mini|Falkner des Bayerischen Jagdverbands mit Steinadler mini|Wappen von Gennach: Falke mit Kappe sitzt auf behandschuhter Hand

Falknerei oder jägersprachlich Beizjagd, abgekürzt auch Beize, nennt man das Trainieren von sowie die Jagd mit Greifvögeln und Falkenartigen – z. B. Wanderfalken, aber auch Habichte, Sperber, Adler, u. Ä. – auf frei lebendes Wild. Beutetiere bei der Beizjagd sind sowohl Feder- als auch Haarwild. Zu dem Training gehört neben der eigentlichen Jagd auch Ausbildung und Pflege der jeweiligen Vögel zur Falknerei. Durch die UNESCO wurde die Falknerei 2010 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

mini|Falkner mit Steinadler in der Mongolei mini|Saudischer Falkner in Syrien (2009) mini|Britischer Falkner mit Steinadler bei der Jagd auf Schneehasen

Geschichte Entstehung Die Ursprünge der Beizjagd (von ‚beißen machen‘, ‚beißen lassen‘; s. a. persisch bāz, ‚Falke‘, und indogermanischFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 63 (zu beißen und beizen). *bhei-, ‚schlagen‘) liegen im Dunkel der Geschichte, wobei in der Forschung davon ausgegangen wird, dass ihre Ursprünge in Mesopotamien oder der mongolischen Steppe liegen und mindestens in die Zeit um 3000 v. Chr. zurückreichen.

Altertum Ob antike Ägypter die Beizjagd ausübten, ist unklar. In Abydos wurde eine Grabstätte mit einbalsamierten Falken entdeckt. Die Falkenmumien sind in Leinen eingewickelt und haben in großen, ovalen Tonsarkophagen gelegen, einige von ihnen mit goldverzierten Masken. Auch sind intakte Falkeneier gefunden worden. Dies kann aber auch durch die Bedeutung der Falkensymbolik in der ägyptischen Mythologie erklärt werden. Wichtige Götter des ägyptischen Pantheons wurden mit Attributen eines Falken dargestellt, so zum Beispiel die Götter Re und Horus mit Falkenkopf oder die Göttin Isis mit Falkenflügeln. Ein assyrisches Relief in den Ruinen von Khorsabad aus dem Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. zeigt möglicherweise die Falknerei, also einen Falkner mit einem Falken auf der Faust.Austen Henry Layard: Nineveh and Babylon. S. 483 im Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 3 (books.google.de) S. 5, Berlin 1971 oder Niniveh und seine Ueberreste. Leipzig 1850 ( Zeichnung bei karl-may-gesellschaft.de).

Beizvögel beziehungsweise deren Vorläufer werden wahrscheinlich in der Odyssee mit den Worten beschrieben: Johann Heinrich Voß: Odyssee XVI. Gesang, S. 217–218, 1781. Im 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnte Aristoteles dann die Falknerei bei den Thrakern und Indern.Eduard Sacken: Die K.k. Ambraser-Sammlung. Wien 1855 (books.google.de).

Zentralasien mini|Kirgisischer Falkner, 1871 Die Beizjagd wurde in einem Gebiet, das von der heutigen Türkei bis nach China reicht, intensiv gepflegt. Marco Polo, der sich im 13. Jahrhundert mutmaßlich am Hof des Kublai Khan aufhielt, berichtete, dass dieser mit 10.000 Falknern aufbrach, um in den Ebenen seines Reiches auf Wolf, Fuchs und Hase zu jagen.Johann Ernst Rudolph Kaeuffer: Geschichte von Ost-Asien. Leipzig 1860 (books.google.de). Wenn diese Zahl auch wahrscheinlich übertrieben ist, so dürfte dem Hofstaat des Mongolenherrschers tatsächlich eine sehr große Zahl von Falknern angehört haben.

Die Beize mit dem Steinadler zu Pferde ist eine Jagdart zentralasiatischer Völker. Da die Adlerweibchen größer und stärker sind als die Männchen, werden sie als Beizvögel bevorzugt. Kirgisische und kasachische Falkner bevorzugen Steinadler aus dem Südural, da sie wegen ihrer Größe auch zur Wolfsjagd verwendet werden können.

Der Steinadler packt die Wirbelsäule des Wolfes mit einem Fuß. Wenn der Wolf seinen Kopf wendet, um den Vogel zu beißen, greift der Adler mit dem anderen Fuß die Schnauze und kann so den Wolf bewegungsunfähig halten. Der Adler hält ihn so lange nieder, bis der Jäger kommt und das Tier tötet. Der Adler muss dabei sehr geschickt und schnell vorgehen, denn zu langsames oder falsches Greifen kann dazu führen, dass der Wolf den Fuß des Adlers erwischt und den Kampf für sich entscheidet. Jeder Krallenfuß des Adlers kann mit einer gehörigen Kraft zupacken und durch die Schädeldecke in den Kopf des Wolfes greifen.

