mini|alternativtext=Porträt Goldmans mit Zwicker und Hut.|Emma Goldman (1910) mini|hochkant|klasse=skin-invert-image|Emma Goldmans Signatur
Emma Goldman (geboren am in Kowno, Gouvernement Kowno, Russisches Kaiserreich; gestorben am 14. Mai 1940 in Toronto, Kanada) war eine US-amerikanische Anarchistin, Friedensaktivistin, Antimilitaristin, Atheistin und feministische Theoretikerin.
Goldman spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer anarchistischen politischen Philosophie in den USA und in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie emigrierte im Alter von 17 Jahren in die USA und wurde später nach Russland deportiert, wo sie Zeugin der Auswirkungen der Russischen Revolution von 1917 wurde. Sie verbrachte einige Jahre in Südfrankreich, wo sie ihre Autobiographie Gelebtes Leben und andere Werke verfasste, ehe sie 1936 am Spanischen Bürgerkrieg als Vertretung der Londoner Sektion der Federación Anarquista Ibérica teilnahm. Sie gilt als herausragende Figur sowohl des amerikanischen Anarchismus als auch der frühen amerikanischen Friedensbewegung. Ihre Schriften beschäftigen sich mit einer Vielzahl von Themen, darunter Gefängnissen, Atheismus, Redefreiheit, Militarismus, Kapitalismus, Ehe, Freie Liebe und Homosexualität. Sie fand neue Wege, die Geschlechterfrage in den Anarchismus zu integrieren.
Leben Frühe Jahre mini|hochkant|Emma Goldman, 1886 Emma Goldman, Tochter eines jüdischen Theaterdirektors, wuchs zunächst in Kowno im Russischen Kaiserreich (heute Kaunas, Litauen) auf. Sie hatte zwei Halbschwestern, Helena und Lena, und zwei jüngere Brüder, Herman und Morris. Vom siebten Lebensjahr an lebte sie bei ihrer Großmutter im ostpreußischen Königsberg, wo sie die Realschule besuchte. In der Zeit der politischen Unterdrückung nach dem Attentat auf Zar Alexander II. zog sie im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie nach Sankt Petersburg. Dort arbeitete sie in einer Fabrik als Korsettmacherin und kam in Kontakt mit revolutionären Ideen und mit Arbeiten revolutionärer Anarchisten einschließlich der Geschichte der politischen Attentate im zaristischen Russland. Goldman kam an eine Kopie von Nikolai Tschernyschewskis Schrift Was tun?, welche den Grundstein für ihre eigenen anarchistischen Ideen und ihre unabhängige Einstellung bildete.
Auswanderung nach Amerika Mit 17 Jahren emigrierte Emma Goldman mit ihrer älteren Schwester Helene (geboren 1860) nach Rochester, New York, um bei ihrer Schwester Lena (geboren 1862) zu leben. Dort arbeitete sie einige Jahre in einer Textilfabrik und heiratete 1887 ihren Arbeitskollegen Jacob Kershner, wodurch sie die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.
Die Hinrichtung von vier Anarchisten nach der Haymarket-Affäre (1886) politisierte die junge Emma Goldman im Alter von 20 Jahren und trieb sie zur anarchistischen Bewegung.Anne-Kathrin Krug: Das Wie und das Ob. Zum 150. Geburtstag der amerikanischen Anarchistin Emma Goldman, an die sich die Linke zu selten erinnert. In: Neues Deutschland, 22./23. Juni 2019, S. 18.
Nachdem sich der Aufruhr im Zuge der Hinrichtung gelegt hatte, verließ Goldman Mann und Familie und reiste zunächst nach New Haven, Connecticut, und dann nach New York. Goldman und Kershner ließen sich scheiden. Inspiriert von den feurigen Reden des Johann Most und von den Rufen nach einem gewalttätigen Kampf nach dem Haymarket Riot wurde Goldman von der Notwendigkeit des Attentates überzeugt. Das hieß die Anwendung gezielter Gewalt, einschließlich der Ermordung politisch wichtiger Persönlichkeiten als ein notwendiges Instrument, um politischen und sozialen Wandel herbeizuführen, im Sinne der anarchistischen Propaganda der Tat.
