miniatur|hochkant|Ruprecht Polenz (2012) Ruprecht Rolf Gotthelf Polenz (* 26. Mai 1946 in Denkwitz bei Großpostwitz) ist ein deutscher Politiker (CDU). Er ist seit 2013 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.Ruprecht Polenz im Gespräch mit Tobias Armbrüster. Deutschlandfunk
Von 1994 bis 2013 war Polenz Mitglied des Deutschen Bundestages und ab 2005 Vorsitzender des dortigen Auswärtigen Ausschusses. Von April bis November 2000 war er Generalsekretär der CDU. Seit dem 4. November 2015 ist er offizieller Vertreter der Bundesregierung im Dialog um den Völkermord an den Herero und Nama mit Namibia. Ab 2017 galt er zeitweise als ein bekannter Vertreter der Union der Mitte, der er inzwischen aber nach eigener Aussage nicht mehr angehört. Stattdessen schloss er sich der Klimaunion an.Neugründung der liberalen Gruppierung: Frühere Unterstützer der „Union der Mitte“ gehen auf Distanz, RP Online vom 4. Mai 2021; Zugriff am 20. September 2023.
Leben Ruprecht Polenz verbrachte die ersten sechs Jahre seiner Kindheit nahe der sächsischen Stadt Bautzen. Da seine Eltern nicht wollten, dass er in der DDR eingeschult und der ideologischen Indoktrination der SED ausgesetzt wird, flüchtete die Familie 1952 in den Westen und zog nach Hafenlohr in Unterfranken. Nach dem Abitur 1966 war Polenz zunächst Zeitsoldat und Reserveoffizieranwärter beim Fernmeldebataillon 4 in Regensburg (letzter Dienstgrad: Leutnant d. R.). Als Motiv gab er seine Überzeugung an, dass Krieg nur durch Abschreckung vermeidbar sei. Anschließend absolvierte er dann ab 1968 ein Studium der Rechtswissenschaft als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung an der Universität Münster, das er 1973 mit dem ersten juristischen Staatsexamen beendete. Nach dem Referendariat legte er 1976 auch das zweite Staatsexamen ab und arbeitete von 1977 bis 1980 als wissenschaftlicher Assistent von Paul Kirchhof am Institut für Steuerrecht der Universität Münster.
1980 wechselte er als Leiter der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an die Industrie- und Handelskammer Münster, deren Geschäftsführer er dann 1984 wurde. Von 1994 bis Oktober 2013 war er in dieser Funktion für die Dauer seiner Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag beurlaubt.
Ruprecht Polenz war von 1996 bis 2006 Präsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. 2014 erhielt er in der Katholischen Akademie Schwerte den „Preis für Dialog, Verständigung und Versöhnung“. Die Laudatio hielt Rupert Neudeck. Seit 2014 ist Polenz der Dekan des Global Diplomacy Labs (GDL). Polenz ist auch Mitglied des Zentrums Liberale Moderne.
Polenz ist verheiratet und hat vier Kinder.
Partei Während des Studiums engagierte sich Polenz ab 1968 im Ring Christlich-Demokratischer Studenten, dessen Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen er 1973 war. Im Jahre 1969 wurde er in den AStA der Uni Münster gewählt. Von 1974 bis 1980 gehörte er dem Landesvorstand der Jungen Union Nordrhein-Westfalen an. Von 1995 bis 2003 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Münster, seit dem 18. Januar 2014 ist Polenz Ehrenvorsitzender der CDU Münster. Für die CDU war er außerdem von Juni 2000 bis Juli 2016 Mitglied des ZDF-Fernsehrates, dessen Vorsitz er ab 2002 innehatte.
Generalsekretär Vom 10. April bis zum 20. November 2000 war er unter der Parteivorsitzenden Angela Merkel Generalsekretär der CDU. Er wurde mit 88 % gewählt. In der Union wurde er für mangelnde Kampagnenfähigkeit kritisiert, CSU-Politiker Günther Beckstein beklagte einen „Harmonieterror“ in der CDU. Polenz reagierte auf die Kritik unter anderem mit einer Kampagne gegen die von der rot-grünen Regierung eingeführte Ökosteuer. Er demonstrierte auf dem Berliner Alexanderplatz mit einem Tretroller und einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift „Weg mit dieser K.-o.-Steuer“.
