mini|hochkant=1.5|Paulaner am Nockherberg, Biergarten
Der Nockherberg ist eine kleine Geländeterrasse an der Hangkante des östlichen Isarhochufers im Münchner Stadtteil Au.
Am an der Hochstraße angrenzenden Rand des Geländes der bis Februar 2016 dort gelegenen Abfüllanlage und des Vertriebslagers der Paulaner Brauerei findet jährlich der Salvator-Ausschank am Nockherberg im Salvatorkeller statt, ein traditionsreiches Starkbierfest. Der Begriff Nockherberg wird oft synonym für dieses Fest verwendet, insbesondere für dessen Auftakt, die Starkbierprobe (auch: Starkbieranstich) in Kombination mit dem regelmäßig weit verbreitet mediale Aufmerksamkeit erregenden Politiker-Derblecken.
Namensherkunft und Lage Der Name des Nockherbergs und zweier dortiger Straßen (Am Nockherberg, Nockherstraße) geht auf die Bankiersfamilie Nockher zurück. Diese war seit dem frühen 18. Jahrhundert in München ansässig und besaß seit 1789 auf der östlichen Isarhöhe ein Sommerhaus an der heutigen Straße Am Nockherberg, das sogenannte „Nockherschlösschen“.
Der Nockherberg liegt in der Hochau im Stadtbezirk Au-Haidhausen. Vom Nockherberg (etwa ) fällt das Gelände in nordwestlicher Richtung zur Isar hin um ungefähr 20 m ab. Unterhalb der Anhöhe befindet sich die Straße Am Neudeck mit der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Neudeck, nördlich hiervon der Mariahilfplatz und südwestlich die alten Paulaner-Brauereianlagen.
mini|Kronepark
Vom Neudeck windet sich die Bergstraße Am Nockherberg, die davor Ohlmüllerstraße heißt, den Hang hinauf und geht oben in die Sankt-Bonifatius-Straße über. Den nordöstlichen Teil des Nockherbergs bildete (bis zum Umzug der Brauerei nach München-Langwied) der neue Teil des Brauereigeländes – mit Gleisanschluss zum Ostbahnhof – zwischen der Regerstraße im Osten und der Hochstraße im Westen. Diese zweigt von der Straße Am Nockherberg nahe dem oberen Ende ab und ist über den kleinen Zacherlweg nochmals mit ihr verbunden.
Überquert man dort die Straße Am Nockherberg, gelangt man in den städtischen Kronepark, der den südwestlichen Teil der Anhöhe einnimmt und 1958 auf einem Grundstück des früheren Zirkusdirektors Carl Krone und seiner 1957 verstorbenen Witwe Ida Krone errichtet wurde.Peter Klimesch: Drunt in der grünen Au: Die Nockherstraße im Wandel der zeit. BoD, 2014, ISBN 978-3-7357-4929-1, S. 28 () Westlich unterhalb des Parks mit Spielplatz verläuft die Nockherstraße, früher „Bei den Jägerhäusln“,Johann Peter Weigl: Die Au – Ein Stück München. In: Helmut Lindner (Hrsg.): Giesing, Au, Haidhausen. Aumeier, München 1979, S. 87–117 (mit einem Nachdruck des zwischen 1899 und 1928 erschienenen Flugblatts Geschichte des Salvator-Bieres der „Aktiengesellschaft Paulanerbräu Salvatorbrauerei München“ auf S. 92). zu der verschiedene Steige hinabführen. Hier hat sich die Forschungsstätte Deutsches Jugendinstitut angesiedelt. Das südwestliche Ende der Nockherstraße bildet der Kolumbusplatz.
Starkbierfest mini|Salvator-Ausschank, 2007
Das Starkbierfest wird jedes Jahr während der Fastenzeit im Paulaner-Festsaal in der Hochstraße 77 veranstaltet. Es beginnt um den Josefstag (19. März) an einem Mittwoch und dauert 17 Tage, in München oft als Starkbierzeit oder Fünfte Jahreszeit bezeichnet. Das Fest steht in der Tradition des Heilig-Vater-Festes am 2. April, bei dem des heiligen Franz von Paola gedacht wurde, des Gründers des Paulaner-Ordens.
Mit seinen Bierbänken, der Stimmungsmusik und dem großen Besucherandrang ähnelt der Salvator-Ausschank in seiner heutigen Form in mancherlei Hinsicht den Bierzelten auf dem Münchner Oktoberfest. Auf dem Nockherberg wird das Bier nicht wie sonst üblich in Glaskrügen, sondern in Keferloher Maßkrügen aus Ton ausgeschenkt, was das Bier länger kühl hält, aber auch „zurückhaltendes“ Einschenken erleichtert.
