mini|Joseph Victor von Scheffel (Anton von Werner, 1867) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Joseph Victor von Scheffel Joseph Victor Scheffel, ab 1876 von Scheffel (* 16. Februar 1826 in Karlsruhe; † 9. April 1886 ebenda), war ein zur Zeit des deutschen Kaiserreichs viel gelesener deutscher Schriftsteller und Dichter. Seine Beliebtheit verdankte er dem Versepos Der Trompeter von Säkkingen und dem historischen Roman Ekkehard, die in den 1850er Jahren erschienen, sowie den Studentenliedern der Sammlung Gaudeamus!. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verblasste sein Ruhm.
Die Sprache seiner Episteln und Lieder ist lebendig, witzig, zuweilen selbstironisch, die der Erzählungen an vielen Stellen gewollt altertümelnd. Scheffel war politisch, historisch und philologisch interessiert. Ruheloses Hin- und Herpendeln zwischen dem Elternhaus und – meist an Seen gelegenen – Rückzugsorten bestimmte sein Leben. Die Geselligkeit mit Freunden und das Wandern in der Natur bedeuteten ihm mehr als die ihm öffentlich entgegengebrachte Verehrung als Dichterfürst.
Leben Kindheit und Schule (1826–1843) Joseph, wie er genannt wurde, wuchs als ältestes von drei Kindern der Familie Scheffel im Bürgertum der badischen Residenzstadt Karlsruhe auf. Sein Vater Philipp Jakob Scheffel (1789–1869) war als Ingenieur badischer Oberbaurat und Major. Er wirkte als Mitglied der Rheinregulierungskommission unter Johann Gottfried Tulla am Projekt der Rheinbegradigung mit. Seine Mutter Josephine, geb. Krederer (1805–1865) führte einen künstlerischen Salon in Karlsruhe, in dem bekannte Maler verkehrten, und schrieb selbst Gelegenheitsgedichte und kleine Theaterstücke.
Josephs Bruder Karl (1827–1879) war von Geburt an körperlich und geistig behindert und wurde zu Hause gepflegt. Seine Schwester Marie (1829–1857) galt als begabte Zeichnerin. Sie starb 27-jährig an Typhus.
Joseph besuchte das Karlsruher Lyceum, wo er sich als sehr guter Schüler der alten Sprachen erwies. Er blieb lebenslang befreundet mit seinen damaligen Mitschülern Julius Braun und Ludwig Eichrodt. Auch kannte er den späteren badischen Revolutionär Karl Blind aus seiner Schulzeit.
Studium und Examina (1843–1847–1849) Entgegen seinem Interesse an der Malerei nahm er auf Wunsch des Vaters ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Dieser gestand ihm zu, sich im Herbst 1843 in München einzuschreiben, um so am Leben der Kunstmetropole teilzuhaben. Der junge Student besuchte neben den juristischen auch philosophische Vorlesungen, u. a. bei Friedrich Thiersch, und verkehrte bei Gelehrten und Künstlern, die mit seinen Eltern bekannt waren, wie dem Maler Moritz von Schwind.
mini|hochkant|Scheffel als Student, um 1844/1845 Das zweite Studienjahr 1844/45 verbrachte er an der nahe seiner Heimatstadt gelegenen Universität Heidelberg, wo die Debatte um die politische Zukunft Deutschlands hochbrandete. Dort verschrieb er sich, „mit achtzehn Jahren noch ein mädchenhaft hübscher Junge“R. Braun-Artaria, Von berühmten Zeitgenossen: Lebenserinnerungen einer Siebzigerin. München 1918, 2. Aufl. S. 7 2 Digitalisat, neben dem Jurastudium dem Leben in studentischen Verbindungen.
In den ersten Studienjahren schloss er einige lebenslange Freundschaften, so in München mit dem um sechs Jahre älteren Kunststudenten Friedrich Eggers und dem gleichaltrigen Jurastudenten August Eisenhart, in Heidelberg mit dem Jenaer Burschenschafter und Rechtsstudenten Karl Schwanitz. Scheffels Briefe an seine Freunde geben – fast mehr als die an seine Eltern und seine Schwester – Aufschluss über die Entwicklung seiner Persönlichkeit und seiner politischen Ansichten.
Im dritten Studienjahr in Berlin traf er wieder auf Friedrich Eggers und bereitete sich auf das Examen vor. Tiefe Freundschaften schloss er in der preußischen Hauptstadt nicht. Zurück in Heidelberg im Herbst 1846 nahm das turbulente Verbindungsleben so viel Zeit in Anspruch, dass Scheffels Vater den Sohn anwies, sich zum Ende des siebten Semesters zu exmatrikulieren und zur Examensvorbereitung ins Elternhaus nach Karlsruhe zu kommen.
