mini|Überblick über Palmyra (2008) mini|Palmyra von Norden her gesehen (2008) Palmyra (latinisierte Form des altgriechischen , ; ; ; ), gegenwärtig auch Tadmor genannt, ist eine antike Oasenstadt im heutigen Gouvernement Homs in Syrien. Sie liegt auf dem Gebiet der modernen Stadt Tadmor, die vor dem Syrischen Bürgerkrieg etwa 51.000 Einwohner hatte.
Die ersten archäologischen Funde stammen aus der Jungsteinzeit. Die erste schriftliche Erwähnung der Stadt selbst erfolgte in altorientalischer Zeit: Sie wurde in den Annalen mehrerer assyrischer Könige und im Alten Testament erwähnt. Palmyra war später Teil des Seleukidenreiches und erlebte seine Blütezeit nach der Annexion durch das Römische Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. Palmyra verfügte über eine gewisse Autonomie innerhalb des Römischen Reiches und wurde Teil der Provinz Syria. Die Metropole besaß einen eigenen Senat (Boulé), der für öffentliche Arbeiten und die lokale Miliz zuständig war, und ein unabhängiges Steuersystem. Im 3. Jahrhundert wurde sie zur colonia erhoben. In der Zeit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts gewann die Stadt stark an politischer Bedeutung und wurde 270 kurzzeitig unabhängig. Das Reich der Stadt stellte einen bedeutenden Machtfaktor im Vorderen Orient dar und errang Siege über die Sassaniden. Palmyra wurde jedoch 272 von römischen Truppen wieder erobert und 273 nach einer gescheiterten zweiten Rebellion weitgehend zerstört. Sie wurde wieder aufgebaut, spielte in der Spätantike aber keine unabhängige Rolle mehr.
Palmyra lag an einer wichtigen Karawanenstraße in Syrien, auf halber Strecke von Damaskus über die römische Oase Al-Dumair und weiter über das Kastell Resafa zum Euphrat. Inmitten der syrischen Wüste spenden zwei Quellen Wasser, mit dem die noch immer erhaltenen Palmengärten im Süden und Osten der Stadt bewässert werden. Der Reichtum der Stadt ermöglichte die Errichtung von monumentalen Bauten. Im dritten Jahrhundert war die Stadt eine wohlhabende Metropole und zu einem regionalen Zentrum des Nahen Ostens aufgestiegen. Die Palmyrer gehörten zu den renommierten Händlern, etablierten Stationen entlang der Seidenstraße und betrieben im gesamten Reich Handel. Die Sozialstruktur der Stadt war tribal, und ihre Bewohner sprachen mit dem Palmyrenischen Dialekt des Aramäischen eine eigene Sprache. Griechisch wurde für kommerzielle und diplomatische Zwecke verwendet. Die Kultur von Palmyra, die durch die Römer, Griechen und Perser beeinflusst wurde, ist in der Region einzigartig. Die Einwohner verehrten lokale Gottheiten und mesopotamische und arabische Götter.
Die Stadt gehört seit der Vertreibung der Osmanen 1918 zu Syrien als eigenständigem Staat. Sie beherbergt heute unverwechselbare Kunst und Architektur und wurde 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Im Mai 2015 nahmen Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) Palmyra ein und sprengten in der Folgezeit bedeutende historische Bauwerke; zudem wurde die Stätte geplündert. Im März 2016 erlangten die syrischen Streitkräfte mit russischer Unterstützung zeitweilig die Kontrolle über Palmyra zurück, doch im Dezember 2016 marschierten nach heftigen Gefechten erneut Kämpfer des IS in Palmyra ein. Im März 2017 musste der IS die Stadt ein zweites Mal räumen.
