mini|Bleiletter und Druckbild einer ſi-Ligatur (langes s, i) in 12p Garamond mini|Holzlettern mit Ligaturen (von links nach rechts, jeweils spiegelverkehrt) fl, ft, ff, fi in 25 Cicero = 300 Punkt = 112,8 mm (Schriftart Futura schmalfett)
Eine Ligatur (von mittellateinisch ligatura ‚Verbindung‘, zu ligare ‚binden, verbinden‘) oder Buchstabenverbund bezeichnet in der Typografie solche Glyphen, die aus der Verschmelzung zweier oder mehrerer Buchstaben (Graphen) einer Satzschrift entstanden sind. Auch in handschriftlichen Schriften (etwa Buchschriften oder Schreibschriften) kommen Ligaturen vor. Dort entstanden diese entweder durch schnelle Schreibweise häufig genutzter Zeichenkombinationen oder zur optischen Korrektur. Die bekanntesten Beispiele für Ligaturen im Deutschen sind das „ß“ und das Kaufmanns-Und „&“.
Im Satz werden Ligaturen heute vor allem verwendet, wenn zwei Buchstaben mit Oberlängen (z. B. f, i, l, t) aufeinander folgen, da ohne Ligatur eine Lücke zwischen den Buchstaben entstünde oder es bei Anwendung der Unterschneidung zu unschönen Verbindungen der Oberlängen käme. Im Bleisatz sind Ligaturen zur Ermöglichung von Unterschneidungen zwingend nötig. Menge, Art und Gebrauch der Ligaturen unterscheiden sich je nach Sprache und Schriftsystem.
Zeichensatz mini|Ligaturen in einer Antiqua-Schrift mit langem Binnen-s (das seit seinem Verschwinden aus der Antiqua um 1800 üblicherweise nur in Fraktur-Schriften verwendet wird)
Ligaturen vermeiden optische Lücken, die das Erscheinungsbild und die Lesbarkeit eines Texts stören. Sie werden vor allem im professionellen Satz verwendet, wurden aber aus zeitlichen und ökonomischen Gründen besonders im Zeitungssatz weggelassen. Ligaturen werden vor allem nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet und nicht nur durch einfache Verringerung der Laufweite gebildet (siehe Abbildungen).
In deutschsprachigen Texten sind die Ligaturen ff, fi, fl, ſt sowie deren Kombinationen (ffi, ffl und so weiter) geläufig, weniger üblich sind Ligaturen etwa von fk, fj, fh, fb, fz, ll, st, ch, ck, ct, th, tt, tz, kk, Qu, ſi, ſſ, ſt, ſch. Je nach Schriftart sind diese zudem selten Ligaturen im engeren Sinne, da die einzelnen Buchstaben nur zur Unterschneidung näher aneinander gerückt sind, aber keine tatsächliche Verbindung eingehen. Die Anzahl der Ligaturen ist bei verschiedenen Schriftarten unterschiedlich.
Anwendung im Deutschen Im Deutschen werden Ligaturen nur gesetzt, wenn die zu verbindenden Buchstaben im gleichen Morphem liegen, beispielsweise im Wortstamm.Duden: Ligaturen, In: Die deutsche Rechtschreibung, 22. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Dudenverlag, 2001 Ligaturen werden in der Regel nicht gesetzt, wenn die Buchstaben über eine grammatikalische Fuge (z. B. eine Wortfuge) reichen. „Kaufläche“ (Kau-fläche) wird daher mit fl-Ligatur geschrieben; „Kaufleute“ hingegen nicht, weil die Buchstaben f und l verschiedenen Wortteilen (Kauf-leute) angehören. Eine Ausnahme bilden Nachsilben, die mit i beginnen (-ig, -in, -ich, -isch). Hier werden auch über die grammatikalische Fuge hinweg Ligaturen gesetzt. So wird beispielsweise „häufig“ trotz der Fuge (häuf-ig) mit fi-Ligatur geschrieben. Im Zweifel wird der Gliederung des Wortes nach Sprechsilben gefolgt und entsprechend die Ligatur gesetzt.
Die Anwendung von Ligaturen ist nicht verbindlich geregelt, generell folgt man dem Grundsatz: Getrennt gesprochene Buchstaben werden nicht in Ligatur gesetzt.
Bleisatz Die Verwendung von Ligaturen hat im Bleisatz neben den ästhetischen auch technische Gründe. Ohne Ligaturen hätte man beim Buchstaben f nur die Wahl, ihn bündig auf den Kegel zu stellen, was ein den Lesefluss störendes ‚Loch‘ im Satzbild zur Folge hätte, oder ihn rechts frei über den Kegel hinausgehenzulassen, damit er zum Teil über den Kegel des nachfolgenden Buchstabens rage. Der so freigestellte Teil des f würde jedoch ohne den schützenden Kegel leicht abbrechen. Aus diesem Grund werden die betreffenden Kombinationen direkt zusammen auf einen Kegel gegossen (vgl. Logotype).