Joseph war folgsam, fand eine fröhliche Runde Gleichaltriger, „Falstaff-Club“ genannt, und legte ein Jahr später, Anfang August 1848, das juristische Staatsexamen in Heidelberg ab. Am 11. Januar 1849 wurde er mit einer Arbeit Über die Natur und Bedeutung des Surrogats nach französischem und römischen Recht zum Doktor der Rechte promoviert.
Burschenschaftliches Leben In Heidelberg war er zunächst Mitglied der Burschenschaft Allemannia I (1844/1845)Josef Victor v. Scheffels Briefe an Karl Schwanitz, nebst Briefen der Mutter Scheffels (1845–1886). Leipzig 1906, S. 80., dann der Burschenschaft Teutonia (1845) und schließlich der Burschenschaft Frankonia II (1846/1847), die sich im Sommer 1849 auflöste. In Berlin war er bei der Alten Berliner Burschenschaft aktiv.Horst Grimm, Leo Besser-Walzel: Die Corporationen. Frankfurt am Main 1986. Am 28. Februar 1856 verlieh ihm die Burschenschaft Teutonia zu Jena die Ehrenmitgliedschaft durch Vermittlung seines Freundes Schwanitz, den er aus seiner Heidelberger Zeit in der Allemannia I (1844/1845) kannte. Dieser hatte im Februar 1845 die Teutonia Jena mitgegründet. Scheffel wurde 1872 Ehrenmitglied der Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli (heute in Mainz).Richard Kötzschke: Geschichte der Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli in Leipzig. 1822–1922. Leipzig 1922. Zudem war er Ehrenmitglied der AV Igel Tübingen.Altenverein der Tübinger Verbindung Igel e.V. / Akademische Verbindung Igel, Tübingen: Mitgliederverzeichnis 1871–2011, Tübingen 2011, Ehrenalte.
Revolutionszeit (1848–1849) Vor Ablegung des Examens folgte der 22-Jährige im März 1848 dem badischen Bundestagsgesandten Carl Theodor Welcker als unbesoldeter Legationssekretär zur Frankfurter Nationalversammlung. Noch im Juli begleitete er ihn auf eine dreiwöchige Mission in das damals in Personalunion mit Dänemark regierte Herzogtum Lauenburg.
Nach bestandenem Examen fand er In der zweiten Jahreshälfte 1848 Zugang zum „Engeren Ausschuss“, einem geselligen Zirkel Heidelberger Akademiker unter der Leitung des Historikers Ludwig Häusser. Ende des Jahres arbeitete er für zwei Monate als Rechtspraktikant im Kriminalbüro von Heidelberg. Nach der Promotion im Januar 1849 kehrte er nach Karlsruhe zurück und übernahm auf Bitten von Professor Häusser die Redaktion der Vaterländischen Blätter, eines kurzlebigen Organs der liberalen Konstitutionellen Partei. Am 13. Mai verteidigte er als Mann der Bürgerwehr das Karlsruher Zeughaus gegen die Revolutionäre. Unter der badischen Revolutionsregierung floh er für einige Wochen ins hessische Auerbach an der Bergstraße, wo sich eine unbeschwert lebende Emigrantenkolonie Heidelberger Beamter eingerichtet hatte. Nach der Niederschlagung des Aufstands durch preußische Truppen rief ihn der zum Zivilkommissär ernannte Friedrich von Preen als Volontär zu sich, aber schon im Juli 1849 wurde Scheffel von neuen Vorgesetzten entlassen. Die zweite Jahreshälfte verbrachte er beschäftigungslos im Elternhaus.
Literarisch produktive Jahre (1850–1860) Während der preußischen Besetzung Badens arbeitete Scheffel für kurze Zeit an zwei großherzoglichen Ämtern, von Januar 1850 bis August 1851 als Rechtspraktikant in Säckingen und, nach einer mehrwöchigen Exkursion durch Graubünden mit Ludwig Häusser, von Dezember 1851 bis Mai 1852 als Justizsekretär am Hofgericht Bruchsal unter Hofgerichtsrat Albert Preuschen. Dann ließ er sich aus dem Staatsdienst beurlauben.