Europa mini|Manessische Liederhandschrift, fol. 7r, Konradin von Hohenstaufen auf Falkenjagd, von Jagdhunden begleitet

Um 79 n. Chr. beschreibt Plinius in seiner Naturalis historia die Beizjagd bei den Thrakern,Gaius Plinius Secundus: Naturalis historia, Liber X, Kapitel 8, 79. während Römer diese offenbar noch nicht ausübten.Jakob Grimm: Geschichte der deutschen Sprache. Leipzig 1848 (books.google.de). Sie fingen noch Vögel mit Wurfhölzern, Schlagnetzen oder Leimruten.

Die Germanen wurden mit der Beizjagd während der Zeit des 2. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. wohl durch Vermittlung der Sarmaten bekannt, im Zuge der östlichen Ausdehnung der Goten. Anschließend scheint sich der Brauch auch in Gallien verbreitet zu haben. Der Sohn des römischen Kaisers Avitus, der aus Gallien stammte, soll die Falkenbeize dann in Italien eingeführt haben. Avitus pflegte gute Beziehungen zu den seit 418 als foederati in Südgallien ansässigen Westgoten und hatte deren Anführer Theoderich I. dazu gebracht, sich mit Aëtius gegen die Hunnen zu verbünden, gegen die sie 451 in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kämpften. Avitus war von 455 bis 456 selbst weströmischer Kaiser.

506 wurde die Beizjagd auf der Synode zu Agde in Gallien wieder verboten. Die Vandalen brachten sie wohl im Zuge der „Völkerwanderung“ nach Spanien und Nordafrika und machten die Völker der westlichen Mittelmeerküste Nordafrikas damit bekannt. Für das 6. Jahrhundert ist in Quedlinburg ein weiblicher ausgewachsener Habicht als Grabbeigabe gefunden worden. Dies wird als Zeugnis der Ausübung der Beizjagd bei den dortigen Stämmen angesehen.Hanns Hermann Müller und Ralf-Jürgen Prilloff: Zur Geschichte der Avifauna in Sachsen-Anhalt auf Grund subfossiler Nachweise. In: Archaeozoological studies in honour of Alfredo Riedel. S. 105, Bozen 2006 (). Sie erfreute sich im Frühmittelalter bald großer Beliebtheit unter den neuen Eliten und ist durch germanische Stammesrechte der Franken in der Lex Salica (507–511) mit Bußbestimmungen für den Diebstahl von Beizvögeln und der Lex Ripuaria (613–625), der Langobarden im Edictum Rothari (643), der Bayern in der Lex Baiuvariorum und der Burgunden in der Lex Burgundionum bezeugt.

Hochmittelalterliche Blüte mini|Friedrich II. (1194–1250) mit einem Jagdfalken (Falkenbuch)

Die Beliebtheit der Beizjagd scheint in Europa seit karolingischer Zeit stark nachgelassen zu haben, erst im Rahmen neuer östlicher Kontakte infolge der Kreuzzüge erlebte sie im HochmittelalterVgl. auch Reiner Weick: Ornithologisches bei Hartmann von Aue: Bemerkungen zur Beizjagd im „Erec“. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 7, 1989, S. 83–100. eine neue Blütezeit und entwickelte sich dabei zu einem Privileg und Statussymbol des Adels.

Die Techniken wurden durch Erfahrungsaustausch mit arabischen Falknern erheblich verfeinert. Kaiser Friedrich II., der in Sizilien leichten Zugang zum arabischen Fachwissen auf diesem Gebiet besaß, führte zum Beispiel die Falkenhaube ein, die bis dahin in Europa noch unbekannt war. Sein Falkenbuch De arte venandi cum avibus (wörtl. ‚Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen‘, später auch Über die Kunst zu beizen)Friedrich II: Von der Kunst zu Beizen. Nachwort, Neumann-Neudamm, Melsungen 1994, ISBN 3-7888-0672-9. war der erste Traktat dieser Art in der europäischen Literatur. Für Friedrich II. war die Falknerei aufgrund der dafür benötigten Kombination aus Willensstärke und Fürsorge eine ideale Vorübung für die Menschenführung. Der ideale Falkner war für ihn der ideale Herrscher. Seine Erkenntnisse konnte Friedrich II. nicht nur auf arabische Quellen, sondern auch auf jahrelange eigene Beobachtung der in seinem Buch behandelten Tiere stützen.