Computersatz Der Computersatz erlaubt heute eine fast beliebige Positionierung der Buchstaben. Deshalb ist es möglich, den Abstand zwischen zwei Zeichen einzustellen und in vielen Fällen auf Ligaturen zu verzichten. Viele Schriftarten bieten spezielle Ligaturen an. Andere Ligaturen werden durch entsprechende Positionierung der typografischen Zeichen emuliert. Die ß-Ligatur wird als ein Buchstabe behandelt und standardmäßig verwendet.
Neue Schrifttechniken wie OpenType, Graphite von SIL oder Apples wenig verbreitetes AAT erlauben den manuellen oder auch automatischen Einsatz von Ligaturen, ohne den zugrundeliegenden Code zu verändern, sofern dies auch explizit in einer Schrift vorgesehen ist. Einige Programme wie z. B. QuarkXPress (ab Version 7) oder InDesign bieten diese Möglichkeit mit OpenType sowohl unter macOS als auch unter Microsoft Windows.
Bei den meisten Microsoft-Programmen wie Word (bis Version 2007) müssen Ligaturen noch als Sonderzeichen eingefügt werden und verwirren daher die Rechtschreibprüfung. Das Emulieren mancher Ligaturen aus mehreren Einzelzeichen gelingt besser, wenn das Schriftdesign des Fonts darauf bereits angepasst ist. Microsoft Word 2010 ist die erste Version von Word, die OpenType-basierte Ligaturen offiziell unterstützt.
mini|Oben: automatische, aber falsche („Kau·fleute“).Unten: korrekt ohne Ligatur („Kauf·leute“).
Schwierigkeiten können sich bei der Rechtschreibprüfung ergeben. Manche Satzprogramme unterstützen die Verwendung von Ligaturen nur in recht aufwändiger Weise. Einige Satzprogramme (zum Beispiel TeX) verlagern die Verwendung von Ligaturen daher in den Ausgabeprozess, was das Problem nur teilweise löst, da es kontextabhängig ist, ob ein Zeichen als Ligatur gesetzt werden muss oder nicht. Der Setzer muss explizit angeben können, ob eine Ligatur gesetzt werden soll oder nicht (z. B. in LaTeX Kauf"|leute oder HTML Kauf‌leute zur Unterbindung der automatischen Ligatur). Die automatisierte Setzung bzw. Unterdrückung von Ligaturen anhand der Silbentrennungswörterbücher wird bisher ausschließlich vom Satzprogramm LuaLaTeX mithilfe eines der beiden Pakete „selnolig“tex.stackexchange.com: Can one (more or less) automatically suppress ligatures for certain words? Mico Loretan, 14. September 2011. oder „autotype“autotype – A LuaLaTeX package for automatic language-specific typography geleistet.
Ungewollte „Ligaturen“ können entstehen, wenn Buchstaben zu eng zusammengerückt werden. Viele Schriftarten enthalten entsprechende Informationen zur Optimierung der Abstände von Buchstabenpaaren, sogenannte Unterschneidungspaare.
Der universelle Zeichensatz – Unicode – bietet nur sehr beschränkte Unterstützung für Ligaturen. Nur einige wenige Ligaturen wie fi haben aus Kompatibilitätsgründen mit bestehenden Zeichensätzen/-kodierungen (u. a. Macintosh Roman) ihren Platz in Unicode. Das Unicode-Konsortium lehnt es grundsätzlich ab, weitere Ligaturen in Unicode aufzunehmen und begründet dies damit, dass Ligaturen ein Problem der Zeichendarstellung, nicht der Zeichenkodierung seien.Unicode FAQ. Ligatures, Digraphs and Presentation Forms. Unicode Consortium, 9. Juni 2006. Eine Steuerung der somit notwendigen automatischen Ligation soll mit dem Bindehemmer U+200C (Verbindung unterdrücken) und dem breitenlosen Verbinder U+200D (Verbindung erzwingen) geschehen, die in HTML als Zeichenentitäten ‌ (zero width non-joiner) bzw. ‍ (zero width joiner) aufgenommen wurden.
Fraktursatz mini|Zwangsligaturen ch, ck, ſt, tz bleiben im gesperrten Satz erhalten.
