mini|hochkant=0.8|Peter-Paul Zahl (2006) mini|hochkant=0.8|Freiheit + Glück, Signatur Peter-Paul Zahls Peter-Paul Zahl (* 14. März 1944 in Freiburg im Breisgau; † 24. Januar 2011 in Port Antonio, Jamaika) war ein deutscher anarchistisch-libertärer Schriftsteller und Regisseur. Er hatte zuletzt die deutsch-jamaikanische Doppelstaatsbürgerschaft.
Sein umfangreiches Werk, das Lyrik, Prosa und Bühnenstücke umfasst, ist durch die Politisierung der Literatur in der bundesdeutschen Gesellschaft in Folge der 68er-Bewegung geprägt. Ausgezeichnet wurde er 1980 für den Schelmenroman Die Glücklichen und 1995 für den Kriminalroman Der schöne Mann.
Er wurde ab Ende der 1960er Jahre in West-Berlin als Drucker der Untergrundzeitschrift Agit 883 sowie als Verleger und Autor subkultureller Schriften aus dem Milieu der radikalen Linken bekannt und geriet dadurch in den Fokus der Strafverfolgungsbehörden.
Nachdem er auf der Flucht vor der Polizei bei einem Schusswechsel einen Beamten lebensgefährlich verletzt hatte, war er von 1972 bis 1982 in Haft. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte den angeklagten Peter-Paul Zahl im Jahr 1976 wegen zweifachen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Während der Haft intensivierte Zahl sein literarisches Schaffen. Danach engagierte er sich kulturpolitisch für die New Jewel Movement auf Grenada und die Sandinisten in Nicaragua. Ab 1985 lebte er vorwiegend auf Jamaika.
Leben Kindheit und Jugend Zahl wurde im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs als Sohn der Sekretärin Hilde Zahl und des juristischen Assessors Paul Zahl im badischen Freiburg geboren. Dort hielten sich seine Eltern 1944 auf, als der Vater nach einer schweren Kriegsverletzung und Beinamputation vor Ort medizinisch versorgt werden konnte. Seine Mutter und Großmutter waren jüdischer Herkunft. Gegen Ende des Krieges zog die Familie mit dem einjährigen Kind in ihren mecklenburgischen Heimatort Feldberg zurück, wo der Vater 1947 den Kinderbuchverlag Peter-Paul gründete, benannt nach seinem Sohn. Das Unternehmen war erfolgreich und entwickelte sich binnen Kurzem zum zweitgrößten Kinder- und Jugendbuchverlag der DDR.Der Peter-Paul-Verlag in Feldberg – eine Bibliografie, Mecklenburg-Strelitz Blog, 28. Mai 2011 Doch als privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen stand der Verlag der staatlichen Wirtschaftsplanung entgegen; 1951 erhielt Paul Zahl keine Neulizenzierung zur Weiterführung des Betriebs. Aufgrund weiterer Schwierigkeiten mit staatlichen Stellen zog die Familie Zahl 1953 nach Westdeutschland und ließ sich zunächst in Wülfrath, später in Ratingen im Rheinland nieder.Christoph Links: Die verschwundenen Verlage der SBZ/DDR: Zwischenbericht zu einem Forschungsprojekt. In: Björn Biester, Carsten Wurm (Hrsg.): 2016. Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 71, S. 235–260. doi:10.1515/9783110462227-009, pirckheimer-gesellschaft.org (PDF; 531 kB)
In der neuen Umgebung fasste die Familie nur schwer Fuß, da der Vater arbeitslos blieb und es zudem Probleme mit der Auszahlung der Kriegsversehrtenrente gab. Etwa zwei Jahrzehnte später beschrieb Peter-Paul Zahl selbst den Umzug in den Westen als das Ende einer „ausgesprochen schönen und glücklichen Kindheit“.Peter-Paul Zahl: Lebenslauf einer Unperson. In: Erich Fried, Helga M. Novak: Am Beispiel Peter-Paul Zahl. Eine Dokumentation. 3. Auflage. 1978, S. 15–48, hier S. 27 Er besuchte zunächst in Velbert, dann bis zur mittleren Reife in Ratingen das Gymnasium und absolvierte anschließend von 1961 bis 1964 in Düsseldorf eine Berufsausbildung zum Kleinoffsetdrucker, die er in der Gesellenprüfung mit der Note „sehr gut“ abschloss. Während der Ausbildungszeit galt er als „schwierig“ und seinen Vorgesetzten gegenüber als „kritisch“. Er engagierte sich politisch und trat der Gewerkschaft Druck und Papier sowie dem Verband der Kriegsdienstverweigerer bei.Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 12. März 1976, abgedruckt in: Erich Fried, Helga M. Novak: Am Beispiel Peter-Paul Zahl. Eine Dokumentation. S. 86–101, hier S. 87
