(auch ) oder Pennsylvaniadeutsch (Eigenbezeichnungen Pennsilfaanisch, Pennsilfaanisch Deitsch, Pennsilfaani oder Pennsilveni-Deitsch) ist eine hauptsächlich auf vorderpfälzisch/kurpfälzischen Dialekten aufbauende Sprachvariante der deutschen Sprache in Nordamerika. Sie wird von mehreren hunderttausend Angehörigen der Pennsylvania Dutch bzw. ihren Nachfahren in Sprachinseln heute vor allem in den US-Bundesstaaten Pennsylvania, Ohio und Indiana sowie im kanadischen Ontario gesprochen. Zahlreiche Sprecher (vor allem Amische alter Ordnung und Mennoniten alter Ordnung) gibt es auch in den Bundesstaaten Iowa, Kentucky, Michigan, Missouri, New York und Wisconsin. Einige Sprecher leben auch in Kansas, Oklahoma, Minnesota, Montana und einigen weiteren Bundesstaaten.Steven Nolt: A History of the Amish. Good Books, Intercourse Pa 2003, ISBN 1-56148-393-1, S. 337.
Das Pennsylvania-Hochdeutsch stellt demgegenüber ein altertümliches Hochdeutsch auf der Grundlage des 18./19. Jahrhunderts dar, erweitert um Elemente und Strukturen des Pennsylvaniadeutschen und des amerikanischen Englisch. Diese Variante wird nur noch von rund 5000 Sprechern aktiv genutzt. Die meisten Sprecher kommen aus den Gruppen der Amischen alter Ordnung und der Mennoniten alter Ordnung und sind Funktionsträger in ihren Gemeinden (Bischöfe, Prediger und Diakone).
Bezeichnung
Es ist nicht ganz geklärt, warum die Pennsylvania Dutch mit dem englischen Wort Dutch bezeichnet werden, was heutzutage die niederländische Sprache bezeichnet. Eine Erklärung führt dies auf eine frühere Bedeutung des Wortes zurück, das sich im Mittelenglischen (duche) auf alle westgermanischen Dialekte des europäischen Festlandes bezog, sich ab dem 16. Jahrhundert aber zunehmend auf das Niederländische einengte. Im 17. Jahrhundert kam im Englischen das Wort German für die Deutschen auf,Christopher Joby: The Dutch Language in Britain (1550–1702): A Social History of the Use of Dutch in Early Modern Britain. Brill, Leiden 2015, S. 4.Patrick Hanks, Richard Coates, Peter McClure: The Oxford Dictionary of Family Names in Britain and Ireland. Oxford University Press, Oxford 2016, Stichwort Allman. während das Wort Dutch nun im Englischen die Bedeutung „niederländisch“ hatte.Stichwort Dutch (adj.). In: Online Etymology dictionary (abgerufen am 10. Februar 2022).Dutch. In: C. T. Onions (Hrsg.): The Oxford Dictionary of English Etymology. Oxford University Press, 1966, S. 295 ().Merriam-Webster online, Stichwort dutch, abgerufen am 2. Februar 2022.
Im amerikanischen Englisch blieb Dutch jedoch länger zweideutig als in Europa,Stichwort Dutch (adj.). In: Online Etymology dictionary (abgerufen am 10. Februar 2022).Johanna Johannson: The language milieu of the Old Order Amish. Preserving Pennsylvania Deitsch. In: Theo D’haen, Iannis Goerlandt, Roger D. Sell (Hrsg.): Major versus Minor? Languages and Literatures in a Globalized World. FILLM Studies in Languages and Literatures. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, S. 32 (books.google.de). v. a. in der Umgangssprache. Manche Sprachwissenschafter vertreten deshalb die Meinung, dass sich in der Bezeichnung Pennsylvania Dutch die alte Bedeutung fortgesetzt hat.Mark L. Louden: Pennsylvania Dutch: The Story of an American Language. Johns Hopkins University Press, Baltimore ML 2006, S. 2 (books.google.de).Stichwort Dutch (adj.). In: Online Etymology dictionary (abgerufen am 10. Februar 2022).Wolfgang Haubrichs: Theodiscus, Deutsch und Germanisch – drei Ethnonyme, drei Forschungsbegriffe. Zur Frage der Instrumentalisierung und Wertbesetzung deutscher Sprach- und Volksbezeichnungen. In: Heinrich Beck et al. (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2004, ISBN 3-11-017536-3, S. 199–228 (books.google.de). Andere Forscher nehmen hingegen an, dass es sich um eine Anglisierung der pennsylvaniadeutschen Eigenbezeichnung deitsch (bzw. deutsch) handelt.Hughes Oliphant Old: The Reading and Preaching of the Scriptures in the Worship of the Christian Church, Band 6: The Modern Age. Eerdmans Publishing, 2007, S. 606: „The term »Pennsylvania Dutch« is a reference to the German-speaking portions of Pennsylvania, »Dutch« being a corruption of Deutsch, the German word for German.“Irwin Richman: The Pennsylvania Dutch Country. Arcadia Publishing, 2004, S. 16. (online bei Google Books).
