mini|Thomas Middelhoff (2008) Thomas Middelhoff (* 11. Mai 1953 in Düsseldorf) ist ein deutscher Manager. Er war von November 1998 bis Juli 2002 Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Bertelsmann und von Juni 2004 bis Februar 2009 des Einzelhandelskonzerns Arcandor (bis 2007 KarstadtQuelle), der kurz nach seinem Ausscheiden Insolvenz beantragen musste; hiervon betroffen waren auch Tochterfirmen wie Karstadt und das Versandhaus Quelle. Das Landgericht Essen verurteilte Middelhoff im November 2014 wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Er trat am 13. Mai 2016 seine Haft im offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne an und wurde im November 2017 vorzeitig entlassen.

Herkunft und Studium Thomas Middelhoff wurde als drittes von fünf Kindern des aus Emsdetten stammenden Textilunternehmers Heinrich Middelhoff (1915–2008) und dessen Frau Christine Cäcilie Apolline, geb. Fingerhut (1924–2022), in Düsseldorf geboren.Bognanni, Middelhoff, S. 22, 187f. Aufgewachsen ist er in Düsseldorf und Lintorf bei Ratingen. Nach Besuch des Görresgymnasiums in Düsseldorf und dem Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung am Adam-Josef-Cüppers-Berufskolleg in Ratingen 1975 studierte Middelhoff Betriebswirtschaftslehre und Publizistik an der Fachhochschule Ratingen und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und arbeitete von 1980 bis 1983 als wissenschaftlicher Assistent am Münsteraner Institut für Marketing bei Heribert Meffert. Im Februar 1987 wurde er bei Bruno Tietz an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität des Saarlandes in Saarbrücken mit einer Arbeit über die Integrierte Planung von Kommunikationssystemen promoviert (Zweitgutachter war August-Wilhelm Scheer).

Karriere Bertelsmann Mohndruck Middelhoff arbeitete ab 1986 als Assistent der Geschäftsleitung der Graphischen Betriebe Mohndruck in Gütersloh, die Bertelsmann gehörten. Ein Jahr später wurde er Geschäftsführer der Konzerntochter Elsnerdruck in Berlin, 1989 Geschäftsführer von Mohndruck. 1990 wurde Middelhoff Vorstandsmitglied der Bertelsmann Druck- und Industriebetriebe. 1994 wurde er in den Vorstand der Bertelsmann AG berufen und übernahm die Leitung der Zentralen Unternehmensentwicklung sowie die Koordination der Multimedia-Geschäfte, wo er sich um die strategische Neuausrichtung des Konzerns im Bereich der elektronischen Unterhaltung kümmerte.

Digitale Medien Middelhoff versuchte mehrfach, Bertelsmann im Bereich der digitalen Medien zu etablieren. So tätigte er für Bertelsmann zunächst kleinere Investments u. a. in die Berliner Firma Pixelpark. Später investierte er für Bertelsmann in den Online-Dienst America Online (AOL). Dieses Investment hatte auf Middelhoffs späteren Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann AG einen entscheidenden Einfluss. Middelhoff, ab Mai 1995 Aufsichtsratsmitglied von AOL, wurde in dieser Zeit ein enger Freund von Steve Case, dem Gründer von AOL. 1995 ging AOL Europe mit der Bertelsmann AG das Joint Venture AOL Deutschland ein, das 1998 beendet wurde. 2000 stieg Bertelsmann unter der Leitung von Middelhoff bei der Musiktauschbörse Napster ein, die 2002 schließlich Insolvenz anmeldete.

Vorstandsvorsitzender Von November 1998 bis Juli 2002 war Middelhoff Vorsitzender des Vorstandes der Bertelsmann AG. In dieser Zeit baute er die RTL Group auf, heute der größte Betreiber von werbefinanziertem Privatfernsehen und Privatradio in Europa. Er baute die Buchsparte durch den Kauf von Random House zum Weltmarktführer aus, intensivierte die Internetaktivitäten des Unternehmens, u. a. 1999 durch den Start des internationalen Medienportals BOL (Bertelsmann Online). Zusätzlich war er involviert in ein geplantes Joint-Venture mit Amazon, das keine Zustimmung der Entscheider bekam. In seiner knapp vierjährigen Amtszeit verdoppelte sich der Umsatz der Bertelsmann AG. Allerdings verzeichnete Middelhoff auch einige Misserfolge. 2000 beteiligte sich Bertelsmann unter Middelhoffs Führung auf dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie an der Musiktauschbörse Napster, ein Deal, der ihm damals viel Kritik einbrachte. Bertelsmann verließ das Gemeinschaftsunternehmen AOL-Europe im Sommer 2000 nach der Fusion von AOL mit dem direkten Bertelsmann-Konkurrenten Time Warner und verkaufte den 50-Prozent-Anteil für 7,5 Milliarden Euro – der höchste Verkaufserlös, der bis dahin in der Geschichte des Internets erzielt worden war. Middelhoff verließ im Rahmen der Trennung auch den Aufsichtsrat von AOL. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase kam es zu ersten Turbulenzen. Das nur mäßig erfolgreiche deutsche Portal von Bertelsmann Online wurde 2002 an buch.de verkauft.

