Der englische Begriff „von der Küste bzw. aus dem Land bringen“ – deutsch AuslandsverlagerungEuropäische Kommission: Computer sowie elektronische und optische Produkte – Umfassende Sektoranalyse der neuen Kompetenzen und der wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb der Europäischen Union – Zusammenfassung, 2009, S. 8. (PDF; 1,2 MB)Arbeitsförderungsinstitut AFI-IPL: , 2008, S. 7, (PDF; 471 kB) – bezeichnet eine Form der Verlagerung unternehmerischer Funktionen und Prozesse ins Ausland. Unterschieden werden Farshoring (Verlagerung in weiter entfernt liegende Länder) und Nearshoring. Offshoring ist das Gegenteil von Onshoring.„zurückholen, an oder ins Land ziehen“
Allgemeines Auslöser für eine Offshoring-Entscheidung sind in der Regel die im Ausland günstigeren politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere bei den Arbeitskosten, Abgaben, Umweltstandards oder Energiekosten. Man spricht auch von den sogenannten Standortbedingungen. Der Begriff „Offshoring“ hat in Europa und anderen Teilen der westlichen Welt insbesondere aufgrund der Problematik von Arbeitsplatzverlagerungen in osteuropäische sowie asiatische Länder eine negative Deutung erhalten. Dieses Thema ist auch im Kontext der Deindustrialisierung relevant.
Aus Sicht der Industrie oder eines Unternehmens gibt es verschiedene Gründe für eine Gründung oder Auslagerung in anderen Ländern, z. B. die Steuerpolitik, die Wirtschaftspolitik bzw. Industriepolitik. In diesem Kontext spielen die sogenannte Fertigungsdienstleister eine signifikante Rolle, da sie einheimischen Unternehmen die Möglichkeit der Produktion im Ausland anbieten bzw. diese teilweise vollständig ausüben. Der Schutz des geistigen Eigentums (vgl. Patentrecht) ist dabei eine weitere kritische Größe, sowie die Lieferketten und Zulieferindustrie.
Neben multinationalen Konzernen und großen Firmen nutzen auch mittelgroße Unternehmen Offshoring. Der Umfang der ausgelagerten Tätigkeiten oder Funktionen geht von einzelnen Teilen bis hin zu vollständigen Abteilungen und Betriebsstandorten. Man unterscheidet jedoch, ob die eine Dienstleistung bzw. Produktion ausgelagert wird, oder das Unternehmen im Ausland eine eigene (als Besitzer oder Anteilseigner) Niederlassung mit günstigen bzw. geeigneten Bedingungen betreibt. Oft werden nur bestimmte Aktivitäten oder Tätigkeiten im Zuge eines Outsourcing ausgelagert. Typischerweise versuchen die Auftraggeber, d. h. Unternehmen die auslagern, ihre sogenannte Kernkompetenz zu behalten und zu stärken.
Die Offshoring-Standorte befinden sich häufig in sogenannten Schwellenländern oder Drittstaaten mit vergleichsweise niedrigem Lohnniveau (auch Niedriglohnländer genannt). Deutsche Unternehmen verlagern hauptsächlich nach Osteuropa und Asien (vgl. auch die Tiger-Staaten); nicht unbeachtlich ist aber auch das Outsourcing in Länder innerhalb oder außerhalb der EU bzw. des EEA.
Eine andere Form des Offshoring ist die Gründung und Versteuerung in Ländern mit niedrigen oder attraktiven Steuersätzen für Unternehmen (beispielsweise die Staaten oder Länder Delaware, Dubai, Luxemburg oder Schweiz). Diese in der Umgangssprache als Briefkastenfirma bezeichnete Form ist nach dem Steuerrecht eine Funktionsverlagerung. Mit solchen Problemen befasst sich das OECD-Programm Gewinnverkürzung und Gewinnverlagerung (BEPS).