Lage und Etymologie mini|Landschaft in und um Palmyra (2005) Palmyra liegt 215 km nordöstlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Die Ruinenstadt liegt in einer Oase, die von Palmen (etwa 20 verschiedene Sorten) umgeben ist.Richard Stoneman: Palmyra and its Empire. Zenohia’s Revolt against Rome. University of Michigan Press, Ann Arbor 1992, S. 56. Sie ist im Zentrum des Hochlandes von Aleppo gelegen und wird nördlich und südwestlich von zwei Bergketten eingeschlossen. Im Süden und Osten ist Palmyra von der syrischen Wüste umgeben. Ein kleines Wadi (al-Qubur) durchquert das Gebiet, bevor es in den östlichen Gärten der Oase aus den westlichen Hügeln hinter der Stadt fließt. Südlich des Wadi fließt der Nebenbach Efqa.Lucinda Dirven: The Palmyrenes of Dura-Europos. A Study of Religious Interaction in Roman Syria (= Religions in the Graeco-Roman world. Band 138). Brill, Leiden 1999, ISBN 90-04-11589-7, S. 17 (Online-Vorschau). Plinius der Ältere pries die Stadt um ca. 70 für ihre Lage, den Reichtum des Bodens und die Felder am Rande der Stadt, die damals Landwirtschaft und Viehzucht möglich gemacht hatten.Plinius der Ältere, Naturalis historia 5, 21.
Das Wort Tadmor (in palmyrenischen Inschriften tdmry bzw. tdmwry) hat einen altsemitischen Ursprung, der griechische Name Palmyra nimmt Bezug auf die Vegetation der Oase (im übertragenen Sinne „Palmenstadt“).Vgl. Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), hier Sp. 848 f. Heute wird allgemein angenommen, dass Palmyra sich von Tadmor ableitet. Tamar bedeutet im Hebräischen „Dattelpalme“ und soll der Sage nach der Name einer Stadt gewesen sein, die Salomo gegründet hatte; dieser Namensbezug wurde auf die Oasensiedlung Tadmor übertragen.Zum Namen zusammenfassend Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), hier Sp. 848 f. Vgl. auch Peter Edwell: Between Rome and Persia. London 2008, S. 47 f. und speziell M. O’Connor: The etymologies of Tadmor and Palmyra. In: Yoël L. Arbeitman (Hrsg.): A Linguistic Happening in Memory of Ben Schwartz: Studies in Anatolian, Italic, and Other Indo-European Languages. Louvain 1988, S. 235ff.
Der Name Palmyra erschien zum ersten Mal zu Beginn des ersten Jahrhunderts nach ChristusM. O’Connor: The etymologies of Tadmor and Palmyra. In: Yoël L. Arbeitman (Hrsg.): A Linguistic Happening in Memory of Ben Schwartz: Studies in Anatolian, Italic, and Other Indo-European Languages. Louvain 1988, S. 238. und wurde im gesamten römischen Reich verwendet; die Namensform Tadmor wurde aber in Palmyra selbst weiterhin gebraucht. Der US-amerikanische Archäologe Michael Patrick O’Connor behauptete, dass die Namen Palmyra und Tadmor aus dem Hurritischen kommen.M. O’Connor: The etymologies of Tadmor and Palmyra. In: Yoël L. Arbeitman (Hrsg.): A Linguistic Happening in Memory of Ben Schwartz: Studies in Anatolian, Italic, and Other Indo-European Languages. Louvain 1988, S. 236 ff. Hierbei stellt er eine Verbindung zwischen den hurritischen Verben pal (zu wissen) und tad (zu lieben) her. Im dreizehnten Jahrhundert schrieb der syrische Geograph Yāqūt ar-Rūmī, dass Tadmor der Name einer Tochter eines von Noahs fernen Nachfahren gewesen und diese in der Stadt begraben worden sei.
Geschichte
mini|Beltempel von Palmyra (2005) mini|Tetrapylon, Palmyra (1987) mini|Blick auf die arabische Zitadelle Qalʿat Ibn Maʿn (2010) mini|Überblick über Palmyra von der Burg aus (2005)
Die frühesten Anzeichen für menschliche Besiedlung in der Oase lassen sich bereits für das 7. Jahrtausend v. Chr. feststellen.Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), Sp. 850. Palmyra (Tadmor) wird in altassyrischen und babylonischen Texten erwähnt (in unterschiedlicher Schreibform: Tadmu/i/ar).Michael P. Streck: Palmyra. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 10. Berlin/New York 2003–2005, S. 292f. Zur Zeit der Mari-Archive im 2. Jahrtausend v. Chr. fungierte die dortige Oase offenbar bereits als wichtiger Handelsposten. In späteren Quellen taucht der Ort immer wieder auf, ohne dass detaillierte Berichte überliefert sind. Im 1. Jahrhundert v. Chr. sind Priester des Bēl-MardukDietz-Otto Edzard: Götter und Mythen im Vorderen Orient. Stuttgart 1965, S. 431; Javier Teixidor: The Pantheon of Palmyra. Leiden 1979, S. 1 ff. und ein Bēltempel dort belegt.Ted Kaizer: The Religious Life of Palmyra (Oriens et Occidens 4). Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08027-9, S. 67–78. Dieser war insbesondere im 1. Jahrhundert nach Christus eines der wichtigsten religiösen Bauwerke im gesamten Vorderen Orient. Der Bēl-Kult hielt sich in Palmyra bis in die Spätantike.