Im deutschsprachigen Fraktursatz gibt es eine Reihe von Ligaturen. Auch im Fraktursatz gilt in jedem Fall die Regel, dass eine Ligatur nicht über eine Wortfuge hinweg gesetzt werden darf (Beispiel: Ta-tz-e = tz-Ligatur, aber Lu-ft-z-ug = ft-Ligatur + z). Dies betrifft auch Familiennamen slawischer Herkunft auf -cky (z. B. Ranicky), die – entsprechend der getrennten Aussprache – nicht mit ck-Ligatur, sondern getrennten Lettern c und k geschrieben werden.
Im Sperrsatz werden die Ligaturen ch, ck, ſt und tz nicht gesperrt.Richard L. Niel: Satztechnisches Taschen-Lexikon. Wien 1925, S. 871.Duden, Band 1, Rechtschreibung der deutschen Sprache. 20., neubearb. und erw. Auflage, 1991. Dudenverlag Mannheim, Wien, Zürich. Richtlinien für den Schriftsatz, S. 73. ISBN 3-411-04010-6. Alle anderen üblichen Ligaturen (ff, fi, fl, ll, ſi, ſſ, tt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch ſch) werden gesperrt, also im Sperrsatz in Einzelbuchstaben aufgelöst. Bei ſt bestehe auch die Möglichkeit, dass es im Sperrsatz zwar nicht gesperrt, aber trotzdem aufgelöst werde.Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der Deutschen Rechtschreibung. 16. Auflage. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1968, S. 682.
Die reformierte deutsche Rechtschreibung belebt im Bereich der s-Schreibung eine Idee aus dem frühen 19. Jahrhundert wieder, die sogenannte Heysesche s-Schreibung. Im Heyseschen Fremdwörterbuch taucht für Doppel-s am Wortende eine eigens geschaffene Ligatur ſs auf.Heysesche s-Schreibung.
Bedeutung im Schriftsystem In den europäischen Schriften ist eine Ligatur ein Element der grafischen Oberflächenstruktur der geschriebenen Sprache, das heißt, dass sie nicht notwendiger Bestandteil des Schriftsystems (der Orthografie) sind. Ihre Verwendung folgt allein typografischen Regeln, die der optischen bzw. ästhetischen Gestaltung dienen, ohne für die Bedeutungsunterscheidung von Wörtern notwendig zu sein. Für das Funktionieren der deutschen Orthografie ist es zum Beispiel nicht notwendig, „knifflig“ mit der Ligatur für ffl zu schreiben. Die Verwendung von Ligaturen ist in keiner europäischen Sprache orthografisch vorgeschrieben, sie ist ein reines Stilmittel und variiert von Schriftart zu Schriftart. Ligaturen sind demnach keine Grapheme eines Schriftsystems.
Von diesen echten, synchron als solche verwendeten Ligaturen sind Einheiten eines Schriftsystems zu unterscheiden, die ursprünglich (diachron) aus Ligaturen entstanden sind (vgl. auch die Entwicklung des lateinischen Schriftsystems). Zu diesen zählen Buchstaben wie w, ß, æ, œ und Zeichen wie & und % (vgl. u.). Die Verwendung solcher Buchstaben unterliegt heute (synchron) orthografischen Regelungen, sie sind kleinste bedeutungsunterscheidende Einheiten eines Schriftsystems und damit Grapheme wie andere Buchstaben auch.
Die Ligaturen w und ß mini|Antiqua-ſs vs. Textura- und Fraktur-ſz
Der Buchstabe w hat sich als Ligatur aus zwei u bzw. v entwickelt (zwischen den Buchstaben u und v wurde erst zu Beginn der Neuzeit unterschieden). In manchen Sprachen ist dieser Ursprung noch an der Buchstabenbezeichnung nachzuvollziehen (engl. double u „Doppel-u“, span. doble uve oder doble v „Doppel-v“, frz. double v „Doppel-v“).
Im Druck wurde das kleine w bei nicht vorhandener Letter auf verschiedene Weise realisiert, im Fraktursatz beispielsweise mit rundem r als „rv“.
Historisch gesehen geht das ß („Eszett“) in der deutschen Sprache auf eine Ligatur aus ſ („langes s“, ursprünglich ein weiterer Buchstabe des deutschen Alphabets) und z in den gebrochenen Schriften zurück. Bedeutsam für die Form des ß in den heutzutage üblichen Antiqua-Schriftarten war jedoch auch eine Ligatur aus langem ſ und s. Diese Variante des Doppel-s geriet in den genannten Schriften im 18. Jahrhundert gleichzeitig mit dem langen ſ außer Gebrauch. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich der Buchstabe ß – nach dem Vorbild des Fraktursatzes – allmählich auch im Antiquasatz durch. Mit Annahme der Beschlüsse der orthographischen Konferenz von 1901 wurde das ß auch im Antiquasatz zur offiziellen Regel.