Geschichte des Starkbierausschanks Der Starkbierausschank zur Fastenzeit lässt sich auf eine Ordensregel der im Kloster Neudeck ob der Au ansässigen Paulaner-Brüder zurückführen, die in ihrer Klosterbrauerei spätestens ab 1634 Bier brauten. Sie mussten sich generell sehr karg ernähren und brauchten daher vor allem während der noch strengeren Fastenzeiten zur Stärkung „flüssiges Brot“, welches das Fasten nicht brach. Zu Ehren des Ordensgründers wurde seit 1651 jedes Jahr im Frühling eine besonders starke Biersorte ausgeschenkt, das „Sankt-Vater-Bier“, der spätere Salvator. Dieses verkauften die Ordensbrüder mit der Zeit auch außer Haus, in erster Linie zur Versorgung der armen dörflichen Bevölkerung, aber auch zur Aufbesserung der Klosterkasse.
Im 18. Jahrhundert wurde es üblich, den bayerischen Kurfürsten zum alljährlichen Anstich des Starkbiers am 2. April einzuladen und ihm den ersten Krug Bier auszuschenken. Mit Mandat vom 31. März 1751 gestattete Kurfürst Maximilian III. Joseph ausdrücklich den öffentlichen Bierausschank am Festtag Franz von Paolas. Am 26. Februar 1780 erlaubte dann Karl Theodor, seit 1777 Kurfürst von Bayern, den Paulanern den ganzjährigen Bierausschank. Das Heilig-Vater-Fest 1799, an dem der gesamte Hofstaat von Kurfürst Maximilian IV. Joseph teilnahm, wurde das bis dahin größte Volksfest in der Stadt. Doch noch im gleichen Jahr wurde das Kloster Neudeck aufgehoben. Das gegenüber gelegene Klosterbräuhaus wurde im Zuge der Säkularisation enteignet und 1803 zunächst an den Johanniterorden veräußert.
mini|Salvator-Ausschank 1890
Der Bräu Franz Xaver Zacherl (* 1772; † 1849) pachtete 1806 die Paulanerbrauerei und kaufte sie 1813 schließlich, wodurch sie zur bürgerlichen Brauerei wurde; nach ihm ist der Zacherlweg auf dem Nockherberg benannt. Zacherl führte die Tradition des alljährlichen Starkbieranstichs am 2. April und des festlichen Ausschanks in der anschließenden Oktav (acht Tage) fort. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Beginn des Ausschanks in den März zurück und die Starkbierzeit verlängerte sich: 1861 begann der Salvator-Ausschank am Sonntag vor Josefi und dauerte zwölf Tage. Seit 1858 ließ die Brauerei zur Umsatzsteigerung Gstanzlsänger und Volksschauspieler auftreten. Beim Anstich 1891 gab es erstmals eine Salvatorrede, und nach einer kriegsbedingten Unterbrechung von 1939 bis 1950 gewann die Starkbierprobe ihre heutige Form, in der bevorzugt Politiker „derbleckt“, also kabarettistisch aufs Korn genommen werden.
Die „Salvator-Schlacht“ von 1888 Zur einzigen unfriedlichen Ausnahme in der Geschichte des Bürgerfestes kam es am 23. März 1888, als eine kleinere Rauferei zur Massenschlägerei ausartete. Aus geringfügigem Anlass kam es in der Kellerhalle zu einem Streit zwischen Soldaten der Bayerischen Armee und Zivilisten. Als ein Artillerist seinen Säbel zog, entbrannte eine größere Schlägerei, bei der auch Stöcke und Maßkrüge zum Einsatz kamen und daher relativ viele Verletzungen zu beklagen waren. Nach und nach griffen die Gewalttätigkeiten auf Saal und Garten über. Die hinzukommende Gendarmerie und auch die Zuchthauswache aus Neudeck konnten der Menge nicht Einhalt gebieten, bis schließlich eine 50 Mann starke Einheit der Schweren Reiter eintraf und Säbel schwingend in die Halle ritt. Als die Streitigkeiten ausbrachen, war auf dem Nockherberg nur ein einziger Gendarmerie-Wachtmeister im Einsatz, was in einer späteren Untersuchung als ein Grund für die Eskalation angesehen wurde. Teilweise wird auch vertreten, dass ein erhöhter Salvatorpreis die eigentliche Ursache für die Reizbarkeit der Festbesucher gewesen sei. Das „Skandaljahr“ 1888 blieb auf Jahre hin Gesprächsstoff in München.Hannes Burger 1984, S. 60; ders. 1998, S. 17 f.;Herbert Burger: Der Skandal am Nockherberg. Von der Bierschlacht anno 1888 und anderen Tumulten dieser Art. In: Charivari. 3/14/1988. Bergemann & Mayer, S. 21–25,