Vom 13.Kurt Lindner (1964), S. 97–135 (Ältere deutsche Habichtslehre) bis 15. JahrhundertKurt Lindner (1964), S. 137–229 (Beizbüchlein, entstanden um 1480) entstanden dann auch bedeutende deutschsprachige Werke zur Beizjagd.

Absolutismus In Europa hatte diese prestigeträchtige Jagdform eine neuerliche Hochphase im Absolutismus. Sie war kostspielig und erforderte eine große Anzahl an geschultem Personal. Ein großes Falknerkorps war also ein Zeichen von Reichtum und Macht.

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich die Kunst des Fangens und Abrichtens von Falken auch in Brabant. Valkenswaard lag in der Fluglinie der Wanderfalken und wurde zum wichtigsten Zentrum der Falknerei. Die Valkenswaarder Falkner boten ihre abgerichteten Vögel allen europäischen Fürstenhäusern an.

Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach unterhielt im 18. Jahrhundert auf seinem Landsitz Triesdorf bei Ansbach mit 51 Mitarbeitern eine der größten Falknereien in ganz Europa. Er beauftragte 1756 den Dekan und Rektor der Gunzenhäuser Lateinschule Johann Erhard Pacius mit der Übersetzung des Falkenbuchs Friedrichs II. unter dem Titel Von der Kunst zu beizen; dieser führte den „Befehl“ aus, musste sich jedoch für die Fachsprache der Beizjagd mit den flämischen Falknern am Hof austauschen. Nachdem der DFO 1923 die Falknerei in Deutschland wiederbelebte, wurden die Wortlisten Pacius’ teilweise übernommen. So kamen flämische Ausdrücke in die Fachsprache der modernen deutschen Falknerei.

Neuzeit Durch Landschaftsveränderungen und die Verbreitung der Flinte wurde die Falknerei zunehmend weniger ausgeübt. Im 19. Jahrhundert ging sie erheblich zurück. Seit dieser Zeit wird sie meist nebenberuflich ausgeführt.

21. Jahrhundert Seit Beginn des 21. Jahrhunderts begann man damit, unter anderem in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland große Greifvögel wie beispielsweise Steinadler oder Weißkopfseeadler dazu auszubilden, Drohnen von Hobbypiloten aus der Luft zu holen, wenn sie unerlaubt in Lufträume eindringen oder als terroristische Bedrohung wahrgenommen werden. Ob dieses Vorhaben tatsächlich erfolgreich zum Einsatz kommen wird, ist allerdings noch ungewiss.

mini|Falkner aus den Emiraten Infolge einer multinationalen Submission unter Leitung Abu Dhabis erhielt die Falknerei von der UNESCO im Jahr 2010 einen Eintrag in die weltweite Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gemäß der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, der in den Jahren 2012 (darunter Österreich) und 2016 (darunter Deutschland) um weitere unterstützende Staaten ergänzt wurde.

Beizvögel Auch wenn für Falknereischauen oft auch andere Arten zum Einsatz kommen, so wird die Jagd doch meist mit den nachfolgend genannten Arten betrieben. Grundsätzlich lassen sich die einzelnen Arten nur auf ähnliche Beute trainieren, wie sie auch in der Natur gejagt wird. So lassen sich Wanderfalken nicht auf Kaninchen oder andere Bodenbewohner trainieren, sondern nur auf fliegende Beute. Die Größe der bejagten Tiere kann in der Falknerei die Größe der natürlichen Beute jedoch weit übertreffen. So jagen Steinadler in der Natur keine Wölfe, sie werden jedoch (wie oben beschrieben) zur Jagd darauf verwendet, wobei der Adler den Wolf in der Regel nicht tötet, sondern nur bindet. Die unterschiedliche Verwendung der einzelnen Geschlechter hinsichtlich der jeweiligen bejagten Beutetiere beruht auf dem Größenunterschied (Geschlechtsdimorphismus) zwischen Männchen und Weibchen (z. B. beim Habicht oder dem Wanderfalken). mini|links|Zwei einander zugewandte Beizvögel: Batzenhofen Falkner in Deutschland dürfen nur maximal zwei Exemplare einer heimischen Art halten.

Die einzelnen Arten:

Falkenartige: Gerfalke (Falco rusticolus): Als Universaljäger auch zur Jagd auf Kaninchen verwendbar, hauptsächlich aber Flugwild wie Fasane, Rebhühner und Moorschneehühner, die auch in der Natur ihre Hauptbeute darstellen.