Geschichte Eines der ersten Länder, in dem Offshoring betrieben wurde, war Brasilien im Bereich der Automobilindustrie. Foto Quelle und Photo Porst brachten in den 1960er Jahren durch Kooperation Billigangebote von Kameras aus der DDR auf den westdeutschen Markt. Die Verlagerung der Leistungserbringung trat seitdem in größerem Umfang bei der Industrie auf, die ihre Produktion an meist asiatische Auftragsfertiger auslagerte, und begann mit technologisch leicht herzustellenden Produkten. Nach der Erweiterung der EU ergaben sich neue Möglichkeiten. Grenzüberschreitende Dienstleistungen gibt es seit 2007 zunehmend durch Handwerksbetriebe aus Polen.Leitfaden der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) – Region Ostbrandenburg, PDF (2,1 MB)
Das Thema Offshoring bekam in engem Zusammenhang mit der Globalisierung und Expansion der weltweiten Logistik, der neuen Wirtschaft ab den 1990er Jahren und anderen Entwicklungen, beispielsweise der digitalen RevolutionIT-Auslagerungen sind im Trend. netwoche.ch, 13. Oktober 2014 und durch übergeordnete Handelsabkommen wie Freihandelsabkommen eine zunehmende Bedeutung.
Die Situation des Auslagerns verschärft sich ab den 2010er Jahren, da nicht nur die Produktion verlagert wurde, sondern auch hochqualifizierte oder -bezahlte Positionen, wie sie in der Forschung und Entwicklung (F&E) zu finden sind, in den Bereich des Offshoring fallen.
Abgrenzungen und Definitionen Der Begriff Offshoring lässt sich in Abgrenzung zu den Begriffen Insourcing/Outsourcing, Onshoring oder Reshoring unterschiedlich definieren.
Offshoring vs. Insourcing/Outsourcing Offshoring bezeichnet die geographische Verlagerung unternehmerischer Funktionen, während Insourcing/Outsourcing eine organisatorische Verlagerung bezeichnet. Die Verlagerung unternehmerischer Funktionen ins Ausland kann innerhalb eines Unternehmens stattfinden (sogenanntes internes oder captive Offshoring, auch Insourcing zu einer ausländischen Einheit genannt Tabelle „Übersicht über Verlagerungsformen“, S. 34.) oder die Funktionen können an ein unabhängiges Unternehmen im Ausland ausgelagert werden (sogenanntes Offshore Outsourcing, auch Outsourcing zu einer ausländischen Einheit genannt). Neben diesen beiden reinen Offshoringformen gibt es eine Bandbreite von Zwischenformen wie zum Beispiel Joint Venture (JV) mit einheimischen Partnern im Ausland.
Farshoring vs. Nearshoring Oft findet sich auch eine zusätzliche geografische Eingrenzung des Begriffs Offshoring; als Farshoring werden einschränkend nur Verlagerungen in weit entfernte Länder (von Europa aus gesehen hauptsächlich Länder in Amerika oder Asien) verstanden. Davon abzugrenzen ist das Nearshoring, das Verlagern von Aufgaben und Funktionen in nahe gelegene Länder. Nearshoring wird in Europa oftmals als sinnvolle Alternative zum Farshoring betrachtet. Aus Sicht der deutschsprachigen Länder kommen hierfür insbesondere die Länder der EU-Osterweiterung infrage. Durch den Schengen-Raum werden praktisch keine Kontrollen an den Grenzen zwischen den EU-Staaten mehr durchgeführt, so dass entsprechende Unternehmensgründungen leichter möglich sind. Geringe kulturelle Abweichungen, die geographische Nähe und die minimale Zeitverschiebung sind nur einige Vorteile dieser Länder. In Sparten wie dem IT-Bereich oder der Callcenter-DienstleistungPressemeldung bei callcenterprofi.de: . wird Nearshoring hauptsächlich eingesetzt, um die Personalkosten niedrig zu halten.
Offshoring vs. Onshoring Unter Onshoring versteht man zwei Fälle,
das Auslagern von Produktion oder Dienstleistungen innerhalb des Herkunftslandes des Auftraggebers. Als Beispiel kann man eine Autofabrik heranziehen, die Türen von einem anderen Unternehmen bezieht, das sich in derselben Stadt befindet. Diesen Fall bezeichnet man jedoch als Nearshoring; die Anlagerung von nationaler Produktion statt im Ausland, d. h. die teilweise geförderte (vgl. Subventionen) oder erzwungene (vgl. Policy) Maßnahme, internationale Unternehmen im eigenen Land anzusiedeln und produzieren zu lassen.
Offshoring bezieht sich immer auf das Ausland. Onshoring bezieht sich auf das Inland, d. h. das Ansiedeln oder Zurückholen in das eigene Land.