Veranstaltungsort mini|Zum Nockhergarten, um 1900
Der Salvator-Ausschank fand ursprünglich nicht auf dem Nockherberg statt, sondern im alten Brauereigebäude am Neudeck an der Ecke Falkenstraße und Ohlmüllerstraße. 1822 wurde dort auf dem Gelände des Paulanergartens für den ganzjährigen Ausschank des „Fastenbiers“ die Wirtschaft Zacherlgarten errichtet, die bis 2008 bestand. Von 1846 bis 1860 erfolgte der Ausschank im so genannten Neudecker Garten in der Au. Im Jahr 1858 verkaufte dann der Bankier Georg Nockher seine Sommerresidenz auf dem Nockherberg an die Paulaner-Brauerei (damals noch „Zacherlbräu“), die sie zu einer Gartenwirtschaft umbaute. Ab dem Frühjahr 1861 fand der Ausschank nun hier im neuen Zacherl-Keller statt, spätestens seit 1928 Salvatorkeller genannt. Die Gastwirtschaft Zum Nockhergarten, das ehemalige „Nockherschlösschen“, wurde 1903/1904 abgerissen.Richard Bauer, Eva Graf: Nachbarschaften. Altmünchner Herbergsviertel und ihre Bewohner. 2. Auflage. Hugendubel, München 1985, ISBN 3-88034-246-6, S. 142.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die massiven Gewölbe der Brauereistollen als Befehlsstand der Münchner Luftschutzstellen genutzt, ein Teil war auch als Luftschutzraum für die Bevölkerung freigegeben. Nachdem der Keller bei einem Bombenangriff am 24. April 1944 vollständig zerstört wurde, kam es am 11. März 1950 zur Wiedereröffnung der Gaststätte und des von Professor Franz Zell entworfenen neuen Salvatorkellers.
mini|Paulaner am Nockherberg, 2006
Am 28. August 1965 hielt die rechtsextreme Partei NPD ihren ersten Bundesparteitag im Salvatorkeller ab.Axel Schildt: Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechzigerjahre, Bonn 2005, S. 130
Am 27. November 1999 wurde der Keller, nunmehr Paulaner-Keller genannt, durch eine Brandstiftung fast gänzlich zerstört. Die Löscharbeiten mit 89 Feuerwehreinsatzfahrzeugen dauerten zwei Tage, es entstand ein Schaden von umgerechnet rund 15 Millionen Euro. Der Täter wurde unter 650 Verdächtigen trotz intensiver Bemühungen bis heute nicht ermittelt. Im März 2004 wurde der 39-jährige Karl R., ein Nenn-Stiefbruder von Nockherberg-Wirt Peter Pongratz und Verwandter der Fischer-Vroni-Familie, in Untersuchungshaft genommen. Er wurde aus Mangel an Beweisen aber nach einigen Monaten wieder freigelassen.
In den Jahren 2000 bis 2002 fand der Salvator-Ausschank in einem eigens dafür aufgestellten Zelt auf dem Mariahilfplatz unterhalb des Nockherbergs statt. Der Paulaner-Keller wurde im Jahr 2001 abgerissen und schließlich 2003 durch den neu errichteten, oberirdischen Paulaner Festsaal ersetzt, der bis zu 2.500 Besuchern Platz bietet. Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf etwa 25 Millionen Euro. Ein Raum im Gewölbekeller des neuen Wirtshauses Paulaner am Nockherberg wird heute wieder Salvatorkeller genannt. Im seit 2003 wieder zugänglichen Biergarten befindet sich der aus der Fernsehwerbung bekannte Brunnen.
Politischer Auftakt: Die Starkbierprobe Auftaktveranstaltung des jährlichen Salvator-Ausschanks ist die Starkbierprobe mit geladenen Gästen. Die Besonderheit dieser Veranstaltung liegt in der Anwesenheit vieler bayerischer Landespolitiker und Bundespolitiker. Durch die Übertragung im Bayerischen Fernsehen seit 1982 ist der Starkbieranstich auf dem Nockherberg auch einem breiten Publikum zugänglich. Die Fernsehübertragung 2004 wurde von etwa 2,8 Millionen Zuschauern verfolgt.Bayerischer Rundfunk: Geschäftsbericht 2004. München 2005, S. 38 () 2015 hatte die Live-Übertragung deutschlandweit 2,8 Millionen Zuschauer, davon in Bayern 2,05 Millionen Zuschauer.
mini|Historische Bierprobe