Die Bezeichnung Dutch statt German hat sich in der Folge auch in der Eigenbezeichnung eines Großteils der Pennsylvania Dutch erhalten. Historischer Hauptgrund dafür ist die nahezu fehlende deutsche Auswanderung nach Amerika im Zeitraum 1760–1830. Die Deutschen, die im 19. Jahrhundert emigrierten, wurden von den Pennsylvania Dutch als eng verwandt, aber unterschiedlich angesehen: Die neu eingewanderten Deutschamerikaner empfanden die Pennsylvania Dutch als rückständig, da sie kein Nationalbewusstsein hatten und das Hochdeutsch nicht oder kaum beherrschten. Demgegenüber sahen die Pennsylvania Dutch die neuen Deutschamerikaner als elitär und herablassend an. Ein klares Beispiel für diesen Unterschied sind die damals üblichen Bezeichnungen Deitsche für Pennsylvania Dutch und Deitschlenner (wörtlich Deutschländer) für Deutsche, eine heute auch unter Deutschnamibiern und Rumäniendeutschen gängige Bezeichnung für Deutsche aus Deutschland.Mark L. Louden: Pennsylvania Dutch: The Story of an American Language. JHU Press, 2006, S. 3–4.
Als die Deutschamerikaner sich während des 19. Jahrhunderts in der amerikanischen Gesellschaft assimilierten, verschwand dieser Unterschied wieder, und in der kontemporären pennsylvaniadeutschen Sprache ist Deitsche sowohl die kürzere Eigenbezeichnung als auch das Wort für Deutsche. Weiterer Grund für die Erhaltung von Dutch statt German war die Deutschenfeindlichkeit unter Amerikanern während des Ersten Weltkriegs, wobei eine antideutsche Hysterie entstand, deutschsprachige Amerikaner angefeindet wurden und sich zur Assimilation gezwungen sahen. Heute ist es aber für viele Pennsylvania Dutch üblich, sich (neben Pennsylvania Dutch) auch als Deutschamerikaner zu identifizieren; ebenso sind die Begriffe Pennsylvania Dutch und Pennsylvania German völlig untereinander austauschbar.Jürgen Müller: Rezension von: Deutsch-Amerikaner im Ersten Weltkrieg. In: sehepunkte, Ausgabe 8 (2008), Nr. 3, 15. März 2008, abgerufen am 27. Oktober 2019.Mark L. Louden: Pennsylvania Dutch: The Story of an American Language. JHU Press, 2006, S. 255.
Geschichte Um religiöser Verfolgung zu entgehen, wanderten vor allem im 18. Jahrhundert Mitglieder verschiedener protestantischer Glaubensrichtungen (Mennoniten, Schwarzenauer Brüder, Schwenkfelder, Pietisten und Böhmische Brüder) nach Pennsylvanien aus. Viele stammten aus der historischen Kurpfalz, aber auch aus den angrenzenden Gebieten in Baden, Württemberg, der deutschsprachigen Schweiz und dem Elsass. Der Großteil der Einwanderer kam nach 1710. Im 18. Jahrhundert existierten je nach Bevölkerungszusammensetzung daher noch unterschiedliche Dialekträume, wobei sich auf lokaler Ebene bereits ein Ausgleich zwischen den verschiedenen mittelfränkischen, rheinfränkischen, schwäbischen, bairischen und alemannischen Dialekten vollzog; dabei setzte sich vor allem das Pfälzische durch, in geringem Maße blieben auch Elemente des Alemannischen erhalten. Ab etwa 1800 kann man von einer überregionalen Angleichung der Dialekte auf der Basis des Pfälzischen ausgehen und Pennsylvania Dutch als einheitliche Sprachvariante des Deutschen bezeichnen. 1938 einigte man sich im Rahmen eines Orthographiekongresses auf die deutsche Orthographie, die jedoch recht freizügig ausgelegt wird.
