mini|Das Collegium Carolinum aus dem 14. Jahrhundert Die Karls-Universität (, ) ist die größte Universität Tschechiens und die älteste Universität Mitteleuropas. Sie hat 17 Fakultäten und mehr als 50.000 Studierende, damit etwa ein Sechstel aller Studierenden der Tschechischen Republik.About the University.
Die Prager Universität wurde am 7. April 1348 von Karl IV. gegründet. Erster Kanzler war der Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz. Zwischen den Jahren 1417 und 1622 war die Karls-Universität in Böhmens Hauptstadt ein Zentrum der protestantischen Bewegung. 1654 vereinigte Ferdinand III. die Karls-Universität mit der 1556 gegründeten Jesuitenhochschule im Clementinum. Die Universität trug danach den Namen Karl-Ferdinands-Universität. 1882 wurde sie in eine tschechische und deutsche Universität aufgeteilt. Im Jahre 1920 wurde die tschechische Universität zur alleinigen Rechtsnachfolgerin der mittelalterlichen Karls-Universität erklärt und in Univerzita Karlova umbenannt. Die Deutsche Universität Prag bestand bis 1945.
Seit 2001 wird das Europäische System zur Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen an der Karls-Universität umgesetzt, und es gibt, neben den Lehrveranstaltungen auf Tschechisch, auch Programme in englischer und deutscher Sprache.
Geschichte Gründung und mittelalterliche Universität (1347–1419) links|mini|Josef Mathias Trenkwald: Gründung der Universität Prag mini|Das Siegel zeigt den Gründer der Universität: der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Böhmen, Karl IV., kniet vor dem Heiligen Wenzel, Tschechischen Fürst und Schutzpatron von Böhmen. In seinen Händen hält er die Gründungsurkunde der Universität.
Unter Kaiser Karl IV. (Karel IV.) und seinem Sohn Wenzel IV. (Václav IV.) erreichte die Stadt Prag in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wirtschaftlich, kulturell und politisch eine Hochzeit. Papst Clemens VI. erteilte am 26. Januar 1347 durch eine Päpstliche Bulle das Privileg zur Gründung einer Universität. Am 7. April 1348 wurde, durch einen Stiftungsbrief Karls IV., die Karls-Universität nach dem Vorbild der Pariser Universitas magistrorum et scholarium als „Studium generale“Milada Řihová: Der Unterricht an der Prager Medizinischen Fakultät im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 163–173; hier: S. 163. und erste Universität im östlichen Mitteleuropa gegründet („Alma Mater Carolina“).Franz Machilek: Kirche und Universität im Spätmittelalter. Die Gründungen Prag und Erfurt. In: Peter Wörster (Hrsg.): Universitäten im östlichen Mitteleuropa. Zwischen Kirche, Staat und Nation – Sozialgeschichtliche und politische Entwicklungen. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58494-3, S. 165–194, hier: S. 176. Diesen Stiftungsbrief hatte Karl IV. in seiner Eigenschaft als böhmischer König unterzeichnet. Im Namen des Heiligen Römischen Reiches bestätigte er durch das Eisenacher Diplom vom 14. Januar 1349 das Privileg.Wenzel Wladiwoj Tomek: Geschichte der Prager Universität – Zur Feier der fünfhundertjährigen Gründung verfasst, Prag 1849, S. 4 (Google Buch).
mini|hochkant|Denkmal zu Ehren Karls IV., des Gründers der Universität, von Ernst Hähnel mini|Historischer Kern – Das Auditorium maximum des Collegium Carolinum (gegr. 1366)
Die Prager Universität zog nicht nur Studierende aus Böhmen an, sondern auch aus Sachsen, Bayern, Schlesien und dem übrigen Gebiet des Heiligen Römischen Reiches sowie aus Frankreich, England und Italien.František Palacký: Geschichte von Böhmen – Größtenteils nach Urkunden und Handschriften, Band 2, Teil 2: Böhmen unter dem Hause Luxemburg, bis zum Tode Kaiser Karls IV. – Jahre 1306–1378, Prag 1850, S. 293 (Google Buch). Gegliedert war sie nach dem Vorbild der Pariser Universität und lehrte in den vier klassischen Fakultäten: Theologie, Rechtswissenschaft, MedizinMilada Řihová: Der Unterricht an der Prager Medizinischen Fakultät im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 163–173. und Philosophie. Besondere Studienfächer, die sich nicht ohne weiteres in dieses Schema einfügen ließen, wie die Disziplinen der Schönen Künste, Rhetorik oder Mathematik, wurden der philosophischen Fakultät zugeordnet,Vgl. z. B. Josef Dobrovský: Zustand der Universität Prag, Böhmische Literatur, Band 1 (1779), S. 12 ff. (Google Buch). die deshalb auch als Artistenfakultät bezeichnet wurde. Die Magister und Scholaren waren ihrer Herkunft nach vier Nationes zugeordnet: Böhmen, Polen, Bayern und Sachsen. Die Nationes setzten sich folgendermaßen zusammen:
Böhmen: Böhmen, Herrnhuter, Südslawen und Ungarn Polen: Polen, Schlesier und Ruthenen Bayern: Bayern, Österreicher, Schwaben, Franken und Rheinländer Sachsen: Bewohner der Markgrafschaft Meißen, Obersachsen, Niedersachsen, Dänen und Schweden
Die ersten Graduierungen erfolgten im Jahr 1359. Die Fakultät der Rechte wurde im Jahr 1372 als eigenständige Universität ausgelagert.