Entlassung Die Trennung zwischen Middelhoff und Bertelsmann im Juli 2002 ging auf Differenzen über die zukünftige Strategie des Unternehmens mit Reinhard Mohn, dem „Firmenpatriarchen“ der Bertelsmann AG, zurück. Strittig war insbesondere die Frage, ob das Unternehmen an die Börse gebracht und damit neues Geld zur weiteren Expansion beschafft werden oder ob die weitere Entwicklung aus dem Cashflow finanziert werden sollte. Weitere Streitpunkte waren auch Fragen der Unternehmenskultur.Reinhard Mohn: Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers. C. Bertelsmann Verlag, 2003. Reinhard Mohn: Die Unperson – Abrechnung mit Middelhoff. In: Manager Magazin vom 12. Februar 2003; abgerufen am 10. März 2026. Middelhoff erhielt 25 Millionen Euro Abfindung.spiegel.de: Hohe Abfindungen für Manager: Die Abkassierer.sueddeutsche.de: Millionen zum Abschied.

Im Sommer 2003 wechselte Middelhoff zum Finanzinvestor Investcorp, einer in London ansässigen Private-Equity-Beteiligungsgesellschaft. Er war dort verantwortlich für europäische Unternehmensbeteiligungen.

Stiftung Mit Umstrukturierung der Führung der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2000 zog Middelhoff in das Kuratorium ein. Er gehörte dem Gremium bis Mitte 2002 an.

KarstadtQuelle/Arcandor Als Vertrauter von Madeleine Schickedanz wurde Thomas Middelhoff im Juni 2004 zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der KarstadtQuelle AG bestellt und übernahm im Mai 2005 den Posten des Vorstandsvorsitzenden (Liste hier).

Restrukturierungen Middelhoff setzte die Umbenennung KarstadtQuelle in Arcandor durch und teilte das operative Geschäft in die drei Kernbereiche Warenhaus (Karstadt), Versandhandel (Primondo) und Touristik (Thomas Cook). Der Umsatz stieg durch den Ausbau des Touristikgeschäfts 2007 auf 21 Milliarden Euro und das Eigenkapital wuchs. Bis Ende 2008 sollte der Sanierungsprozess des Unternehmens abgeschlossen sein. Kritiker bemängelten, dass dies nur durch einen milliardenschweren Verkauf der Warenhausimmobilien an das Goldman-Sachs-Immobilienunternehmen Whitehall und ein von der Deutsche-Bank-Immobilientochter RREEF geführtes Konsortium erreicht worden sei. Karstadt war nach dem Verkauf nur noch Mieter der Warenhäuser und musste seitdem deutlich mehr für die Nutzung der Immobilien zahlen.Verkauf der Karstadt-Immobilien steht. handelsblatt.com. Die monatlichen Mietzahlungen betrugen ca. 23 Millionen Euro, die an ein Konsortium aus der Investmentbank Goldman Sachs, der Deutschen Bank, der Immobiliensparte des italienischen Reifenherstellers Pirelli und der Generali-Versicherung sowie an den Oppenheim-Esch-Fonds gingen.Karstadt-Filialen. Arcandor stellt Mietzahlungen ein. In: Manager Magazin, 6. Juni 2009. Eigentümer nahezu sämtlicher Häuser war seit 2006 die Immobiliengesellschaft Highstreet. Die Laufzeiten der Mietverträge betrugen 15 Jahre, die gesamten, jährlichen Mietzahlungen etwa 280 Millionen Euro.Warenhaus-Krise. Arcandor zahlt keine Miete mehr. Zeit online, 6. Juni 2009. Seit 2007 war Middelhoff auch Chairman of the Board (Aufsichtsratsvorsitzender) der Thomas Cook Group, des weltweit zweitgrößten Touristikunternehmens, an dem die Arcandor 52 % der Anteile hielt.