Nach einem halben Jahr erklärte er überraschend seinen Rücktritt. FDP-Chef Guido Westerwelle bezeichnete den Rücktritt als „Bauernopfer“ Merkels. Die Journalistin Bettina Gaus spekulierte in der taz, dass Merkel den als liberal geltenden Polenz geopfert habe, nachdem Fraktionschef Friedrich Merz mit seinen konservativen Positionen zu Leitkultur und Migrationspolitik starken Zuspruch erfahren hatte.
Abgeordneter Von 1975 bis 1994 gehörte Polenz dem Rat der Stadt Münster an. Er zog erstmals nach der Bundestagswahl 1994 in den Bundestag ein, und zwar als direkt gewählter Abgeordneter (MdB) des Wahlkreises Münster. Bei der Bundestagswahl 1998 wurde er dort wiedergewählt. Nach den Bundestagswahlen 2002 und 2005 zog er über die Landesliste der CDU NRW in den Bundestag ein. Bei der Bundestagswahl 2009 gewann er erneut das Direktmandat im Wahlkreis Münster. Im Januar 2012 kündigte Polenz an, nach 19 Jahren als Bundestagsabgeordneter bei der Bundestagswahl am 22. September 2013 nicht mehr zu kandidieren., Münstersche Zeitung, von Jörg Gierse, 5. Juli 2012 Polenz war von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. In seiner Zeit als MdB gehörte er zu den aktivsten Bundestagsabgeordneten auf der Internet-Plattform Facebook mit tausenden von Facebook-Freunden. Er veröffentlichte zahlreiche politische Statements auf seiner Facebook-Pinnwand., Der Westen, 27. Februar 2012CDU-Politiker verabschiedet sich aus sozialem Netzwerk: Polenz ist bei Facebook „dann mal weg“. Westfälische Nachrichten vom 25. September 2013. Polenz war 2019 laut dem Magazin Focus der reichweitenstärkste deutsche Politiker auf Twitter. Seine Tweets seien im ausgewerteten Zeitraum von neun Monaten mehr als 900.000 Mal geteilt oder favorisiert worden. Eine größere Reichweite habe kein anderer deutscher Politiker gehabt. Auf Twitter wurde er wiederholt dafür kritisiert, nur Teaser zu kommentieren, nicht aber verlinkte Artikel. Für diese Praxis wurde das von seinem Namen abgeleitete Verb „polenzen“ geprägt. Polenz erwiderte auf die Kritik, wer einen Text teile, müsse davon ausgehen, dass die Menschen nur den Teaser lesen, und mit den Reaktionen leben.
Während seiner Jahre als MdB war Polenz von 1994 bis 1998 Mitglied einer Regierungsfraktion (schwarz-gelbe Koalition Kabinett Kohl V) und von 1998 bis 2005 in der Opposition (rot-grüne Kabinette Schröder I und Schröder II). Angela Merkel (CDU) regierte von 2005 bis 2009 mit einer schwarz-roten Koalition (Groko) und von 2009 bis 2013 mit einer schwarz-gelben Koalition.