West-Berlin 1964 bis 1972 1964 wechselte Zahl seinen Hauptwohnsitz nach West-Berlin, um die Wehrpflicht zu umgehen, die aufgrund der alliierten Vorbehaltsrechte für Bürger in den Westsektoren der Stadt nicht umgesetzt wurde. Er arbeitete als Drucker und besuchte eine Abendschule sowie Literaturvorlesungen an der Freien Universität Berlin mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden. Doch vom institutionellen Bildungsweg wandte er sich nach kurzer Zeit ab: „Schreiben bringen die einem eh nicht bei. Im Gegenteil, die versauen einem nur den Stil und das Klassenbewußtsein.“Peter-Paul Zahl in einem Brief an Rudi Dutschke vom 24. und 25. März 1978, zitiert nach: Rudi Dutschke: Georg Büchner und Peter-Paul Zahl, oder: Widerstand im Übergang und mittendrin. In: Georg Büchner Jahrbuch. Berlin 1984, S. 37 1965 heiratete er seine Freundin Urte Wienen, die ebenfalls aus seinem ehemaligen Wohnort Ratingen stammte. Aus der Ehe gingen der am 16. Juli 1969 geborene Sohn Raoul-KostjaVgl. Agit 883 .... und die 1971 geborene Nadeschda hervor.Vgl. Zahl, Peter-Paul. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1377. Nach der Geburt der Tochter zog Zahl in eine Wohngemeinschaft. Aus der mit seiner Frau geteilten Wohnung wurde er abgemeldet, weil er wiederholt nicht im ehelichen Haushalt angetroffen worden war. Die Ehe wurde 1973 geschieden.
Ende 1965 unterstützte Zahl eine Initiative des Kabarettisten Wolfgang Neuss gegen den Vietnamkrieg. Ebenfalls auf das Jahr 1965 datieren Zahls erste Veröffentlichungen von Prosatexten und Gedichten in Zeitschriften und auf Flugblättern. 1966 wurde er Mitglied in der von Max von der Grün initiierten literarischen Dortmunder Gruppe 61, die eine Verbindung zwischen Schriftstellern und Industriearbeitern anstrebte. Im Düsseldorfer Karl Rauch Verlag erschien 1970 sein erster Roman mit dem Titel Von einem der auszog, Geld zu verdienen, der einige öffentliche Beachtung fand.Gregor Dotzauer: Peter-Paul Zahl: Das System ist der Fehler. In: Tagesspiegel vom 25. Januar 2011, abgerufen am 9. März 2012. mini|Transparente am Architektur-Gebäude der TU Berlin im Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze (in Anspielung auf den Nationalsozialismus abgekürzt als „NS-Gesetze“), Mai 1968 In den Jahren 1965/66 kam er in Kontakt mit der Studentenbewegung, aus der sich die außerparlamentarische Opposition (APO) jener Zeit entwickelte. Diese wurde ab 1966/67, nach Bildung der Großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und der Diskussion um die Notstandsgesetze, zu einer gesellschaftlich relevanten Systemopposition mit revolutionärem Anspruch. Zahl unterstützte die Bewegung in ihren inhaltlichen Grundsätzen, verwahrte sich jedoch dagegen, studentisch dominierten Organisationen wie dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) zugerechnet zu werden. Er sah sich als Teil einer proletarischen Jugend, eines Gemisches aus „Jungarbeitern, Kreuzberger Bohème, Bundeswehrflüchtlingen, Jungbuchhändlern“.Rudi Dutschke: Georg Büchner und Peter-Paul Zahl, oder: Widerstand im Übergang und mittendrin. S. 39
Von den Schwiegereltern finanziell unterstützt, gründete Zahl mit seiner Frau 1967 in der Urbanstraße in Kreuzberg die Druckerei Zahl-Wienen einschließlich angeschlossenem Kleinverlag. Neben Firmendrucksachen und Werbeaufträgen übernahm der Betrieb den Druck diverser Schriften und Plakate der subkulturellen politisch linken Szene. Der Verlag veröffentlichte vorwiegend gegenkulturelle Zeitschriften, so zum Beispiel 1967 die zweite Ausgabe von pro these. Zeitschrift für Unvollkommene des Astrologen Hans Taeger, sowie rätekommunistische und anarchistische Texte, darunter Spartacus: zeitschrift für lesbare literatur (1967–1970)Spartacus: zeitschrift für lesbare literatur – und das Magazin pp-quadrat (1968–1970).pp-quadrat – Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; abgerufen am 9. März 2012 Der erste pp-quadrat-Band enthielt die Broschüre amerikanischer faschismus von Bernd Kramer, ein weiterer die Beschreibung von Günter Wallraffs Selbstversuch meskalin. Die Ausgaben zeichneten sich oft durch künstlerisch gestaltete Collagen, Holzschnitte und Lithographien aus.