Heutige Situation mini|Blau: die Countys mit höchstem Prozentanteil an PennsilfaanischsprechernRot: die Countys mit höchster Anzahl an Pennsilfaanischsprechern
Pennsylvania Dutch erscheint manchen Sprachforschern als eine bedrohte Sprache. Nur eine Minderheit der deutschen Einwanderer des 18. Jahrhunderts hat die Sprache bis heute weitergegeben. Bis zu den beiden Weltkriegen war das Pennsylvania Dutch eine im Südosten Pennsylvanias relativ weit verbreitete Sprache mit etwa 800.000 Sprechern. Erst die antideutschen Maßnahmen und repressiven Gesetze im Gefolge der Weltkriege sowie der soziale Druck auf die Sprecher führten dazu, dass die Sprache in vielen Fällen nicht mehr an die folgende Generation weitergegeben wurde. Lediglich die konservativen Täufergruppen, im Wesentlichen die Amischen und die Mennoniten alter Ordnung, widerstanden diesem Druck. Dazu kommen einzelne Familien außerhalb dieser Gruppen, die am Dialekt festhalten. Bei den religiösen Gruppen, in denen die Sprache bis heute lebendig ist, gibt es keine Anzeichen, dass sie aufgegeben werden könnte.
Heute wird Pennsylvania Dutch vor allem von den Amischen und den Mennoniten alter Ordnung an die nächste Generation weitergegeben. Ursprünglich stellten diese Gruppen weniger als 10 % der Pennsylvania-Dutch-Sprecher. Da die Amischen und Mennoniten sehr kinderreich sind, wächst die Zahl der Sprecher sehr schnell. In diesen Gruppen, die untereinander ausschließlich Pennsylvania Dutch sprechen, führen zahlreiche englische Lehnwörter zu einem Wandel des Wortschatzes.
In Bevölkerungsgruppen, die nicht zu den oben genannten Religionsgemeinschaften gehören, wird die pennsylvaniadeutsche Mundart weitgehend nicht mehr gesprochen. Der Verlust der Sprache bei kleineren Gruppen begann bereits in den 1830er Jahren, als z. B. ein Gesetz über das pennsylvanische Schulwesen (1834) mittelfristig zu einer verstärkten Nutzung des Englischen führte. Dennoch war das Pennsylvaniadeutsche bis zum Ersten Weltkrieg sehr lebendig. Mit dem Krieg setzten jedoch weitreichende Unterdrückungsmaßnahmen gegen alles Deutsche ein, die sich im Zweiten Weltkrieg noch verstärkten. Seit dieser Zeit wurde das Pennsylvaniadeutsche fast nur noch von Amischen und Mennoniten alter Ordnung an die Kinder weitergegeben, sodass Sprecher außerhalb dieser Gruppen heute meist selten und sehr betagt sind.
Heutige Sprecher des Pennsylvaniadeutschen aus der Gruppe der Amischen und Mennoniten sollten in der Lage sein, Hochdeutsch in Form von Bibeltexten zu lesen und zu verstehen, aber nur wenige beherrschen es als Umgangssprache. Der Gottesdienst der Amischen wird in amischem Hochdeutsch gehalten, was letztlich eine Mischung aus Bibelhochdeutsch und Pennsylvaniadeutsch ist.
Genaue Sprecherzählungen liegen nicht vor. Die meisten Angaben bewegen sich zwischen 300.000 und 350.000 Sprechern. Täglich gesprochen und aktiv genutzt wird die Sprache von mindestens 300.000 Menschen in den USA und mehr als 5000 in Kanada. Die meisten Sprecher leben in den Bundesstaaten Pennsylvania (Berks County, Chester County, Crawford County, Lancaster County, Lebanon County, Lehigh County, Mifflin County, Schuylkill County, Snyder County, Somerset County, Union County), Ohio (Holmes County, Trumbull County, Tuscarawas County, Wayne County), Indiana (LaPorte County, St. Joseph County, Starke County) und New York (Yates County) – siehe auch die nebenstehende Karte.
Die Mennoniten alter Ordnung haben mehrere 10.000 Sprecher. Hinzu kommen einige tausend Sprecher anderer mennonitischer Gemeinderichtungen, Beachy Amish (nur teilweise von der älteren Generation sowie den Old Beachy Amischen gesprochen), ebenfalls einige tausend Lutheraner, Unitarier und Katholiken. Der weit überwiegende Teil der Sprecher lebt in den Vereinigten Staaten, die Zahl der Sprecher in Kanada liegt erheblich niedriger. Durch Wanderungsbewegungen der Amischen und Mennoniten alter Ordnung gelangen Sprecherpopulationen mit der Zeit immer weiter westwärts, weil dort Land günstiger zu erwerben ist. Kleine Siedlungen von Mennoniten alter Ordnung existieren seit den 1970er Jahren in Belize, daneben gibt es in aller jüngster Zeit Siedlungsversuche von Amischen neuer Ordnung in Bolivien und Paraguay.