mini|Das Kuttenberger Dekret (Dekret kutnohorský)
Mit dem Kuttenberger Dekret (tschech. Dekret kutnohorský, nach der Stadt Kuttenberg beziehungsweise Kutná Hora) vom 18. Januar 1409 veränderte der böhmische König Wenzel IV., der Jahre zuvor als römischer König abgesetzt worden war, das Stimmenverhältnis in den Gremien der Karls-Universität in Prag. Dieser Schritt wurde initiiert von Jan Hus, als Wortführer der Böhmischen Nation in der Universität.Svatoš, Michal. (2010): Das Kuttenberger Dekret und das Wirken von Magister Jan Hus an der Prager Universität In: Mouralová, Blanka (Hrsg.): Die Prager Universität Karls IV. Von der europäischen Gründung bis zur nationalen Spaltung. S. 45–70 Hatten demnach bisher die Nationes der Böhmen, Bayern, Sachsen, Polen je eine Stimme, so bekamen nun die Böhmen 3 Stimmen zugeteilt, während die anderen zusammen nur eine erhielten.Das Kuttenberger Dekret (tschechisch), abgerufen am 5. Juni 2016. Hintergrund war, dass die im Konzil von Pisa versammelten Kardinäle Gregor XII. und den Gegenpapst Benedikt XIII. absetzen wollten und um die Unterstützung des Königs von Böhmen warben. Dieser entschloss sich aber, bis zur endgültigen Beschlussfassung des Konzils, beiden Päpsten gegenüber zur Neutralität. Im Mai 1409 verließen viele der deutschen Studierenden und Professoren die Prager Karls-Universität. Etwa 1000 Studierende und Professoren gingen nach Leipzig und gründeten dort die Universität Leipzig. Die deutschsprachigen Lehrer Peter von Dresden, Nikolaus und Friedrich von Dresden, die Anhänger der Hussiten waren, übernahmen die Dresdner Kreuzschule.
Die Hussiten waren inzwischen vom Papst und vom Konzil von Konstanz zu Ketzern erklärt worden. Die Prager Universität aber nahm 1417 offiziell das hussitische Bekenntnis an. Dies führte im Laufe des 15. Jahrhunderts zu einer weitgehenden Isolierung der Universität von der übrigen europäischen Universitätslandschaft, und ihre Bedeutung sank. In Prag studierten und lehrten fortan böhmische Utraquisten.
Protestantisches Zentrum (1417–1622) Die Artistenfakultät wurde zu einem Zentrum der Hussiten und ein weltanschauliches Zentrum der Utraquisten. In den Jahren 1417–1430 konnten keine Graduierungen vorgenommen werden, und zu manchen Zeiten gab es gerade acht oder neun Professoren.
Ihre Lehrer haben an der Formulierung der Prager Artikel mitgewirkt, aber nach dem Tod Johann von Seelaus (1422) wurden Magister verhaftet und verbannt, Kollegien und Kirchen zerstört. Erst 1431 beruhigte sich die Situation, aber Graduierungen fanden erst wieder 1440 statt, und zu dieser Zeit gab es keinen einzigen Magister der Theologie oder des Rechts. Das wechselseitige Interesse an einer Aussöhnung mit dem Papst führte 1447 zur päpstlichen Anerkennung des Laienkelchs in Böhmen und Mähren – und zur Wiederaufnahme des Lehrbetriebs. Aber schon 1448, als Prag durch die Partei Georg von Podiebrads erobert wurde, brach neuer Streit aus, und weil Lehrer und Schüler die Kompaktaten zu halten schwören mussten, haben die meisten Nicht-Böhmen sowie eine Reihe von einheimischen Lehrern und Schülern die Universität wieder verlassen. Die Universität beschränkte sich dann auf die Artistenfakultät und verschmolz fast mit dem „Unteren Konsistorium“, einer bischöflichen Kanzlei ähnlich.