Die Stadt wurde im späten 1. Jahrhundert v. Chr. von römischen Truppen erobert und stand seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. unter römischer Hoheit. Sie erhielt von Kaiser Hadrian (der sich 129/30 kurzzeitig in Palmyra aufhielt) den Status einer freien Stadt, Kaiser Caracalla erhob sie zur colonia. Dies brachte nicht nur Prestige ein, sondern auch steuerliche Privilegien. Die Stadt hatte sich um das Jahr 100 zu einem zentralen Handelsknotenpunkt im Rahmen des Indienhandels etabliert. Palmyra konnte von der Anbindung an die Seidenstraße profitieren und gelangte rasch zu großem Reichtum. Es entwickelte sich in Palmyra eine eigentümliche Kultur, die griechisch-römische und orientalische Elemente verschmolz. Besonders im religiösen Bereich lassen sich zahlreiche unterschiedliche Einflüsse feststellen.Vgl. Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), Sp. 856 f. Der Reichtum der Stadt äußerte sich in monumentalen Bauwerken. Offenbar stellte Palmyra früh auch eine eigene Miliz auf, um die Karawanen gegen Räuber zu schützen; besonders die palmyrenischen Bogenschützen erlangten rasch Berühmtheit. Palmyrenische Einheiten sind auch als römische Hilfstruppen im unteren Donauraum und in Numidien belegt.Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), Sp. 852 f. Die Truppen der Stadt sollten in der Mitte des dritten Jahrhunderts von Bedeutung werden, als die persischen Sassaniden den römischen Orient angriffen und dabei 260 sogar Kaiser Valerian gefangen nehmen konnten (siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts). Angesichts dieser Krise entwickelte Palmyra eine enorme Aktivität, um seine Interessen zu schützen.Für das 3. Jahrhundert ist grundlegend Udo Hartmann: Das Palmyrenische Teilreich. Stuttgart 2001.
Nach dem Sieg der Sassaniden über die römischen Truppen in der Schlacht von Edessa im Jahr 260 versuchten die Palmyrener zunächst eine Annäherung an die Perser. Nach Ablehnung dieses Gesuchs durch den persischen König Schapur I. stellte sich der palmyrenische Fürst Septimius Odaenathus auf die Seite Roms und griff die Perser überraschend und erfolgreich an. Damit machte er die Stadt schlagartig zu einem wichtigen Machtfaktor in der Region und faktisch unabhängig.Vgl. zusammenfassend Michael Sommer: Palmyra. In: Reallexikon für Antike und Christentum 26 (2015), Sp. 854–856. Überlebende des geschlagenen römischen Heeres schlossen sich Odaenathus an und verstärkten sein Heer. Nachdem er 261 den Usurpator Quietus besiegt hatte, ernannte ihn Kaiser Gallienus zum corrector totius Orientis und damit faktisch zu seinem Stellvertreter in dieser Region. Zwischen 262 und 266 eroberten die palmyrenischen Truppen unter Odaenathus große Teile Mesopotamiens von den Persern. In dieser Zeit ordnete sich Odaenathus formal Rom unter, zumal sich die Interessen des Fürsten und des römischen Kaisers deckten: Die Abwehr der Perser und Sicherung der Handelswege.Vgl. zusammenfassend Michael Sommer: Der Löwe von Tadmor. Palmyra und der unwahrscheinliche Aufstieg des Septimius Odaenathus. In: Historische Zeitschrift 287 (2008), S. 281–318, hier S. 309 ff. Allerdings gewann Odaenathus stark an Einfluss, so dass sich auch verdeckte Spannungen bemerkbar machten.