New York und der Homestead-Streik
In New York traf Goldman ihren späteren zeitweiligen Lebenspartner und lebenslangen Freund Alexander Berkman, eine damals herausragende Gestalt der US-amerikanischen Anarchisten, mit dem sie bis zu seinem Tod 1936 zusammen blieb. Unter dem Einfluss von anarchistischen Schriftstellern wie Johann Most gelangten die beiden zu der Überzeugung, dass die direkte Aktion, einschließlich der Anwendung von Gewalt, als „Propaganda der Tat“ für den revolutionären Wandel notwendig war.
Goldman und Berkman waren über den Homestead-Streik sehr erregt, bei dem Streikende 1892 das Werk der Carnegie Steel Company in Homestead (Pennsylvania) besetzt und die Werksführung ausgeschlossen hatten. Als Pinkerton-Detektive die Rückeroberung der Fabrik und die Vertreibung der Streikenden versuchten, brach eine Revolte aus, die den Tod mehrerer Männer zur Folge hatte. Mit Goldmans Unterstützung entschied Berkman, die Streikenden durch die Ermordung des Werksleiters Henry Clay Frick zu unterstützen. Berkman drang in Fricks Büro ein, schoss dreimal auf ihn und stach mit einem Messer auf ihn ein. Frick überlebte, und Berkman wurde wegen Mordversuchs zu 22 Jahren Haft verurteilt, wovon er wegen einer Amnestie nur zwei Drittel zu verbüßen hatte.
Wie Goldman später in ihren Memoiren bekannte, war sie sich der Absichten Berkmans völlig bewusst:
We were stunned. We saw at once that the time for our manifesto had passed. Words had lost their meaning in the face of the innocent blood spilled on the banks of the Monongahela. Intuitively each felt what was surging in the heart of the others. Sasha broke the silence. “Frick is the responsible factor in this crime,” he said; “he must be made to stand the consequences.” It was the psychological moment for an Attentat; the whole country was aroused, everybody was considering Frick the perpetrator of a cold-blooded murder. A blow aimed at Frick would re-echo in the poorest hovel, would call the attention of the whole world to the real cause behind the Homestead struggle. It would also strike terror in the enemy’s ranks and make them realize that the proletariat of America had its avengers.In: History Matters: The U.S. Survey Course on the Web, aus: Emma Goldmann: Living My Life, Alfred Knopf Inc., New York 1931, 83–88
Die Behörden gingen davon aus, dass Goldman bei der Planung dieses Anschlages beteiligt war, aber Berkman und die anderen Verschwörer weigerten sich, gegen sie auszusagen; daher wurde sie nicht angeklagt. Ihre Rechtfertigung Berkmans nach dem versuchten Mord und ihre späteren Versuche, seine vorzeitige Entlassung zu erwirken, machten sie bei den Behörden sehr unbeliebt. Berkman wurde 1906 auf Bewährung entlassen.
Zunächst waren Berkman und Goldman der Meinung, den Ideen ihres Mentors Johann Most zu folgen, aber sie wurden bald von ihm enttäuscht. Diese Enttäuschung war persönlich und politisch zugleich, da sich Goldman nicht nur zunehmend durch Most bevormundet fühlte, sondern außerdem dessen antisemitische Beleidigung („arrogant Russian Jew“) gegenüber Berkman erschüttert zurückwies. Wie Goldman ferner bemerkte, predigte Most „Gewaltakte von den Dächern herunter“ und wurde zu einem der lautstärksten Kritiker Berkmans nach dem Attentat. In der Zeitschrift Freiheit griff Most Goldman und Berkman an und behauptete, sie hätten mit dem Attentat auf Frick Sympathien für diesen erregen wollen. Die Historikerin Alice Wexler meint, dass Eifersucht auf Berkman oder eine gewandelte Auffassung zur Nützlichkeit politischer Anschläge hinter dieser Anklage stecken könnte. Mosts Anschuldigungen machten Goldman wütend und zwar nicht wegen seiner Andeutungen, dass sie am Attentat beteiligt war, sondern wegen seiner Kritik an dessen Nutzen und dass es Sympathie für Frick erregen sollte. Sie verlangte von Most, dass er seine Aussagen widerrufe oder diese beweise, was dieser verweigerte. Daraufhin brachte Goldman eine Peitsche zu seinem nächsten Vortrag mit. Als Most ablehnte, mit ihr zu sprechen, schlug sie ihm damit ins Gesicht, brach sie übers Knie und warf die Stücke nach ihm. Später bedauerte sie diesen Angriff, als sie sich einem Freund anvertraute: „Im Alter von 23 argumentiert man nicht.“
1893 freundete sich Goldman mit Hippolyte Havel an und begann, weite Reisen zu unternehmen, auf denen sie Reden für die libertäre sozialistische Bewegung hielt, oft finanziert vom IWW.