Politische Positionen In der Außenpolitik lag ein Schwerpunkt Polenz’ auf islamischen Ländern wie der Türkei und dem Iran. Als Iran-Berichterstatter der Unionsfraktion forderte er, der Iran müsse auf Massenvernichtungswaffen verzichten, die Menschenrechte respektieren und von terroristischen Aktionen im Ausland ablassen. 1997 plädierte er für eine vorsichtige Öffnungspolitik, um die Reformpolitik des Landes zu unterstützen. 2008 verurteilte er die Annexion der georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien durch Russland und befürwortete die Sanktionen infolge der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien regte er 2012 an, Kontingente syrischer Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen sowie den syrischen Präsidenten Assad vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu stellen. In seinem Buch „Besser für beide. Die Türkei gehört in die EU“ warb Polenz für einen EU-Beitritt der Türkei, sofern diese die EU-Beitrittskriterien erfülle. Kölner Stadt-Anzeiger, 29. März 2010
Im September 2011 sprach sich Polenz für die Beobachtung des islamfeindlichen Blogs Politically Incorrect durch den Verfassungsschutz aus.„Politically Incorrect“ flirtet mit der Union, Berliner Zeitung, 16. September 2011 In einem vielbeachteten, offenen Brief wandte sich Polenz an Rezo nach dessen Video „Die Zerstörung der CDU“. Der Politiker gab dem YouTuber darin weitgehend Recht, was Rezos Positionen zum Klimaschutz angeht und den Umgang der CDU mit jungen Wählern, insbesondere bezüglich der Fridays-for-Future-Demonstranten. Die AfD bezeichnete er wiederholt als rechtsradikal, rechtsextremistisch und faschistisch.
Als einer der ersten CDU-Bundestagsabgeordneten sprach sich Polenz für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes in deutscher Sprache aus.
Vereinstätigkeit Polenz ist Vorsitzender der christlich-muslimischen Friedensinitiative e. V. 29. November 2007 und Kuratoriumsmitglied der Christlich-Islamischen Gesellschaft sowie stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums von Aktion Deutschland Hilft e. V., dem Bündnis der Hilfsorganisationen. Außerdem ist er erster Vorsitzender der THW-Helfervereinigung Münster e. V. und Mitglied im Beirat der Atlantischen Initiative. Seit 2013 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.
Im Jahr 2002 nahm Polenz an der Bilderberger-Konferenz in Chantilly teil.
Auszeichnungen 2012: INTEGRA des International Business Club (IBC) Gelsenkirchen aus.INTEGRA Award | IBC - International Business Club e. V. Abgerufen am 4. November 2019. 2020: Goldener BloggerGoldener Blogger: Preise für Polenz, Tagesschau und Groschenphilosophin, deutschlandfunkkultur.de vom 10. März 2020, abgerufen am 11. März 2020. 2026: Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland
Veröffentlichungen Besser für beide. Die Türkei gehört in die EU. Ein Standpunkt. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2010, ISBN 978-3-89684-141-4. , Telepolis, heise online, September 2014, Ruprecht Polenz im Gespräch mit Manuel Schumann Tu was!: Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie. C.H.Beck, München 2024, ISBN 978-3-40682398-5. Wer bestimmt auf unserem Hof?, Coppenrath, Münster 2025, ISBN 978-3-649-64972-4 Oliver Dürkop (Hrsg.): Ruprecht Polenz – Demokrat, Diplomat und Netzwerker. Im Gespräch mit Oliver Dürkop. winterwork Verlag, Borsdorf 2026, ISBN 978-398913-283-2. Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können. C.H.Beck, München 2026, ISBN 978-3-406-84611-3.
Siehe auch Geschichte Deutschlands seit 1990 13. Deutscher Bundestag 14. Deutscher Bundestag 15. Deutscher Bundestag 16. Deutscher Bundestag
Weblinks
Website von Ruprecht Polenz, seit 2013 nicht mehr aktualisiert Ruprecht Polenz auf Mastodon
WDR 5 (Westdeutscher Rundfunk) Erlebte Geschichten. Menschen erinnern sich vom 22. Februar 2022
Einzelnachweise
Kategorie:Mitglied des Auswärtigen Ausschusses (Deutscher Bundestag) Kategorie:Person (Industrie- und Handelskammer) Kategorie:Verbandsfunktionär (Deutschland) Kategorie:Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung Kategorie:Generalsekretär der CDU Kategorie:Bundestagsabgeordneter (Nordrhein-Westfalen) Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande Kategorie:Person (christlich-islamischer Dialog) Kategorie:RCDS-Funktionär Kategorie:DDR-Flüchtling Kategorie:Person (Münster) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1946 Kategorie:Mann