernommen hatte. Wie aus Gallands Tagebuch hervorgeht und von der späteren Literaturgeschichtsschreibung bestätigt wurde, hatte Diyab diese und mehr als ein Dutzend andere Geschichten Galland auf Arabisch erzählt. Darunter befanden sich die populären Geschichten Aladin und die Wunderlampe sowie Ali Baba und die Räuber, die teilweise von Diyabs eigenem Leben inspiriert waren, denn sie ließen Parallelen zu dessen Autobiografie erkennen.Nachwort von Bernard Heyberger. In: Diyab, Hanna, Von Aleppo nach Paris: die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Unter Berücksichtigung der arabischen Handschrift aus der französischen Übertragung übersetzt von Gennaro Ghirardelli, Berlin: Aufbau Verlag, 2022, S. 442–482. ISBN 978-3-8477-2045-4
Nach der durch Galland beginnenden Orient-Rezeption in Europa kam es zu dem paradoxen Vorgang, dass europäische Kompilationen, inklusive der „entschärfenden“ Bearbeitungen, wieder zurück ins Arabische übersetzt wurden und so die arabische Rezeption selbst beeinflussten.
Übertragung ins Deutsche 2010 gab die Orientalistin Claudia Ott bekannt, in der Tübinger Universitätsbibliothek eine bisher unbekannte arabische Handschrift, vermutlich aus der Zeit um 1600, entdeckt zu haben, die in praktisch unmittelbarer Fortsetzung der Galland-Handschrift mit der 283. Nacht einsetzt und bis zur 542. Nacht reicht. 2010 entdeckte Ott zudem in Andalusien im Aga-Khan-Museum die bislang älteste erhaltene Kompilation der Scheherazad-Geschichten: Hundert und eine Nacht, die kleine Schwester der großen Geschichtensammlung, die im Maghreb und im maurischen Andalusien entstand. Sie datiert von 1234. Bislang liegen von Claudia Ott drei Bücher mit Übersetzungen vor, „[z]wei weitere Bände mit Erstübersetzungen arabischer Tausendundeine-Nacht-Handschriften sind in Arbeit“ (C. Ott, August 2024).Tausendundeine Nacht. Übersetzt von Claudia Ott. 13. Auflage. C. H. Beck, München 2024. ISBN 978-3-406-72290-5. S. 699.
Rezeption Übersetzungs- und Wirkungsgeschichte mini|„Hier beginnen die Tausend Nächte und die eine Nacht“ (Zwischentitel von Franz von Bayros in der von Karwath und Neumann herausgegebenen, illustrierten Ausgabe, Wien 1906–1914)