Gefängnis Im Jahre 1893 wurde Goldman wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ zu einem Jahr im Roosevelt-Island-Gefängnis verurteilt. Sie hatte öffentlich Arbeitslose dazu aufgefordert, nach Arbeit zu verlangen. Wenn man ihnen keine Arbeit gebe, sollten sie nach Brot verlangen. Wenn sie weder Arbeit noch Brot erhielten, sollten sie das Brot nehmen. Bei dieser Aussage handelt es sich um eine Zusammenfassung des Prinzips der Enteignung, wie es vom Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vertreten wurde. Ihre Verurteilung erfolgte trotz der Aussage von 12 Zeugen zu ihren Gunsten. Das Urteil der Jury beruhte einzig auf der Aussage eines Kriminalbeamten Jacobs. Während ihres Jahres im Gefängnis las Goldman von Justus Schwab zugesandte und aus der Gefängnisbibliothek entliehene Bücher (u. a. von Walt Whitman, Emerson, Thoreau und anderen englischsprachigen Autoren) und entwickelte ein großes Interesse an Krankenbetreuung, das sie später in den Wohnquartieren an der Lower East Side zur Anwendung brachte.
Attentat auf Präsident McKinley mini|alternativtext=Zeitungsseite mit der Überschrift „Czolgosz the anarchist who attempted to kill the chief executive confesses to police that murderous assault is result of conspiracy, Emma Goldman, arrested in Chicago, being the only accomplice“. In der Mitte eine düstere Zeichnung mit großem Porträt Goldmans.|Sensationalistische Berichterstattung über Goldmans vermeintliche Beteiligung am Attentat Der Anarchist Leon Czolgosz erschoss am 6. September 1901 den amerikanischen Präsidenten William McKinley, als dieser seine Hand schütteln wollte. Czolgosz und neun weitere Anarchisten, einschließlich Abe und Mary Isaak, wurden verhaftet. Goldman hatte Czolgosz einige Wochen zuvor kurz getroffen, als er sie um Rat für einen Studienvortrag über anarchistische Ideen fragte. Die Ermordung McKinleys und der sich schnell ausbreitende Gebrauch von Gewalt durch andere eingewanderte Anarchisten befleckten die Ziele des Anarchismus und brachten ihn in der öffentlichen Auffassung in Misskredit. Folglich suchten sich soziale und politische Bewegungen, wie z. B. die Arbeiterbewegung, für die sich die Anarchisten starkgemacht hatten, von ihnen zu distanzieren. Goldman wurde am 24. September wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem es den Behörden nicht gelungen war, sie und andere in direkten Zusammenhang mit dem Attentat zu bringen. Leon Czolgosz wurde verurteilt und hingerichtet.
Die Goldman-Biographin Candace Falk spekuliert, dass Goldman 1903 einen Sohn geboren haben könnte, der aber bei einer befreundeten Familie aufgewachsen sei und dessen Existenz Goldman verheimlicht habe.
Zeitschrift Mother Earth mini|hochkant|Emma Goldman sitzend, um 1911 Im Jahre 1906 veröffentlichte Goldman zusammen mit Berkman die Monatszeitschrift Mother Earth („Mutter Erde“), die sich mit dem Tagesgeschehen aus dem anarchafeministischen Blickwinkel befasste. Sie druckten darin Aufsätze u. a. von Friedrich Nietzsche und dem christlichen Anarchisten Leo Tolstoi, die beide wesentlichen Einfluss auf ihr Denken hatten. Über Nietzsche meinte Goldman: „Nietzsche war kein Sozialtheoretiker, sondern ein Dichter, ein Rebell und Neuerer. Seine hohe Klasse entsprang nicht seiner Geburt oder seinem Geldbeutel, sondern seinem Geiste. In dieser Hinsicht war Nietzsche ein Anarchist und alle wahren Anarchisten waren Aristokraten“ (Gelebtes Leben, 1931).
Mit ihrer fortwährenden Propagierung anarchistischer und radikaler Ziele zog Goldman mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Bundesbehörden auf sich. 1908 wurde ihre US-Staatsbürgerschaft widerrufen.