Zahl schrieb zudem für die Literaturzeitschrift Ulcus Molle Info und das Satireblatt Der Metzger. Mit den zwergschul-ergänzungsheftenzwergschul-ergänzungshefte – brachte der Verlag zwischen 1968 und 1970 eine Reihe heraus, mit der in der APO Schriften von revolutionären Vordenkern zur Diskussion gestellt werden sollten. Vielfach rezipiert wurde der Nachdruck von Georg Büchners Hessischem Landboten aus dem Jahr 1834, dessen Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ die Bewegung als Parole übernahm. mini|Logo der Zeitschrift Agit 883 mini|Wederstraße in Berlin-Britz, ab 1969 Sitz der Druckerei Zahl-Wienen Ab Februar 1969 stellte die Druckerei die anarchistisch-libertäre Zeitschrift Agit 883 her, an deren Redaktion Zahl bis 1971 beteiligt war. Diese spiegelte die Zersplitterung der APO nach ihrer Hochphase 1967/1968 in unterschiedliche Fraktionen wider. Sie griff dabei in zahlreichen Artikeln die kontrovers diskutierte Frage des Übergangs vom Protest zum bewaffneten Widerstand auf, die sich bei Teilen der Bewegung nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Vorjahr stellte. Als für die großformatige Zeitung – sie wurde auf DIN-A2-Platten gedruckt – größere Druckmaschinen angeschafft wurden, zog der Betrieb in geeignetere Räume in der Wederstraße 91 in Britz. Im August 1969 kam es nach der Herausgabe der Nummer 25 zu einer ersten Hausdurchsuchung in dem Betrieb. Hintergrund war die von den Behörden als beleidigend ausgelegte Darstellung des damaligen Innensenators Kurt Neubauer auf dem Titelbild, versehen mit dem Schriftzug „Gesucht wegen Menschenraubs“. Es folgten weitere Durchsuchungen aufgrund strafrechtlicher Ermittlungen gegen die Agit 883, unter anderem wegen Texten gegen den Vietnamkrieg in der Ausgabe Nummer 61 im Mai 1970, gegen die der Kommandant des amerikanischen Sektors von Berlin Strafantrag gestellt hatte. Ein aus diesem Anlass gegen Zahl eröffnetes Strafverfahren endete mit einem Freispruch, da ihm als Drucker nicht nachgewiesen werden konnte, dass er den Text kannte.Peter-Paul Zahl: Lebenslauf einer Unperson. In: Erich Fried, Helga M. Novak: Am Beispiel Peter-Paul Zahl. Eine Dokumentation. S. 37
Nach internen Auseinandersetzungen in der Redaktion der Zeitschrift zog sich Zahl 1971 von der Agit 883 zurück und gründete das anarchistische Untergrundblatt Fizz, das bis 1972 in zehn Ausgaben erschien. Die Zeitschrift setzte sich für den Aufbau einer Stadtguerilla ein und stellte Bezüge zu subkulturell geprägten amerikanischen Bewegungen wie beispielsweise Black Power und Weather Underground her.Fizz. Der kurze Sommer der gedruckten Anarchie – oder die Notwendigkeit klandestiner Zeitungen. auf haschrebellen.de, abgerufen am 24. März 2012 Fizz galt als Sprachrohr des Berliner Blues, insbesondere der darin verorteten Gruppe der sogenannten Haschrebellen. Aus deren Mitte rekrutierte sich ein wesentlicher Teil der gewaltsam vorgehenden Gruppierung Tupamaros West-Berlin, die sich auf das Konzept der Stadtguerilla berief und Anfang 1972 in der Bewegung 2. Juni aufging.
Bereits ab 1970 beteiligte sich Zahl an einer klandestinen, verdeckt agierenden Kleinorganisation, die sich Up against the wall, Motherfuckers! nannte und auf die Fälschung von Pässen spezialisiert war, mit denen kriegsdienstunwillige, in Berlin stationierte GIs nach Schweden fliehen konnten.