Die Universität und ihre Kollegien hatten während der Hussitenkriege die Mehrzahl ihrer Vermögenswerte verloren, und auch im 15. Jahrhundert, obwohl mehrere Güter und Dörfer in den Jahren 1471–1526 wiedergewonnen wurden, kamen alle Studierenden aus den utraquistischen Gegenden Böhmens; weder aus anderen Ländern noch aus Mähren. Nach 1500 wurden die Stimmen lauter, die den beklagenswerten Zustand der Hochschulausbildung kritisierten: Der Pfarrer der Teynkirche Jakob nennt die Karls-Universität „ein rostiges Juwel“, und immer noch blieben ihr die meisten begabten jungen Menschen fern, um anderswo in Ruhe zu studieren. Die konservative Universität widersetzte sich dem katholischen Herrscher, sie erhielt Unterstützung nur aus dem Bürgertum, war aber sehr abhängig von den politischen Umwälzungen in den Rathäusern. Zusammen mit den „rebellischen“ Städten wurde die Universität nach 1547 von Ferdinand I. bestraft.
1556 kamen die Jesuiten auf Einladung des römisch-deutschen und böhmischen Königs Ferdinand I. (Kaiser ab 1558) nach Prag und gründeten am Clementinum eine philosophisch-theologische Hochschule, die das Recht zur Promotion hatte. 1609 kam es durch den Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. zu einer Reform. Das katholische Clementinum wirkte als starke Konkurrenz zur utraquistischen Universität und wurde 1616 zur katholischen Universität erhoben.
1618 beteiligte sich die utraquistische Universität aktiv am böhmischen Ständeaufstand gegen die katholischen Habsburger. Nach der Niederlage der Stände verlor die Universität ihre Autonomie, wurde den Jesuiten übergeben und rekatholisiert.
Vereinigung und staatliche Universität (1622–1882) 1638 wurden die medizinische und die juristische Fakultät begründet. Kaiser Ferdinand III. vereinigte 1654 das Clementinum mit der Karls-Universität. Die Universität trug fortan bis zum Ende der Habsburgermonarchie im Jahre 1918 den Namen Universitas Carolo-Ferdinandea. 1718 wurden der barocke Umbau am Karolinum und 1724 Astronomischer Turm, Spiegelkapelle sowie Bibliothekssaal am Clementinum vollendet, unter der Leitung von Franz Maximilian Kaňka.
Nach der Aufhebung des Jesuitenordens wurde die Universität 1773 eine staatliche Einrichtung. Unter Kaiser Josef II. begann 1781 eine tiefgreifende Universitätsreform. Erstmals seit 1622 wurden Nichtkatholiken wieder zum Studium zugelassen. 1784 wurde die eigene Gerichtsbarkeit der Universität aufgehoben und Deutsch zur Hauptunterrichtssprache erklärt, trotzdem wurden manche Vorlesungen weiter auf Latein gehalten und etliche auf Tschechisch.Ivana Čornejová (Hrsg.): Dějiny Univerzity Karlovy II: 1622–1802, Praha: Karloinum, 1996, S. 51–52.
mini|hochkant=2.0|Zweisprachige Einladung zu Vorlesungen über Bohemistik gehalten auf Tschechisch von F. M. Pelzel 1793
Im Zuge der Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich kam es zum Prager Pfingstaufstand. Sowohl deutsche als auch tschechische Studierende und Professoren beteiligten sich an den Protesten. Neben Forderungen nach der Freiheit von Forschung und Lehre, sollte der Anteil an Lehrveranstaltungen in tschechischer Sprache erhöht werden.
Teilung der Universität (1882) Um das Jahr 1860 sprachen lediglich etwa ein Drittel der Bewohner Prags die deutsche Sprache als Muttersprache. Demgegenüber wurden allerdings nur etwa 1 % der Lehrveranstaltungen an der Prager Universität in tschechischer Sprache gehalten. Aufgrund von Protesten wurde die Universität per Gesetz vom 28. Februar 1882 geteilt, so dass es faktisch zwei Universitäten waren: Deutsche Karl-Ferdinands-Universität Česká univerzita Karlo-Ferdinandova