Ende Mai 1852 brach er nach Italien auf, um sein Talent als Landschaftsmaler zu erproben. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erlaubten es ihm, seinen künstlerischen Neigungen nachzugehen. In der deutschen Künstlerkolonie in den Albaner Bergen unter der Leitung von Ernst Willers erkannte er, dass seine Begabung eher in der Dichtkunst als in der Malerei lag. Im Mai 1853 riefen ihn seine Eltern zurück, als er gerade in Sorrent den Dichter Paul Heyse kennengelernt hatte. Aus Capri brachte er das fertige Manuskript des Trompeters mit. Nach der Rückkehr erkrankte er erstmals heftig an einem Augenleiden.
mini|hochkant|Scheffel-Plakette am Hohentwiel Im ersten Halbjahr 1854 besuchte er die Stätten seines im Entstehen begriffenen Romans Ekkehard (Hohentwiel, Radolfzell, St. Gallen, Säntis). Im Elternhaus schrieb er ihn nieder. Ende 1854 bewarb er sich von Heidelberg aus auf die Stelle als Dozent für deutsche Literatur am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich.1854, Universität Zürich Da sein Vorhaben scheiterte, blieb er in Heidelberg.
Nach der Veröffentlichung des Ekkehard reiste er Ende Mai 1855 mit dem Maler Anselm Feuerbach nach Venedig. Um der Cholera zu entgehen, flohen sie im Hochsommer an den Tobliner See, wo Scheffel ein zu Lebzeiten unveröffentlichtes Tagebuch schrieb. Im Herbst kehrte er krank ins Elternhaus zurück und ließ sich bis Frühjahr 1856 von seiner Schwester pflegen. Er litt erneut an einer hartnäckigen Augenerkrankung. Von einer überhasteten Reise ins überschwemmte Rhônetal im Frühsommer 1856 kehrte er, an Malariaschüben leidend, nach Karlsruhe zurück.
Im Oktober zog er in der Hoffnung, vom bayerischen König Maximilian II. gefördert zu werden, nach München. Er verkehrte im Dichterkreis der Krokodile und lernte den Zeichner Eduard Ille kennen. Seine Schwester, die ihm im Dezember trotz elterlicher Bedenken gefolgt war, starb im Februar 1857 am Typhus, der in der Residenzstadt ausgebrochen war. Der Verlust löste heftige Selbstvorwürfe bei ihm aus. Er kehrte zu den Eltern nach Karlsruhe zurück. Seine Schreibtätigkeit erlahmte. Reisen nach Nord-Frankreich und ins mittlere Rheintal, zu denen ihn Freunde einluden, brachten keine Linderung.
mini|Die nach Scheffels Erzählung benannte Juniperusquelle im Donaueschinger Stadtteil Allmendshofen Im Dezember 1857 trat er auf Vermittlung seiner Mutter eine Stelle als Bibliothekar am Fürstenhof in Donaueschingen an. Obwohl sich ihm die Gelegenheit bot, die Laßbergsche Sammlung altdeutscher Texte zu sichten, klagte er über die Belastungen des Amtes und ließ sich nach anderthalb Jahren im April 1859 beurlauben. In Donaueschingen entstand die Erzählung Juniperus als Teil eines Romanprojekts, das umzusetzen er bereits vor Dienstantritt in Donaueschingen dem Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Alexander, versprochen hatte. Er war häufig zu Gast auf der Wartburg, wo er von einem Freund seiner Eltern, dem Burgkommandanten Bernhard von Arnswald empfangen wurde. Im Sommer 1859 durchstreifte er das Frankenland mit Kloster Banz, im Herbst die bayerischen Alpen.
1860 verdüsterte sich seine Stimmung, weil es ihm nicht gelang, das ausufernde Material seines geplanten Wartburg-Romans zusammenzufügen. Er zog sich auf die Chiemseeinsel Frauenwörth zurück, reiste ins Salzkammergut, von dort nach Seelisberg in der Schweiz – Landschaften, die er in den später veröffentlichten Bergpsalmen beschrieben hat. Im November flüchtete er in panischer Angst, Großherzog Carl Alexander habe ihm wegen des geschuldeten Romans die Gunst entzogen, aus dem Elternhaus und erlitt auf der Bahnfahrt in der Schweiz einen Nervenzusammenbruch. Familie und Freunde sorgten dafür, dass er von Liestal aus in ärztliche Hände kam.
Vermarktung des vorhandenen Fundus (1861–1870) Von November 1860 bis März 1861 hielt sich Scheffel als Patient in der Wasserheilanstalt Brestenberg am Hallwilersee auf, von März bis November 1862 ein zweites Mal zur Erholung in Seon, ganz der Nähe, bei dem befreundeten Dichter Eduard Dössekel. Sein behandelnder Arzt Dr. Adolf Erismann wurde ihm zum väterlichen Freund.