Im November 2007 veräußerte Arcandor ohne Gegenleistung 51 % des unprofitablen Online-Versandhauses Neckermann an den US-amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners. In: Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2007. Neckermann sollte später an die Börse gebracht werden, was allerdings nie geschah. Die übrigen 49 Prozent der Anteile an Neckermann, die Arcandor zunächst behielt, wurden im Oktober 2010 ebenfalls von Sun Capital Partners übernommen, die damit Alleinaktionär von Neckermann wurde.

Krise und Insolvenz Der Aktienkurs der Arcandor sank im Verlauf der Amtszeit Middelhoffs von ca. 10 Euro pro Aktie (Mai 2005) auf 1,30 Euro (Februar 2009). Am 1. März 2009 wurde Middelhoff in seiner Position als Vorstandsvorsitzender der Arcandor und der Thomas Cook Group von Karl-Gerhard Eick, dem ehemaligen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom, abgelöst. Schon bei seinem Amtsantritt sprach Eick von einer Krise des Konzerns; im Mai 2009 musste Arcandor um staatliche Bürgschaften und Kredite bitten.Ohne Staatshilfe steht Arcandor vor dem Aus. In: Die Zeit, 24. Mai 2009. Am 9. Juni 2009 beantragte Arcandor in Essen die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Am selben Tag wurde bekannt, dass die zuständige Staatsanwaltschaft ein vorläufiges Ermittlungsverfahren wegen Middelhoffs persönlicher Beteiligung am Oppenheim-Esch-Fonds eingeleitet hat.

Nach Arcandor Im Februar 2009 gründete Middelhoff mit Roland Berger und Florian Lahnstein (dem Sohn des ehemaligen Bundesfinanz- und Bundeswirtschaftsministers Manfred Lahnstein) in London die Investmentgesellschaft BLM (Berger Lahnstein Middelhoff & Partners LLP); Middelhoff wurde deren Vorsitzender. Für den Aufsichtsrat wurden prominente Mitglieder wie Wolfgang Clement, Manfred Lahnstein und Mark Wössner gewonnen. BLM ist aus dem Akquisitionszweckunternehmen Germany1 hervorgegangen,Germany1. Für Middelhoff wird es ernst. In: Manager Magazin 21. Juli 2008.Private Equity. Börsenhülle mit Berger und Middelhoff, Manager Magazin, 30. Juni 2008.Marktplatz. Middelhoff sucht noch Schnäppchen. In: FocusMoneyOnline, 12. Januar 2009. das bereits im Juli 2008 gegründet wurde mit dem „Ziel der Übernahme von einem oder mehreren operativen Unternehmen mit einem Wert von bis zu 3,0 Mrd. in Deutschland, Österreich oder der Schweiz“.LifeID 52241. LifePR, 30. Juni 2008; abgerufen am 4. März 2010. Im September 2009 übernahm die Germany1 die Mehrheit an dem Hersteller von Stromversorgungsgeräten AEG Power Solutions. Zum Sommer 2010 wurde Germany1 in 3W Power Holdings umbenannt, der Firmensitz von der britischen Steueroase Guernsey nach Luxemburg verlagert und Middelhoff in den Verwaltungsrat gewählt.Aus Germany1 wird 3W Power. In: Börsen-Zeitung, 17. Februar 2010, S. 10; abgerufen am 4. März 2010. 2010 wurde dieses Unternehmen in zwei rechtlich und wirtschaftlich selbständige Unternehmen aufgespaltet: Pulse Capital Partners LLC in New York mit Thomas Middelhoff als Managing Partner sowie RiverRock European Capital Partners LLP in London. Pulse Capital Partners übernahm die Hedge-Fonds-Aktivitäten der Berger Lahnstein Middelhoff & Partners. Die offizielle Geschäftsaufnahme war März 2011. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Beratung von Investoren bei der Hedge-Fonds-Auswahl und Portfolio-Strukturierung. (PDF; 151 kB) Pressemitteilung.Middelhoff-Hedgefonds. In: Die Zeit, Nr. 17/2011. Middelhoff war einer von drei Managing Partnern. 2013 gab Middelhoff bekannt, er habe eine neue Funktion als Vorstand und Teilhaber des Medienunternehmens BT Capital in Hongkong übernommen.Middelhoff feiert Comeback als Medienboss in China. welt.de, 22. Juli 2013; abgerufen am 23. Juli 2013.

Juristische Auseinandersetzungen nach der Insolvenz von Arcandor Untreue und Steuerhinterziehung