Motive für Offshoring Die Motive für Offshoring lassen sich grob in betriebswirtschaftliche, politisch-rechtliche, technisch-logistische und steuerliche Motive unterteilen (siehe auch: Harte und weiche Standortfaktoren.). Im Einzelnen kommen hier in Betracht:Ch. Jahns, E. Hartmann, L. Bals: Offshoring: Analyse der Hintergründe und Potenziale. In: D. Specht (Hrsg.): Insourcing, Outsourcing, Offshoring: Tagungsband der Herbsttagung 2005 der wissenschaftlichen Kommission Produktionswirtschaft im VHB. DUV, Wiesbaden, 2007, S. 85–106. betriebswirtschaftliche Motive Erschließung neuer Absatzmärkte Erschließung neuer Beschaffungsmärkte Erschließung von lokalem Wissen Begrenzte Wachstumsmöglichkeiten im Inland Niedrigere Lohnkosten Niedrigere Energie- und Rohstoffpreise politisch-rechtliche Motive Handelsschranken im Ausland Local-Content-Klauseln Höhere Kosten für den Export Niedrigere Umweltstandards Geringere Arbeitnehmerrechte, niedrigere Standards beim Arbeitsschutz Kürzere/erleichterte Genehmigungsverfahren, geringere bürokratische Auflagen Infrastrukturhilfen technisch-logistische Motive Kürzere Absatzwege Kürzere Beschaffungswege geringere Transportkosten Transport nur schwer möglich Digitale Infrastruktur steuerliche Motive Niedrigere effektive Unternehmensrate Weniger umfangreiche Steuerbemessungsgrundlage Subventionen Sonderabschreibungen Sonderwirtschaftszonen Steuererleichterungen für ausländische Unternehmen / bestimmte Branchen/Rechtsformen
Branchen und Zielländer Energieintensive Unternehmen Dazu zählen Produzenten im Bereich Strom sowie die Chemieindustrie oder die Petroindustrie. So hat beispielsweise die BASF in China eine rund 10 Mrd. Euro teure Anlage in Zhanjiang eröffnet. Diese Entscheidung wurde umfangreich in den Medien diskutiert und wird sogar in der nationalen Sicherheitsstrategie 2025 der Administration Trump (ohne ein spezielles Unternehmen beim Namen zu nennen„Today, German chemical companies are building some of the world’s largest processing plants in China, using Russian gas that they cannot obtain at home.“) genannt. Dabei spielt der Taiwan-Konflikt eine übergeordnete Rolle. Es wurde in Deutschland ein Stellenabbau angekündigt. Ende 2025 wurden jedoch neue Investitionen für die Anlage bzw. das Stammwerk Ludwigshafen angekündigt.
Pharmaindustrie Diese Industrie lagert im Sinne einer Contract Manufacturing Organization (CMO) ihre Tätigkeiten aus. Es findet jedoch auch in Deutschland die Produktion von Arzeimitteln oder anderen biochemisch-pharmazeutischen Produkten einschließlich Endabfertigung statt, z. B. durch Unternehmen wie Vetter Pharma, oder Daiichi Sankyō in Pfaffenhofen oder der neue Produktionsstandort von Eli Lilly in Alzey.
Halbleiter, Software und IT In der Computerbranche oder IT-Industrie, einem historisch klassischen Industriezweig für das Auslagern, wird der Begriff „Offshoring“ oder „Outsourcing“ oftmals im Zusammenhang mit den Standorten von Servern (Rechenzentren oder Serverfarmen) oder Services (Servicecenter oder die Entwicklung von Produkten im Sinne eines Outsourcing) verwendet. Dabei beruht die Entscheidung für diese Verlagerung meist auf einer bestimmten Rechtslage oder Politik oder Personalfragen eines Staates, die das eigene Vorhaben begünstigt.
Im Bereich der Software-Entwicklung sind die Transportkosten extrem gering, und Ergebnisse können theoretisch in kürzester Zeit über das Internet verschickt werden. In diesem Bereich werden vielfach Tätigkeiten der Programmierung und Wartung, aber auch das Projektmanagement ins Ausland verlagert.
Ein häufig genanntes Beispiel für das Offshoring ist die Auslagerung der IT-Tätigkeiten nach Indien, wo in Metropolen wie Bengaluru u. a. zahlreiche Anbieter von IT- oder Entwicklungsdienstleistungen (z. B. Covansys, Infosys, Wipro Technologies, Tata Consultancy Services (TCS), NIIT Technologies), aber auch Töchter von US-amerikanischen (unter anderem IBM und Microsoft) und europäischen Unternehmen (unter anderem SAP und Siemens) angesiedelt sind.